Privateer - das Erwachen

Deacan

Commodore
part 82

*

Ser Hudson führte seinen Gast quer durch die kleine Raumstation, sein Ziel wurde recht schnell klar: die Werkstätten der Basis. Hier wurden, wenn auch nur in äußerst geringem Umfang, Reparaturen an den leichten Jäger der Station durchgeführt.
Deacan sah sich um. Einige modifizierte Jäger, ähnlich seiner alten Duress, standen hier in ihren Wartungsboxen. Neben den beiden Hangarbereichen waren dies die größten zusammenhängenden Arbeitsräume. Es roch nach Treibstoff, nach Maschinenöl und zudem ein wenig nach frischer Farbe. Auch hier war es, wie in der gesamten Basis, saumäßig kalt – eine zwingende Notwendigkeit, um Energie zu sparen und um nach Möglichkeit für etwaige Sensoren der Kiowan unsichtbar zu bleiben.
»Chief?«
Keine Antwort, offenbar schlief der Mechaniker zur Zeit den Schlaf der Gerechten oder aber er war mit irgendetwas so beschäftigt, dass er nichts hören wollte. Deacan tippte auf ersteres.
Hudson blieb vor einem riesigen Haufen Metall stehen. »Unsere derzeitige Hauptaufgabe, gewissermaßen. Na? Erkennen Sie was das ist?«
Der Söldner blieb direkt neben Hudson stehen, er suchte einen Anhaltspunkt zur Identifikation dieses Stück Schrotts. Einige Stellen waren noch mit roter Farbe versehen....
Bei genauerer Betrachtung entdeckte Deacan dann etwas, das wie ein Triebwerksauslass aussah. Und diese spezielle Art von Triebwerken kannte unser Privateer nur zu gut, zu oft hatte er hinter eben solchen Triebwerken regelrecht gesessen und darauf geschossen... Das hier war eine Krell, ein Jäger der Kiowan, zumindest das, was davon noch übrig war. »Also diesen Blick kenne ich...«
Ser Hudson sah in Deacans Gesicht. »Eine Krell. Einer unserer Jungs flog raus, um das hier zu bergen. Wir haben es nur entdeckt, weil es in unsere Richtung trieb und eine Restwärmesignatur aufwies. Und bislang gibt dieser Schrott jede Menge Antworten preis. Interesse?«
Dumme Frage, natürlich wollte Deacan wissen, was die Leute hier über diesen Jäger erfahren hatten...
Ser Hudson legte ein überschwängliches Grinsen auf.
»Also, wir haben hier wie gesagt eine Krell, gebaut vor cirka vierzig bis fünfundvierzig Jahren. Ein Uraltjäger aus der ersten Produktionsserie, ich persönlich würde keinen meiner Piloten in ein solches Stück Technik setzen.« Vierzig Jahre?
Oder noch älter, wie Ser Hudson es gerade verlauten ließ? Deacan erschien dies recht unglaubwürdig, aber Ser Hudson bekräftigte seine Aussage noch einmal. »Sie können mir glauben – ich habe unseren Chief genauso komisch angesehen wie Sie mich jetzt. Ein Irrtum ist aber ausgeschlossen. Das hier ist nicht einmal drittklassiges Material. Wir haben diverse Bauteile gefunden, die aus alten Söldnerschiffen ausgebaut worden sein müssen, unter anderem einen Schildgenerator, der ursprünglich mal in einer Heretic oder einer Drakkar seinen Dienst versehen hat.
Das hier ist ein riesiges Stück Flickwerk und keine typische Maschine der Kiowan. Das wirklich Interessante ist aber die Tatsache, das ALLE Jäger und sogar die großen Kreuzer des Piratenpacks so aussehen wie das hier. Wir wissen das aufgrund einiger Sensoraufzeichnungen einiger Satelliten rund um Petra, die von den Kiowan nicht sofort zerstört worden sind und noch Datenmaterial zu uns senden konnten. Hauptsächlich Bilddaten, hier, sehen Sie selbst.«
Hudson reichte ein Datenpad, dass er aus seiner Hosentasche hervor geholt hatte, an seinen Gast weiter. Die Bilder auf dem Display sprachen für sich selbst. Waren das tatsächlich Kiowan?
Das hier passte irgendwie nicht zusammen... es sei denn, dass die ganze Eroberung von Petra, das viele Blutvergießen - dass all dies nur von etwas anderem ablenken sollte.
»Alleine die Planung hierfür muss Monate in Anspruch genommen haben. Die Kiowan haben eine Flotte aufgestellt, die nur durch zusätzliche Technologie und extreme Materialaufwertungen siegreich sein konnte. Etliche Jäger verfügen über zusätzliche Raketenaufhängungen, andere haben Warpschilde, weitere moderne Geschütze. Wir haben sogar einen Jäger entdecken können, der über vier Kravenlaser verfügt. Sie wissen, was diese Dinger kosten, oder?«
Deacan nickte, zeitweise legten sich einige Sorgenfalten auf seine Stirn. »Eines haben alle: den Faktor der Tarnung. Hier gibt es aber eine sehr positive Entwicklung.«
Hudson legte seine Hände auf die Reste der Krell.
»Diese nette Metall mit den Tarneigenschaften ist nicht stabil, zumindest nicht, wenn man damit längere Zeit im Hyperraum unterwegs ist. Das Zeug frisst sich in die Rumpfplatten, es ist wie eine Art von Korrosion, nur geht dieser Prozess rasend schnell voran. Wenn wir die Zeit aufbringen könnten und einfach abwarten würden, dann verschwindet die Kiowanflotte hier in wenigen Wochen von selbst. Wie gesagt: eine sehr positive Entwicklung. Und wir wissen inzwischen vermutlich sogar, wo dieses Zeug abgebaut wird, der Ort ist einen winzig kleinen Sprung von hier entfernt, wir wissen das dank einer uncodierten Nachricht eines Shuttles der Kiowan, das wohl Triebwerksprobleme hatte, nachdem es aus diesem „neuen“ System hierher gesprungen war.«
Deacan konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen.
»Frage: Was soll das alles? Ein derartiger Aufwand, nur für was? Ich suche nach dem Sinn... Kontrolle über diese Substanz mit den Tarneigenschaften vielleicht?«
Hudson versuchte sich in einer Antwort.
»Ich vermute, jemand wollte die Kräfte der CIS bündeln. Laut Ihren Daten sammelt Ser Hassan derzeit große Flottenteile, gewissermaßen direkt vor der neuen Haustür der Kiowan. Und ich gehe mal davon aus, dass er nicht mehr lange warten muss.«
»Ihre Einschätzung?«
»Hassans Truppen dürften damit fertig werden, es wird zwar vielleicht etwas dauern, aber letztlich haben die Kiowan hier auf Dauer keine Chance.«
»Falls das überhaupt Kiowan sind.«
Deacan war sich in dieser Frage inzwischen alles andere als sicher. Doch sein Gegenüber war anderer Auffassung.
»Es sind Kiowan. Sie verwenden die richtigen Frequenzen für ihre Kommunikation, die Verschlüsselungsprotokolle sind ebenfalls authentisch. Was will man mehr?«
In Ordnung, ein Punkt für Ser Hudson. »Wissen Sie, was mir daran Angst macht?« Hudson wies auf die Krell.
»Dass wir da draußen eine weitere Flotte haben, eine andere. Und zwar eine mit modernen Jägern. Die Frage lautet: Wo steckt diese Flotte?«
»Nicht in der Nähe der Heimatbasis dieser Piraten, das kann ich Ihnen zumindest versichern.«
»Ach ja? Woher wissen Sie das?«
»Ich war da, auf einen kleinen Drink. Und habe nebenbei die Zugänge zu ihren System versperrt. Von dort wird nichts mehr kommen. Jedenfalls nicht innerhalb der nächsten Wochen, auch dank des Organisationstalents einer jungen Kollegin von Ihnen.«
»Eine Kollegin?«
»Ja, die Dame heißt Manley.«
»Dana. Ja, ich kenne sie.«
Hudson hielt einen Augenblick inne, dann fügte noch etwas hinzu. »Und ihren Appetit.«
»Wie ich sehe, sprechen wir von der gleichen Person.«
»Wenn Sera Manley tatsächlich mit Ihnen gearbeitet hat, dann spricht das für Ihre Glaubwürdigkeit. Egal ob Sie nun einen Namen haben oder nicht.«
Deacan war sichtlich überrascht.
»So einfach ist das? Man erwähnt nur diesen einen Namen und schon verschwinden alle Schranken und jede Tür geht auf?«
Hudson schenkte Deacan ein ungewöhnlich breites Grinsen.
»Manley ist die rechte Hand von Hassan, sie arbeitet nur in seinem direkten Auftrag. Sprich: Wer mit ihr arbeitet, der hat auch das volle Vertrauen von Ser Hassan. Und mehr brauche ich persönlich nicht zu wissen.«

*

Tief sog Ser Ricards die Luft ein.
Keine Luft aus einer Klimaanlage, dies hier war frische Luft. Man hatte den Gildenanführer wieder auf freien Fuß gesetzt, allerdings gegen eine horrende Summe.... Er hörte, wie man hinter ihm die Türen des Milizkomplexes wieder verschloss. Ein Privateer war dann das erste, was Ricards vor dem Gebäude der CIS zu sehen bekam. Er begrüßte ihn wie einen alten Freund.
»Das wird jemanden mit Sicherheit den Job kosten, allerdings nicht Ihnen, mein Freund.«
Der Söldner verzog keine Miene, er reichte Ricards die Hand zur Begrüßung.
»Wenn Sie damit Ihren unfähigen Anwalt Ser Cardall meinen, das Problem ist bereits gelöst. Ich war so frei ihn aus unseren Diensten zu entlassen.«
»Sehen Sie mein Junge, das ist genau der Punkt, den ich so an Ihnen schätze. Sie denken immer einen Schritt voraus.«
Ein schiefes Lächeln zierte Ricards Lippen, es verschwand aber nur Sekunden später. »Was macht unser lieber Senator?«
»Er steht nach wie vor hinter unserer Sache, allerdings...«
»Ja?«
»...Allerdings kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass unser Politiker an einem etwas anderen Strang zieht als dem unseren.«
Ricards blickte seinem Söldner in die Augen.
»Wie muss ich das denn jetzt verstehen?«
»Sehen Sie, er trifft sich in letzter Zeit ziemlich häufig mit seinen Kollegen vom Senat, allerdings nicht öffentlich und hinzu kommt, dass er einen recht regen Kommunikationsaustausch mit einigen uns noch unbekannten Söldnern führt. Ich würde mal annehmen, dass er versucht, eine zweite Gruppe neben uns zu betreiben. Es heißt zwar, dass Konkurrenz das Geschäft beleben soll, aber... nun ja, Sie kennen ja meine Meinung zu diesem Thema.«
Ricards nickte.
»Was macht das Material? Wann bekommen wir erste Proben?«
»Wir stehen kurz davor. Unsere werten Partner zögern allerdings. Sie haben wohl gewisse Nachschubprobleme. Ich habe bereits Anweisung gegeben, dieses Problem zu lösen.«
»Sehr gut. Und unsere Freunde von der CIS?«
»Sammeln derzeit ihre Einheiten im Serca-System. Ser Hassan wird nicht einschreiten, er hat Order erhalten, nicht anzugreifen. Und dieser steife Militäroffizier...«
Ricards fiel dem Mann ins Wort.
»Nicht so schnell, junger Freund. Ich kenne Hassan sehr gut, er wird etwas unternehmen, da können Sie sich sicher sein. Order vom Senat hin oder her... Hassan ist ein Mann der Tat. Und wenn er zur Tat schreitet, schlägt endlich unsere Stunde. Ich hoffe nur, dass er das noch erleben wird, man sagt ja bekanntlich, dass die Kiowan normalerweise keine Gefangenen machen.«
»Unsere kleine Gruppe im Petra-System steht auf jeden Fall bereit. Und bislang haben wir dort keine Verluste, besser hätte es nicht kommen können.«
»Ausgezeichnet. Mein junger Freund, zunächst einmal brauche ich eine Verbindung zu Santana. Ich möchte wissen, was er vor hat und ob sein Handeln mit unseren Bestrebungen wirklich konform läuft. Ich mag es nicht, wenn man hinter meinem Rücken Geschäfte tätigt. Alles andere hat Zeit... bis auf diese Proben. Die Zeit drängt langsam, und meine Geduld wurde schon dank der CIS erheblich über die Norm strapaziert.«
»Ich leite Ihren Wunsch umgehend weiter, Ser.«
»Eine Sache noch.“
Ricards Ton wurde etwas schärfer.
»Finden Sie heraus, wer mir die Auszeit eingebrockt hat, ja? Egal was es kostet – ich will einen Namen.«
 

Deacan

Commodore
part 83

*

Das Projektil aus purer Energie durchschlug mühelos den Sitz im Jäger, es zerfetzte die dahinterliegenden Bauteile. Eine Stichflamme bahnte sich ihren Weg gen Himmel und die Blade verschwand in einer gewaltigen Explosion.
Manley warf sich instinktiv zu Boden, die Druckwelle fegte über ihren Kopf hinweg. Der ersten Explosion folgte eine weitere, weitaus größere Detonation. Ohne ihre Schilde wurden die Jäger des Clans ein rasches Opfer des Feuers. Die aufsteigende Hitze des brennenden Treibstoffes nahm Manley fast die Luft zum atmen, scharfkantige Metallteile der Jäger zischten an ihrem Kopf vorbei.
Einige Sekunden blieb die Agentin noch liegen, dann hob sie vorsichtig den Kopf. Dawson lag keine drei Meter entfernt am Boden, die Druckwelle hatte sie offenbar voll erwischt. Mit Dawsons nettem Freund sah das allerdings völlig anders aus, er stand schon wieder auf den Beinen und marschierte schnurstracks auf Manley zu. Seiner Wut ließ er mit einigen Worten freien Lauf.
»Das war ein Fehler. Und mit Sicherheit auch Ihr letzter.«
Manley wollte ihren Blaster wieder auf den Mann richten, der war jedoch etwas schneller. Mit dem linken Fuß trat er auf ihre Hand, die den Blaster hielt. »Und jetzt? Wissen Sie eigentlich, was mich das hier kostet? Wenn ich ohne die Blades auftauche? Dies hier war so einfach, warum müsst ihr vom CIS immer alles so kompliziert gestalten?«
Der Mann verlagerte sein ganzes Körpergewicht auf seinen Fuß, Manley jedoch blieb einfach nur stumm. Sicher, diese Aktion hier tat ihr weh – aber sie hatte gewonnen. Zumindest was die Jäger betraf...
»Dawson! Dawson? Nun stehen Sie schon auf! Und helfen Sie mir.« Aus ihren Augenwinkeln konnte Manley erkennen, dass sich Sera Dawson keinen Millimeter rührte, offenbar hatte sie das Bewusstsein verloren.
In Manleys Kopf wurde dieser Umstand wahrscheinlich unter der Rubrik „positives Ereignis“ verbucht. Jetzt galt es nur noch mit diesem anderen Problem hier fertig zu werden. Zugegebenermaßen ein recht gewichtiges Problem...
...das wohl am besten mit einfacher Gewalt gelöst werden konnte.
Manley konnte noch immer ihren Finger krümmen, der sich nicht vom Abzug ihrer Waffe getrennt hatte, selbst wenn dieser Grobian von einem Söldner jetzt auf ihrer Hand stand. Auch wenn diese Bewegung ihrer Hand, also das bloße Krümmen des Zeigefingers, ihr einigen Schmerz bereiten würde, so wäre dies jedoch nichts im Vergleich zu dem, was ihr Gegner gleich erleben würde – Manley drückte einfach ab.
Der Schuss streifte die Stiefelsohle des Mannes und die enorme Hitze des Projektils sorgte dafür, dass diese einfach in Flammen aufging. Der Söldner schrie schmerzerfüllt auf, verlor das Gleichgewicht und fiel wie ein nasser Sack nach hinten um. Dabei umklammerte er sein Bein und wälzte sich am Boden vor Schmerz.
Manley rappelte sich auf, sie wollte endlich Antworten. Vom Söldner erwartete sie momentan keine, er würde wohl die nächsten Minuten mehr mit Schreien und Jammern verbringen als der Agentin irgendwelche Informationen zu geben. Also anders, Sera Dawson war ja schließlich auch noch da. Manley ging auf die Dame zu.
»Stehen Sie auf. Sofort.«
Die Söldnerin lag mit dem Gesicht zum Boden einfach nur still da. Kein Ton kam von ihr, aber sie war am Leben, deutlich konnte man schwere Atemzüge erkennen. Manley suchte nach Dawsons Blaster, fand diesen aber nicht. Hatte sie die Waffe etwa noch in den Händen? Manley beugte sich vorsichtig herunter, sie drehte Dawson auf den Rücken. Und fand die Waffe.
Dawson hatte auf dem Blaster gelegen und zuvor während ihres Sturzes wohl versehentlich den Abzug betätigt.
Die Agentin erkannte aber schnell, dass es nichts ernstes war, ein Streifschuss, der nur etwas Haut weggebrannt hatte. Die Wunde verlief quer über Dawsons Bauch und schien einen Schock ausgelöst zu haben. Im Hintergrund bemerkte Manley einige Techniker, die zum Ort des Geschehens eilten und helfen wollten.
»Sind Sie verletzt? Brauchen Sie Hilfe?«
Ein junger Mechaniker wollte Manley schon unter die Arme greifen, die schüttelte aber nur den Kopf.
»Nein, alles okay. Aber sorgen Sie bitte dafür, dass die beiden hier umgehend verhaftet werden.«
Der Mechaniker nickte, er aktivierte auf seinem MACS den Notfallkanal. Manley aber kniete sich neben Dawson. »Warum das alles? Ich verstehe dies hier nicht mehr... ich verstehe es einfach nicht mehr.« Auf eine Reaktion von Dawson hoffte die Agentin nicht, sie wusste, dass nichts hilfreiches von dieser Person – wer auch immer sie war – kommen würde.
Was passierte hier nur?

*

»Guten Morgen.«
Neben diesen lieben Worten gab es noch etwas, was Venice aus den Schlaf holte: der Geruch von frischem Kaffee. Sie öffnete ihre Augen und blickte auf eine riesige Tasse, die ihr jemand entgegen hielt.
»Guten Morgen.«
Deacan saß auf der Bettkante, er wirkte recht ausgeschlafen und ein leichtes Lächeln zierte sein Gesicht. »Wie lange war ich weg?«
»Du hast etwa zehn Stunden geschlafen, Venice. Und ich etwa vier.«
»Dafür siehst du recht ordentlich aus. Muss wohl am Kaffee liegen.«
Venice richtete sich im Bett auf, sie griff sich kurz an die Rippen. »Na also, schon besser. Gestern hätte ich noch Wände hoch gehen können vor Schmerz.«
Deacan schmunzelte.
»Dafür sahst du aber recht ordentlich aus. Muss wohl an deiner Sturheit liegen.« Venice griff unsicher nach der Tasse und nahm einen ordentlichen Schluck, verzog aber sofort das Gesicht.
»Der ist ja widerlich süß... Gibt es viel an Neuigkeiten?«
»Jede Menge. Allerdings nichts ist unbedingt so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Und übrigens, es gibt schon wieder eine Vielzahl neuer Wege und Richtungen. Ich wünschte mir, dass wir einmal gradlinig agieren könnten. Aber nichts da – warum denn einfach, wenn es auch schwierig geht.«
Deacan strich seiner Partnerin ein paar Haare aus der Stirn... Venice schloss kurz die Augen und es schien so, als würde sie diese Geste genießen.
»Kommunikation?«
Der Privateer schüttelte den Kopf.
»Keine Chance, nur Kurzstrecke. Die Jungs hier arbeiten zwar daran, eine Lücke ins Störfeld der Kiowan zu schlagen, aber es sieht schlecht aus. Der Mann mit der Verantwortung hier heißt Ser Hudson. Wir haben die halbe Nacht gesprochen. Interesse?«
Venice nickte kurz und gab die Tasse an Deacan zurück.
»Halte bitte mal, ich will aufstehen.«
Ein wenig wacklig auf den Beinen erhob sie sich aus dem Bett und zog sich an, dann nahm sie wieder den Kaffee an sich. »Erzähle, ich bin ganz Ohr.«
»Tja... was willst du denn zuerst hören?«
Venice hörte sich aufmerksam die Ausführungen ihres Freundes an und versuchte ständig, hinter den eigentlichen Sinn des Spiels zu kommen. Doch jeder Ansatz einer Möglichkeit zur Lösung führte unweigerlich in eine weitere Sackgasse...
»Also noch einmal.«
Venice holte tief Luft. »Was haben wir? Einen Piratenclan mit seltsamen Zielen und Jägern. Einen Senator, der uns mehr Rätsel aufgibt als alles andere. Einen Gildenanführer, der mit den Piraten gemeinsame Sache macht. Irgendwo dazwischen steht noch die CIS... und wir.«
Deacan sah auf seine Partnerin.
»Hudson sagte gestern etwas, dass mir sehr zu denken gegeben hat. Er meinte, dass jemand versuchen würde, die Kräfte der CIS zu sammeln, sie zu fokussieren. Ich habe darüber nachgedacht. Was wäre, wenn es nicht um so einfache Dinge wie Sieg oder Niederlage geht?«
Venice zog die Stirn in Falten.
»Wie meinst du das?«
»Der Nutzen des Tarnmetalls ist eingeschränkt, das wissen wir jetzt. Und ich vermute, dass die Kiowan das auch wissen. Also...«
Deacan sah seine Partnerin mit großen Augen an. »…müssen wir einen anderen Grund für den Überfall auf Petra suchen. Was hat man von einem Vorteil, der sich innerhalb kürzester Zeit zum eigenen Stolperdraht wandelt?«
»Nicht sonderlich viel.«
»Genau. Und jetzt wollen wir doch einmal sehen, was du über unser kleines Universum wirklich weißt. Wer hat die größte Macht im Tri-System? Und zeitgleich die größte Autonomie?«
Ohne zu zögern folgte die Antwort von Venice.
»Moment... willst du etwa sagen, dass es nicht um Piraten geht, sondern um die CIS?«
»Warum nicht?«
Venice zögerte einen Augenblick, dann versuchte sie es zu verstehen.
»Geht das etwas genauer?«
»Wenn auf Bex eine Ladung Bier verladen wird, wer bekommt eine Kopie der Frachtpapiere? Wenn ein neuer Jäger auf Janus IV verkauft wird, wer erhält eine Kopie der Kaufbelege? Wenn ein neuer Privateer sich auf Hermes einschreibt, wer vergibt die Lizenz? Es ist immer das gleiche Spiel, ohne Kenntnisnahme durch die CIS geht fast nichts mehr im Tri-System. Sicher, vieles wird auch an denen vorbei ausgehandelt, aber letztlich sind es immer die Mitarbeiter dieser einen Behörde, die nahezu alles reglementieren.«
»Dem stimme ich zu. Aber was hat das mit uns und der Situation zu tun?«
»Senator Santana ist milde ausgedrückt, kein sonderlich großes Licht in der Politik. Seine Vergangenheit liest sich eher wie ein Auszug aus einem Wirtschaftsunternehmen.
Er hält nicht gerade geringe Anteile an verschiedenen Firmen, unter anderem Produzenten für Waffen und Raumschiffbau. Und wir erinnern uns: diese Zweige der Wirtschaft profitieren nicht unbedingt von langen Friedenszeiten.«
Venice war dies natürlich auch durchaus bewusst, nur irgendwie suchte sie immer noch den eigentlichen Punkt der Geschichte. »Ich habe die Daten über Santana mal unter die Lupe genommen. Es ist schon auffällig, dass er sich für den Verkauf von militärischer Hardware an die Gilden ausgesprochen hat. Nebenbei unterstützt er die Aufrüstung von kleineren privaten Sicherheitsunternehmen mit Waffen modernster Art und hat dafür sogar Gelder springen lassen.
Und wenn ich richtig liege mit meiner Vermutung, dann wäre die größte Geldquelle aller Zeiten die Versorgung der CIS mit Hardware wie Waffen, Munition, Jägern, Frachtern... kannst du mir jetzt folgen? Noch obliegt einer einzigen Person die Kontrolle solcher Lieferungen. Und der Name dieser Person ist Ser David Hassan.« Aber ja... Venice’s Augen schienen zu leuchten.
»Richtig, man gab Hassan nach dem Sieg über den großen Clan vor ein paar Jahren nahezu alle Fäden der CIS in die Hände, er ist für diesen gigantischen Apparat zuständig. Aber trotzdem, es passt irgendwie nicht richtig. All dies nur um Geld zu machen?«
Deacan schüttelte kurz den Kopf.
»Nein, es geht um mehr. Kontrolle. Hassans Absetzung wäre nur der erste Schritt. Ist die CIS aufgesplittet und unter der Kontrolle des Senators oder sagen wir einer Person seines direkten Vertrauens könnte er etwas tun, was dank Ser Hassans Bestrebungen nicht mehr möglich war – der Senator, könnte das direkte Erbe von Ser Arris antreten.
Er könnte einen Nachfolger des Clans erschaffen, der nicht mehr im Verborgenen arbeiten müsste. Ich glaube, das ist das eigentliche Ziel des Senators. Und es liegt an uns, dies zu verhindern.«
»Bist du dir da sicher? Geht dein kleines Gedankenspiel nicht etwas zu weit?«
Deacans Blick schien seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
»Überlege doch einmal. Die Demokratie des Tri-Systems war schon immer ein Dorn im Auge für viele Menschen in etwas höheren Positionen. Abstimmen, abwarten, Möglichkeiten abwägen... das ist unser System heute. Es war um ein Vielfaches leichter, als es noch den alten Clan gab, oder etwa nicht?«
»Das mag ja durchaus richtig sein, aber trotzdem gleich einen neuen Clanchef kreieren? Ich glaube, deine Phantasie geht doch ein wenig arg mit dir durch.« Venice versuchte Deacans Gedankenspielereien mit einem hinreißenden Lächeln zu entkräften. Der allerdings fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
»Venice, ich weiß, dass dir diese Gedanken nicht gefallen. Mir auch nicht. Aber die Parallelen sind doch deutlich sichtbar: jeder kämpft gegen jeden, jeder wird gegen jeden ausgespielt. Und mittendrin sitzt ein Politiker. Das ist wie damals der Clan in der Zeit vor Ser Arris.«
Dieses Spielen und Austesten von Möglichkeiten begann Venice Angst zu machen. Was wäre, wenn ihr Partner hier Recht hatte? Das Lächeln auf ihren Lippen wurde zusehends schmaler.
»Und wie nun weiter? Was schlägst du vor? Santana ausschalten, solange es noch geht?«
»Halte diesen Gedanken ruhig fest, es fehlen mir nur noch ein paar kleine Teile des ganzen Puzzles und wir können endlich handeln. Zuvor aber brauchen wir die Hilfe dieser Leute hier.«
Deacan stand auf, er ging zur Tür und sah dabei auf seine Partnerin. »Kommst du?«
Das Essen war schlicht und schmeckte irgendwie nach gar nichts. Notrationen des Militärs eben, Essen aus der Fabrik.
Und doch verschmähte niemand auf der Basis seine Portion, selbst Deacan und Venice leerten ihre Teller. Ser Hudson, der sich neben seine Gäste in der Messe platziert hatte, war recht schweigsam, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die versuchten, sich gegenseitig etwas aufzumuntern.
»Wie läuft es mit der Kommunikation?«
Deacan versuchte den Kommandanten in ein Gespräch zu verwickeln.
»Stillstand, nahezu alle relevanten Kanäle sind gestört. Und wir haben auch den letzten Satelliten verloren, das war vor etwa einer Stunde. Die Piraten haben damit Zielschiessübungen gemacht.«
»Also Fehlanzeige. Nun gut, das erschwert zwar einiges, aber es muss halt trotzdem gehen.«
Hudson sah vom Teller auf.
»Was muss trotzdem gehen?«
»Ein kleiner Trip raus aus dem System. Ich möchte dorthin, wo das Material abgebaut wird.«
»Und dann? Was erwarten Sie dort zu finden? Abgesehen davon, das Sie ohnehin nicht mal bis zu dem Sprungpunkt kommen werden...«
»Aus diesen Grund benötige ich Ihre Hilfe.«
Deacan schob seinen leeren Teller etwas von sich weg.
»Sie müssen für ein wenig Ablenkung sorgen. Ach ja, und Ihre Jungs sollten sich nicht abschießen lassen. Was meinen Sie, bekommen Sie das hin?«
»Das ist alles? Und ich dachte schon, Sie würden uns richtige Arbeit geben.«
Die Ironie in der Stimme des Basiskommandanten konnte niemand überhören. Einige der Leute am Tisch sahen interessiert auf Ser Hudson und auf Deacan, und es wurde unheimlich still...
Einer der Piloten der Basis ergriff schließlich das Wort.
»Ser Hudson? Sollten Sie nicht besser uns die Entscheidung überlassen, ob wir helfen wollen oder nicht? Dienstgrad hin oder her – wir sind hier gewissermaßen auf verlorenem Posten und ich für meinen Teil will nicht länger nur warten und nichts tun.«
Einige Männer stimmten dem zu, einige andere schwiegen lieber. Hudson legte seinen Löffel beiseite.
»Ich kann euch durchaus verstehen. Und wenn ihr der Meinung seid, dass ihr diesem Privateer hier auf diese Weise unterstützen müsst, dann tut es. Aber bringt nicht diese Basis in Gefahr. Wenn ihr verfolgt werdet oder man euch gefangen nimmt...«
Der junge CIS-Pilot nickte.
»Ich weiß. Aber wenn ich ehrlich bin, dürfte ich gar nicht hier sein. Mein Platz ist dort draußen.«
Deacan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
»Dann ist es beschlossen. Wir starten in einer Stunde.«
 

Deacan

Commodore
part 84

*

Ihr Rückflug zur Flotte der CIS gestaltete sich unkompliziert und verlief reibungslos. Zuvor hatte Manley noch dafür gesorgt, dass man Dawson und ihren Kollegen in separate Anlagen der CIS auf Serca unterbringen sollte, und dass man ungehend mit dem Verhör dieser netten „Teammitglieder“ beginnen sollte. Innerlich wartete sie ungeduldig auf erste Ergebnisse vom Planeten, aber wie es schien, würde die Befragung etwas mehr als nur Zeit in Anspruch nehmen...
Ihr Quartier lag auf einer Ebene mit der Brücke des schweren Trägers, auf dem sie sich jetzt wieder befand. Beim Betreten des Raumes fand sie einen riesigen Satz Datenpads vor, daneben noch diverse Statusberichte von einzelnen vorgeschobenen Einheiten der Miliz.
Eher widerwillig ging sie das Material durch, denn sie wartete vielmehr auf ihren Mentor und Vorgesetzten, Ser Hassan. Der jedoch schien derzeit unabkömmlich zu sein und war nicht dazu zu bewegen, die Agentin zu kontaktieren oder sich einfach mal in ihrem Quartier sehen zu lassen.
Eines der Pads enthielt eine kurze Mitteilung, dass Ser Ricards, der Gildenanführer, wieder auf freiem Fuß war und somit wieder seinen zwielichtigen Geschäften nachgehen konnte.
Verdammt, der Zeitpunkt hierfür hätte nun wirklich nicht viel schlechter ausfallen können. Gerade jetzt, wo das Militär seinen Gegenschlag vorbereitete. Manley überflog kurz die weiteren Neuigkeiten, angefangen von Verlustlisten einzelner Unternehmen über einen lieben Gruß von alten Akademiefreunden bis hin zu den neuesten Preisentwicklungen auf dem Waffenmärkten. Und die erwiesen sich als erstaunlich stabil...
Der Türsummer ließ Manley von ihrer Arbeit aufsehen.
»Ja bitte?«
Leise glitt die Tür zur Seite, und Manley blickte in das vertraute Gesichts Ser Hassans. Die dunklen Augenringe Hassans sprachen für einige durchgearbeitete Nächte und viel zu wenig Schlaf. Und er sah krank aus, irgendwie wirkte er so, als stünde er neben sich.
»Willkommen zurück. Entschuldigen Sie bitte mein spätes Erscheinen, aber hier ist der Teufel los. Im Minutentakt erhalten wir Anfragen von den hohen Tieren der Politik, immer wieder mit der Aufforderung, uns nicht ins Gebiet um Petra zu bewegen.«
Hassan griff sich einen Stuhl und nahm geräuschvoll darauf Platz. »Hätte mir vor Jahren mal jemand gesagt, wie sich die Sache hier entwickeln würde, ich glaube ich hätte diesen Posten abgelehnt.« Manley lächelte.
»Ach ja? Nichts für ungut, aber ich für meinen Teil bin fest davon überzeugt, dass Sie ohne diese Probleme gar nicht mehr leben könnten. Geben Sie es zu, Sie lieben das doch genau so sehr, wie ich es tue.«
»Manley, wir stehen ganz oben auf der Abschussliste. Ich habe das hier bekommen, lesen Sie es und sagen sie mir, dass wir das richtige machen.« Hassan holte ein MACS hervor und übergab das Gerät an seine Agentin. Auf dem Display bauten sich einige Listen auf, und Manley hatte anfangs etwas Mühe, diese Daten zu interpretieren.
Das hier waren Kontenbewegungen mit riesigen Ausmaßen. Jemand verschob Gelder auf private Konten. Genauer gesagt auf Konten von Söldnern... nur wofür?
»Okay, ich sehe was hier läuft. Aber wozu?«
Hassan holte tief Luft.
»Diese Daten stammen von Ser Arris. Er hat uns kontaktiert und uns diese Daten zur Verfügung gestellt. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass jemand diese Söldner abwirbt. Aber es ist nicht Ser Ricards, diese Summen übersteigen seine finanziellen Möglichkeiten bei weitem. Jemand Grosses ist ins Spiel eingestiegen.«
»Trotzdem weiter nach Plan?«
Hassan nickte.
»Wir fliegen in weniger als drei Stunden los, dann wird sich zeigen, wie gut die Kiowan tatsächlich sind. Sie werden wahrscheinlich in der Überzahl sein... aber ich zähle auf unsere gute Ausbildung und Ausrüstung. Zudem haben wir die volle Unterstützung von sechs großen Schlachtschiffen der CIS, die extra von Hades aus gestartet sind. Egal was da draußen passiert, ich möchte, dass Sie eine bestimmte Aufgabe übernehmen, Manley.«
Die Agentin sah ihren Mentor mit großen Augen an. »Sie fliegen mit der ersten Welle raus und Sie bekommen einen schweren Jäger der Miliz zur Verfügung gestellt. Sollte etwas schief laufen, sind Sie diejenige, die auf schnellsten Weg Petra verlässt und das Tri-System über die Wahrheit aufklärt. Noch wissen nur wenige, was auf Petra passiert ist. Und Sie dürfen sich dann auf keinen Fall aufhalten lassen.«
Hassan hielt kurz inne, dann fuhr er fort. »Ich habe das von den Bladejägern und Dawson gehört. Es tut mir leid, was da passiert ist... aber wie es scheint gehört Dawson auch zu den Söldnern, die gegen Geld ihre Moral verkaufen. Sie steht zwar nicht auf dieser Liste hier, aber wer weiß das schon genau?«
Wieder eine kurze Pause... Manley mochte solche Kunstpausen nicht, aber Hassan schien nach geeigneten Worten zu suchen. »Der eigentliche Grund für Ihre Anwesenheit ist aber ein anderer.« Hassan deutete auf das MACS.
Manley gab es an ihren Chef zurück, der öffnete eine Datei. »Das hier kam vor einigen Stunden.«
Er hielt das Display Manley unter die Nase. Und was sie dort lesen konnte... das war mehr als unheimlich. Manley in Gefahr! Nur diese drei Worte. Nicht mehr. Kein Absender, keine Erklärung.
»Konnten Sie das Signal zurück verfolgen?«
»Nein. Ich vermute den Ursprung beim Clan, Ser Arris vielleicht oder jemand anderes aus seinen Reihen. Verdammt, die wussten offenbar das mit Dawson etwas nicht stimmte... warum wir nicht? Wieso haben wir das übersehen?«
Manley atmete tief durch.
»Warum haben Sie mir nichts von dieser Meldung erzählt? Seit wann haben Sie diese Nachricht schon?«
»Sie kam kurze Zeit nach Ser Trons Abreise zur Blockade der Kiowanbasis. Vielleicht hat Ser Tron selbst diese Nachricht kurz vor seinem Tod verfasst... ich weiß es nicht zu sagen. Fakt ist, dass Sie ihre Aufgaben möglicherweise aus den Augen verloren hätten, wenn ich Sie hiervon in Kenntnis gesetzt hätte. Ich wollte Sie nicht noch zusätzlich belasten. Verstehen Sie das?«
Sicher, Manley konnte das durchaus nachvollziehen.
»In Ordnung. Haben Sie sonst noch etwas für mich zu tun?«
»Nicht im Moment. Sie sollten sich ausruhen. In drei Stunden...« Hassan stand auf und ging zur Tür. »Wir sehen uns. Und hoffen wir, dass uns das Glück begleitet...«

*

Der riesige Schatten, der ins Zimmer viel, konnte nur zu einer Person gehören: Ser Gutenhal.
Wie immer wirkte er größer als zuvor und sein Grinsen noch breiter...
»Sera Tasker und Banks? Und? Alles okay soweit?«
Die beiden Damen sahen zu dem Riesen auf und die furchtbare Langeweile verschwand umgehend aus ihren Gesichtern.
»Ser Gutenhal. Schön, das Sie wieder da sind. Und, nun ja, es geht mittlerweile wieder ganz gut, sieht man mal vom Essen hier ab.«
Teannas Gesicht verzog sich zur Grimasse.
»Doch so schlimm? Wie dem auch sei, ich habe Erfolg gehabt. Hier.«
Gutenhal nahm sein MACS vom Hosenbund und reichte es Ivy weiter. »Überspielen Sie einfach die Zugangscodes auf ihr Gerät, Sera Banks. Und dann können Sie jeden da draußen endgültig verärgern, insofern Sie das wollen.«
Endlich einmal gute Nachrichten. Ser Gutenhal hatte vor einiger Zeit den Vorschlag eingebracht, dass Teanna und Ivy sich einen weiteren Jäger zulegen sollten, sodass sie mit zwei nach außen völlig identischen Jägern unterwegs sein könnten – und somit ihre Chancen gegen unliebsame Zeitgenossen etwas nach oben klettern würden.
Das eigentliche Problem an der ganzen Sache war nur, dass eine Skecis, noch dazu eine Mk II, alles andere als billig war.
Teanna und ihre Freundin hatten zwar in der Zwischenzeit einige Jobs erledigt, aber trotzdem langte das Geld von hinten bis vorne nicht für eine weitere Maschine, aber Ser Gutenhal sprang ein. Mit einer netten kleinen Idee. Einer seiner Geschäftspartner, ein Mann mit einigen Shuttles für sogenannte VIP’s, war ständig auf der Suche nach potentiellen Piloten.
Und Gutenhal hatte sich für Sera Banks und Sera Tasker ausgesprochen, oder besser, sie für diesen Job empfohlen. Es mangelte nur an einem weiteren Jäger... und genau hier sprang dieser Geschäftspartner ein. Ivy und Teanna mussten nur eine kleine Anzahlung machen plus eine Reihe von Flügen für diesen Mann absolvieren und das Problem war an sich gelöst. Solche Abmachungen gab es nur selten und es bewies zumindest, das Gutenhal bereits seit längeren zur Elite der Pilotenwelt gehören und sein Wort einiges an Gewicht haben musste. Die allgemeine Erleichterung der beiden jungen Damen war mehr als nur offensichtlich.
»Klasse. Und vielen lieben Dank.«
Teanna reckte sich zu Gutenhal hoch um ihm einen dicken Kuss auf die Wange zu geben, doch der winkte nur ab.
»Lassen Sie es gut sein, Sera Tasker. Was ist mit ihren Freunden bei der CIS? Schon Neuigkeiten wegen dem Söldner in der Heretic oder dem toten Kiowan?«
»Nichts dergleichen. Wir bekommen im Augenblick keinerlei Verbindung zu einer Freundin von uns, die beim CIS arbeitet und Verbindung zu den höheren Ebenen hat. Weiß der Kuckuck was da wieder läuft.«
Gutenhal zog die Stirn in Falten.
»Einige Freunde von mir haben erzählt, das sich eine recht große Flotte der CIS wohl bei Serca sammeln soll. Das könnte der Grund dieser Funkstille sein, vielleicht ist eure Freundin dort derzeit arg beschäftigt.«
»Serca? Dann wollen die sicherlich zum Petra-System...«
Gutenhal wurde hellhörig.
»Petra? Ist das nicht zur Zeit Sperrzone?«
Teanna nickte.
»Ja, das ist richtig, es ist aber nicht so, wie es diese Politiker erzählen. Aber wir sollten besser nicht weiter dazu sagen, ich glaube das es besser so ist. Wir haben schon genug Schwierigkeiten am Hals.«
Gutenhal fragte vorerst nicht weiter nach, aber sein Interesse war geweckt worden. Teanna sah ihren großen Flügelmann eingehend an. »Was meinen Sie, hat ihr netter Freund und unser lieber Sponsor auch Flüge in Richtung Hades im Angebot?«
»Mehr als genug. Warum fragen Sie?«
»Ganz einfach, wir wollen dorthin, wo unserer Meinung nach die CIS so stark präsent ist, dass man uns nicht mehr so ohne weiteres beschießt. Verstehen Sie?«
»Also Hades,... das Hauptquartier der Miliz des Tri-Systems. Nicht unbedingt ein schöner Ort, aber wenn Sie dorthin wollen, geht das okay. Vorrausgesetzt, Sie wollen mich dabei haben.«
Teanna lächelte.
»Wir würden Sie gerne weiterhin an unserer Seite wissen, Ser Gutenhal.«
Der Gigant lächelte kurz.
»Wir sollten noch für Waffen und ein paar zusätzliche Systemmodule an ihrem neuen Jäger sorgen, sonst wird dies ein Trip ins Leere.«
»In Ordnung. Ivy? Übernimmst du das bitte? Ich werde hier versuchen mit jemandem zu sprechen, der uns vielleicht mit diesem Söldner weiterhelfen kann. Egal ob es nun Sera Manley macht oder einer der Leute von hier... Ich will nur, dass sich jemand dieser Daten annimmt und das überprüft.«
Ivy nickte zustimmend.
»Okay, viel Glück, Süße. Ich melde mich dann. Wird sicher nicht lange dauern.«
Teanna sah Gutenhal und Ivy kurz hinterher, dann stand auch sie auf und suchte sich den erstbesten Mitarbeiter der CIS, den sie bekommen konnte. Sie wollte endlich Antworten haben... und da diese nicht von Manley kamen, musste es eben anders gehen. Dass sie damit einen fatalen Fehler machte, konnte die Söldnerin zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen...
 

Deacan

Commodore
part 85

*

Neben den Jägern von Venice und Deacan standen drei weitere leichte Maschinen der CIS bereit, um in den nächsten Minuten den Versuch zu unternehmen, Petra für einige Minuten zu verlassen.
Ja, es ging tatsächlich nur um Minuten, Deacan hatte nicht vor, längere Zeit in dem System zu verbringen, das jetzt auf seiner Reiseroute stand. Er wollte nur kurz dort auftauchen, sich umsehen, ein paar Scanns durchführen und dann schnellstens wieder verschwinden.
Die Mannschaft der Basis hatte eine Karte mit Datenmaterial zum Sprungpunkt des vermeintlichen Abbauortes des Tarnmaterials in Deacans Jäger überspielt und der Privateer hatte im Gegenzug sein Kartenmaterial über instabile Sprungpunkte weitergegeben, die allesamt aus dem belagerten System führen würden.
Das Problem bestand nur darin, dass man die komplette Besatzung gar nicht ausfliegen konnte – es standen wie gesagt keinerlei Shuttles oder Frachtmaschinen dafür zur Verfügung.
»Bitte denken Sie daran, es geht nicht darum möglichst viele Abschüsse zu fabrizieren, sondern darum, uns einfach nur Geleitschutz zu geben. Sollten Probleme auftauchen, dann überschätzen sie Ihre Maschinen nicht. Keine übereilten Gefechte, keine wilden Verfolgungsjagden. Bleiben Sie einfach in unserer Nähe.«
Sera Drake blickte eindringlich in die Gesichter der Milizpiloten, und zumindest einer von ihnen nickte zustimmend.
»Also, Flug nach Vorschrift.«
Seine beiden Kollegen lachten leise, dann wandte er sich dem Privateer zu. »Ser, Sie sollten wissen, dass wir nicht ganz ohne Grund hierher versetzt wurden. Wir drei sind, wie soll ich es am besten ausdrücken, nicht unbedingt für unsere vorbildliche Fliegerei bekannt. Um ehrlich zu sein, dies hier war eigentlich eine Disziplinarstrafe für uns. Keiner mit gesundem Verstand schiebt hier draußen gerne Dienst... zumindest niemand, der gerne fliegt.«
»Ah ja, na prima. Dann hoffe ich mal inständig, dass Sie sich wenigstens für diesen einen Flug mal etwas zusammennehmen. Einverstanden?«
Der Pilot zögerte nicht mit seiner Antwort.
»Einverstanden und versprochen.«
Nur fünf Minuten später hatte die kleine Truppe die Sicherheit der Basis verlassen und nahm Kurs auf das Ziel. Einen Sprungpunkt, der bis jetzt nur von den Kiowan und einigen wenigen anderen Menschen benutzt worden war... wieder einmal ein Trip ins Ungewisse.
Den Blick auf Radar oder Scanner konnten sich die Piloten sparen, nichts würde hier auf den Sensoren auftauchen, man musste den Ärger schon sehen, um überhaupt zu wissen, dass er im Anflug war. Allerdings hoffte Deacan darauf, dass man den Ärger einfach einmal umgehen konnte...
Die erste halbe Stunde verlief völlig problemlos, man flog allerdings auch nicht mit vollem Schub, um nach Möglichkeit nicht zu früh auf gegnerischen Sensoren aufzutauchen. Der Jäger von Venice bildete gewissermaßen die Nachhut, sie flog in einiger Entfernung zum Rest des Teams und hielt nach Kiowan Ausschau, die sich eventuell von hinten an das Team heran machen würden... und diese Taktik wurde jetzt belohnt. Die Söldnerin entdeckte einige Jäger, die mit vollem Schub auf Deacan und die Milizpiloten zuflogen und dabei schnell näher kamen.
»Hallo Jungs, Ärger auf fünf Uhr. Sieht nach einer kleinen Formation der Kiowan aus, vermutlich acht oder neun Maschinen.«
Deacan drehte seinen Kopf in die angegebene Richtung.
»Formation auflösen. Nochmals, keine Heldentaten. Suchen Sie sich ein Ziel aus und greifen Sie an.«
Der Bladepilot drehte nach links ab, seine drei Flügelmänner in den leichten Milizjägern taten es ihm gleich. Venice drosselte ihre Geschwindigkeit ein wenig und flog frontal auf die Bedrohung zu. Zeitgleich versuchte sie Einzelheiten zu erkennen, es waren tatsächlich acht Maschinen, der Grossteil waren Jäger vom Typ Krell, zwei leichtere Leighats bildeten wohl die Rückendeckung dieses Piratenverbandes, sie flogen mit etwas Abstand hinter der Hauptgruppe her. »Kleines? Störe die Kurzstreckenkommunikation von den Typen, ich will nicht, dass Verstärkung hier auftaucht.«
»Verstanden, Störsignal online.«
Das Team machte die Waffen scharf, man näherte sich der maximalen Reichweite der Raketen des Gegners.
Eine gegnerische Krell startete eine Rakete, Typ Brute. Deacan aktivierte umgehend sein RTS, und die Steuerungssysteme der Rakete spielten sofort verrückt. Das wendige Geschoss verlor sein Ziel, machte eine Kehrtwendung und schoss auf die Kiowan zu. Die waren sichtlich verwirrt, anstatt ihre Formation zu lösen flogen sie frontal auf ihr eigenes Geschoss zu. Die Rakete explodierte beim Aufschlag auf eine der Krells und riss Teile der Triebwerksmechanik mit sich fort. Die Krell kam vom Kurs ab, streifte eine andere Maschine gleichen Typs und begann zu trudeln. Eine der beiden Leighats raste in die angeschlagene Krell und brach auseinander.
»Feuer!«
Deacans Blade begann aus allen Geschützen zu feuern, nur Sekunden später eröffneten auch die leichten Milizjäger das Feuer. Erst jetzt brachen die Kiowan ihre Formation auf, zu spät für zwei ihrer Jäger, die in hellen Explosionen verschwanden. Deacan erkannte, dass die Kiowan keine wirkliche Strategie verfolgten und vielmehr ihr Heil in der Flucht suchten. Obgleich die Gegner den Vorteil der „sensorischen Unsichtbarkeit“ für sich verbuchen konnten, hatten sie eine derartige Abwehraktion nicht erwartet.
»Dran bleiben. Schaltet sie aus!« Deacan hielt seine Befehle so kurz und klar wie möglich. Die Blade von Venice verkürzte mit Hilfe des Nachbrenners die Distanz zum Team, dann feuerte die Pilotin blind eine Proxima-Rakete ab.
Der schlanke Tod sauste am Jäger ihres Partners vorbei und suchte sich eine Krell zum Ziel. Sekunden später detonierte die Rakete und eine weitere Maschine ging den Kiowan verloren. Das Ganze lief wesentlich einfacher ab, als das Team es erwartet hatte.
Keine zwei Minuten später war alles vorbei, nur die rauchenden Trümmerteile zeugten noch von den Gegnern. Die Geschütze der Blades, die keine Kühlung benötigten und daher ohne Unterbrechung feuern konnten, hatten ganze Arbeit geleistet. »Zurück in die Formation, Kurs auf unser Ziel.«
»Was war denn das?«
Einer der Milizpiloten sprach eindeutig seine Verwunderung aus.
»Ohne ihr Überraschungsmoment sind die nicht so gut wie alle denken. Ihre Jäger sind nur Durchschnitt. Und, wie wir ja dank ihrer Hilfe inzwischen wissen, zudem uralt. Mehr nicht. Wenn Hassan hier ankommt, wird es nicht lange dauern bis Petra wieder feindfrei ist. Versprochen.«
Venice setzte Deacans kleine Rede fort.
»Die Masse des Gegners macht’s. Aber genug davon, Zeit bis zum Ziel vierzehn Minuten. Auf geht’s.«
Das Team schwenkte wieder auf den alten Kurs ein. Dieser kleine Kampf hatte auch ein gutes: Die Moral der Milizpiloten war enorm nach oben geklettert. Und nichts geht über ein Gefühl der Überlegenheit, solange es nicht unvorsichtig macht.
Die folgende Viertelstunde verging schleichend langsam. Deacans Team suchte fieberhaft mit den Augen die Gegend nach weiteren Jägern der Kiowan ab, doch keine weitere Maschine des Piratenclans tauchte auf. Entweder befand sich der Hauptteil der Flotte der Kiowan im Orbit von Petra oder man hatte diese Truppen in der Nähe der Sprungboje nach Serca stationiert, um etwaige Gegenschläge der CIS wirksam bekämpfen zu können.
Letztlich war der Zeitpunkt gekommen, den man zum einen herbei gewünscht, zum anderen aber auch ein wenig gefürchtet hatte – der Sprungpunkt.
Keine Boje wies den Piloten ab hier den Weg, sie wussten nur, dass hier ein Sprungtunnel existierte, der einen Teil des Teams zu einem Ort führen würde, der wohl die eine oder andere Überraschung parat halten würde. Deacan drosselte den Schub seiner Blade auf Null, dann öffnete er einen Kanal zu seinen Flügelmännern.
»Zehn Minuten. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn wir in zehn Minuten nicht wieder hier sind, fliegen Sie umgehend zur Basis zurück. Sollten Kiowan aufkreuzen und ihr werdet damit nicht fertig, dann verschwindet ihr ebenfalls. Verstanden?«
»Ser? Viel Glück. Wir werden hier warten...«
Deacans Jäger sprang als erster in den Hyperraum, nur wenige Augenblicke später folgte Venice ihrem Partner ins Unbekannte.

*

»Okay, hören Sie zu. Ich möchte, dass die komplette Delta-Staffel noch einmal landet und jede Maschine mit einem Torpedo ausgerüstet wird. Diese Jungs haben die meiste Erfahrung im Kampf gegen Großkampfschiffe, dementsprechend sollten sie auch über das notwendige Equipment verfügen.«
»Verstanden. Wir geben es sofort weiter, Sera Manley.«
Der Brückenoffizier verließ seinen Posten und begab sich im Laufschritt in Richtung der Aufzüge, um damit zum Hangar zu gelangen.
Die Agentin selbst war wieder in ihrem Element. Planung und Vorbereitung von Flottenbewegungen. Nicht, dass sie dies mit besonders großer Freude machte, aber sie verstand es wie kein Anderer mit Schiffsmannschaften und Piloten zu reden, ihnen Befehle zu erteilen und die allgemeine Stimmung konnte sie zudem auch noch heben – ihr Lächeln wirkte auf viele sehr beruhigend und ihre Augen strahlten eine Selbstsicherheit aus, die hier und jetzt dringend erforderlich war.
»Sera Manley?«
Ein sichtlich verunsicherter Pilot trat auf die Agentin zu.
»Ja? Kann ich helfen?«
Der Pilot reichte stumm ein Datenpad an Manley weiter, sie nahm es entgegen und warf einen kurzen Blick auf das Material. »Ich verstehe. Ihre Staffel ist also frisch von der Akademie gekommen, sehe ich das richtig?«
Der Mann nickte zögernd, die Agentin warf einen Blick in die Leistungsakte des Piloten. Alles in allem keine schlechte Bewertung, alleine die Simulatornoten waren mehr als äußerst zufriedenstellend. »Schon Kampfeinsätze geflogen, Pilot?«
»Nun, wir waren mal bei einer Kontrolle von Frachtschiffen dabei, als ein paar Piraten auftauchten, aber ansonsten...«
»Also nicht. Hören Sie, Sie und Ihr Geschwader melden sich auf dem Träger Hope und dort lassen sich als zweite Angriffsstaffel eintragen. Noch Fragen?«
Wieder reagierte der junge Pilot zögernd.
»Sera Manley, ich weiß es steht mir nicht zu das zu fragen, aber wie hoch stehen unsere Chancen? Wir haben bislang nur gehört, dass eine recht große Einheit von Kiowan den Planeten Petra besetzt hält. Was genau erwartet uns dort?«
Manley sah in das Gesicht des Piloten und suchte nach einer Antwort.
»Wenn ich jetzt sagen würde, dass uns der sichere Tod dort erwartet, würden Sie dann fliegen und kämpfen?«
Der Pilot zuckte sichtbar zusammen. »Oder wollen Sie lieber hören, dass auf Petra einige Mädchen gerettet werden sollen, und zwar vor der ewigen Jungfräulichkeit? Pilot, es ist egal was uns erwartet. Keiner weiß das genau und keiner will das so genau wissen. Wir fliegen dorthin, erledigen unseren Job und kehren wieder heim. Das ist alles. Nicht mehr, nicht weniger. Und noch etwas. Angst ist kein Zeichen von Schwäche sondern ein Beweis für gesunden Menschenverstand. Lassen Sie sich nur nicht von ihren Ängsten beherrschen. Einverstanden?«
Wieder zauberte Manley ein Lächeln auf ihr Gesicht, das nicht mehr als normal einzustufen war. Und es schien seine Wirkung nicht zu verfehlen, der Pilot nahm wieder Haltung an.
»Ja Sera Manley.«
Er grüßte kurz militärisch, machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück in Richtung Tür, blieb aber kurz stehen und drehte sich um. »Danke.«
»Wie machen Sie das?«
Hassans Stimme erklang hell und freundlich aus dem Hintergrund.
»Wie mache ich was Ser?«
»Na diesen Enthusiasmus zu verbreiten.«
»Habe ich denn eine Wahl? Klar, ich könnte hier Panik verbreiten und mit wüsten Sätzen um mich werfen die von unserem kommenden Untergang erzählen würden... aber ich will das hier hinter mich bringen und in einem Stück wiederkommen. Das ist mein Ziel, mein oberstes Ziel. Irgendwo danach kommt der Wunsch nach einem heißen Bad. Und ein großes Eis wäre nicht schlecht.«
Hassan lachte leise, und man konnte ihn ansehen, dass er wieder obenauf war.
»Eigentlich hatte ich Sie doch gebeten, sich auszuruhen, oder?«
Manley verzog keine Miene.
»Ich weiß. Aber ich konnte nicht schlafen. Und wie Sie sehen werde ich gebraucht. Mehr ist zur Zeit nicht wichtig.«
Ser Hassan behielt sein Lächeln bei.
»Ach ja, Sera McCumber hat sich gemeldet.«
»Chyna? Und? Was macht sie?«
»Ihre Freundin ist noch immer auf Serca, sie arbeitet zur Zeit in der Hauptverwaltung der CIS, wir haben ihr dort eine Aufgabe gegeben.«
Die Agentin sah auf.
»Eine Aufgabe oder eher eine Beschäftigung?«
»Eine Aufgabe. Sie dekodiert derzeit mit einigen Spezialisten das MACS von Sera Dawson und ihrem seltsamen Kollegen. Zudem sucht sie derzeit nach möglichen Verbindungen der Beiden, sprich: Die gesamten Kommunikationslogbücher werden überprüft. Sera McCumber war zwar nicht gerade begeistert von ihrem Verschwinden, aber wir haben ihr eine halbwegs plausible Erklärung gegeben. Sie ist offensichtlich damit zufrieden. Sie verlangt nur, dass wir sie über neue Entwicklungen informieren. Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen.«
Chyna... Manley hatte die ehemalige Freundin von Ser Tron nur widerwillig auf Serca zurückgelassen, aber ihr Vorgesetzter hatte ihr keine Zeit für lange Erklärungen oder Abschiedsszenarien gegeben... Immerhin war Ser Hassan aber so fair, dass er Chyna nicht ganz aus seinen Listen strich und sie, wenn auch auf eher unspektakuläre Art und Weise, noch immer an der ganzen Geschichte beteiligte.
Manley warf einen kurzen Blick auf einen Bildschirm, der in einer Wand gelassen war. Dort lief eine Uhr rückwärts, der Chronometer zeigte den Countdown bis zum Angriff.
Zwei Stunden und achtzehn Minuten.
 

Deacan

Commodore
part 86

*

»Zeit?«
»Seit einer Minute sind wir im Hyperraum, der Tunnel destabilisiert sich bereits, weiter sind die Kiowan mit Sicherheit auch nicht geflogen.«
»Okay, dann verlassen wir auch jetzt den Hyperraum. Waffen in Bereitschaft und die Augen auf! Und noch etwas, wir müssen auf jeden Fall unsere Zeit im Auge behalten, wir können nicht sehr lange bleiben, sonst ist unser Heimflug in Gefahr.« Beide Jäger fielen aus dem Hyperraum zurück, und beide Piloten rechneten fest mit dem Schlimmsten... aber das, was sie sahen, als sich das Schwarz des Hyperraums vom Lichtschein der Sterne durchzogen wurde... das verschlug ihnen völlig die Sprache.
Gab es Planeten hier?
Ja, einen gewaltigen Gasriesen, er schimmerte in milden Blautönen. Ein weiterer Planet lag etwas abseits, seine rötliche Farbe erinnerte an korrodiertes Eisen.
Gab es Monde hier?
Auch ein klares Ja. Zwei waren erkennbar, beide waren von unregelmäßiger Form und Größe und beide waren von hellgrauer Farbe...
...und die Frage nach Schiffen klärte sich auch sofort. Deacans Jäger streifte einen Gegner, nur das dieser nicht reagierte.
»Oh mein...«
Venice beendete ihren Satz nicht, sie starrte nur voller Unglauben auf das Szenario, das sich ihr hier bot.
Da waren Jäger. Hunderte Jäger. Da war sie also, die „andere“ Flotte der Kiowan, von der Hudson gesprochen hatte.
Oder besser gesagt, da waren Trümmer dieser Flotte. Trümmer von hunderten Jägern. Man konnte vereinzelt noch die Typen unterscheiden, hier trieb eine Krell, dort eine Vector, dort zwei oder drei Leighats. Und keine Spur von Leben. Keine Energiesignatur. Dies hier glich einem riesigen Schlachthof. Und keine einzige Maschine hier war mit dem Tarnmaterial überzogen, jedes einzelne Teil war deutlich auf den Radarschirmen der Blades zu erkennen...
»Also?«
Deacan fand als erster seine Sprache wieder, dicht an seiner Maschine trieb etwas vorbei, das wohl mal ein Mensch gewesen sein könnte. »Wie viele Maschinen? Was meinst du?«
»Keine Ahnung, mein Bordrechner hat das Zählen der Trümmer bereits aufgegeben. Aber selbst wenn ich es schätzen müsste, ich würde es dir nicht sagen können. Was ist hier passiert?«
Die Sensoren der Blades scannten die nähere Umgebung ab, es gab keinerlei Spuren von Waffenfeuer hier, alle Trümmer sahen allerdings so aus, als hätte eine enorme Druckwelle sie einfach zerfetzt. Deacans Blick blieb an den Überresten eines Cockpits hängen, die Verglasung war rot gefärbt... rot vom Blut der Besatzung.
»Ich empfange hier Reste von hochverdichtetem Treibstoff, wie er für Raketen verwendet wird. Die Mengen sind aber zu groß, als dass sie eventuell von den Jägerresten stammen könnten.«
»Und ich habe hier vielleicht eine Antwort gefunden. Augen links, mein Freund.«
Ein Blick in die entsprechende Richtung zeigte mehrere große Wracks Von der Form der Reste her waren das Frachter, vermutlich vom Typ Monolith. Der Söldner zählte insgesamt fünfzehn oder auch mehr Schiffe dieser Klassifikation... und in seinen Gedanken baute sich ein Bild auf, das er eigentlich nicht wahr haben wollte.
»Venice? Dies hier erscheint mir wie eine Massenexekution.«
»Langsam bekomme ich hier eine Gänsehaut. Lass uns ein paar Aufnahmen machen und dann verschwinden.«
»Einverstanden. Langstreckenscann läuft.«
Auf einem Display konnte der Pilot sehen, wie sein Bordrechner mit der Abtastung des Gebietes voran kam. Und es erschien ewig zu dauern... siebzig Prozent, achtzig Prozent, neunzig Prozent...
»Scann abgeschlossen, Datenmaterial abgespeichert.«
Die Computerstimme von Deacans Bordrechner meldete nach langen Sekunden endlich den erfolgreichen Abschluss der Mission.
»Venice? Eintrittspunkt anfliegen, wir verschwinden hier, und zwar sofort.«
Beide Jäger machten kehrt, sie mussten dabei immer wieder den Trümmerteilen ausweichen und konnten nur mit geringer Geschwindigkeit dem Sprungpunkt entgegen fliegen.
Als Deacan das Geräusch des Sprungantriebes vernahm, das den Eintritt in den Hyperraum begleitete, legte sich seine Anspannung nur zum Teil. Noch immer sah vor seinen Augen diese Geisterlandschaft... und noch immer versuchte sein Verstand eine Erklärung hierfür zu finden...
Auf dem Rückflug zur alten Relaisstation waren sowohl Deacan wie auch Venice sehr still. Natürlich löcherten die Piloten der CIS die beiden mit Fragen, aber keiner der beiden vermochte auch nur annähernd eine vernünftige Erklärung abzugeben. Man verwies die Flügelmänner vorerst auf die Nachbesprechung...

*

Der Mann im Anzug schob seine Brille auf die Nasenspitze und blickte dabei über den Rand seiner Brillengläser hinweg auf Teanna, die vor ihm stand und Antworten wollte.
Zu beneiden war er dabei allerdings nicht, Teanna machte ihrem Unmut Luft und schmückte ihre Erlebnisse dabei recht farbenfroh aus.
»Zum zweiten Mal tauchte dieser Typ dann auf, als meine Partnerin und ich einen Frachter eskortieren sollten. Wäre mein Flügelmann nicht gewesen, dann wäre ich wohl jetzt...«
Der Beamte unterbrach Teannas Redefluss.
»Ihr Flügelmann? Einen Augenblick bitte... Sie meinen Ser Gutenhal?«
»Ja, den meine ich. Warum fragen Sie?«
»Weil ich hier bereits einen umfangreichen Report von Ser Gutenhal habe, betreffend eines Zwischenfalls zwischen Ihnen und eines unbekannten Piloten in einer Heretic.«
Teannas Augen funkelten böse.
»Und? Was haben Sie in der Zwischenzeit schon getan, um dieses Ärgernis aus der Welt zu schaffen?«
Der Mann hinter dem Schreibtisch holte tief Luft.
»Sera Tasker, mit allem Respekt – wir haben diesen Piloten zur Fahndung ausgeschrieben. Jeder Milizpilot bekommt eine Kopie der Schiffsdaten dieses von Ihnen beschriebenen Jägers in seinen Bordrechner überspielt. Taucht der Kerl irgendwo auf, dann haben wir ihn schneller in Gewahrsam als Sie glauben.«
»Aha. Und was ist mit der Tatsache, dass dieser Pilot in der Heretic schon tot ist?«
Der Mann schob jetzt seine Brille wieder hoch.
»Wissen Sie, das ist ein anderes Problem. Und daran arbeitet zur Zeit eine andere Dienststelle, und zwar eine, die für Schiffsregistrierungen zuständig ist. Wir hier kümmern uns eigentlich nur um normale Zwischenfälle, wie eben dem kleinen Feuergefecht zwischen Ihnen und dieser, ähm... Heretic.«
Kleines Feuergefecht? Teanna glaubte sich verhört zu haben.
»Wenn das hier für Sie klein ist...«
Und wieder stoppte der Beamte Teanna inmitten ihres Satzes.
»Sie fliegen einen Jäger, richtig?«
»Ja, und?«
»Und für uns ist es halt so: ein Jäger ist nicht so hoch versichert wie zum Beispiel ein Frachtschiff. Wenn Ihnen etwas passiert, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass uns jemand auf die Füße tritt und Schadenersatz verlangt. Wenn aber ein Frachter vor unserer Nase weggeschossen wird, dann brennt hier die Luft, das kann ich Ihnen versichern.«
Klasse. Wo zum Geier war Teanna da nur hinein geraten? Eigentlich wollte sie diesen Typen dort im Anzug auseinander pflücken und die Einzelteile auf den Weg zur nächsten Bar verstreuen, aber jemand hatte wohl etwas dagegen, dass sie ihre kleinen Gedanken in die Tat umsetzte.
»Sera Tasker?«
Teanna drehte sich um und sah einem Mann ins Gesichts, der einen teuren Designeranzug trug und einen Aktenkoffer in den Händen hielt.
»Ja bitte?«
»Ich kann Ihnen vielleicht bei Ihrer Suche helfen.«
Teanna wirkte skeptisch.
»Machen Sie das öfter? Fremde Gespräche belauschen?«
Der Fremde lächelte milde.
»Ihr Gespräch war leider nicht zu überhören, aber wie gesagt, ich könnte Ihnen eventuell helfen. Sie sagten, dass Sie einen bestimmten Piloten suchen oder besser nach einer bestimmten Maschine Ausschau halten?«
»Schon möglich. Und was haben Sie damit zu tun?«
»Nun, meine Aufgabe besteht darin, Söldnern mit Versicherungsdienstleistungen zu versorgen.«
Aha, daher wehte also der Wind. Teanna hatte aber keinerlei Interesse an solchen Dingen...
»Hören Sie, ich fliege seit langem ohne eine Versicherung im Rücken zu haben. Und ich habe nicht vor, das zu ändern.«
Wieder lächelte dieser Mensch.
»Sie verstehen mich nicht. Sie sagten der Mann sei mit einer Heretic unterwegs? Dann wurde diese Maschine unter Garantie auf Anhur gebaut. Und egal, wer sie dann gekauft hat, die Versicherungen für einen derartig teuren Stahlvogel ist meistens inklusive. Verstehen Sie mich jetzt vielleicht ein kleinwenig besser? Ich könnte Ihnen anbieten, gegen einen kleinen Obolus natürlich, unsere Daten nach der gesuchten Maschine zu durchsuchen. Mit etwas Glück findet sich ja ein Besitzer. Und unsere Daten sind etwas detaillierter als das Material der CIS hier. Interesse?«
Ein kleiner Obolus also...
»Und wie viel ist dieser kleine Betrag in Credits genau?«
»Sagen wir zweihundert Credits. Finde ich nichts das Ihnen hilft, bekommen Sie die Hälfte zurück. Einverstanden?«
Teanna überlegte kurz. Zweihundert Credits waren zwar nicht gerade wenig, aber was hatte sie denn schon zu verlieren – außer eben Geld?
»Okay... ich mache dann einen Upload auf Ihr Konto, Ser...?«
»Jason Hercs.«
 

Deacan

Commodore
part 87

*

Erst als sich das Cockpit wieder öffnete und ein Schwall eiskalter Luft sein Gesicht streifte, erst in diesem Moment fühlte Deacan sich wieder einigermaßen sicher. Der gesamte Rückweg zur Station glich einem Wochenendausflug, es gab keine Probleme, keine Kiowanjäger kreuzten den Weg des kleinen Teams und was noch wichtiger war: niemand war ihnen hierher gefolgt.
Die gesamte Besatzung der Basis hatte auf die fünf Piloten im Hangar gewartet und man begrüßte das Team mit stürmischem Beifall... wofür eigentlich? Außer der kurzen Auseinandersetzung mit den paar Kiowan war doch nichts, aber wirklich gar nichts gefährliches geschehen. Deacan kletterte aus seiner Maschine, Ser Hudson half ihm dabei.
»Und? Haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht hatten?«
Der Söldner zeigte auf seinen Jäger.
»Im Bordrechner ist Datenmaterial, das umgehend ausgewertet werden sollte. Und es eilt.« Dies war keine wirkliche Antwort auf Hudsons Frage, Deacan dachte einen Augenblick nach, dann entschloss er sich zu einer Art von erster Stellungsnahme. »Ich habe etwas gefunden, ja. Aber danach habe ich mit Sicherheit nicht gesucht. Sie werden es ja bald selbst sehen... und vielleicht finden Sie ja eine Erklärung. Wobei ich das arg bezweifle...«
Einer der Piloten der Basis öffnete eine Wartungslücke an Deacans Blade, er zog einige Speicherchips aus der Maschine und gab diese an Hudson weiter.
»Ich bin echt gespannt was ihr da draußen gefunden habt...«
Hudson sah auf die Speicherchips.
»Wenn ich von den Gesichtsausdruck ausgehen müsste, den Sie und Ihre Partnerin bis eben drauf hatten, erwartet uns hier mehr als eine Überraschung. Wollen Sie mir wirklich nichts sagen?«
Deacan schüttelte den Kopf.
„Ich will es erst selbst noch einmal sehen, und sei es nur auf einem Display... um zu wissen, dass es tatsächlich real war.«
»Gut, dann treffen wir uns in der Messe, dort gibt es einen Projektor. Sehen wir uns an, was Sie da haben.«
Geschlossen verließ die Truppe den Hangar, Deacan und Venice bildeten das Schlusslicht der Gesellschaft.
»Du? Was jetzt?«
Venice legte ihre Hand auf die Schulter ihres Partners. Der schloss kurz seine Augen.
»Keine Ahnung. Aber wer immer das getan hat, ist zu noch schlimmeren Dingen fähig. Ich fange langsam an, einiges zu verstehen. Wir sind momentan auf einer Strasse, die uns zurück in eine Zeit führt, von der wir glaubten, dass wir sie endgültig hinter uns gelassen hatten.«
Venice hielt kurz in ihrer Bewegung inne, dann sah sie eingehend auf ihren Kollegen. Deacan nickte nur. »Wir haben den Gipfel des Wahnsinns noch nicht erreicht...«
Man schob die Tische in der Messe zusammen und nahm dann Platz, einige setzten sich direkt auf die Tischplatten, die Ärztin und der Chief setzten sich einfach auf den Boden.
Ser Hudson setzte die Speicherchips in ein Lesegerät ein, das Licht im Raum wurde automatisch ausgeschaltet. Alles starrte auf eine hellgraue Wand, dorthin würde der Projektor die gesammelten Bilder präsentieren... und das erste, was man hörte, war genau dasselbe, das Venice dort über die Lippen gekommen war.
»Oh mein...«
Der Chief legte die Hand auf den Mund, zu intensiv waren diese Bilder. Deacan hätte gar nicht auf die Wand sehen müssen – er brauchte nur seine Augen zu schließen und diese Bilder tauchten automatisch wieder auf.
Während alle diese Bilder in sich aufnahmen und still den ebenfalls aufgezeichneten Gesprächen der Bladebesatzungen lauschten, war der Rechner der Basis mit der Weiterverarbeitung des Materials beschäftigt. Seine Kapazität lag trotz seines hohen Alters noch immer über der eines Jägers, das Gerät erstellte eine dreidimensionale Karte des gesamten gescannten Gebietes. Auf einem recht großen Display des Lesegeräts fügte sich nun Stück für Stück diese Karte zusammen, Einzelheiten wurden sichtbar.
»Haben Sie schon einmal etwas derartiges gesehen?«
Hudson sah in Richtung Deacans.
»Nein, noch nie. Trümmerfelder gibt es zwar immer wieder im All, gerade nach einer Schlacht, aber dieses Ausmaß hier ist sogar mir neu.«
»Kommt es mir nur so vor oder sehe ich dort etwa ein paar Frachter?«
Venice gab kurz Antwort.
»Die sind uns auch aufgefallen. Diese Maschinen waren wohl mit Treibstoff beladen, der aber für die Jäger völlig ungeeignet war.«
»Ungeeignet?«
»Laut Sensoren handelte es sich um hochverdichteten Treibstoff. Wenn man versuchen würde, damit einen Jäger zu betanken, dann wäre die Katastrophe in jedem Fall vorprogrammiert.«
»Meinen Sie etwa, dass jemand das absichtlich getan hat?«
»Warum denn nicht? Gibt es eine bessere Lösung, um unliebsame Zeitgenossen auszuschalten, als diese hier? Dass es der falsche Treibstoff ist, bemerkt man erst wenn man ihn zündet... Sogar Sensoren erkennen den Unterschied erst hinterher, den dieses Zeug hier verbrennt nicht vollständig.
Aus diesem Grund darf dieser Treibstoff auch nicht verkauft werden. Nur bei der Produktion von Raketen oder Torpedos findet er Verwendung.«
Hudsons Blick schien an den Monden hängen zu bleiben, die im Hintergrund der Projektion zu sehen waren.
»Konnten Sie die beiden Monde auch scannen?«
Deacan zog die Augenbrauen hoch.
»Sie lagen mit im normalen Radius unserer Sensoren, euer Rechner müsste langsam aber sicher erste Daten dazu ausspucken.«
Der Chief stand auf, begab sich zum Lesegerät und sah auf das Display.
»Okay, hier haben wir es. Der größere Mond ist mit Eis überzogen, seine darunter liegenden Hauptbestandteile sind Schwefel, Granit und größere Mengen an Schwermetallen. Der andere zeigt aber deutliche Spuren von Bergbau. Ich würde sagen, das ist unser Kandidat für eine genauere Untersuchung.«
Mit geübten Handgriffen bediente der Chief die winzige Tastatur vom Lesegerät, er vergrößerte den Bildausschnitt und zoomte auf den betreffenden Mond. Nach einigen Sekunden bekam auch der Rest der Mannschaft den Mond im Detail zu sehen – als Projektion an der Wand. »Keinerlei Aktivitäten, wenn ich raten müsste würde ich sagen, dass dort seit Monaten nichts mehr abgebaut wurde.«
»Das könnte nur bedeuten, dass es dort nichts mehr zu holen gibt...«
Ser Hudson griff sich mit der Hand unters Kinn.
»Eine Frage aber bleibt. Wie sind diese Jäger der Kiowan dorthin gekommen? Jedenfalls nicht auf normalem Wegen durch das Petra-System... sonst hätten sie an uns vorbei gemusst, und wie wir ja alle sehen können – keine der Maschinen dort trägt dieses Tarnmaterial. Also? Vorschläge?«
Hudsons Blick richtete sich auf Deacan, der etwas abseits auf einen Stuhl saß und nur still nachdachte.
»Was braucht man, um eure Sensoren zu manipulieren?«
»Da gäbe es zwei Möglichkeiten. Entweder man umgeht diese bewusst mit Hilfe von Stealthtechnologie, oder...«
»Oder?«
»Oder aber man verwendet gefälschte Daten und Schiffskennungen. Aber im derartigen Umfang kann ich mir das nicht vorstellen... beim besten Willen nicht.«
»Nun gut, dann müssen wir es auf die althergebrachte Methode machen.«
»Und welche Methode soll das bitte sein?«
»Ganz einfach. Wir fragen nach.«
Ein ziemlich lautes Raunen ging quer durch die Messe.
»Sie wollen bitte was?«
»Na fragen, einfach und direkt.«

*

Es ist schon unheimlich, wenn ein kleiner Versicherungsmakler schneller arbeitet als ein Beamter der CIS – aber genau das war hier der Fall.
Ser Hercs benötigte nicht einmal zehn Minuten, um über seine Dienststelle eine komplette Auflistung aller Jäger der Heretic-Klasse zu erhalten. Und keine weiteren fünf Minuten vergingen, bis er die Maschine mit der entsprechenden Registrierung fand.
»Sera Tasker?«
Ser Hercs sah über den Rand seines MACS auf die zierliche Pilotin.
»Ja? Was gefunden?«
»Wie man es nimmt. Dieser Jäger taucht immer wieder auf Anhur auf... zumindest wird die Landung der Maschine dort alle vier Tage registriert. Wenn Sie den Piloten persönlich kennen lernen wollen, sollten Sie einen Abstecher dorthin unternehmen.«
Anhur also... seltsam. Warum hatte keiner von der CIS diese einfache Information abrufen können? Teanna überlegte einige Sekunden, dann sah sie Ser Hercs mit leuchtenden Augen an.
»Sie können die zweihundert Credits behalten. Danke.«
»Wollen Sie diese Neuigkeiten nicht der CIS zugänglich machen? Ich meine, diese Herrschaften in Uniform sollten doch auch davon Kenntnis besitzen, oder?« Allerdings, das sollten sie wirklich.
Und Teanna würde schon dafür sorgen, dass man diese Daten nicht wieder vergessen würde...
Da Ivy noch immer mit Ser Gutenhal unterwegs war, beschloss Teanna, selbst noch einmal zum netten Beamten ins Büro zurückzukehren und eben diesen mit ihren neuen Erkenntnissen zu konfrontieren.
Bereits als Teanna durch die Tür des kleinen Büros trat, konnte man deutlich im Gesicht des Beamten erkennen, wie viel ihm an einem weiteren Gespräch mit der jungen Dame lag.
»Und? Möchten Sie etwa Ihrer Aussage noch etwas hinzufügen? Oder vielleicht etwas streichen lassen?«
Der nette Tonfall des Schreibtischbesitzers hätte wohl niemandem gefallen. Und einer Sera Teanna Tasker schon gar nicht.
Sie legte ihr MACS mit den neuen Daten, die Ser Hercs ihr freundlicherweise überspielt hatte, auf den Schreibtisch. Dann legte sie einen übertrieben höflichen Ton an den Tag.
»Mein lieber Ser... wie auch immer Sie heißen mögen... ich war so frei und habe einige kleine Recherchen angestellt. Und ups! Was soll ich Ihnen sagen, da haben sich doch tatsächlich ein paar neue, kleine, interessante Details ergeben, die ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten möchte. Bitte, wenn Sie einen Augenblick Ihrer kostbaren Zeit opfern und auf diese Daten sehen würden... ich bin mir sicher, dass Sie ungemein Gefallen daran finden werden.«
Einen solchen Satzbau hatte Teanna bislang noch nie von sich gegeben, aber die Ironie im Wort und der kleine Anteil Sarkasmus dabei taten ihrer Seele wohl nur zu gut. Der Mann schob seine Brille wieder auf die Nasenspitze und sah auf das Display des MACS.
»Na das ist ja interessant. Stammt das etwa von dem Menschen mit den Versicherungsakten?«
»Ja, dieser liebreizende Mensch war so nett, mir etwas unter die Arme zu greifen. Und? Was werden Sie damit nun anfangen?«
Teanna lag eigentlich ein völlig anderer Satz auf der Zunge, der wohl etwa so geklungen hätte: ...und? Wann legen Sie das jetzt zu den Akten?..., aber sie riss sich zusammen und hoffte auf eine Antwort, die ihr wenigstens ansatzweise das Gefühl geben würde, dass man der Sache nunmehr mit etwas mehr Interesse nachging.
»Ich muss Ihnen wohl danken, Sera Tasker. Und ich werde das umgehend an die zuständige Abteilung von Anhur melden, wenn er dort wieder landet, dann haben wir ihn. Mit Sicherheit.«
Aber sicher doch, so sicher, wie es eine Handelsroute im Tri-System gab, die ohne Piratenüberfälle auskam.
Obwohl – Teanna könnte ja selbst nach Anhur fliegen und einfach nachfragen, ob diese Daten dort angekommen sind... besser ausgedrückt, sie würde persönlich dafür sorgen, dass diese Daten dort auch ankamen.
Jetzt gab es nur noch ein kleines Problem. Und zwar Ivy davon zu überzeugen, nach Anhur und nicht nach Hades zu fliegen. Und sie ahnte schon, wie Ivy reagieren würde... also würde sie es einfach anders machen. Über Anhur nach Hades. Und ein kleiner Abstecher in die saubere Luft von Anhur würde auch ihrer lieben Freundin sicher nicht schaden...
 

Deacan

Commodore
part 88

*

»Ser Arris? Darf ich Sie einen Moment stören?«
Der Anführer des Clans sah von seiner Arbeit auf, er las diverse Berichte seiner Agenten, die sich nahezu überall im Tri-System aufhielten.
»Natürlich, kommen Sie ruhig herein.«
Der ältere Herr kam dieser freundlichen Geste umgehend nach und stellte sich etwa einen Meter vom Schreibtisch seines Auftraggebers entfernt hin. Er nahm dabei eine fast perfekte Haltung an, die man eigentlich nur von Militärs her kannte. »Und? Was gibt es denn so wichtiges?«
»Ser, wir sollten doch alle Bewegungen von Schiffen überwachen, die eventuell in Richtung Petra aufbrechen würden.«
»Ja?«
»Nun Ser, unsere Informanten sagen aus, dass Ser Ricards offenbar zur Zeit einen größeren Konvoi zusammenstellt. Es sind mehrere Tankschiffe und drei schwere Frachter vom Typ Monolith dabei. Sie starten wohl innerhalb der nächsten Stunden, und zwar vom Planeten Hermes aus.«
Hermes? Auf Arris Gesicht legte sich ein Lächeln, dass seine innere Zufriedenheit widerspiegelte.
»Geben Sie bitte unseren Piloten vor Ort den Angriffsbefehl, die Jagd ist hiermit eröffnet. Lassen Sie kein Schiff aus dem Hermes-System entkommen, das militärische Ausrüstungen transportiert.«
»Ja Ser!«
Der Bote wollte wieder gehen, doch Ser Arris rief ihn kurz noch zurück.
»Einen Augenblick bitte noch.«
»Ja Ser?«
»Was macht eigentlich unser Büro auf Anhur? Schon irgendwelche Nachrichten von dort?«
Der Bote schüttelte nur mit den Kopf.
»Wir wissen nur, dass der Senator sich mit einer seiner Kolleginnen getroffen hat. Einzelheiten folgen vielleicht noch, wir decodieren zur Zeit den gesamten Nachrichtenverkehr des Planeten... und dort einzelne Datenströme einer bestimmten Zielgruppe oder gar einer einzelnen Person zuzuordnen...«
»...ist alles andere als einfach, ich weiß. Trotzdem danke. Und bleiben Sie unbedingt dort am Ball, ich brauche Ergebnisse.«
»Ja Ser. Sie können sich auf uns verlassen.«
Der Bote verneigte sich kurz in Richtung seines Auftraggebers, dann verließ er im Eiltempo wieder den Raum.
Ser Arris sah wieder angestrengt auf seine Arbeit, er studierte Daten auf einem Monitor auf seinem Schreibtisch.
Einige der Informanten des Clans saßen auch in den großen Bankzentralen, und eben diese Leute hatten eine Vielzahl von Daten geschickt. Es handelte sich dabei um Kontenbewegungen, Geld wechselte hier den Besitzer. Diese Daten hatte man inzwischen auch der CIS zugänglich gemacht, wohl hauptsächlich in der Hoffnung, dass die Miliz einen Weg finden könnte, den eigentlichen Urheber dieser Schiebereien zu entdecken.
Die Leute von Ser Arris saßen leider nicht in den Chefetagen der Firmen und Banken, sondern eher an kleinen Schreibtischen oder in kleinen Büros... Arris besaß nicht die gewaltige Lobby, die sein unrühmlicher Vorgänger und Bruder Kronos zur Verfügung gehabt hatte. Viele wandten sich ab, als der Machtwechsel im Clan bekannt wurde, viele wollten von der alten Zeit und ihren ehemaligen Verpflichtungen der Organisation gegenüber, nichts mehr wissen.
Das Imperium zerbrach sehr schnell...
Geblieben waren nur wenige, aber auf diese Leute konnte Ser Arris sich blindlings stützen. Und es war sogar egal, ob er ihnen etwas zahlte oder nicht, wie durch einen kleinen Ehrencodex hielt man zusammen. Und noch nie zuvor war Arris so abhängig von seinen Leuten wie jetzt.
Sera Drake hatte – kurz vor ihren gemeinsamen Aufbruch mit Ser Tron – alle relevanten Daten aus ihrem MACS in die Datenbänke der Dream, überspielt. Dieses Datenpaket lief jetzt zeitgleich auf einem zweiten, etwas kleineren Monitor ab.
Ser Arris warf ab und zu einen Blick auf das Material, es enthielt bislang seiner Meinung nach nichts, das er nicht schon wusste. Aber Sera Drake war äußerst fleißig bei der Arbeit, sämtliche Gespräche, egal ob mit Ser Tron, Sera McCumber, Sera Dawson oder gar der Agentin der CIS, Sera Manley, waren von ihr aufgezeichnet worden. Und auf diese Art und Weise wurde Ser Arris auf zwei Namen aufmerksam, denen er zuvor nur wenig Beachtung geschenkt hatte: Sera Tasker und ihrer Partnerin, Sera Banks. Arris aktivierte einen Suchmodus auf dem Monitor, er wollte den derzeitigen Standort von Sera Tasker und Sera Banks in Erfahrung bringen. Beide waren auf Petra gewesen, und zwar noch vor der Attacke durch die Kiowan. Interessant.
Noch interessanter wurde es dann, als Arris die Familiendaten von Sera Tasker aufrief...

*

»Wenn Sie mich fragen würden, dann würde ich Ihnen sagen, dass dies hier keine gute Idee ist.«
Der Chief strich sich ein paar widerspenstige Haare aus der Stirn. Deacan sah auf den Techniker herab.
»Das es eine gute Idee ist hat ja niemand behauptet. Es ist eben nur eine Idee. Und da es meine Idee ist, werde ich auch dafür sorgen, dass man sie in die Tat umsetzen wird.«
»Natürlich auch nur von Ihnen, oder?«
Deacan zeigte sich sichtlich amüsiert.
»Ich habe nicht vor, Sie oder einen Ihrer Männer damit zu beauftragen. Das einzige was Sie tun müssen, ist meinen Jäger umzurüsten. Und das tun Sie ja auch.«
»Das ist ja auch das einzige, was ich kann.«
Der Mann griff nach einem Schraubenschlüssel und verschwand damit wieder unter der Blade seines Gesprächspartners. »Wissen Sie, eigentlich wollte ich vor einigen Jahren auch ins Cockpit klettern und fliegen. Aber ich habe eine schwere Rückenverletzung durchlebt und einige meiner Rückenwirbel sind nicht mehr ganz intakt.«
»Das erklärt dann wohl Ihre etwas steife Körperhaltung.«
»Allerdings, zwei Stahlschienen halten einige der Wirbel zusammen. Bin nicht unbedingt glücklich darüber, aber jeder hat so seine kleinen Wehwehchen, nicht wahr?«
Jemand mischte sich kurzerhand in das kurzweilige Gespräch ein.
»Und? Können Sie diesen Wahnsinnigen von seiner Tat abhalten?«
Ser Hudson betrat den Hangarbereich, und der Chief sah kurz in seine Richtung.
»Keine Chance. Ich vermute mal, dass alle Bladepiloten einen leichten Sprung in der Schüssel haben müssen. Aber wenn ich es mir recht überlege... ist vielleicht sogar ganz gut, wenn er mit seiner Kollegin wieder verschwindet. Auf diese Weise ersparen wir uns weiteren Ärger mit den Kiowan hier im System und wir haben zwei Esser weniger.«
»Ihr Freund hier mit den öligen Händen hat so eine wunderbare direkte Art an sich. Charmant bis in die Haarspitzen.«
Hudson lächelte.
»Ja so ist er halt, unser Chief. Übrigens ist er einzige hier, der tatsächlich freiwillig seinen alten Posten für diese alte Basis aufgegeben hat. Wenn ich mich richtig entsinne, dann waren Sie vorher Mechaniker auf einem Kreuzer... oder?«
»Kreuzer sind Kinderspielzeug, ich war Cheftechniker auf einem Träger der CIS, hatte alle Jäger unter meiner Verantwortung, zwei komplette Staffeln. Und einen Stab aus vierzig hochtalentierten Ingenieuren. Aber es wurde langweilig auf die Dauer und hier gab es eine wirkliche Herausforderung. Alleine die laufenden Reparaturen...«
Hudson unterbrach ihn.
»Ja, wir wissen es, ohne deine Tatkraft und deinen unermüdlichen Ehrgeiz würden wir alle mittlerweile im freien Raum treiben.«
»Genau so ist es.«
»Ich unterbreche euch ja nur ungern, aber soll ich eventuell von eurer Basis etwas mitnehmen und weitergeben? Datenmaterial, das Logbuch der Station vielleicht? Oder Briefe der Crew? Ich habe Kontakt zur CIS, eine Weiterleitung wäre also kein Problem.«
Hudson dachte über Deacans Vorschlag nach, dann fasste er einen Entschluss.
»Laden Sie einfach nur das Logbuch herunter, und falls es uns tatsächlich erwischt, dann geben Sie es bitte weiter. Alles andere muss meines Erachtens nicht sein, wenn Ser Hassan ohnehin demnächst hier auftaucht und die bösen Buben vertreibt... dann können wir unsere Familien auch selbst informieren.«
Hudson legte eine kurze Pause ein. »Und noch etwas. Ich verfasse nur sehr ungern Schriftstücke, die man als Nachruf bezeichnen könnte. Ich denke, das wir da ähnlicher Auffassung sind.«
In der Tat waren sich Deacan und Ser Hudson in diesen Punkt mehr als nur ähnlich, Deacan hatte sich lange Zeit strikt geweigert, irgendeine Art von Testament auch nur im Ansatz zu verfassen. Er wollte eigentlich zuerst sein Leben planen oder besser einfach nur leben, und da selbst das immer schwieriger wurde – wie sollte er da erst mit seinem Tod verfahren?
Der Chief kam wieder zum Vorschein, er klopfte sich ein wenig Staub vom Overall ab.
»Installiert ist es, ob es aber tatsächlich so funktioniert wie gewünscht, kann ich ohne weitere Tests nicht versprechen.«
»Wo wollen Sie eigentlich zuschlagen? Hier im System?«
Hudson nahm dem Techniker den Schraubenschlüssel ab, dann warf er einen langen und fragenden Blick auf Deacan.
»Ich glaube kaum, das es etwas bringen würde, hier jemanden von der ehrenwerten Gesellschaft zu befragen. Die Jungs in den Kiowanjägern hier sind sicher nicht das, was wir suchen. Nein, ich werde mich zum Ursprung der ganzen Geschichte begeben, zu ihrer jetzt abgesperrten Basis. Dort werde ich nach Antworten suchen. Und vielleicht sogar welche finden. Wer weiß?«
»Glauben Sie ernsthaft, dass man Ihnen dort Gehör schenken wird? Ich meine, Sie sagten gestern kurz, das Sie denen gewissermaßen die Türen vernagelt hätten. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, das Sie durch diese Aktion in deren Beliebtheitsskala auch nur ansatzweise nach oben geklettert sind.«
Auf Deacans Stirn erschienen ein paar Sorgenfalten, aber er behielt ein kleines Grinsen auf den Lippen bei.
»Mag sein. Aber ich denke, das ich die besseren Argumente habe. Zum Beispiel die Möglichkeit, die vernagelten Türen wieder zu öffnen.«
»Nicht wirklich, oder?«
Deacan blieb Ser Hudson auf diese Frage eine Antwort schuldig. Er wusste nicht, wie man im Heimatsystem der Kiowan auf sein erneutes Auftauchen reagieren würde – sicherlich nicht mit einer herzlichen Begrüßungszeremonie. Aber er war sich sicher, das es die Kiowan brennend interessieren würde, was mit ihren Kameraden hier geschehen war...
 

Deacan

Commodore
part 89

*

»Meine Damen, wenn ich mal eben eure Aufmerksamkeit haben dürfte – euer Plan für die kommenden Tage.«
Ser Gutenhal gab ein Datenpad an Teanna weiter, die es sofort in Augenschein nahm. Auf dem Display standen jede Menge an kleineren Flügen, hauptsächlich in Richtung Hades, also jenem Ziel, das für das weibliche Duo als Wunschziel galt... okay, nicht unbedingt das absolute Wunschziel, aber es war in den Augen von Teanna und Ivy der momentan sicherste Ort im gesamten Tri-System.
Teanna aber suchte intensiv nach einem Flug mit kleinem Zwischenstopp auf halber Strecke: Planet Anhur.
Sie wollte unbedingt der Spur nachgehen, die sie von Ser Hercs erhalten hatte. Zudem war man ja jetzt mit drei Jägern unterwegs und ein Kampf Drei gegen Einen war etwas, das Teanna einfach nicht ausschlagen wollte... sie sah ihre Chance und wollte sie unbedingt nutzen. Egal was Ivy dazu sagte oder ob Gutenhal dies gut heißen würde. Sie wollte diesen Piloten in seiner Heretic endlich vor die Geschütze bekommen.
Oder aber, was noch besser wäre: Sie wollte, dass er aufgibt. Und Fragen beantwortet. So oder so, in Teannas Kopf saß diese Idee auf einem fest verankerten Platz.
»Ivy? Ich sehe hier gerade eine Möglichkeit für einen kleinen Zwischenhalt auf Anhur... wäre die Möglichkeit, kurz zu verschnaufen, und nicht die vollen vier Stunden unterwegs zu sein. Von dort aus geht es dann weiter, schau mal hier...« Sie hielt das Pad in Richtung ihrer Partnerin. »...Zwei Shuttles wären dann zu eskortieren bis nach Hades. Was denkst du?«
Ivy legte ihre Stirn in Falten. Etwas lag wohl in Teannas Stimme, etwas, das Ivy nicht so ganz gefiel und in ihr die kleinen Alarmsirenen aufweckte.
»Anhur? Der Planet der Diplomaten und Politiker?«
»Genau. Irgendein Problem damit?«
Ivy sah ihrer Freundin skeptisch ins Gesicht.
»Nein, sicher nicht. Es ist nur so, dass du bislang immer einen riesigen Bogen um Anhur gemacht hast. Ich zitiere dich mal wortwörtlich: Anhur ist der beste Platz, um an chronischer Langeweile zu sterben. Na, erinnern wir uns daran?«
»Diesmal liegt die Sache etwas anders, ich denke halt nur an den Gewinn, den wir machen können. Zudem, wenn uns was passiert, dann gibt es keine besseren Werkstätten als jene auf Anhur. Du weißt doch noch, wer uns hin und wieder die gute Laune vermasselt, oder? Sollten wir nochmals auf diese Heretic stoßen, dann am besten im Anhur-System.«
Nette kleine Rede, hier war etwas oberfaul, da war sich Ivy jetzt endgültig sicher.
»Soso... gute Werkstätten also. Schon mal die Preise auf Anhur gesehen, liebste Teanna? Da vergeht dir der Wunsch nach Reparaturen sofort wieder.«
Die kleine Söldnerin zuckte nur mit den Schultern.
»Ich mag halt nicht die komplette Strecke fliegen, zumindest nicht am Stück. Ist das so schwer zu glauben?«
Gutenhal, der etwas abseits stand, legte sein ureigenes Grinsen auf.
»Wenn es unbedingt Anhur sein muss, dann kann ich helfen. Es gibt eine kleine unabhängige Werft auf dem Planeten, die für wenig Geld so ziemlich alles wieder instand setzt.
Und ich muss Sera Tasker zustimmen, die Strecke ist ein wenig arg lang. Etwas frische Luft würde uns ohnehin gut tun. Und das schließt Sie mit ein, Sera Banks.« Zwei Stimmen gegen eine, Ivy gab sich geschlagen.
»Also gut, Anhur. Aber ich will hinterher keine Meckereien hören, verstanden?«
»Aber sicher doch, liebste Ivy.«
Teanna bestätigte den Auftrag in Richtung Anhur und warf einen letzten Blick auf Ivy, der man deutlich ihren Missmut im Gesicht ansehen konnte. »Hey, Kopf hoch. Nächstes Mal bestimmt du das Reiseziel.«
Teanna stieß ihrer Freundin leicht in die Seite, doch eine Reaktion, wie sie sonst von Ivy üblich war, blieb aus. Etwas gefiel Ivy hieran ganz und gar nicht, ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus...

*

»Wir werden diesen Sprungpunkt hier verwenden.«
Deacan zeigte auf einen hellen Punkt auf der Navigationskarte. Seine Partnerin Venice beugte sich über das Display des Monitors.
»Das ist ein ziemlich langer Sprung. Und mein lieber Freund, er führt verdammt nahe an einigen Militärbasen vorbei.«
Sie tippte kurz auf das Display, mehrere weitere Punkte – diesmal mit blauer Färbung – leuchteten auf.
»Mag sein, aber wir sparen viel Zeit auf diese Weise. Und Zeit ist derzeit der entscheidende Faktor. Ich hoffe einfach mal auf unser Glück. Zudem ist die Sensorkennung von Schiffen innerhalb des Hyperraums recht schwach, es dürfte für unsere Kollegen von der Miliz kaum möglich sein, uns eindeutig im Vorbeiflug zu identifizieren.«
Venice atmete hörbar auf. Die Ärztin der Basis hätte ihr eigentlich bereits für die vergangene Mission Startverbot erteilen müssen – wenn sie eine Pilotin der Miliz gewesen wäre. Aber Venice war einfach eine Söldnerin und somit kein Befehlsempfänger der CIS. Hätte Deacan darauf bestanden, dass sie nicht fliegt, sie hätte es wohl auch abgelehnt und wäre ins Cockpit geklettert.
Und das, obwohl sie ja eindeutig unter dem Kommando des Privateer stand. Einzig Ser Arris schien der Pilotin wirklich etwas „befehlen“ zu können, zumindest klang das aus ihren Worten heraus.
Ein Zitat hätte wohl folgenden Wortlaut gehabt: Arris hatte sie beauftragt, Deacan zu begleiten. Und zwar egal wohin. Und egal in welchem gesundheitlichen Zustand sie sich befand. Und solange nichts anderes vom Clanführer gesagt wurde...
Es ging Deacans Begleitung wirklich nicht gut. Man konnte bei genauer Betrachtung deutlich sehen, dass sie noch immer Schmerzen hatte. Sie holte recht flach Luft und bewegte sich auch sehr vorsichtig, um ihre Rippen nicht zu sehr zu belasten.
Ser Hudson wohnte dieser letzten Besprechung unmittelbar vor dem Abflug der beiden Söldner bei, er hörte sehr interessiert zu und sah sich auch eingehend die Flugroute an.
»Ich sage das normalerweise nicht gern, aber Ihr Freund hat völlig recht, die Chancen, erwischt zu werden, sind sehr gering. Unsere Posten draußen decken nur den Normalraum ab, den Hyperraum lassen wir meist außen vor. Zuviel Aufwand, zu geringer Nutzen.«
Deacan warf einen Blick auf den Basiskommandanten.
»Ich bin erstaunt, selbst jetzt nach dem Fiasko hier im Petra-System bleiben Sie bei dieser Meinung?«
»Nur sehr wenige Menschen besitzen derartig umfangreiches Kartenmaterial wie Sie und Ihre Partnerin. Aus diesem Grund ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand einen nicht kartographierten Sprungpunkt benutzt.
Und selbst die Kiowan, also ihr sogenanntes Fiasko, besitzen höchstens Kenntnis über die Lage von zwei oder drei derartigen Punkten im Raum, die sicherlich allesamt im Petra-System liegen. Wie gesagt, zuviel Aufwand, zu geringer Nutzen. Haben Sie schon einmal einen Hyperraumscanner gesehen? Oder wissen Sie, wie teuer so ein Teil ist?«
Deacans Blick schwenkte von Ser Hudson auf Venice, die umgehend das Gespräch weiter führte.
»Der Mann hat wohl recht. Selbst ich weiß fast nichts über instabile Sprungpunkte oder ähnliche Dinge. Ich werde auch nur im Bedarfsfall darüber informiert.«
Die Augen von Venice funkelten. »Aus deinem Blick entnehme ich, dass du mir nicht unbedingt glaubst. Aber sei dir bitte sicher, es ist so. Bis vor wenigen Tagen hatte ich nicht einmal eine blasse Ahnung, dass es Sprungpunkte gibt, die mehrere Sektoren durchqueren können. Sieht man mal von den paar offiziellen Langstreckentunneln ab, für die man auch noch zahlen muss.«
Im Tri-System existierten insgesamt sechs solcher Langstreckenverbindungen, die Benutzung kostete die Kleinigkeit von zweihundert Credits – pro Sprung wohlgemerkt. Die hochoffizielle Bezeichnung für diese Tunnel lautete Systemsprungtor und gerade die CCN verdiente ein wahres Vermögen an diesen Abkürzungen.
»Wie weit ist der Chief?«
Hudson richtete sich auf.
»Wie man es nimmt. Er hat die Teile eingebaut, die Sendeleistung ist zwar recht schwach, aber für Ihre Zwecke wohl völlig ausreichend.«
»Hauptsache; man hört mir zu, mehr will ich gar nicht.«
»Nun, Sie werden wohl oder übel die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zwei Blades machen das System dicht, zwei Blades tauchen wieder auf und die Piloten dieser Höllenmaschinen wollen nur reden.«
»Sie werden schon zuhören... zumindest dann, wenn sie die Bilder gesehen haben, die wir aufgezeichnet haben.«
Ja genau, die Bilder. Diese unbeschreiblichen Bilder aus dem Nachbarsystem...
Hudson griff als erster den Gesprächsfaden wieder auf.
»Meine Piloten bestanden übrigens darauf, Ihnen das hier zu geben.«
Er griff in seine Jacketasche und zog etwas hervor, das Deacan erst auf den zweiten Blick identifizieren konnte – eine sogenannte Dienstspange der CIS. Jeder Pilot der Miliz bekam eine solche silberne Spange für den ersten erfolgreichen Einsatz verliehen, sie wurde dann sichtbar an der Uniform getragen.
Der Privateer zeigte sich sichtlich erfreut über diese kleine Aufmunterung der etwas anderen Art.
»Vielen Dank.«
»Wir haben zu danken. Sie haben die Moral der Leute wieder auf ein vernünftiges Level gebracht. Und das, obwohl Sie nicht zu uns gehören, Ser Unbekannt.«
Ein schiefes Lächeln lag in Hudsons Gesicht, dann fügte er noch eine Bemerkung hinzu. »Ich weiß, ich weiß... Sie waren niemals hier. Richtig?«
Deacan nickte.
»Wir hören uns. In naher Zukunft.«
Dann reichte er Ser Hudson die Hand.
»Davon bin ich fest überzeugt. Und Sie sollten jetzt gehen... die Zeit läuft Ihnen ansonsten davon. Viel Glück...«
 

Deacan

Commodore
part 90

*

Die Agentin stand vor ihrem Jäger und starrte recht ratlos auf das riesige Unikum, in das sie in wenigen Minuten klettern sollte.
Eigentlich wollte sie ja in ihre Aurora steigen, mit dieser Maschine hatte sie jahrelange Erfahrungen sammeln können... aber die geringe Kampfkraft machte diesen leichten Jäger nicht unbedingt zum idealen Gefährt für die kommende Schlacht. Unwillig öffnete sie das Cockpit des Jägers. Der erste Blick zeigte bereits, warum man diesem Jäger den Spitznamen „Tank“ gegeben hatte, die Seiten des Cockpits waren mit schweren Titanplatten verstärkt.
Insgesamt fiel wohl die Form des Jägers am meisten auf, er war völlig asymmetrisch. Cockpit und Waffenschacht lagen nebeneinander, normalerweise waren die Geschütze und Raketenaufhängungen unter dem Rumpf oder an den Tragflächen angebracht – nur dieser Jägertyp hier war eine Ausnahme. Manleys Blick wanderte einmal vom Bug zum Heck der Maschine, dann kletterte sie ins Cockpit. Sie griff zum Steuerknüppel, bewegte diesen kurz in alle Richtungen. Extrem kurze Steuerwege... ein weiterer Unterschied zur Aurora.
Manley griff sich das Headset, das auf dem Instrumentenbrett lag und setzte es auf. Ein kleines, am Headset angebrachtes Visier klappte sich automatisch nach vorn und positionierte sich somit vor dem linken Auge der Agentin.
»Wow! Das ist ja mal interessant.«
Eine kleine Kamera in der Rumpfnase des Jägers ging online. Sie lieferte ihre Aufnahmen an das Visier am Headset. Zunächst sah die Agentin alles nur verschwommen, dann jedoch wurden die Bilder klar und scharf. Ein junger Techniker kam ihr vor die Linse. Manley sah intensiv auf sein Gesicht und die Kamera zoomte nach wenigen Augenblicken dichter an das menschliche Ziel heran... dann glitt der Blick der Dame etwas weiter abwärts, Richtung Hintern des Opfers...
»Wie ich sehen kann fangen Sie an, unsere Technik doch noch zu mögen, Sera Manley.«
Moment, diese Stimme war so vertraut... Manley nahm das Headset ab und sah in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Es war Ser Staring, die Hände tief in den Taschen seines Overalls vergraben.
»Staring? Ich dachte, Sie wären auf Hades?«
Staring trat ein paar Schritte näher an den Jäger heran.
»Dort wäre ich auch liebend gerne geblieben, aber die Truppenmobilmachung der CIS hat leider keinen Bogen um mich machen können. Zudem... diese schweren Babys hier brauchen viel Pflege und gute Techniker.«
Staring wies mit dem Kopf in Richtung der anderen Jäger im Hangar. Manley sah wieder auf die Armaturen.
»Die Technik ist mir vertraut, aber die Leistungsparameter nicht. Ihre Hilfe ist also willkommen.«
Staring holte seine Mütze aus seinen Overall hervor, er setzte sie auf und schob sie tief in den Nacken zurück.
»Dieses süße Stück Stahl ist nicht schneller als Ihre Aurora, aber die Schilde haben nahezu die dreifache Kapazität. Sie fliegt sich nicht unbedingt leicht und dreht nur schwer um die Längsachse, aber das finden Sie schnell nicht weiter störend. Wichtig sind die Waffen, eine volle Salve zerreißt jedes Ziel, aber die Energie reicht höchstens für vier, vielleicht fünf solcher Feuerstösse in schneller Folge. Also bitte auch treffen, was Sie vor den Lasern haben.«
»Energiereserven?«
»Laden sich recht schnell wieder auf. Zudem warten vier hübsche Torpedos auf ihre Ziele... ich denke, Sie werden Ihren Spaß damit haben, Sera Manley.«
Staring legte eine kurze Pause ein, dann stellte er eine Frage, auf die Manley nicht unbedingt vorbereitet war. »Was macht eigentlich Ser Tron?«
Manley zuckte zusammen, als dieser Name fiel. Sie überlegte kurz.
»Ser Tron ist... tot.«
Staring senkte den Blick.
»Sorry, das wusste ich nicht. Wann – nein, ich möchte das besser nicht wissen. Ich hoffe nur, dass er im Cockpit war, als es passierte.«
Manley nickte.
»Ja, er saß im Cockpit. Der Tod eines Privateer, so wie er sein sollte. Im Gefecht...«
»Und seine Partnerin?«
»Sera McCumber lebt und ist auf Serca, sie arbeitet weiterhin dort für unsere Sache. Aber eben auf festem Boden...«
Staring nickte verständnisvoll und wechselte das Thema.
»Na ja. Wie auch immer, ich schätze mal, dass ich zumindest diesen einen Jäger hier in gute Hände gebe... bitte bringen Sie die Maschine in einem Stück wieder mit. Das gilt übrigens auch für Sie, Sera Manley. Ich will Ihren Namen auf keiner Verlustliste sehen, verstanden?«
Manley schenkte dem Techniker ein kleines Lächeln, dann lehnte sie sich in ihrem Pilotensitz zurück. In wenigen Minuten würde sie zeigen müssen, was in ihr steckte – oder besser in diesem Jäger hier.
Ser Staring klopfte gegen die Bordwand des Jägers. »Es wird schon funktionieren. Bleiben Sie einfach nur in Bewegung und passen Sie auf Ihre Flügelmänner auf und Sie werden überleben.«
»Ich will nicht einfach nur überleben, Ser Staring.«
»Sondern?«
»Siegen. Für einen lieben Freund...«
Manley schloss das Cockpit, legte die Gurte an, dann schloss sie kurz ihre Augen. In Gedanken tauchten ein paar Bilder auf, einige Gesichter traten aus ihrer Erinnerung hervor...
Jeder Schuss, jeder Treffer ist für Sie, Ser Tron. Nichts soll uns jetzt noch aufhalten...

*

Der kurze Schub drückte Deacan in den Sitz seines Jägers und nur Sekunden später hatte er den schützenden Hangar der alten Basis verlassen. Venice war bereits gestartet und wartete draußen auf ihren Partner, der sie schnell einholte und sich dann an ihre rechte Flanke begab.
»Wie sagt man es doch so schön? Der Täter kommt oft an den Ort seiner Tat zurück.«
Venice sah kurz auf die neben ihr fliegende Blade.
»Venice, ich bin auch nicht sonderlich begeistert von meiner eigenen Idee, aber wie gesagt, hier stimmt etwas nicht. Und ich glaube, die Antworten im Hause der Kiowan selbst zu finden.«
»Zumindest haben wir gewissermaßen den Schlüssel für den Hof der Kiowan dabei... und du willst denen ernsthaft ihre Bewegungsfreiheit wiedergeben?«
Deacan zögerte kurz.
»Sagen wir, ich spiele mit dem Gedanken. Noch ist es aber nur ein Gedanke.«
Ein leises Lachen war im Headset zu hören.
»Bitte sag mir Bescheid, wenn dein Gedanke in die Tat umgesetzt wird. Ich möchte dann so weit wie möglich weg sein – und zwar von jedem Kiowan.«
»Das heißt, du verlässt das Tri-System?«
Jetzt war es Venice, die laut lachen musste...
Der recht kurze Weg bis zum ausgesuchten Sprungpunkt verlief reibungslos, weder auf den Sensoren noch mit den bloßen Augen waren für Deacan oder Venice irgendwelche Feinde auszumachen... nicht, dass sie deswegen bekümmert waren, im Gegenteil. Weniger Ärger bedeutete mehr Zeit für wichtigere Sachen.
Etwa fünfzehn Minuten nach ihrem Start wechselte das Team in den Hyperraum, vor ihnen lag ein langer Flug in völliger Finsternis. Die gewählte Route war zwar instabil, aber wesentlich kürzer als der normale Weg über die gewöhnlichen Routen.
Zwei Stunden Flugzeit hatte der Bordrechner veranschlagt... und der Endpunkt der Reise würde in die direkte Nähe der abgeriegelten Kiowanbasis führen.
Nur einen einzigen Sprung war diese dann noch entfernt...

*

»Da drüben steht die Mühle. Nicht unbedingt fabrikneu, aber auch nicht wirklich alt.«
Ivy wies mit einer Kopfbewegung auf die kleine Skecis, die einsam vor einem Hangar stand.
»Der Chip?«
»Der ist bereits eingebaut und funktioniert sogar, haben wir schon getestet. Die ID stimmt zu einhundert Prozent mit deiner überein.«
Teanna sah auf ihre Freundin, dann wieder auf den kleinen Jäger.
»Ist lange her, dass ich ohne Begleitung unterwegs war...«
»Ohne Begleitung? Hallo? Ich bin doch da, okay – vielleicht nicht unbedingt so nahe, aber ich bin trotzdem in deiner Nähe.«
Teanna zog die linke Augenbraue etwas in die Höhe.
»Du weißt schon, wie ich das meine...«
Sie stieß ihrer Freundin leicht in die Seite, die quittierte die Geste mit einem kleinen Lächeln. »Wo steckt eigentlich unser Goliath?«
»Der ist noch unterwegs, er will ein paar seiner Raketen austauschen. Bei dem Ärger, der uns immer wieder am Hacken klebt, ist das gar keine so schlechte Idee. Immerhin steht er jetzt auch mit in der Schusslinie. Teanna?«
Ivy bemerkte, dass ihre Freundin wohl gerade sehr weit weg war – in Gedanken natürlich nur.
»Was? Sorry, aber ich habe dir eben nicht richtig zugehört.«
»Darf ich fragen, in welcher Bar dein süßer Verstand eben parkte?«
»Keine Bar, ich dachte gerade über etwas nach. Mein Dad besaß einen eigenen Jäger, eine hochgerüstete Danrik. Und diese Maschine ist meines Erachtens nicht auf Petra, sondern dürfte noch immer in einem Hangar auf Hades stehen.
Mein alter Herr flog damit ab und zu ein paar Runden während seiner kurzen Besuche dort, immer in den Pausen der Lagebesprechungen, beziehungsweise kurz vor der Heimreise zu diesem öden Stück Fels namens Petra. Wir sollten uns den Jäger holen. So gesehen gehört die Kiste ja jetzt mir.«
»Und dann?«
»Weiß noch nicht. Vielleicht verkaufen, vielleicht behalten. Abwarten, was kommt. Es ist halt nur ein kleiner Gedanke am Rande.«
Ivy sah ihre Freundin eingehend an und sie begann zu ahnen, dass sie erst jetzt langsam aber sicher in einen recht gefährlichen emotionalen Zustand kam – das Wissen um die Einsamkeit, vielleicht gefolgt von Trauer.
Auch wenn sie ihren Vater angeblich nicht wirklich mochte, so verband sie dennoch viele Erinnerungen an die Zeit mit ihm. Eigentlich sollte Teanna in diesem Zustand nicht fliegen. Schon gar nicht alleine... Diese Gedanken an ihren Dad lenkten Teanna ab, und wenn man etwas niemals im Cockpit tun sollte, dann war es träumen. Eine einzige Sekunde der Unachtsamkeit konnte einen leicht das Leben kosten...
Ivy wurde bewusst, dass ihre Verantwortung gegenüber ihrer Freundin soeben um einige Punkte nach oben geklettert war und jetzt machte sich die Idee mit der zweiten Skecis bereits bezahlt...
 

Deacan

Commodore
part 91

*

Die Kampfgruppe fiel nahezu zeitgleich aus dem Hyperraum und bot einen recht imposanten Anblick. Die riesigen Trägerraumschiffe schwenkten umgehend in Richtung des kleinen Planeten ein, flankiert wurden sie von etlichen kleineren Zerstören und Schlachtschiffen.
Bewegung kam ins Spiel, die Träger öffneten ihre Hangartore und entließen aus ihrem Inneren unzählige Jäger ins All.
Wie ein gigantischer Schwarm wilder Wespen entfernten sich die ersten Jägerwellen vom Rest der Gruppe. Allesamt schwere Maschinen und alle flogen in enger Formation, um sich gegenseitig Deckung zu geben.
»Hier spricht Ser Hassan. Alle Jäger in Angriffsposition. Die Schlachtschiffe Repulse und Eclipse sollen die rechte Flanke decken, die Monitor übernimmt die linke Seite. Träger auf halbe Kraft, halten wir sie aus den Gefechten nach Möglichkeit heraus. Ihnen allen viel Glück. Hassan Ende.«
Die Befehle Hassans wurden umgehend in die Tat umgesetzt, die Gruppe begann sich zu teilen.
»Schon etwas auf den Sensoren?«
Manley warf einen kurzen Blick auf ihren Flügelmann, der für ihren Geschmack fast schon etwas zu nah neben ihr flog.
»Radar negativ. Aber die optischen Sensoren können Bewegungen ausmachen, etwas kommt aus dem Orbit des Planeten auf uns zu. Mehrere kleinere Objekte.«
Manley klappte das Visier am Headset herunter... Mehrere Objekte? Nein, das dort waren hunderte von Jägern, die in der Nähe des Planeten Petra gewartet hatten. Und sie kamen alle immer näher...
»Team Echo und Delta, Sie müssen unter allen Umständen einen Durchbruch schaffen, verstanden? Die leichteren Jäger hinter uns in der zweiten Welle sollen hauptsächlich auf ihre Raketen zurück greifen. Keine unnötigen Risiken. Und halten Sie alle die Augen offen.«
Manleys Puls schoss in ungekannte Höhen. Sie betrat gerade so etwas wie Neuland. Noch nie zuvor hatte sie aktiv an einer Schlacht mit derartigen Ausmaßen teilgenommen.
Aber hatte das überhaupt schon jemand aus ihrer Gruppe getan? Manley erinnerte sich, dass Ser Hassan einmal etwas in dieser Richtung erzählt hatte, er nannte es die letzte große Schlacht gegen den Clan... sie selbst war damals nicht dabei gewesen, ihr geringer Dienstgrad und ihr Schreibtischjob zu jener Zeit hatten ihr die Teilnahme unmöglich gemacht. Eine Stimme im Headset riss sie wieder in die Gegenwart zurück.
»Gegner fast in Reichweite unserer Raketen. Abschuss vorbereiten.«
Manleys Hände umklammerten regelrecht das Steuer.
»Noch warten... noch warten...«
Die Stimme im Headset klang gedehnt, der Sprecher wollte offenbar sicher stellen, dass die Raketen auch ihr Ziel erreichen würden. »Warten... und los!«
Eine Wolke aus todbringenden Geschossen löste sich von den Jägern und flog unbarmherzig auf die Gegner zu. Weitere Raketenwellen folgen im Sekundentakt, viele jagten nur wenige Meter über Manleys Maschine hinweg. Die Rauchfahnen der Raketen versperrten jede Sicht auf die Front der Kiowan, dann sah man erste Explosionen... und die verrieten bereits die ersten Volltreffer.
Die schweren Militärjäger jagten weiter vorwärts, sie folgten der Flugbahn der Raketen.
Wieso feuerten die Gegner keine Raketen ab? Oder hatten sie etwa die Order erhalten, damit zu warten, bis man noch näher gekommen war? In Manleys Kopf verflogen diese Fragen innerhalb von Sekunden wieder. Nicht unnötig zögern und nachdenken, sondern handeln. Dies hier musste funktionieren, oder es würde weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen.
Eine Krell tauchte unmittelbar vor Manleys Augen auf, dann eine weitere, dann noch eine. Die Kiowan flogen nicht mehr frontal auf das Militär zu, sondern sie teilten sich in mehrere Gruppen auf. Die Agentin drückte auf den Auslöser für ihre Bordgeschütze, diese blitzten hell auf und schleuderten ihre volle Energie auf die Gegner. Eine Krell wurde von der Salve durchschlagen, steuerlos schoss der Jäger auf Manleys Maschine zu. Eine weitere Salve löste sich aus Manleys Geschützen, wieder zerfetzten die Energiestöße riesige Teile des Gegners, aber noch immer rasten die Trümmer in ihre Richtung.
»Formation lösen! Ausweichen!«
Die Agentin schrie ihre Befehle regelrecht ins Headset. Sie selbst drückte den Steuerknüppel nach unten, senkte auf diese Weise die Nase ihrer Maschine nach unten und wich den Trümmerteilen aus, die nur ihre Schilde berührten und diese kurz aufglühen ließen. Ein weiterer Gegner flog vor ihr Cockpit, eine Vector. Wieder sorgten ihre Geschütze dafür, dass der Kiowan nur noch Sekunden zu leben hatte...
Manley versuchte sich ein Bild zu machen, sie versuchte so etwas wie einen groben Überblick zu bekommen – sinnlos, egal wo man hinsah, überall flogen Kiowan und die Jäger der CIS wild durcheinander... Etwas raste an ihrem Jäger vorbei und traf den Kiowan, den sie eigentlich gerade ausschalten wollte.
Für eine Rakete war dieses „Etwas“ aber zu schnell und für eine Salve aus einem Jägergeschütz zu hell gewesen. Ein kurzer Blick nach hinten sorgte schnell für Klärung, die Repulse hatte das Schlachtfeld erreicht und ihre gewaltigen Geschütze begannen damit, regelrechte Löcher in die Wellen der Kiowan zu schlagen.
Etwas abseits vom Kampfgeschehen flogen die Träger der CIS in enger Formation, geschützt durch eine größere Anzahl leichter Jäger, die einen Abwehrgürtel für die Großkampfschiffe bildeten und sich vorerst aus dem Gefecht heraus halten sollten. Die Spitze dieses Verbandes stellte der Träger Fearless, das persönliche Flagschiff von Ser Hassan, der auf der Brücke seines Schiffes stand und der Schlacht am Monitor beiwohnte.
»Wie viele sind es?«
»Schwer zu sagen, unseren Leuten zufolge etliche hundert, eine weitere, weitaus größere Anzahl wartet noch außerhalb der Kampfzone. Wir konnten auch schon einige Kreuzer ausmachen, hier und hier.«
Der Brückenoffizier markierte mit seinen Fingern auf dem Monitor einige Punkte, Ser Hassan folgte seinen Ausführungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit.
»Gut, das sind dann die nächsten Ziele, geben Sie das an die Teams Echo und Delta weiter. Sagen Sie der Repulse, dass sie sich so nahe wie möglich bei unseren schweren Jäger aufhalten soll – diese Leute brauchen die Feuerunterstützung dringend.«
»Ja, Ser.«
Hassans Blick heftete sich an den Monitor. Welle auf Welle der Kiowan stürzten sich auf die Milizkräfte... doch hielten die schweren Jäger der CIS dem Ansturm recht gut stand.
»Ser Hassan? Wir haben hier einige Kontakte, die definitiv nicht von den Kiowan stammen. Sie sind wohl eben vom Planeten aus gestartet. Identifikation läuft noch, aber von den geringen Energiesignaturen her sind das Jäger. Söldner wohlmöglich.«
Söldner? Hier?
»Ich brauche Gewissheit, keine Vermutungen.«
Hassan sah seinen Untergebenen scharf an. Der Brückenoffizier schwieg für einige Augenblicke, dann bestätigte er seine Aussage.
»Es sind Söldner. Ich zähle hier mehrere schwere Jäger, Typ Danrik, Freij und Heretic... sie haben ihre ID deaktiviert, aber sie sind deutlich auf unseren Radar und den optischen Scannern zu erkennen. Irrtum ausgeschlossen.«
Hassan warf jetzt selbst einen Blick auf diese Daten.
»Welches Ziel haben diese Maschinen?«
»Zumindest fliegen sie nicht in die Kampfzone, sondern bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit von uns weg. Richtung drei-sechs-drei. Dort ist aber kein Sprungpunkt.«
»Kein eingetragener Sprungpunkt wollten Sie wohl sagen.«
»Ähm, ja Ser. Kein eingetragener Sprungpunkt.«
Hassan zog die Stirn in Falten. Es gab also Söldner im Petra-System, noch dazu schienen sie völlig unbehelligt von den Kiowan zu bleiben. Wer leistete hier für wen Unterstützung? Hassan fällte eine schnelle Entscheidung.
»Schicken Sie ein Team mit leichten Jägern hinterher. Keine Kampfhandlungen, ich will nur wissen, wohin die Reise geht und nach Möglichkeit einen direkten Scann ihrer Jäger.«
»Sofort, Ser Hassan.«
Der Offizier suchte kurz nach einer geeigneten Jägerstaffel, dann gab er den Auftrag weiter. »Staffel Bravo, folgen Sie umgehend diesen neuen Zielen, die zugehörigen Daten werden Ihnen jetzt gesendet. Keine offensiven Manöver, nur Scann und Zielbestimmung.«
Die Staffel bestätigte ihren Auftrag und flog mit Höchstgeschwindigkeit den Söldnerschiffen hinterher...

*

»Verdammt! Wieso zum Henker funktioniert das nicht?«
Seit über einer Stunde schon versuchte Chyna die Codierung des MACS zu knacken, das man ihr gegeben hatte. Es war Dawsons Datenspeicher, der da vor Chyna auf dem Schreibtisch lag, Ser Hassan hatte ihr kurz erklärt, was genau passiert war. Und dass er und Sera Manley jetzt zusammen mit den Streitkräften der CIS unterwegs waren...
Sera McCumber hatte das Krankenbett gar nicht schnell genug wieder verlassen können und innerlich war sie mehr als nur froh, aus der offiziellen Schusslinie heraus gekommen zu sein.
Sie hatte noch immer den Tod von Ser Parker vor Augen und die Erinnerung an die Hetzjagd durch das Treppenhaus des Hotels war auch noch lange nicht verblasst.
Und dann war da noch der Verlust eines lieben Freundes – Ser Tron.
Deacan... er war fort, alles was von ihm blieb waren ein paar Erinnerungen an schöne Stunden mit einem besonderen Menschen. Sie selbst war alles andere als ein Fliegerass... und sie war der CIS dankbar dafür, dass man sie vor weiteren Einsätzen im All verschonte.
Chyna erinnerte sich noch sehr genau daran, wie Dawson ihr MACS zu aktivieren pflegte – per Fingerabdruck und nachfolgend mit einer kurzen Sequenz aus Buchstaben.
Nur was Dawson da genau eingab, das hatte Chyna nie sehen können. Und somit glich die Arbeit der Decodierung einem großen Puzzlespiel. Die CIS hatte inzwischen auch die Überreste von Dawsons Jäger auseinander genommen und sämtliche Datenmodule und Speicherchips beschlagnahmt.
Zwischen einem MACS und dem Datenspeicher des zugehörigen Jägers gab es zumeist eine gemeinsame Schnittstelle, einen speziellen Übertragungskanal. Und diesen musste man nur aktivieren... Hatte man diese Frequenz erst einmal gefunden, war alles andere recht einfach.
Chyna benutzte einen kleinen Handscanner und hatte bereits ein gutes Drittel aller in Frage kommenden Frequenzen ausprobiert – bislang aber ohne Ergebnis. »Na gut, dann auf ein Neues...« Leise sprach sie diesen Satz vor sich hin, innerlich hoffte sie aber, schnellstens an das Datenmaterial von Sera Dawson zu gelangen. Denn diese Dame konnte mit Gewissheit viele Fragen beantworten.
»Darf ich eben stören?«
Ein junger Kommunikationsoffizier betrat Chynas Zimmer, er hatte offenbar an die Tür geklopft, sie hatte es aber im Arbeitseifer völlig überhört. Jetzt schreckte sie kurz von ihrer Tätigkeit hoch.
»Was... ähm, ja sicher. Was gibt es denn?«
Der Mann legte ein weiteres MACS auf den Tisch, zusammen mit weiteren Speichermodulen. Chyna sah leicht verärgert in das Gesicht des Offiziers. »Noch mehr Arbeit? Ich bin froh, wenn ich allein das hier decodiert bekomme.«
Ihr Gast schüttelte den Kopf.
»Aber nein, das hier soll Ihnen nur helfen. Dieses MACS stammt von Dawsons seltsamem Weggefährten. Es war nicht verschlüsselt... vielleicht finden Sie ja darin die Frequenz, die wir suchen. Wir haben den Inhalt bereits überspielt und werten das Material gerade aus. Genauer gesagt werte ich es aus. Wie sieht es aus, ist jemand wie ich an diesem Tisch hier willkommen?«
Chyna lächelte, dann machte sie eine einladende Geste und zeigte auf einen leeren Stuhl.
Der Offizier nahm darauf Platz, dann griff er in seine Jackentasche. Zum Vorschein kam ein weiterer kleiner Handscanner vom gleichen Typ wie Chyna ihn benutzte. »Geteilte Arbeit ist halbe Arbeit. Welchen Frequenzbereich haben Sie denn schon geprüft?«
 

Deacan

Commodore
part 92

*

Manleys Jäger kassierte etliche Volltreffer, aber die leichten Energiewaffen der angreifenden Kiowan besaßen nicht die Durchschlagskraft, um der Maschine wirklich schaden zu können.
Die Agentin zählte inzwischen auch nicht mehr mit, es waren einfach zu viele Gegner, die bereits Bekanntschaft mit ihren Bordwaffen gemacht hatten. Im Headset klangen vereinzelt Stimmen aus der Masse heraus, Manley versuchte, möglichst viel von der internen Kommunikation der CIS zu hören.
»Echo Vier an Staffelführer, haben Sie auch so ein vereinzeltes Signal auf Ihren Radar?«
Eine kurze Pause, dann erfolgte die Antwort.
»Positiv. Ich sehe es auch. Und es kommt von den Kiowan. Es hat den Anschein, als würden unsere Freunde hier ihre Tarnung verlieren.«
Moment, hatte Manley das richtig verstanden?
»Sera Manley an Staffelführer Echo, bitte bestätigen Sie nochmals.«
Umgehend kam eine Antwort.
»Eindeutig positiv. Tarnung ist nicht mehr perfekt! Einige Jäger der Kiowan scheinen Probleme mit ihrer Signalabschirmung zu haben, Ursache ist unbekannt.«
Am liebsten hätte Manley einen Freudensprung gemacht, zum Glück aber hielten die Gurte im Cockpit sie davon ab.
»Geben Sie das umgehend an die Flottenleitung weiter. Und nicht nachlassen!«
Die Agentin schwenkte eine neue Flugrichtung ein, sie jagte einigen leichten Jägern des Feindes nach.
Ein kurzer Blick nach rechts genügte – ihr Flügelmann hatte die neue Richtung erkannt und Manleys Manöver einfach nachgemacht. Gemeinsam entledigte man sich des kleinen Ärgernisses vor dem Fadenkreuz, die erste Salve des Flügelmannes schaltete die Schilde der Gegner aus und Manley erledigte den Rest. Wieder einer weniger, und noch einer...
Eine Vector kam in Sichtweite, und dieser Gegner eröffnete das Feuer. Die Salven schlugen auf die Schilde von Manleys Jäger ein, aber sie hatten keinen wirklichen Effekt.
Manley revanchierte sich kurzerhand mit den eigenen Geschützen. Zu ihrer Überraschung zeigten jetzt aber ihre Salven keinerlei Wirkung am Gegner. Dafür glühten die Schilde der Feindmaschine seltsam auf... Warpschilde! Kein Zweifel, dieser Kiowan verfügte über Warpschilde. Kaum ein Söldner konnte sich etwas derartig teures leisten – und hier flog ein kleiner, lausiger Pirat damit herum.
Manleys Gesichtsausdruck nahm einen leicht verärgert wirkenden Charakter an. Warpschilde gaben einem Jäger nur für wenige Sekunden Schutz vor Energiewaffen und Raketen jeglicher Art, und diese paar Sekunden konnte sie auch noch abwarten.
Also war diese Vector hier im Fadenkreuz gleich als nächste fällig.
Etwas löste sich von der gegnerischen Maschine und flog frontal auf den schweren Milizjäger zu. Es handelte sich um eine kleine Mine, Manley vermutete eine einfache Version mit Aufschlagzünder. Doch dieses Ding agierte anders, es detonierte einige Meter vor Manleys Jäger.
Und plötzlich spielten sämtliche Instrumente im Jäger der Agentin verrückt. Die komplette Instrumententafel wurde dunkel, die Steuerung war ebenso weg. Erst Warpschilde, jetzt eine Virusmine?
Das sicher geglaubte Ziel verschwand aus Manleys Sichtfeld, einige Piloten aus ihrer Staffel erkannten umgehend die gefährliche Situation für die Pilotin und nahmen eine defensive Position um ihren Jäger herum ein. Aus dem riesigen Jäger der CIS wurde jetzt schlagartig ein leichtes Ziel...
Was jetzt im Cockpit folgte entsprach zu einhundert Prozent dem offiziellen Handbuch der CIS und wurde in der Akademie immer wieder bis zum Erbrechen trainiert.
Manley aktivierte die Notsysteme und den Zusatzbordcomputer. Umfangreiche Aufgaben konnte dieses System nicht ausführen, es war auch nur dazu da, um eine Art Backup der Steuersoftware wieder in den Hauptrechner zu überspielen. Allerdings dauerte dies einige Sekunden, und selbst danach liefen diverse System ihres Jäger nicht mehr mit voller Leistung. Um Hilfe konnte die Agentin auch nicht bitten – der Bordfunk war offline.
Manley konnte nur auf ihre Flügelmänner hoffen und beten, dass die Kiowan sie nicht zum Hauptziel erklären würden. Auch die Repulse näherte sich der Position des manövrierunfähigen Jägers, unter ihrem schützenden Geschützfeuer begann Manley, sich wieder etwas sicherer zu fühlen.

*

Nachrichten verbreiten sich bekanntlich sehr schnell.
Und im Tri-System sorgten die unzähligen Medienbüros dafür, dass nahezu nichts undokumentiert und unkommentiert blieb. Jede Regung oder Ansprache eines Senators, jede Entscheidung der Regierung oder auch nur jeder neue Geschwindigkeitsrekord eines Privateer – nichts blieb vor den Augen und Ohren der Reporter auf Dauer verborgen.
Seit Tagen bereits beherrschte ein Thema alle Kanäle, und zwar die Abriegelung des Petra-Systems.
Beobachter hatten zudem den gewaltigen Militäraufmarsch im Serca-System registriert. Das totale Schweigen der CIS hierzu, die zunehmende Ratlosigkeit der Politik und die seltsame Haltung eines einzelnen Senators namens Ser Angus Santana... all dies musste zwangsläufig dazu führen, dass einige Leute begannen Fragen zu stellen.
Jeder Mensch im Tri-System, der vor einem Monitor saß und gerade einen der vielen Nachrichtenkanäle eingeschaltet hatte, wurde automatisch zum Augenzeugen dieser Fragen. Aus den Fragen wurden wiederum Rückschlüsse gezogen, die dann zumeist in wilden Spekulationen gipfelten...
Eine Person hatte zu einer Pressekonferenz geladen und viele kamen. Diese Person war an sich keine wirkliche Berühmtheit, aber in der Vergangenheit hatte eben diese Person dafür gesorgt, dass es im Tri-System so etwas wie Ordnung gab. Diese Ordnung basierte schlicht und einfach gesagt auf Gewalt, auf genehmigter und sogar bezahlter Gewalt, ausgeführt von Privateers.
Der Name dieser Person: Ser Kyle Ricards.
Was dieser Mann tatsächlich zu sagen hatte oder wie wichtig seine Worte waren, das wusste derzeit noch niemand. Ricards aber hatte in den Einladungen an die Presse von großen Dingen gesprochen, von großen Aufgaben, von falschen Entscheidungen und Fehlern der Regierung und des Militärs.
Grosse Töne war man eigentlich durchaus von Ser Ricards gewohnt, zumindest was seine Gilde und die Erfolge seiner Leute anging... aber das hier klang eher nach einem Schlagabtausch im Großformat.
Ricards hatte während seines Fluges zum Planeten Hades seinen Wunsch nach einer „Aussprache der Wahrheiten“, wie er sein Vorhaben offiziell nannte, an mehrere Sender übermittelt und diese dazu ermuntert, diese Nachricht ruhig an andere Medienbüros weiterzugeben. Auf diese Weise konnte sich der Gildenführer sicher sein, dass jeder im Tri-System innerhalb kürzester Zeit seine Rede hören würde...
Seine „Offenbarung“ wollte der Gildenführer unter freiem Himmel abhalten, seine Leute hatten eine größere Bühne aufgebaut, davor standen in mehreren Reihen Stühle. Und diese Sitzreihen füllten sich innerhalb von wenigen Minuten, etliche Reporter mussten stehen und säumten das Geschehen.
Leise war es auch nicht, viele der Anwesenden waren bereits dabei wilde Spekulationen zu äußern, andere standen per MACS mit ihren Sendern in Verbindung, andere waren in Lektüre vertieft – Ricards hatte eine allgemeine Liste seiner Erfolge und seinen Lebenslauf unters wartende Volk gebracht.
Als der Gildenführer dann auf der Bühne auftauchte verstummte sofort die Menge, dafür gingen etliche kleine Kameras online. Ricards stellte sich an einen kleinen Tisch, seinen Stuhl schob er etwas nach hinten. Er wollte offenbar nicht sitzen und es hatte den Anschein, dass er seine ganze Körpergröße brauchen würde, um seiner Rede oder besser deren Inhalt den notwendigen Nachdruck zu verleihen. Ricards hatte zudem kein Skript dabei, er wollte keine vorgefertigte Rede präsentieren...
Er holte tief Luft, dann begann er mit lauter Stimme zu reden.
»Meine Damen und Herren, Sie als Vertreter der Medien im Tri-System gehören nicht unbedingt zu den Menschen, die ich als Freunde bezeichnen würde. Zumindest den Grossteil von Ihnen nicht...«
Einige Journalisten lachten. »Ich habe Ihre Berichte in der Vergangenheit regelmäßig studiert, nichts ist so wichtig wie der Ruf, den man durch Ihre Berichterstattung erhält. Und ich muss zugeben, dass ich nicht immer gut in den Meinungsumfragen ankomme.
Aber ich hoffe, dass sich dies mit den heutigen Tage ändern wird.«
Ricards’ Tonfall änderte sich etwas. »Im Orbit vom Planeten Hermes warten einige Schiffe darauf, endlich nach Petra zu dürfen. Diese Schiffe haben medizinische Ausrüstung, Notunterkünfte sowie Trinkwasser in ihren Lagerräumen und zudem sind einige hochtalentierte Ärzte an Bord. Doch diese Schiffe warten noch immer. Sie warten auf die Genehmigung zum Start ihrer humanitären Mission. Und dieser Start wird uns verweigert!«
Ein Raunen ging durch die Runde. »Es scheint so, als gäbe es keine Seuche auf Petra, so wie man es uns seit Tagen schon erzählt. Da ist keine Epidemie, da ist nichts, was die Quarantäne erklären würde... aber da ist eine riesige Flotte der CIS. In diesen Minuten marschiert eine gewaltige Kriegsmaschinerie ins Petra-System ein. Unter dem Kommando von Ser David Hassan persönlich. Unsere Politik schweigt hierzu... warum?«
Einige der Journalisten hoben die Hände, sie wollten Fragen stellen. Ricards aber winkte noch ab. »Ich werde Ihre Fragen noch beantworten. Aber noch habe ich einiges, was Sie unbedingt wissen sollten. Ich weiß, dass es niemanden im Tri-System gefallen hat, als ich im Namen meiner Gilde einen einseitigen Waffenstillstand mit dem Piratenclan der Kiowan ausgerufen hatte.
Und ich weiß, dass viele Menschen im Tri-System einen tiefen Hass gegen meine Person für diese Tat verspüren. Aber den wahren Zweck hat niemand bemerkt... keiner von Ihnen hat das. Die Zeit sorgte schon immer dafür, dass man einiges nicht mehr hinterfragt, sondern es einfach blindlings akzeptiert... so wie die Antworten unseres Systems auf meine Handlungen.
Wer hat am lautesten protestiert? Die CIS. Wer kündigte Gegenmaßnahmen an? Die CIS. Wer erhöhte das Kopfgeld auf Kiowan? Die CIS. Wer lebt allein von eurer Angst vor den Piratenclans? Die CIS.«
Jemand aus der Masse der Zuhörer rief dazwischen.
»Genau wie Sie. Da ist kein Unterschied.«
Ricards’ Augen funkelten böse.
»Es gibt einen Unterschied. Einen gewaltigen Unterschied sogar. Ich lebe nicht von euren Steuergeldern. Ich lebe nur von den Geldern, die mir von Händlern oder Privatleuten gezahlt werden. Die gigantische Militärmaschine jedoch lebt von euren Steuern.
Weiß eigentlich jemand, wie viele Credits jedes Jahr in die CIS investiert werden? Oder sagen wir einmal, wofür diese Unsummen ausgegeben werden? Sind die Erfolgsquoten der CIS eigentlich realistisch? Denkt bitte nach. Vor einiger Zeit besiegte die CIS auf mysteriöse Art den großen Clan... aber hat sie das wirklich getan?
Will die CIS tatsächlich Frieden? Sie leben doch vom Krieg gegen Piraten... und sie leben sehr gut davon. Tatsache ist, das man jeden Versuch eines Waffenstillstandes verhindern will, koste es, was es wolle. Die CIS hat nicht einmal abgewartet, ob der Kiowanclan das Angebot meiner Gilde akzeptieren würde. Sie wollen keinen Frieden, denn sie leben nur vom Krieg. Aus diesem Grund sind sie auch im Petra-System unterwegs. Um Piraten zu jagen. Oder vielleicht um Schlimmeres zu tun... Wissen wir wirklich, was sie dort machen? Ich für meinen Teil weiß es nicht. Aber wer jeden Weg zum Frieden ausschlägt und nur mit Gewalt antwortet – ist das etwa ein guter Beschützer?«
Einige Zuhörer sprangen von ihren Sitzen auf.
»Ser Ricards? Haben Sie weitere Beweise für ihre Anschuldigungen?«
Ricards legte ein diabolisches Grinsen auf.
»Die CIS schreckt nicht einmal vor Manipulationen zurück. Ich habe die vergangenen Tage im Arrest verbracht. Ja, man hat mich diverser völlig absurder Taten beschuldigt, man hat meine offizielle Akte gefälscht – nur um mich kalt zu stellen, nur um mir die Möglichkeit zu nehmen, weiterhin für eine gute Sache einzutreten.
Ein schönes System haben wir hier. Hätte ich nicht in Senator Angus Santana einen Fürsprecher, dann wäre ich wohl schon lange nicht mehr unter euch...« Ricards ließ diesen Satz absichtlich unbeendet. Sollten diese Medienvertreter sich doch selbst einen Reim drauf machen... denn mit Sicherheit würden sie noch bessere Worte finden, um seine Anschuldigungen zu umschreiben.
 

Deacan

Commodore
part 93

*

Das leise Summen des Triebwerks und der Bordinstrumente wirkte genauso einschläfernd wie das wenige Licht, das von den Displays ausging. Zwei Stunden Flugzeit... und keine Ahnung, was einen am Ziel wohl erwarten könnte.
Venice meldete sich über Funk.
»Wir haben den Bereich der Funkstörungen verlassen, ich versuche Ser Arris zu erreichen.«
Ihr Flügelmann sah von seinen Instrumenten auf.
»Na wunderbar. Ich bin ernsthaft gespannt, wie er auf die Neuigkeiten reagieren wird. Und ich nehme Wetten an, wie lange er dazu betroffen schweigen wird.«
Venice antwortete nur zögernd.
»Mit Sicherheit wird es ihm nicht anders gehen als uns. Damit hat ja nun wirklich keiner rechnen können.«
In der vergangenen halben Stunde hatte Deacan sich intensiv mit der Suche nach Antworten beschäftigt. Im Großen und Ganzen gab es zwei Fragen, die seinen Verstand auf das Äußerste beanspruchten.
Wer hatte die Kiowan eliminiert und vor allem: warum?
Zudem strich der Söldner eine Person von seiner Liste der wirklich gefährlichen Leute: Ser Ricards. Seiner Meinung nach war der Gildenführer nur eine Art Strohmann, eine Marionette. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wusste Ricards nicht einmal, wer da die Fäden zog...
Eines der Displays leuchtete auf, Deacan strich kurz mit dem Handrücken über die entspiegelte Oberfläche, fast schien es, als würde er Staub vom Display wegwischen wollen. Tatsächlich aber regulierte er auf diese Weise die Helligkeit des Displays, denn das plötzliche Licht tat seinen Augen weh. Ein Sensor direkt unter dem Glas der Anzeige registrierte die Handbewegung des Piloten und verdunkelte das Display sofort.
Auf dem Bildschirm baute sich eine Nachricht auf, bestehend aus einfachem Text. Der Absender war niemand anderes als Ser Arris, und die Nachricht bestand nur aus wenigen Sätzen.
Leise las der Empfänger die Nachricht vor.
»CIS schlägt zu. Ricards Truppen noch nicht unterwegs. Erbitten Lagebericht.«
Venice, die diese Nachricht via Bordfunk mit angehört hatte, meldete sich.
»Ist es zu fassen? Wir haben jetzt zum zweiten Mal die große Party verpasst. Und wieder nur um wenige Minuten.«
»Verspürst du etwa ernsthaft den Wunsch, dich mit den Massen von Kiowanjägern zu duellieren? Hatten wir das nicht schon mehrfach? Genieße einfach mal die Ruhe, denn Bewegung kommt ohnehin schneller ins Spiel als man denkt.«
»Das ich solche Worte mal ausgerechnet von dir höre...«
Deacan schenkte seiner Partnerin ein kleines Lächeln, obwohl sie es nicht sehen konnte. »Sag mal, was genau hast du eigentlich im Sinn mit dieser ganzen Aktion hier? Du hast zwar vorhin gesagt, dass du Antworten suchst, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das du eine verrückte Idee im Hinterkopf hast.«
Deacan behielt sein Lächeln auf den Lippen.
»Einfach ausgedrückt würde man es vermutlich so formulieren: der verärgerte Freund deines Feindes kann leicht zum eigenen Freund werden. Die Kiowan werden sicher alles andere als begeistert sein, wenn sie sehen was man ihren Kameraden angetan hat.
Okay – ihre Wut könnte sich eventuell auch gegen uns richten, aber ich hoffe ganz einfach mal auf deren gesunden Menschenverstand. Seien wir mal ehrlich, ich bin zwar hin und wieder richtig sarkastisch, aber ich habe keine große Freude daran, anderen Menschen Bilder von ihren toten Freunden zu zeigen.«
»Mag sein, es heißt aber auch: der Überbringer von schlechten Botschaften muss oft für diese Nachrichten bluten.«
»Wenn das so ist, dann sollte ich wohl dir diese Ehre überlassen.«
Venice lachte leise, dann wurde es wieder still in den Headsets.

*

Es ist schon erstaunlich, wie groß so ein kleines Cockpit auf einmal wirken kann, wenn man alleine darin sitzt. Vor wenigen Sekunden hatte Teanna ihren Hintern auf dem Pilotensitz platziert, und zum ersten Mal hörte sie die Stimme ihrer Freundin nicht klar und deutlich vom hinteren Sitz, sondern aus dem Headset kommen.
»Na, wie ist es? Fühlst du dich wohl?«
Eigentlich hätte es nur eine ehrliche Antwort darauf geben können, ein klares und lautes Nein. Aber Teanna verdrängte dieses Wort sehr schnell.
»Prima, endlich mehr Beinfreiheit. Hat sich unser Freund Gutenhal schon gemeldet?«
»Ja, eben gerade. Er wartet in der Nähe der Sprungboje auf uns, zusammen mit den Schiffen, die wir eskortieren sollen. Können wir starten?«
Teanna überflog kurz alle wichtigen Instrumente, dann legte sie die Gurte an. Ihr Blick wanderte nach draußen, keine zehn Meter von ihr entfernt stand Ivys Maschine, die neue Skecis.
Deutlich konnte man die Wärme sehen, die aus den beiden Triebwerken ausströmte und die Luft hinter den Jägern zum flimmern brachte. Teanna holte sich ihre Starterlaubnis vom Tower, dann gab sie vollen Schub. Die Skecis hob sanft ab und raste im Steilflug nach oben, innerhalb weniger Sekunden erreichte sie die Wolkendecke.
Der graue Schleier, der für kurze Zeit jegliche Sicht auf Null reduzierte und den Jäger leicht vibrieren ließ, wirkte irgendwie seltsam beruhigend. Langsam wurde es um die Skecis herum dunkel, erste Sterne wurden sichtbar.
Teanna schloss kurz ihre Augen und sog tief die kühle Luft ein, die aus mehreren kleinen Öffnungen ununterbrochen in ihr Cockpit strömte. Als sie ihre Augen wieder öffnete, sah sie umgehend nach hinten. Dort schraubte sich Ivys Jäger nach oben, das Glühen der Nachbrenner der Skecis war weithin sichtbar. Teanna reduzierte den Schub ihrer Maschine und flog in Richtung der Sprungboje nach Anhur. Dort in der Nähe sollten die Schiffe warten, die von ihrem Team eskortiert werden sollten.
Nach wenigen Minuten holte Ivy ihre Partnerin ein und begab sich an ihre linke Flanke. »Ich wusste gar nicht, dass dieser Jäger so verdammt genial aussehen kann.«
Teanna sah auf Ivys Maschine.
»Allerdings... das war damals auch der Kaufgrund Nummer eins für mich, liebste Ivy. Wer interessiert sich schon für Leistungsmerkmale?«
Ein leises Lachen erklang im Headset.
»Ich empfange hier die Koordinaten unseres Schiffsverbandes, Gutenhal wartet dort auf uns.«
»In Ordnung, wir sollten unseren sanften Riesen nicht warten lassen, je schneller wir auf Anhur sind, desto besser.«
Ivy zog die Augenbrauen hoch. Teanna in Eile?
Na Hauptsache, dass dieses seltsame Verhalten nicht zum festen Programmpunkt für ihre Freundin wurde…
Ivy aktivierte ihre komplette Sensorenphalanx und scannte die Umgebung ab. Aber außer einigen Frachtern gab es keinerlei Schiffsverkehr in der unmittelbaren Nähe. Sie erhöhte die Reichweite ihrer Sensoren, auf einem Display baute sich eine kleine Sektorenkarte auf.
Jetzt entdeckte sie auch die Shuttles, die man zum Planeten Anhur bringen sollte. Und auch Ser Gutenhals Jäger war deutlich zu erkennen. Ansonsten herrschte nur gähnende Leere im ganzen Sektor.
»Okay, die Lage ist klar, der Sektor ist sauber. Wollen wir nur hoffen, dass es so bleibt.«
Teanna atmete hörbar auf.
»Ja, dann hoffen wir mal...«
Beide Jäger erhöhten ihre Geschwindigkeit und verschwanden in der Dunkelheit des Alls, nur die aufblitzenden Positionslichter verrieten ihre Flugbahn.

*

»Systeme online, Waffen online, Schilde online.«
Diese sechs kleinen Worte waren genau das, was Manley hören wollte. Und diese Worte erklangen jetzt aus dem Headset der Agentin, die einen leisen Pfiff der Erleichterung durch ihre Zähne stieß. Sie griff mit der linken Hand zum Gashebel, der riesige Jäger schob sich langsam wieder vorwärts und Manleys Flügelmänner waren endlich auch wieder klar und deutlich zu hören.
»Alles wieder in Ordnung, Sera Manley? Brauchen Sie Hilfe?«
Statt eine Antwort zu geben, aktivierte die Agentin ein kleines Diagnoseprogramm. Auf den Displays im Cockpit bauten sich diverse Programme auf, angefangen von schematischen Darstellungen ihres Jägers über Leistungsdiagramme bis hin zur Analyse ihrer Schilddichte.
»Effektivität bei fünfundachtzig Prozent. Triebwerk arbeitet nicht mit vollem Schub. Alle anderen Systeme voll funktionstüchtig.«
Die Stimme ihres Bordcomputers klang ein wenig verzerrt, offenbar waren die Sprachprogramme auch in Mitleidenschaft gezogen worden. Manley wandte sich via Funk an ihren Flügelmann.
»Ich bleibe im Einsatz, aber trotzdem danke für Ihre Besorgnis. Bleiben Sie bitte an meiner Seite, mein Jäger hat keine volle Kampfstärke mehr zur Verfügung.«
»Verstanden. Nehme defensive Position ein.«
Manley sah sich kurz um, die gut neunhundert Meter lange Repulse feuerte noch immer mit ihren schweren Geschützen dicht über den angeschlagenen Jäger der Agentin hinweg und sorgte auf diese Weise für Deckung. Die Reihen der Kiowan begannen sich bereits zu lichten, eine weitere Welle des Gegners kam zwar in Sichtweite, aber diese Jäger hielten ihre Distanz zum Schlachtfeld ein.
Mit Sicherheit bekamen die Kiowan mit, was da mit ihren Kameraden passierte... und vermutlich arbeitete man im gegnerischen Lager bereits an einer neuen Strategie. Am Rand der Kampfzone arbeiteten sich zwei Schlachtschiffe der CIS langsam aber kontinuierlich vorwärts. Das Ziel der Avenger und der Intrepid waren etliche Kreuzer der Kiowan, die auch das Primärziel der Delta-Staffel darstellten.
Einzelne Jäger des Feindes versuchten zwar sich den Stahlgiganten in den Weg zu stellen, aber ihr Waffenfeuer konnte die leistungsstarken Schilde der Schlachtschiffe nicht durchdringen.
Die Intensität des gegnerischen Waffenfeuers nahm deutlich ab, einige Jäger des Piratenclans machten bereits kehrt und zogen in Richtung des Planeten Petra ab. Die zweite Welle der Kiowan versuchte den Rückzug ihrer Kameraden zu decken, unzählige Raketen wurde auf die Truppen der CIS abgeschossen, der Grossteil der todbringenden Geschosse allerdings wurde von Abwehrsystemen wie dem RTS oder Warpschilden der schweren Milizjäger abgefangen und ausgeschaltet.
Manley, die sich noch vor wenigen Augenblicken von Kiowan umringt gesehen hatte, atmete etwas auf. Die Schlacht war zwar noch lange nicht vorbei, aber die Speerspitze der Kiowan war gebrochen. Der Gegner würde versuchen, sich neu zu formieren und dann einen Gegenschlag auszuführen.
Die Agentin öffnete einen sicheren Kanal zum Flagschiff der Miliz.
»Manley an Ser Hassan, der Gegner zieht sich zurück. Erbitte Erlaubnis zur Verfolgung.«
Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann folgte die Antwort von der Brücke des Trägers.
»Wir sehen es. Genehmigung erteilt, schalten Sie alle Ziele aus, die sich Ihnen bieten.«
Genau das war ein Satz, der in Manleys Ohren nicht süßer hätte klingen können. Die Agentin wandte wieder sich an ihre Staffel.
»Wir folgen dem Gegner. Formation einnehmen und auf vollen Schub gehen.«
Die schweren Jäger nahmen wieder ihre ursprüngliche Formation ein und jagten den Kiowan hinterher. Manleys Adrenalinspiegel klettere wieder einige Stufen nach oben. Vor ihrem Jäger konnte sie die Gegner sehen, genauer gesagt sah sie hauptsächlich das helle Aufglühen der Nachbrenner der ersten Angriffswelle der Kiowan, die sich in Sicherheit bringen wollten.
Die zweite Welle des Gegners hatte ihre Triebwerke gestoppt, man wartete auf die Jäger der CIS...
Die Jäger der Gruppe Bravo hatten sich inzwischen bis auf wenige Kilometer Entfernung an die unbekannten Söldnerschiffe heran gearbeitet, man versuchte zeitgleich einen aktiven Scann der Maschinen zu bekommen, um ihre Identität zu klären.
Bislang hatten die Söldner die leichten Milizjäger völlig ignoriert, man setzte einfach unbeirrt den eingeschlagenen Weg fort.
»Bravo eins an Staffel: hat schon jemand einen aktiven Scann dieser Jäger gemacht? Oder es wenigstens versucht?«
Als Antwort erklang nur ein statisches Rauschen im Headset des Staffelführers. »Also nicht... gebt mir Deckung so gut es geht. Ich werde die Entfernung etwas verringern.«
Der leichte Jäger schoss nach vorne und zog einen meterlangen Feuerstrahl vom Nachbrenner hinter sich her. Die übrigen Jäger der Staffel Bravo lösten ihre Formation auf und aktivierten ihre Raketenaufhängungen. Sollte einer der Söldner versuchen, ihren Geschwaderkommandanten ins Visier zu nehmen, würden sie dementsprechend reagieren können...
Aufmerksam beobachtete der Pilot in der leichten Maschine „Bravo eins“ seine Bordinstrumente. Die Entfernung zu seinen Zielen betrug nur noch vier Kilometer, aber noch immer drehten die Söldner nicht ab, noch immer wurde sein Jäger nicht zum potentiellen Ziel erklärt und unter Feuer genommen. Die Sensoren arbeiteten mit voller Leistung, nur gelang es nicht, auch nur einen der Jäger wirklich zu identifizieren. Lediglich den Schiffstypen konnte der Pilot erkennen, mehr war aber nicht drin.
Aber so leicht wollte der Pilot nicht aufgeben, also setzte er seine Scanns fort und versuchte, möglichst viel von den gegnerischen Jägern in Augenschein zu nehmen. Unter den kleinen Tragflächen der Söldnerschiffe hingen Torpedos... aber irgendwie passten die Dimensionen dieser Waffen nicht zu den üblichen Spezifikationen.
Diese Waffen dort waren zu groß... und zudem: In Flugrichtung lag kein Ziel, das man mit diesen Waffen hätte angreifen können.
Oder etwa doch? Denn plötzlich aktivierten die Söldnerschiffe diese Torpedos, langsam machten sich die Geschosse auf den Weg, langsam flogen sie auf ein Ziel zu, das man nicht sehen konnte...
 

Deacan

Commodore
part 94

*

Die beiden Blades fielen aus dem Hyperraum, vor ihnen erstreckte sich wieder das All in all seiner Schönheit. Nicht weit entfernt konnte man die Überreste einer Supernova erkennen, wie ein bizarres Spinnennetz erstreckten sich die gasförmigen Überbleibsel des Sterns über mehrere Sektoren hinweg.
Selbst nach dem Tode konnte ein Stern noch einen wunderschönen Anblick bieten...
Doch weder Venice noch Deacan hatte wirklich die Zeit, sich diesem kosmischen Schauspiel zu widmen. Ein kleiner, letzter Sprung lag noch vor ihnen und dieser Sprung würde sie an den Ort zurück führen, den sie vor einigen Tagen als Schauplatz für ihren inszenierten Tod verwendet hatten...
Erinnerungen kamen in den beiden Piloten hoch, die Stille in den Cockpits wurde langsam unerträglich. Zum Glück nahm Venice ihren Partner die Suche nach den ersten Worten ab.
»Da wären wir wieder, Deacan. Die Sprungboje ist da vorne... alle Systeme online.«
Bevor eine Antwort kam, hörte die Söldnerin ihren Partner tief Luft holen.
»In Ordnung. Hoffen wir, dass Hudsons Leute gute Arbeit geleistet haben. Bereit zum Sprung.«
Beide Jäger beschleunigten auf Höchstgeschwindigkeit, dann verschwanden sie wieder im Hyperraum, um die recht kurze Distanz zur Basis der Kiowan zu überwinden.
Deacan warf einen kleinen Blick auf seine Instrumententafel. Ein kleines Display zeigte die verbleibende Zeit bis zum Ziel an. Zwanzig Sekunden... Im Geiste zählte er die Sekunden rückwärts mit, seine Hände umklammerten den Steuerknüppel und er selbst zwang sich zur Ruhe.
Allerdings hatte sein Puls wohl etwas dagegen, Deacan glaubte fast seinen Herzschlag laut hören zu können, zumindest rauschte es in seinen Ohren gewaltig. Oder lag das am Funkverkehr, der noch über die Kopfhörer des Headsets im Hintergrund lief? So oder so, es wirkte störend, Deacan hätte am liebsten das Headset abgesetzt – aber die Kommunikation mit seiner Partnerin war im Augenblick zum Überleben notwendig.
Zehn Sekunden... der Hyperraumflug näherte sich der Endphase. Deacan schloss noch einmal kurz die Augen, dann wandte er sich Venice zu. »Was auch immer gleich passiert, bleibe an meiner Seite.«
»Verstanden. Ich passe schon auf dich auf.«
Der kleine Scherz von Venice verfehlte seine Wirkung nicht, Deacan lächelte für einige Augenblicke. Dann fielen beide Jäger wieder aus dem Hyperraum...
»Raketenaufschaltung! Warnung, Sie sind als Ziel aufgeschaltet... Warnung, Sie sind als Ziel aufgeschaltet...«
Deacans Bordcomputer hätte diese Warnung noch öfter wiederholt, aber der Privateer schaltete die Audiokanäle seiner Maschine auf stumm. Direkt in Flugrichtung lag die angeschlagene Basis der Kiowan, rechts und links konnte man die Satelliten sehen, gesäumt wurde die ganze Szenerie von Trümmern.
Offenbar hatten die Kiowan es nicht geschafft, die Abwehrsysteme der Satelliten auszuschalten, man hielt sich stattdessen lieber von den Dingern fern. Deacan brachte seine Maschine zum Stillstand, er schaltete seine vom Chief aufgewertete Funkanlage auf maximale Leistung und schickte einige Bilder aus seinem Datenspeicher auf die Reise.
Bilder, die er vor wenigen Stunden in der Nähe des Planeten Petra aufgenommen hatte.
Bilder, die nur eines zeigten: hunderte tote Kiowan.
Ein Blick auf seine Instrumente zeigte dem Privateer, dass die Gegner die Raketenaufschaltung kurzerhand deaktivierten – man zielte nicht länger auf seinen Jäger. In einigen Kilometern Entfernung flogen ein paar leichte Jäger der Kiowan, die allesamt ihren Flug unterbrachen und ihre Triebwerke deaktivierten. Jeder Kiowan, der jetzt vor einem Bildschirm oder einem einfachen Display saß, konnte diese Bilder sehen.
Jeder in diesem System konnte diese Bilder sehen... die Frage war jetzt, wie man auf eben diese Bilder reagieren würde. Einige Sekunden verstrichen, dann einige Minuten. Deacan sah auf die Blade von Venice, die links neben seiner Maschine ebenfalls zum Stillstand gekommen war.
»Was dauert da so lange?«
»Ich glaube man überlegt jetzt, was man mit dem Botenjungen machen soll.«
Deacans Augenbrauen wanderten ein Stück nach oben, dann hörte er den Kommentar seiner Partnerin.
»Hatten wir das Thema nicht erst besprochen? Und wie waren doch gleich deine Worte? Hoffen wir einfach auf etwas Verstand bei den Leuten dort drüben.« Jemand öffnete einen Kanal zu Deacans Jäger.
»Was wollen Sie?«
Die Stimme klang kalt, kam aber eindeutig nicht vom Band. Einfacher hätte diese Kontaktaufnahme nun wirklich nicht sein können.
»Wir wollen nur mit Ihnen reden. Es geht um die Ereignisse im Petra-System.«
Wieder ein Moment der Stille, dann erfolgte eine Frage.
»Ihr Auftraggeber, wer ist das? Sie benutzen Blades, kommen Sie vom Clan?«
Gute Frage, eigentlich hätte Deacan darauf mit einem Ja und einem Nein antworten müssen.
»Wir operieren mit dem Clan zusammen, sind aber nicht unbedingt im Auftrag des Clans unterwegs. Ich hoffe, dass Sie diese Antwort akzeptieren werden.«
»Wenn Sie reden wollen, dann landen Sie. Ich garantiere Ihnen hiermit freies Geleit. Das gilt auch für Ihren Flügelmann.«
Der Sprecher schaltete sein Funkgerät ab, Deacan hörte jetzt wieder nur dieses leise Rauschen aus dem Kopfhörern.
»Nehmen wir diese Einladung an? Was meinst du, Venice?«
Die Antwort seiner Partnerin kam nur zögerlich.
»Ich würde es vorziehen, hier draußen auf dich zu warten. Einer von uns sollte den Finger am Abzug lassen... und als Rückversicherung sind diese Raketen unter meinem Jäger mehr als gut geeignet.«
Deacan überlegte kurz, dann erklärte er sich einverstanden.
»Gib mir eine Stunde. Kannst du so lange auf mich warten?«
»Das kann und werde ich gerne tun. Wir sollten zudem einen Kanal offen lassen... nur für den Notfall.«
Der Söldner schaltete sein MACS ein, der Bordrechner im Jäger seiner Teamkollegin zeichnete ab jetzt jedes Wort mit, das von ihm oder seinen Gesprächspartnern in der Basis kommen würde. Dann gab Deacans Jäger etwas Schub und die große Maschine schob sich langsam in Richtung der Basis des Piratenclans vorwärts.

*

Irgendetwas fehlte hier immer und immer mehr.
Oder hätte Teanna sagen sollen, dass irgendjemand hier fehlte? Ihre Freundin flog in der neuen Skecis in einiger Entfernung neben ihr und Ser Gutenhal hatte sich an die Spitze des kleinen Konvois gesetzt, dazwischen reihten sich die beiden Shuttles ein.
Die ersten kleinen Sprünge hatte man bereits hinter sich gebracht und das eigentliche Ziel der Reise, der Planet Anhur, lag inzwischen fast greifbar nahe. Zwar konnte man das Ziel selbst noch lange nicht sehen, aber auf den größeren Sektorenkarten waren der Planet und seine Monde schon seit einigen Minuten zu erkennen.
Teanna allerdings zählte die verbliebenden Sprünge schon gar nicht mehr – sie war mit anderen Dingen beschäftigt. Ständig überwachte sie ihre Sensoren, ständig scannte sie die nähere Umgebung ab und suchte nach möglichen Feinden. Wobei der Feind in ihrem Kopf in einer riesigen Heretic flog...
Ivy meldete sich via Bordfunk und sorgte für ein wenig Ablenkung.
»Süße, ich kann den kleinen Barscheck schon förmlich riechen.«
»Geld stinkt nicht, liebste Ivy. Nur das, was man vom Geld kaufen kann, stinkt manchmal.«
Ein leises Lachen kam übers Headset.
»Okay, du hast ja recht. Und wer recht hat, der gibt doch normalerweise einen aus, oder?«
Na klar doch, wie hätte es auch anders sein können? Ivy dachte wohl schon wieder ans feiern... Teanna dachte eher an Probleme.
Eines der Shuttles kam etwas vom Kurs ab, der Pilot bemerkte dies jedoch rechtzeitig und behob das kleine Problem durch einen kurzen Schub aus den Triebwerken. Teanna bekam selbst dieses kleines Manöver nur am Rande mit, zu sehr waren ihre Gedanken auf anderen Wegen unterwegs.
Ivy änderte ihren Kurs ein wenig, sie flog näher an die Skecis ihrer Freundin heran. »Du bist so still... ist wirklich alles okay bei dir?«
Teanna sah auf den Jäger, der zu ihr aufschloss.
»Rein körperlich gesehen geht es mir gut, nur seelisch fühle ich mich etwas angeschlagen. Die letzten Tage waren mehr als nur einfacher Dienst im Cockpit. Ich bin einfach urlaubsreif... oder wie du es so schön sagst: ich bin reif für die Insel, Kleines.«
»Süße, wenn ich sage „reif für die Insel“ dann meine ich eigentlich damit das ich bereit für die Psychiatrie bin. Und bislang habe noch nie etwas derartiges verlauten lassen. Und wenn doch, dann bitte vergiss es ganz schnell wieder. Noch bin ich nicht verrückt... auch wenn meine Freunde manchmal etwas anderes sagen.«
»Du hast Freunde? Ist ja mal ganz was neues...«
 

Deacan

Commodore
part 95

*

Der Privateer hatte keinen herzlichen Empfang erwartet, kein freundliches „Hallo“ und schon gar kein nettes Gespräch zwischen zwei Piloten. Denn es lag ein riesiger Spalt zwischen seinem Gesprächspartner und ihm – dieser Spalt hatte zwei Seiten, Recht und Unrecht mit Namen.
Wobei sich sowohl Deacan wie auch sein Gesprächspartner mit Sicherheit auf der Seite des Rechts sahen...
Der Anflug und die Landung im Hangar der Piratenbasis verliefen völlig unspektakulär, niemand zielte auf seinen Jäger oder versuchte gar, einen Scann seiner Maschine zu machen. Offenbar war man wirklich an einem Gespräch interessiert, Deacan wusste nur nicht so recht, ob er auch wirklich auf alle etwaigen Fragen eine vernünftige Antwort parat hatte...
Unser Privateer wurde recht kühl empfangen, man schob wortlos eine kleine Leiter an seinen Jäger heran, nachdem er im Hangar aufgesetzt hatte. Still und wieder ohne ein einziges Wort zeigte man ihm dann den Weg zur Kommandobrücke.
Und der Weg dorthin entpuppte sich als wahrer Trip quer durch die Geschichte des Tri-Systems.
Jede Wand, ja fast jeder Zentimeter Wandfläche war mit Gemälden bedeckt. Allesamt Beutegut, gestohlen aus diversen Frachtern innerhalb der vergangenen Jahre. Deacan selbst war kein wahrer Kenner von Kunst, aber er schätzte, dass allein der Gegenwert dieser Gemälde ausgereicht hätte, um einen kompletten schweren Kreuzer samt Besatzung kaufen und für mindestens ein Jahr betreiben zu können.
Der Blick blieb an antiken Waffen hängen, die an einer Tür befestigt worden waren. Alte Degen, Schwerter, Dolche... niemand im gesamten Tri-System fertigte noch solche Gegenstände an und Deacan selbst hatte solche alte Waffen bislang nur hinter dickem Glas gesehen – und zwar im Museum für Zeitgeschichte auf Anhur. Die Waffen im Museum stammten noch von der Erde, einem weit entfernten Planeten, der fast schon etwas mystisches an sich hatte.
Die Erde... das war jener Planet, von der prinzipiell alle Bewohner im Tri-System abstammten. Und das war auch der Planet, den kein lebender Bewohner des Tri-Systems jemals betreten hatte. Die alte Verbindung zur Heimatwelt war seit Jahrhunderten schon nicht mehr im Betrieb – eine stellare Katastrophe hatte den Hyperraumtunnel zerstört... man lebte vom Rest des Universums abgeschnitten in völliger Isolation.
Vor einigen Jahren existierte eine kleine Gruppe von Menschen, die sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hatten, wieder zur Erde zu fliegen... Als diese Gruppe ihren Flug ins Unbekannte startete, war Deacan erst vier Jahre alt gewesen.
Im Übrigen hatte niemand jemals wieder etwas von diesen Menschen gehört, sie verschwanden einfach in den Tiefen des Alls.
Ein Kiowan, der Deacan auf seinem Weg zum Basiskommandanten begleitete, blieb vor einer riesigen Doppeltür stehen. Seine Kopfbewegung war eindeutig, hinter dieser einen Tür also wartete jemand auf ihn.
Wer würde es sein? Wie genau würde das Gespräch verlaufen? Konnte vielleicht eine Vertrauensbasis gefunden werden?
Deacan strich schnell wieder den letzten Gedankengang aus seinem Verstand. Vertrauen mit einem Kiowan... das war wohl kaum möglich. Die Begleitung öffnete die Tür, ein Schwall warmer und trockener Luft streifte Deacans Gesicht, die Luft roch stark süßlich.
Zögernd trat der Privateer ein und umgehend nahm er den Raum in Augenschein. Wieder viele alte Gemälde, wieder Unmengen an antikem Zeug, das die Wände verzierte. Dazu eine lange Tafel mit uralten Stühlen. Und ein älterer Mann, der am Kopfende der Tafel saß und eine einladende Geste machte.
»Bitte – setzen Sie sich doch. Es kommt nicht alle Tage vor, dass wir so hohe Gäste hier haben.«
Hohe Gäste? Mit Sicherheit spielte der Gastgeber dabei auf die vermeintliche Herkunft Deacans und seiner Partnerin an, immerhin flogen sie ja mit Clanschiffen... Deacan setzte sich auf einen der vielen Stühle der Tafel, sein Gastgeber saß zu seiner rechten Seite.
Dieser Mann... er schien viel durch gemacht zu haben. Sein ganzes Gesicht war vernarbt, das rechte Auge war nicht mehr vorhanden, stattdessen sah man in ein künstliches Objektiv, eine maßgearbeitete Prothese.
Dieses Gerät war zwar nicht in der Lage, das volle Augenlicht des Trägers zu ersetzen, dafür aber lieferte es sehr scharfe Bilder aus großer Distanz. Dann fiel Deacan noch etwas auf, denn das zweite Auge seines Gesprächpartners war völlig blind und von milchig-weißer Farbe... Offenbar konnte dieser Kiowan nur mit Hilfe seiner Prothese sehen, wahrscheinlich war dies sogar nur begrenzt im Infrarotbereich möglich.
Deacan begriff, dass es schwer sein würde, dem Kiowan etwas zu verheimlichen – dieser Mensch dort konnte sehen, ob die Körpertemperatur seines Gegenübers anstieg, was wiederum als sicheres Zeichen für eine bewusste Falschaussage dienen könnte. War dies hier etwa Absicht oder nur ein purer Zufall?
Der Kiowan, der bereits sein fünfzigstes Lebensjahr überschritten hatte, sah mit seinem künstlichen Auge auf seinen Gast. Ein schiefes, irgendwie makaber anmutendes Lächeln zierte sein Gesicht. »Willkommen in meinem Haus und willkommen an meiner Tafel. Wie ich sehe, hat Ihr Flügelmann meine Einladung ausgeschlagen... nun denn, ich will und kann es Ihrem Kameraden nicht einmal verübeln. Wer setzt sich schon freiwillig mit uns an einen Tisch?«
In der Tat eine recht eigenwillige Begrüßungsfloskel...
»In letzter Zeit zieht es anscheinend viele Leute an diesen Tisch, oder liege ich da etwa falsch?«
Deacans Tonfall war absichtlich etwas abwertend, er war gespannt, wie der Kiowan reagieren würde. Und Deacan wurde überrascht, denn der Kiowan behielt sein Lächeln auf den Lippen.
»Nun, wir haben uns etwas verändert. Und Veränderungen rufen meist Neider hervor... aber Sie haben natürlich recht, wir haben ungewöhnlich viel Besuch in letzter Zeit gehabt.«
Für wenige Sekunden schwieg der Anführer der Kiowan, dann setzte er das Gespräch fort. »Das Material, das Sie uns gesendet haben... kann ich es bitte nochmal sehen?« Der Privateer nickte, er griff zum MACS und übertrug die Daten in ein kleines Terminal, das auf dem Tisch stand. Mit routinierten Handgriffen aktivierte der Kiowan das Gerät, dann sah er schweigend die Bilder an. Deacan glaubte eine Träne zu sehen, die sich im blinden Auge des Piraten bildete und dann vom Handrücken des Kiowan einfach weg gewischt wurde. »Ich habe etwas derartiges immer erwartet, aber nie daran geglaubt, es noch zu meinen Lebzeiten sehen zu müssen.«
Der Mann schaltete das Terminal aus, dann wandte er sich wieder seinem Gast zu. »Ich hatte schon immer großen Respekt vor eurem großen Clan, Ihr habt es geschafft, euch nicht von Außenstehenden kaufen zu lassen – im Gegenteil.« Deacan überlegte, ob er seinen Gegenüber über die wahre Natur seiner Herkunft aufklären sollte, immerhin war er ja nicht vom Clan, sondern nur ein Privateer. »Seit Ser Arris das Ruder in den Händen hat, scheint es euch aber ein wenig am rechten Biss zu fehlen – aber das wird schon wieder werden, das braucht sicher nur etwas Zeit.«
Schon wieder lag der Mann völlig falsch, Ser Arris hatte nicht einmal im Traum vor, den Clan wieder in die alte Richtung zu lenken, vielmehr sollte aus der ehemaligen Schreckensgemeinschaft wieder ein Wirtschaftsunternehmen werden.
»Ich bin nicht hier, um Höflichkeiten auszutauschen. Es geht mir nur um Fakten.«
»Nun gut. Was wollen Sie wissen?«
Deacan lehnte sich zurück, er mochte solche Frage-und-Antwort-Spiele überhaupt nicht. Da der Kiowan aber diesen Weg eingeschlagen hatte und Deacan dringend auf Informationen hoffte, musste er wohl oder übel mitspielen.
»Wissen Sie von den Aktionen im Petra-System?«
Das Gesicht des Kiowan verzog sich ein wenig, es nahm einen säuerlichen, ja fast schon wütenden Ausdruck an.
»Glauben Sie ernsthaft, dass wir uns zu einem solchen Himmelfahrtskommando bereit erklärt hätten? Nein, das alles ist nicht auf unseren Mist gewachsen. Man hat uns gespalten, man hat Teile unserer Leute gekauft. Aber dazu müsste ich etwas weiter in die Vergangenheit gehen. Ich hoffe doch, dass Sie viel Zeit mitgebracht haben?«
Zeit... das war der wunde Punkt in Deacans Gleichung. Es sah allerdings derzeit so aus, dass sich unser Privateer einfach die Zeit nehmen musste...
»Vor einigen Monaten tauchten hier verstärkt Nachrichten auf, jemand gab uns Informationen über Schiffsrouten, Frachter und Begleitmaschinen... kurz gesagt, jemand half uns massiv dabei, unsere eigenen Verluste auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.
Seltsamerweise fragte außer einigen älteren Kiowan keiner jemals nach, woher diese Informationen kamen. Alle interessierten sich nur für den Gewinn, den man aus der Sache schlagen konnte. Einige meinten, es könnte eventuell der große Clan sein, der wieder mit uns zusammen arbeiten wollte, einige andere Leute mit gesundem Verstand - ich zähle mich mal einfach dazu - hingegen sahen darin das Werk irgendeines Politikers oder Handelskonzerns...«
Der Kiowan unterbrach kurz seine Ausführungen, er holte tief Luft bevor er fortfuhr. »Innerhalb von wenigen Tagen kamen dann plötzlich nicht nur Informationen, sondern auch einzelne Aufträge hier an! Stellen Sie sich das einmal vor, eine Bande von Halsabschneidern mutiert zur Söldnergilde. Das Besondere aber war, dass man uns gegen Privateers einsetzte. Man gab uns nicht nur Geld, sondern auch die notwendigen Mittel für unsere Aufträge. Wenn der bezahlte Mord zum Beispiel nicht beim ersten Mal funktionierte, schickte man uns Blaster oder andere Waffen, die zum Teil so aussahen als kämen sie geradewegs aus irgendeinen Forschungslabor.«
»Soll das heißen, dass man Waffen hierher geschafft hat?«
Der Kiowan schüttelte den Kopf.
»Nein, man übermittelte uns einfach ein paar Koordinaten, wir musste dann nur hinfliegen und die Container mit dem Zeug einsammeln. Das gilt übrigens auch für das Tarnmetall... man lieferte uns erste Proben davon, wenige Tage später dann wurde uns gesagt, wo wir das Metall abholen konnten.
Wir sollten das Material für Attentate nutzen. Ich weiß, dass die Papagos uns einmal eine dieser Lieferungen geklaut haben... Nach und nach wurden immer mehr Kiowan in diese Aufträge integriert, unsere Organisation begann sich regelrecht aufzulösen. Alle Warnungen wurden ignoriert... jede Stimme der Vernunft wurde verlacht.
Tja, das Ergebnis haben wir ja nun alle gesehen. Sie sagten vorhin Petra... ich kann Ihnen nur folgendes dazu sagen: eine größere Gruppe unserer Leute erhielt den Auftrag, ins Petra-System zu fliegen und dort einen Konvoi aufzuhalten. So wurde es zumindest uns erzählt. Tatsache aber ist, dass diese Gruppe dann eines unserer alten Überschussdepots überfallen und sämtliche dort stationierte Schiffe gestohlen hat, es müssen etliche hundert Jäger dort gewesen sein, plus ein paar ausgeschlachtete Kreuzer.
Wir konnten natürlich nicht zulassen, dass man mit unseren Schiffen quer durchs Tri-System jagt und dabei vielleicht Dinge anstellt, an die nicht einmal wir denken würden. Unsere alten Schiffe tauchten dann im Petra-System auf, inzwischen hatte die CIS das System zur Sperrzone erklärt und abgeriegelt. Also schickten wir eine Truppe hinterher, nahezu unsere komplette Streitmacht war unterwegs... wir konnten verständlicherweise nicht auf normalen Wege ins Petra-System gelangen, also nahmen wir eine alternative Route über ein Nachbarsystem, das nicht kartographiert ist. Von dort haben wir bis heute keine Nachricht erhalten.
Jetzt allerdings wissen wir ja, was mit unseren Leuten geschehen ist. Verraten und verkauft... und dann einfach eliminiert.«
Langsam begriff Deacan, was hier passierte.
»Und niemand hätte den Kiowan eine solche Geschichte geglaubt.«
»Ja, allerdings. Nur ein Pirat würde das tun... ich weiß nicht einmal, ob Sie überhaupt ein Pirat sind, aber Sie machen zumindest den Anschein, als würden Sie uns und unsere Lage hier verstehen.«
Wieder beherrschte tiefes Schweigen den Raum, dann machte der Kiowan einen Vorschlag. »Ich habe hier eine Liste, auf der sind alle Privateers verzeichnet, die wir gegen Geld eliminieren sollten. Einige von uns sind noch da draußen, einige jagen noch immer diesen Leuten hier hinterher. Tun Sie etwas dagegen. Wir können es nicht, also bitte warnen Sie diese Leute. Und noch etwas...«
Die Stimme des Piraten wurde leiser. »Übermitteln Sie bitte Ser Lev Arris folgende Mitteilung: der Clan der Kiowan erbittet Hilfe... bevor wir endgültig vernichtet werden...«

*

Der Pilot in der leichten Milizmaschine verstand nicht so recht, was er da vor sich sah.
Die Söldnerschiffe schickten alle zeitgleich ihre Torpedos auf die Reise, deutlich konnte der Pilot die Rauchschwaden sehen, die als lange schmutziggraue Streifen den Weg der Geschosse begleiteten.
Nur... da gab es kein Ziel.
Da war nichts, was als Ziel dienen konnte.
Der erste Torpedo begann zu verschwinden... dann ein zweiter. Die Geschosse sprangen in den Hyperraum, sie hatten offenbar einen Sprungpunkt erreicht. Die Söldnerschiffe drehten ab und gaben vollen Schub. Einem kurzen Augenblick der Stille folgte ein Feuersturm ohne Gleichen.
Die Torpedos explodierten im Sekundentakt, eine Schockwelle nach der anderen raste durch das Petra-System.
»Bravo Eins an gesamtes Team, sofort abdrehen! Voller Schub, versucht vor der Druckwelle zu bleiben.«
Der kleine Milizjäger drehte sich um die eigene Achse, dann schaltete der Pilot die Nachbrenner ein, seine Maschine jagte vorwärts.
An Bord der Fearless blieben diese Ereignisse natürlich nicht unbemerkt.
»Ser Hassan? Wir empfangen hier Daten, die ich nicht genau interpretieren kann. Offenbar gab es soeben eine größere Explosion, allerdings im Hyperraum...«
Ser Hassan blickte von seinem Monitor auf.
»Wie bitte?«
Er trat einige Schritte auf seinen Offizier zu und sah auf dessen Arbeitsplatz, der von mehreren kleinen Monitoren gesäumt wurde. »Im Hyperraum sagten Sie?«
Der junge Offizier nickte, dann wies er mit der Hand auf einen der vielen Monitore an seiner Station.
»Dort, Ser. In der Nähe der Söldnerschiffe. Hier wird eine Schockwelle der Klasse vier angezeigt, aber die dürfte für unsere Jäger kein Problem darstellen.«
Hassans Gesicht verfinsterte sich. Er begann zu ahnen, was hier gespielt wurde.
»Überprüfen Sie sofort sämtliche Sprungpunkte... ich muss wissen, was alles in Mitleidenschaft gezogen wurde.«
»Ja, Ser. Einen kleinen Moment bitte.«
Mit geübten Handgriffen bediente der Offizier seine Tastatur, er öffnete einige Dateien, dann hatte er wohl die gewünschten Antworten parat. »Alle Verbindungen in Richtung vier-vier-zwei sind völlig tot. Die normalen Routen, zum Beispiel die nach Serca, sind aber intakt. Wo auch immer dieser zerstörte Sprungpunkt endete, wir werden es nicht mehr in Erfahrung bringen können.« Hassan schlug wütend mit der Faust auf das Display.
»Verdammt... das macht einiges schwieriger.«
Er drehte sich wieder um und sah lange und intensiv aus dem riesigen Brückfenster.
Dann gab er einen Befehl. »Sagen Sie der Gruppe Bravo, das sie diese Söldnerschiffe aufhalten sollen, egal was es kostet. Sie dürfen das Petra-System nicht lebend verlassen.«
Jemand im Hintergrund bestätigte den Befehl und gab diesen an die betreffende Staffel weiter.
Manleys Geschwader hatte sich inzwischen der zweiten Welle der Kiowan bis auf wenige Kilometer genähert. Noch immer rührte sich der Feind nicht... wie eine Wand aus Stahl wartete man auf die CIS.
Ein Jäger der Miliz feuerte eine erste Rakete auf die Gegner ab, das Geschoss riss einer Krell die komplette linke Tragfläche ab und explodierte dann direkt dahinter. Die Antwort vom Gegner kam augenblicklich, eine Leighat revanchierte sich mit einer einfachen Snipe-Rakete, die allerdings keinen wahren Schaden anrichtete.
Manley suchte fieberhaft eine Schwachstelle in den gegnerischen Reihen.
Sicher, die CIS könnte sich auch auf eine wahre Reichweitenschlacht einlassen und eine Rakete nach der anderen in die Reihen der Kiowan abfeuern... aber jeder einzelne Schuss würde mit Sicherheit von den Gegnern auf die gleiche Art und Weise beantwortet werden.
Und noch besaß der Feind einfach viel mehr Maschinen – und damit auch viel mehr Raketen. Manleys Blick wanderte nach draußen, dann kam ihr plötzlich beim Anblick des Jägers ihres Flügelmanns eine Idee...
 

Deacan

Commodore
part 96

*

Anhur, dass sie jemals einen Planeten so gefürchtet aber auch herbei gesehnt hatte...
Teanna nahm etwas Schub zurück, dann begab sie sich an die rechte Seite der Shuttles.
»Meine Herrschaften, der Zielort ist erreicht. Sollen wir Sie noch auf die Planetenoberfläche eskortieren?«
»Wir sehen hier einige Schiffe der Miliz auf unseren Scannern, Eskorte ist daher nicht mehr nötig. Vielen Dank und viel Glück für die Zukunft. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.«
Die Stimme der Shuttlepilotin war kaum verhallt, da meldete sich auch schon Ivy via Bordfunk.
»So, der erste Alleinflug für Sera Tasker und ihrer heldenhaften Partnerin Sera Banks ist damit vorbei. Willst du immer noch auf Anhur landen? Wir könnten uns auch sofort einen neuen Auftrag holen, ich bin mir sicher, dass in wenigen Minuten wieder ein paar Schiffe begleitet werden müssten, mit Flugziel Hades.
Und da wollten wir doch hin, oder?«
Teanna gab keine Antwort, sie scannte die Umgebung ab. Der Flugverkehr rund um Anhur war extrem stark, viele Frachtschiffe flogen den Planeten an, zumeist waren diese Schiffe mit Nachschubgütern für die vornehme und reiche Gesellschaft beladen, die auf Anhur lebte.
Von möglichem Ärger allerdings gab es keine Spur...
»Ivy? Ich bin müde, also lass uns ruhig landen. Du kannst ja schon mal eine Unterkunft suchen.«
»Na wenn du meinst. Ich gebe auch unserem Freund Gutenhal Bescheid, nicht dass der ohne uns einfach weiter macht.«
Die beiden Skecis und die große Karnenan von Ser Gutenhal schlugen einen neuen Kurs ein, man wollte auf der Nachtseite des Planeten landen.
Der Raumhafen von Anhur quoll trotz seiner gigantischen Ausmaße beinahe über, so viele Jäger, Shuttles und Frachter drängten sich hier dicht an dicht.
Teanna brauchte einige Minuten, bis sie einen Platz entdeckte, der sowohl für ihren wie auch für Ivys und Gutenhals Jäger groß genug erschien. Nacheinander setzten die Maschinen auf, umgehend war auch Bodenpersonal vor Ort, man schob Leitern an die Bordwände und half mit freundlichen Worten und Gesten den Piloten beim Aussteigen.
Obwohl die Sonne Anhurs schon vor Stunden untergegangen war, herrschten milde Temperaturen, sogar der leichte Wind wurde nicht wirklich als kalt empfunden.
Teanna sah sich um, jeder schien hier besonders freundlich zu sein. Sogar der Techniker, der sich vor wenigen Augenblicken von Teanna per Handabdruck die Landung bestätigen ließ, lächelte und bedankte sich äußerst höflich. Das also war Anhur... einer der ruhigsten Planeten im gesamten Tri-System.
Aber auch einer der schönsten, sah man von zwei Dingen ab. Die gesamte südliche Hemisphäre des Planeten war verseucht, Smok verpestete hier die Luft und industrielle Abfälle türmten sich dort meterhoch. Dies waren die Reste des alten Anhur, dort lebte auch niemand mehr.
Riesige automatisierte Anlagen waren seit Jahren damit beschäftigt, den Müll zu entsorgen und Kraftfelder von gigantischen Ausmaßen sorgten dafür, das die Luft dort versiegelt blieb.
Problem Nummer zwei: Geld. Anhur war teuer, wer nicht genau wusste was er wollte oder suchte, der wurde hier schneller über den Tisch gezogen als man das Wort Anhur hätte aussprechen können. Zum Glück für Teanna und Ivy kannte Ser Gutenhal hier einige Leute und Geschäftspartner und so konnte man sich wenigstens sicher sein, dass man halbwegs über die Runden kam, ohne gleich abgezockt zu werden. Ivy und Gutenhal kamen in Sichtweite, beide hatten ihre Landung bestätigt.
»So... unser Nachtquartier wartet auf uns. Dank unseres großen Freundes hier.«
Ivy warf ein kleines Lächeln in Richtung von Gutenhal, der aber zuckte nur mit den Schultern.
»Wie gesagt, keine Ursache. Wir müssen in diese Richtung.«
Das Trio marschierte los, in Richtung Bett. Die Frage war nur, wer da wirklich schlafen würde – Teanna hatte nämlich etwas anderes vor.

*

Venice atmete auf, als auf ihren Sensoren Deacans Blade wieder auftauchte, er hatte soeben den Hangar verlassen. Ihr Blick wanderte zur Uhr, ihr Partner war vor fast einer dreiviertel Stunde in der feindlichen Basis gelandet. Jetzt schien Deacan es ziemlich eilig zu haben, er flog unter ständiger Verwendung seiner Nachbrenner auf ihre Position zu.
»Nicht mehr lange und ich wäre wirklich nervös geworden.«
»Aber nicht doch. Hast du alles mitgeschnitten?«
»Allerdings. Wir haben so gesehen eigentlich einen riesigen Fehler gemacht, mein Freund.«
Deacan schwieg einige Sekunden, dann gab er Antwort.
»Stimmt, wir haben Leute eingesperrt, die nichts für ihre abtrünnigen Kameraden können. Aber dieser Fehler wird gleich korrigiert.«
Der Blick der Pilotin blieb am Jäger ihres Partners hängen.
»Du willst das System wieder öffnen? Ist das klug?«
»Ich weiß nur eines, diese Leute hier können uns helfen. Und sie wollen uns auch helfen, soviel steht fest. Wir müssen dringend mit Ser Arris reden...«
Venice fuhr dem Privateer ins Wort.
»Da war ich etwas schneller. Arris wartet bereits auf unsere Rückkehr, die Dream ist ins Nachbarsystem gesprungen. Und noch etwas, ich habe das gesamte aufgezeichnete Gespräch bereits an Arris übermittelt.«
Deacan konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
»Venice? Das war erstklassige Arbeit. Danke.«
Der Privateer brachte seinen Jäger zum Stillstand, dann aktivierte er seine Sensorenphalanx. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der Bordcomputer der Blade in die Systeme der Abwehrsatelliten eingeklinkt. Deacan erhielt Zugriff auf die Steuerung.
Für einige Augenblicke zögerte er, die Abwehrsysteme auszuschalten. Dann aber hatte er entschieden – er brauchte den vermeintlichen Feind. Nur die Kiowan selbst konnten ihre Kameraden vom sinnlosen Töten abhalten. Und sie verdienten irgendwie auch eine Chance...
Ein Blick nach draußen bestätigte die Abschaltung der Satelliten, ihre Positionslichter verschwanden, ihre Sensoren gingen offline. Das System war wieder offen...
Ein kleiner Jäger der Kiowan, eine Leighat, flog auf Deacan zu und kam neben der Blade zum stehen. Der Pilot öffnete einen Kanal.
»Wir danken Ihnen. Bitte warten Sie noch, wir stellen gerade ein kleines Team zusammen, das Sie begleiten wird.«
»Verstanden. Und ich habe Ihnen zu danken...«
Deacan glaubte trotz der Entfernung von etwa zehn Metern den Gesichtsausdruck des Piloten im Cockpit der Leighat erkennen zu können, es war eine Mischung aus Zufriedenheit und Kampfeslust.
Nur zehn Minuten später standen drei bewaffnete Shuttles, acht Leighats und vier Krelljäger der Kiowan bereit, alle gingen mit Deacans Blade in Formation, und warteten auf den Startbefehl.
Der Söldner gab einfach kurz Gas. Er brauchte nichts zu sagen, alle Kiowan machten es ihm nach und flogen auf die Sprungboje zu. Sekunden später war die Basis der Kiowan verschwunden, das Team jagte durch den Hyperraum. Das Ziel: die Dream, das Schiff von Ser Arris. Dort würde man sich neu formieren und man würde weitere Jäger zur Verstärkung erhalten.
Alle Zeichen standen auf Sturm.

*

»Deaktiviert die Zielaufschaltung für die Torpedos.«
»Wie bitte?«
Einer der Piloten der CIS glaubte sich verhört zu haben, Manley aber bestätigte ihren Befehl.
»Ihr habt mich gehört. Wir werden eine Salve von Raketen abfeuern... gefolgt von einer Salve Torpedos. Ohne aktive Zielaufschaltung...«
Ein Pilot vervollständigte unaufgefordert Manleys Satz.
»...fliegen die Torpedos einfach stur geradeaus und die Kiowan werden sie nicht auf den Scannern haben.«
»Allerdings. Die Raketen werden durch die Rauchfahnen, die sie hinter sich ziehen, den Kiowan auch jede Sicht auf die ungelenkten Torpedos nehmen.«
»Nur wird es dann schwierig sein, überhaupt etwas zu treffen.«
Ein anderer Pilot mischte sich ein.
»Nicht bei der dichten Formation der Herrschaften dort drüben. Irgendwas werden wir sicher treffen... und das mit Garantie.«
Manley machte ihre Torpedos startklar, dann wandte sie sich erneut an ihre Staffel.
»Wenn die Dinger auf den Weg sind, drehen wir sofort ab! Ich will verhindern, dass die Typen da drüben uns ihre Raketen auf den Hals schicken.«
Jeder der schweren Jäger der Miliz nahm jetzt eine Position ein, von der aus die Piloten freies Schussfeld hatten. Nach und nach meldeten sich die Piloten bei Manley und gaben ihre Einsatzbereitschaft bekannt, einige Sekunden später war es dann soweit. »Manley an gesamtes Team: Feuer!«
Eine Wolke aus Raketen schoss nach vorne und flog unbarmherzig auf die Gegner zu. »Feuer Salve zwei!«
Etliche Torpedos machten sich auf den Weg, sie folgten der Flugbahn ihrer kleineren Verwandten. Nachdem Manley ihren abgefeuerten Torpedo sehen konnte, zog sie den Steuerknüppel weit zurück und gab zeitgleich vollen Schub. Der Gegner sollte keine Zeit für Gegenmaßnahmen bekommen...
Die ersten Raketen schlugen in die Reihen der Piraten ein.
Noch stand ihre Mauer, noch bewegte sich keine der feindlichen Maschinen aus der Formation. Der Gegner wollte wieder nur warten, bis sich die Rauchwolken verzogen hatten und man dann selber die CIS wieder ins Visier nehmen konnte... nur diesmal passierte etwas anderes.
Ein Pilot, der in einer Krell saß und der soeben wieder zwischen den Rauchschwaden einen Blick auf den Gegner werfen wollte, sah etliche lange, hellgrau schimmernde Objekte, die aus den Reihen der Miliz zu kommen schienen. Für Raketen waren diese Dinger zu langsam und zu groß, es sei denn...
»Formation sofort auflösen!«
Jemand funkte lautstark dazwischen.
»Ruhe! Halten Sie die Formation, bereiten Sie den Gegenschlag vor. Ich bitte um Funkdisziplin.«
»Aber Ser! Da kommen Torpe...«
Viel weiter kam der Pilot gar nicht. Er blickte frontal auf eines dieser großen, hellgrau schimmernden Objekte, das außerdem direkten Kurs auf ihn zu hielt. Er griff zum Steuerknüppel, drückte auf den Abzug für seine Bordgeschütze... doch seine Salve verfehlte das Geschoss, das sich jetzt krachend in die Nase seines Jäger bohrte... und dort detonierte.
Volltreffer!
Die Druckwelle zerriss etliche weitere Jäger, die sich in unmittelbarer Nähe befanden. Ein zweiter Torpedo schlug in die Schiffsreihen der Kiowan ein, wieder wurden unzählige Jäger zerfetzt.
Die Druckwelle lenkte einen anderen Torpedo aus seiner normalen Flugbahn, sodass dieser schräg in die Reihen des Gegners einschlug und dort für Tod und Verderben sorgte.
Das jetzt einsetzende Chaos war schlicht und einfach gesagt perfekt. Insgesamt mehr als zwanzig Torpedos trafen ihre Ziele durch direkten Kontakt, der Rest detonierte meist durch Kollisionen mit Trümmerteilen.
Etliche Gegner reagierten überstürzt, sie versuchten sich mit Hilfe ihrer Nachbrenner aus der Gefahrenzone zu bewegen – ohne dabei Rücksicht auf etwaige Kameraden zu nehmen. Die Kiowan rammten sich gegenseitig, sie beschädigten ihre Jäger zum Teil so stark, dass einzelne Maschinen steuerlos zu treiben begannen.
Für Manley hätte dieser Anblick nicht schöner sein können, sie wendete ihren Jäger und schoss mit maximaler Geschwindigkeit auf die Gegner zu. Sie musste das Chaos ausnutzen, solange es anhielt. Der Grossteil der Milizpiloten machte es Manley einfach nach. Die Agentin selbst schaltete den Nachbrenner ihrer Maschine ein und jagte dem Gegner entgegen.
Der erste Feind kam in Sichtweite – eine Vector. Die Maschine war bereits schwer angeschlagen, ein riesiges Loch klaffte im Rumpf, Treibstoff floss ins All. Manley brauchte nur einmal auf den Auslöser ihrer Bordgeschütze zu drücken und von der Vector blieb nichts übrig. Rechts und links von Manley glühten mehrere Explosionen auf, ihre Teamkameraden schlugen zu und schossen auf alles, was nicht nach Miliz aussah.
Weitab vom Gefecht jagten die Jäger des Teams Bravo noch immer den Söldnerschiffen nach, allerdings ging es jetzt nicht mehr um die Identifikation, sondern nur noch um das Ausschalten dieser Schiffe.
Die Miliz hatte arge Probleme, mit den hohen Geschwindigkeiten der schweren Söldnerjäger mitzuhalten, aber dank der Nachbrenner konnten sie immer wieder aufholen.
»So langsam fängt das hier an, mich zu langweilen. Bringen wir doch etwas Farbe ins Spiel.«
Ein junger Pilot der Miliz feuerte einfach blind eine seiner beiden Raketen ab, die unter den Tragflächen seiner Maschine montiert waren. Die Rakete jagte nach vorn und explodierte direkt neben einer Danrik, etliche Metallsplitter der Rakete durchbohrten den Rumpf und die winzige Tragfläche des Söldnerjägers. Schlagartig änderte sich die Situation: die Söldner zogen eine enge Kurve und flogen dann frontal auf ihre Verfolger zu.
Der Kommandant der Staffel erkannte sofort, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Jetzt waren sie das Ziel, aus den Jägern wurde die Beute.
»Gruppe Bravo, hier ist Bravo Eins. Ausschwärmen und angreifen.«
 

Deacan

Commodore
part 97

*

Die Geräusche, die von dem Handscanner kamen, waren einfach nur nervig.
Eines dieser Geräte allein war ja noch erträglich, aber schon seit Stunden saß Chyna hier mit dem jungen Offizier zusammen, der ebenfalls mit einem solchen Scanner arbeitete... und beide versuchten sie verbissen, die Frequenzen von mehreren Speichermodulen zu knacken. Bislang aber war alles Fehlanzeige.
Chyna sah von ihrer Arbeit auf, sie nahm dabei ihren Tischgenossen in Augenschein.
Der Typ hiess Vandez, Enrico Vandez. Und er war gerade mal zweiundzwanzig Jahre alt. Seine Eltern waren Angestellte der CIS auf Hades und somit war die Zukunft für Ser Vandez bereits vorbestimmt. Vandez ergab sich schnell in sein Schicksal, er war kein sonderlich guter Pilot, seine Trefferquote im Simulator erreichte nie einen wirklich überdurchschnittlichen Wert. Also wurde er Kommunikationsoffizier...
Die Geräusche von Chynas Handscanner veränderten auf einmal ihre Tonlage, die Suche hatte sich endlich bezahlt gemacht.
»Na bitte, wer sagt es denn?«
Sie setzte ein überlegendes Lächeln auf, dann aktivierte sie mit Hilfe der gefundenen Frequenz das MACS von Sera Dawson, ihrer ehemaligen Weggefährtin. Ser Vandez hatte ihr bereits etwas über den Inhalt des anderen, unverschlüsselten MACS erzählt, das dem Söldner namens Ser Christian gehört hatte – falls dies tatsächlich sein Name war. Es beinhaltete hauptsächlich Flugrouten, ein kleines Konto... aber nichts, was wirklich weiterhelfen konnte. Der Fremde hatte vermutlich absichtlich sein Gerät so wenig wie möglich benutzt. Noch nicht einmal Daten von etwaigen Aufträgen waren dort verzeichnet... jetzt aber gab es sozusagen das Tagebuch von Dawson zu lesen.
Erste Dateien bauten sich auf, Chyna überspielte sie sofort in einen größeren Rechner der CIS.
Flugrouten... Ziele... Aufträge.
Aufträge? Chyna sah etwas genauer hin. Hauptsächlich waren es kleinere Firmen, für die Dawson gearbeitet hatte, nichts mit größeren Einfluss. Seltsam... Der Grossteil ihrer Aufträge waren Geleitsschutzmissionen, zumeist vom Planeten Anhur aus. Chyna beschloss, einen Blick auf den Kontostand von Sera Dawson zu werfen. Und ihre Augen wurden groß... Dawson besaß mehr Geld, als Chynas Eltern in ihrem ganzen Leben hätten verdienen können.
Nur – wofür brauchte jemand derartig viel Geld?
Das MACS von Dawson aktivierte plötzlich das Sende- und Empfangsmodul, jemand versuchte eine Nachricht an die Söldnerin zu schicken. Wer auch immer das war, er wusste anscheinend noch nicht, dass die Dame im Arrest saß. Als Chyna erkannte, dass es sich nur um eine Textnachricht handelte, öffnete sie einfach die neue Botschaft. Und den Absender kannte sie nur zu gut...

*

Da war es wieder – das leise, kontinuierliche Schnarchen ihrer Freundin.
Teanna hasste dieses Geräusch eigentlich - es erinnerte an eine kleine, aber fiese Säge - aber im Moment konnte es für sie nichts besseres geben. Ivy schlief tief und fest, und genau das gab Teanna die Möglichkeit für ihren kleinen Plan. Sie wusste nur zu gut, dass Ivy niemals zugestimmt hätte, den verrückten Piloten der Heretic direkt auf dessen Heimatplaneten anzugreifen. Obwohl, wirklich angreifen wollte Teanna diesen Typen auch gar nicht. Vielmehr wollte sie einfach der CIS einen kleinen Tipp geben und sich anschließend vielleicht noch lautstark beschweren.
Teanna stand leise auf, zog sich an und verließ auf leisen Sohlen das Zimmer.
Das Büro der CIS war nicht weit entfernt, Teanna benötigte keine fünf Minuten von ihrem Hotel bis zur Empfangshalle der Sektorenmiliz, wie man die CIS auf Anhur auch zu nennen pflegte.
Dort angekommen sah sie sich hilfesuchend um, einige Mitarbeiter der CIS waren in Gespräche mit anderen Privateers vertieft, einige andere saßen vor riesigen Terminals und arbeiteten wohl noch Akten auf – und das trotz der späten Stunde. Teanna entdeckte eine junge, adrett gekleidete Dame, die wegen ihrer Dienstabzeichen auf der Uniform wohl eine etwas höhere Position innerhalb dieser Außenstelle der CIS einnahm.
Zumindest saß sie nach einer wirklich wichtigen Person aus... Teanna schritt auf sie zu und baute sich dann in voller Größe vor der Dame auf.
»Kann ich Ihnen helfen, Sera...?«
Teanna versuchte viel Autorität in ihre eigentlich sanfte Stimme zu legen.
»Sera Tasker. Und ja, ich wäre über etwas Hilfe sehr dankbar. Ich habe da ein akutes Problem mit einem Söldner, der nicht mehr zur lebenden, atmenden Bevölkerung des Tri-Systems gehört und trotzdem mir und einer Freundin noch immer Ärger macht.«
Die Dame in Uniform wurde hellhörig.
»Wie bitte meinen Sie das?«
Teanna fuhr im gleichen Tonfall fort.
»Ich habe hier die ID eines Piloten, der diesen Planeten hier, also Anhur, immer wieder ansteuert und auch landet. Dieser Pilot hat mich schon mehrfach unter Beschuss genommen, mir ist nur nicht so ganz klar, was ich dem Typen getan habe... Interesse?«
»Sie sagten gerade dass Ihr Name Tasker ist... Sie sind nicht zufällig mit Ser Allan Tasker verwandt?«
Der Tonfall der Dame in Uniform klang irgendwie befremdlich. Teanna hielt inne und dachte nach. War es sinnvoll, hier seine Herkunft zu verheimlichen? Moment – sie war doch hier im Hauptbüro der CIS, noch dazu auf einem der wichtigsten Planeten des gesamten Tri-Systems... es musste schon sehr seltsam zugehen, wenn ihr Name sie hier in Gefahr bringen könnte.
Was also sollte ihr hier schon großartig passieren?
»Ja, Ser Allan Tasker ist mein Vater. Oder er war es, besser gesagt.«
Die Dame in Uniform sah angespannt nach links und danach nach rechts, dann führte sie das Gespräch in leisem Ton fort.
»Bitte folgen Sie mir. Wir sollten nicht hier sprechen, kommen Sie bitte in mein Büro...«
Teanna zuckte nur mit den Schultern, sie verstand nicht so ganz, was diese Geheimniskrämerei sollte. Aber sie beschloss, der Angestellten zu folgen, denn sie erhoffte sich endlich vernünftige Antworten. Das kleine und unscheinbare Büro der Dame lag in der ersten Etage, offensichtlich war die Angestellte bemüht, dass niemand Teanna zu nahe kam oder auch nur genauer in Augenschein nehmen konnte. Hastig schloss sie hinter sich die Tür, nachdem sie Teanna regelrecht in den winzigen Raum hinein geschoben hatte. »Wer weiß noch, dass Sie hier sind?«
Teanna verstand den Sinn dieser Frage nicht. Und genauso wenig verstand sie die Reaktion dieser Frau.
»Nur meine Partnerin. Und mein Flügelmann... aber was ist eigentlich los? Vielleicht sollten Sie anfangen, mir mal so einiges zu erklären?«
»Erklären? Okay, ein kleiner Satz: verschwinden Sie von hier auf schnellsten Wege.«
»Wie bitte? Was ist hier los? Wollen Sie mir nicht helfen? Oder können Sie es nicht?«
»Hören Sie mir zu... ich will Ihnen helfen, bitte glauben Sie mir. Aber hier sind Sie in Gefahr.«
»Wer sind Sie?«
Diese Frage musste Teanna jetzt einfach stellen, vielleicht half ihr wenigstens diese eine Antwort dabei, die Situation zu verstehen.
»Ich habe für Ihren Vater gearbeitet, bis ich zusammen mit vielen anderen Angestellten der CIS ausgetauscht worden bin. Wir wurden ohne eine vernünftige Begründung vom Planeten Petra abgezogen und dort von neuen Agenten ersetzt. Von daher weiß ich sehr genau, dass etwas hier nicht stimmt.
Und jetzt gehen Sie bitte... und reisen Sie ab.«
Teanna reagierte trotzig.
»Ich will Antworten. Hier, die ID des Piloten. Und Sie werden mir umgehend sagen, wer dieser Clown ist. Ich werde nicht ohne einen Namen gehen.«
Die Beamtin holte tief Luft... dann aktivierte sie ein kleines Terminal auf ihrem Schreibtisch. Sie warf einen kurzen Blick auf die ID, die noch immer auf dem Display von Teannas MACS stand.
»Ich hoffe inständig, dass Sie wissen was sie da tun.«
Teanna nickte nur. »So, da haben wir es. Der Pilot heißt...« Noch ehe sie den Namen lesen konnte, schaltete sich das Terminal ab, dafür konnte man ein „Bitte warten“ lesen.
Was sollte denn das nun schon wieder?
Gab es hier eine Fehlfunktion? Ein kleines Fenster öffnete sich, jemand nahm direkten Kontakt zum Terminal auf.
»Erbitten Eingabe Sicherheitscode der Ebene Blau.«
Teanna las einfach nur vor, was dort stand. »Ebene Blau?«
Die uniformierte Dame begann sich sichtlich unwohl zu fühlen.
»Ebene Blau ist für Senatoren reserviert. Da bin ich machtlos. Ich kann Ihnen hierbei nicht helfen. Und jetzt sollten Sie gehen. Bitte...«
Teanna sah die Frau eingehend an, sie erkannte etwas in ihren Augen, das stark an Furcht erinnerte.
»Ich gehe. Und danke, auch wenn Sie nichts erreichen konnten.«
Teanna ging auf die Tür zu und öffnete diese nur zögernd. »Ich hoffe, dass ich Sie jetzt nicht in größere Schwierigkeiten gebracht habe.«
Die Dame hinter dem Schreibtisch versuchte sich in einen Lächeln, das aber definitiv nicht zu ihren Augen passte.
»Ich werde versuchen, den möglichen Schaden einzudämmen. Auf Wiedersehen. Und passen Sie auf sich auf.«

*

Der Anblick der Dream sorgte in Deacan für einen kleinen Schub positiver Energie. Der kleine Zerstörer wartete mit weit geöffneten Hangartoren auf die Ankunft der Gäste.
Einige schwere Bladejäger flogen in enger Formation vor und hinter der Dream und sorgten wohl für Geleitschutz. Traute man den mitgebrachten Kiowan noch nicht über den Weg? Oder wollte man einfach nur auf Nummer Sicher gehen? Immerhin konnte niemand mit absoluter Gewissheit sagen, wer da noch so alles im Tri-System unterwegs war...
Deacan erhielt sofort die Landegenehmigung, er kam nicht einmal dazu, nett „Hallo“ zu sagen.
Als er mit seiner Blade im luftleeren Hangar aufsetzte, konnte er Ser Arris bereits sehen. Der Chef vom Clan saß mit einigen Technikern zusammen im kleinen Wartungsraum, man wartete darauf, dass auch Venice endlich ihre Maschine landete und man den Hangar wieder schließen und anschließend unter Druck setzen konnte. Der Privateer sah nach hinten, der Schatten von Venices Blade kam näher, schließlich setzte die Maschine direkt neben ihm auf.
Geräuschvoll schlossen sich die Tore, und nur Sekunden später konnte man wieder normal im Hangar atmen. Die Techniker verließen im Laufschritt ihren Raum, man half den beiden Piloten beim Aussteigen.
»Ser Tron? Gute Arbeit... nein, verdammt gute Arbeit würde ich sagen. Sie machen Ihrer Berufssparte alle Ehre.«
Deacan sah auf Arris, dessen Grinsen fast unnatürlich wirkte.
»Tja, wie man es nimmt. Gute Arbeit... ich weiß nicht recht. Haben Sie schon das ganze Material ansehen können?«
Arris nickte.
»Ja, Sera Drake hat mir bereits alles, das Relevanz hat zukommen lassen. Ich weiß also genauso viel oder wenig wie Sie. Aber genug davon, es gibt wichtige Neuigkeiten.
Ser Hassan hat zugeschlagen, wir wissen zwar nicht, wie es derzeit im Petra-System aussieht, aber ich vertraue einfach mal auf die Fähigkeiten seiner Leute. Neuigkeit Nummer Zwei: Ser Ricards flippt aus. Er hat eine Pressekonferenz gegeben, inhaltlich hat er dabei die CIS angegriffen. Überall diskutiert man jetzt die Methoden der Miliz. Ach ja, Ricards hätte sich keinen besseren Ort für seine kleine Rede suchen können, er war auf Hades. Direkt vor der Höhle des Löwen.«
Deacan dachte kurz nach.
»Der Löwe ist nicht im Haus... die großen Töne zeugen daher eher von Feigheit. Weitere wichtige Sachen?«
Arris sah seinem Gast direkt ins Gesicht.
»Dawson ist raus aus dem Spiel. Die ganze Aktion hätte ihre Freundin Manley fast das Leben gekostet... aber sie ist unverletzt. Auf die Verlustliste müssen wir nur unsere Jäger setzen, zum Stückpreis von achthundertundfünfzigtausend Credits. Aber besser die Maschinen als weitere Menschenleben. Das war es dann auch schon fast.«
Ser Arris wechselte kurz das Thema. »Wo wir gerade über Listen sprechen - diese Liste von den Kiowan... haben Sie dieses Schriftstück einmal angesehen?«
Deacan schüttelte den Kopf.
»Nein, aber ich vermute mal, dass mein Name mit darauf steht. Habe ich recht?«
»Allerdings, das ist ein nettes Sammelsurium der Namen von mehr als vierzig Privateers, unter anderen ist auch Ihr alter Freund Jake Kenner dabei, dann ein Mann namens Sindas... wenn ich mich recht entsinne, dann war es doch der Tod von Sindas, der den Stein insgesamt ins Rollen gebracht hat... und der Sie mit ins Geschehen gezogen hat.
Wir haben damit begonnen, die noch lebenden Söldner zu warnen.«
Arris hielt kurz inne, dann aber fiel ihn wohl noch etwas ein. »Erinnern Sie sich an Sera Tasker und Sera Banks?«
Deacan hob den Blick. Wie konnte man diese Damen vergessen?
»Was ist mit ihnen?«
»Sie sind ebenfalls auf dieser Liste, allerdings wurden ihre Namen erst nachträglich darauf gesetzt. Nun ja... wir könnten einmal vermuten, dass sie ohne ihr Wissen eine Nachricht oder etwas in dieser Art vom ehemaligen Kommandanten des Planeten Petra transportieren, immerhin gibt es da ja gewisse familiäre Bindungen.
Wahrscheinlich steckt etwas in den Datenbänken ihres Jägers, zumindest scheint die gegnerische Seite dieser Auffassung zu sein. Und hier kommt das Problem... wir wissen, dass nicht nur die Kiowan, sondern auch ein Söldner auf die Damen angesetzt wurde. Und dieser Typ gehört den Gerüchten zufolge zu den besten, was das Tri-System zu bieten hat.«
»Okay, das ist ein Problem. Weiß man wo die beiden sind?«
»Auf Anhur, ein Privateer namens Gutenhal begleitet sie. In seiner Nähe müssten sie relativ sicher sein, aber Sie wissen ja, wie das ist. Echte Sicherheit ist im Tri-System ein Fremdwort.«
Venice tauchte auf, sie hatte ihren Jäger einer kurzen Diagnose unterzogen und nahm jetzt demonstrativ ihre Position an Deacans rechter Seite ein.
»Und? Habe ich etwas verpasst?«
Sowohl Deacan wie auch Ser Arris teilten jetzt dieses seltsame Grinsen auf ihren Gesichtern.
»Nur eine grandiose Rede eines Mannes namens Ricards. Aber wir haben das auf Platte, wenn du magst, kannst du es dir gerne ansehen. Aber Vorsicht, Lachkrämpfe sind garantiert.«
Venice schmunzelte ein wenig über die kurzen Ausführungen ihres Arbeitgebers, der dann allerdings wieder etwas ernster wurde.
»Die Frage ist jetzt folgende, wo setzen wir an? Veröffentlichen wir die Aussagen der Kiowan, die sie für uns gesammelt haben, rollen zwar einige Köpfe im Tri-System, aber leider mit Sicherheit die völlig falschen.
Was wir brauchen ist ein schlüssiger und unumstößlicher Beweis für eine direkte Zusammenarbeit des Senators Angus Santana mit den Kiowan. Wir brauchen Beweise... mehr nicht.«
Deacan fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Beweise... nur wie diese beschaffen?
»Was ist mit den Nachschublieferungen von Ricards für die Kiowan?«
»Da haben wir ein weiteres Problem. Ricards hat zwar Schiffe beladen und diese warten auch im Hermes-System auf ihren Start, aber er hat die Fracht als Notversorgung für das Petra-System deklariert. Wenn wir diese Schiffe abschießen...«
»Ich verstehe, damit würden wir nur noch seine Position weiter stärken. Nett eingefädelte Geschichte. Kann uns denn seine großartige Rede nicht irgendwie von Nutzen sein?«
»Warten wir es ab. Ich wage es zu bezweifeln, dass er Rücksprache mit Santana gehalten hat, bevor er auf Hades sein Mundwerk so weit geöffnet hat. Und möglicherweise findet der liebreizende Senator die Rede seines Zöglings nicht so berauschend.«
»Nun gut... aber wie nun weiter?«
Arris gab Antwort.
»Wir hatten bei unseren letzten Treffen doch über diese Shuttleflüge gesprochen, die von Senator Santana gebucht worden sind. Es gibt zum jetzigen Zeitpunkt endlich einen Zeitplan für diese Flüge.
Der Senator hat seinen eigenen Namen inzwischen seltsamerweise von den Passagierlisten streichen lassen. Aber er hat diese Flüge regelrecht gekauft oder besser gesagt: er tritt als großzügiger Sponsor für die Passagiere auf... etwas ist da faul und es wäre sicher eine gute Idee, wenn ihr euch der Sache annehmen würdet.
Überprüft diese Schiffe, von mir aus könnt ihr sie auch zur Landung zwingen oder kapert sie, aber bringt unbedingt in Erfahrung, wer da an Bord ist.«
Deacan sah auf Venice.
»War also doch eine gute Idee, diese eingeschlossenen Kiowan wieder auf freien Fuß zu setzen. Diese Jungs können sich bereits jetzt nützlich machen.«
»In Ordnung, ich gebe unseren neuen Freunden Bescheid. Sonst noch etwas?«
Deacan überlegte.
»Nein, nur eine kleine Dosis Schlaf würde mir jetzt zum Glück noch fehlen.«
Arris lächelte.
»Wir bringen Sie und Ihre Partnerin in die Nähe von Anhur. Also legen Sie sich ruhig ein wenig aufs Ohr, wir wecken Sie schon, wenn etwas passiert. Einverstanden?«
 

Deacan

Commodore
part 98

*

Auf seinem Schreibtisch türmten sich unzählige Pads mit Interviewanfragen, fast jeder Nachrichtensender im Tri-System riss sich jetzt um die Geschichte des Gildenführers. Ser Ricards verweilte noch immer auf Hades, dort hatte seine Gilde vor Jahren schon einige Bürogebäude angemietet, die als ständige, öffentliche Vertretung seiner kleinen elitären und käuflichen Gesellschaft dienten. Ricards selbst hatte diese Räume seit ihrer Eröffnung nicht mehr betreten, jetzt aber überlegte er ernsthaft, nicht vielleicht doch für einen längeren Zeitraum auf Hades sein Lager aufzuschlagen.
»Und? Gibt es schon eine Antwort?«
Ricards sah auf seinen jungen Mitarbeiter, der soeben den Raum betreten hatte.
»Nein, noch nichts, Ser. Aber wenn ich offen sprechen darf...?«
Ricards nickte.
»Nur zu, junger Freund.«
»Ich weiß nicht, ob unsere Aktion klug war.«
Ricards setzte sich in einen Sessel, sein Gesichtsausdruck wirkte zwar gelassen, aber sein Tonfall verriet seine Verärgerung über diesen Satz seines Mitarbeiters.
»Und wie kommen Sie darauf?«
»Ser, unsere Sache steht oder fällt mit der Unterstützung des Senators. Sind Sie sicher, dass dieser Mann Ihren Auftritt gut heißen würde?«
Ricards fuhr sich mit der Hand unters Kinn.
»Wissen Sie, es ist mir relativ egal, was unser Freund im Senat treibt oder gar denkt... denn ich habe nicht vor, auf ewig den Lakaien für den noblen Herren zu spielen.«
»Dann gehe ich also richtig in der Annahme, dass Sie bereits einen Plan haben?«
Ricards nickte nur. Die Gegensprechanlage auf seinen Schreibtisch unterbrach das kurze Gespräch zwischen Söldner und Gildenführer, Ricards’ Sekretärin meldete sich zu Wort.
»Ser Ricards? Ein Gespräch für Sie...«
»Danke, bitte stellen Sie es zu mir durch.«
»Ja Ser.«
Ein flacher Bildschirm wurde aktiviert. Das Display war direkt in die Arbeitsplatte des Schreibtisches eingebettet. Ricards erhob sich aus seinem Sessel und nahm am Schreibtisch Platz. Auf dem Bildschirm erschien das Gesicht Senators Santanas. Ricards richtete sich geistig bereits auf einen Mordsärger ein, aber der Senator blieb in seiner Wortwahl ungewöhnlich freundlich.
»Ser Ricards, ich hoffe doch, dass ich Sie momentan nicht in einer wichtigen Sache störe?«
»Aber nein. Es ist schön, Sie einmal wieder zu sehen, es ist auch schon eine ganze Weile her...«
Der Senator winkte nur ab.
»Sagen Sie... ich hoffe doch, dass Sie unserer Sache noch immer Ihre volle Aufmerksamkeit widmen werden, zumal Sie jetzt sicherlich einige Termine mit der Presse noch offen haben.«
Ricards sah unbeeindruckt auf den Bildschirm.
»Sehen Sie – es liegt mir fern, unser Ziel aus den Augen zu verlieren. Aber es wurde höchste Zeit, sich einmal zur Lage zu äußern. Bitte verzeihen Sie meine Anmaßung, aber Ihre lieben Kollegen scheinen ja noch immer den Schlaf der Gerechten zu halten«
»Nun, Sie haben dank Ihrer klaren Worte mit Sicherheit meine lieben Kollegen geweckt, das steht völlig außer Frage. Apropos Frage... wie steht es eigentlich um die Privateers?«
Ricards lächelte.
»Kein Problem, das kann ich Ihnen versichern. Aber ich muss auch etwas fragen – sagen Sie, warum werben Sie Söldner ab? Insbesondere meine Söldner« Santanas Gesicht blieb völlig unverändert.
»Bitte?«
Ricards versuchte sich in einem gleichgültig wirkenden Gesichtsausdruck.
»Ich habe hier einige Leute in meinen Reihen, die ziemlich hohe Summen auf ihren Konten vorfanden... und ich habe diese Gelder nicht gezahlt, das würde meine Möglichkeiten bei Weitem übersteigen.
Da bleiben doch eigentlich nur Sie... oder liege ich da etwa falsch?«
»Ich besitze Sie, Ser Ricards. Und damit auch Ihre Truppe. Warum also sollte ich auch noch Ihre Leute einzeln kaufen? Das wäre doch unsinnig... aber vielleicht sollten Sie sich einmal Ihre Mitarbeiter genauer ansehen. Das Ganze klingt nämlich eher nach Problemen innerhalb Ihrer Gilde.«
»Sicher, Senator. Wenn das dann alles wäre?«
Der Senator nickte, die Kommunikationsverbindung wurde beendet. Ricards sah seinen jungen Mitarbeiter an. »Habe nur ich das seltsame Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt?«
»Nein, Ser Ricards. Dieses Gefühl haben nicht nur Sie.«
»Lassen Sie unseren Senator weiter beobachten... und machen Sie mir Meldung, falls er auch nur einen Schritt vor seine Amtsstube macht.«
»Aber gerne doch, Ser.«
»Und... überprüfen Sie nochmals unsere Söldner... wir sollten eigentlich keine Zweifel an unseren Leuten aufkommen lassen... und nicht, dass ich diesem Politiker dort trauen würde...«
Ricards hielt kurz inne. »Aber ich will Fakten.«

*

»Ser? Die Gruppe von Sera Manley meldet, dass man einen Durchbruch geschafft hat.«
Hassans Gesicht hellte sich wieder etwas auf.
Ein Durchbruch, na endlich!
Auf den unzähligen Monitoren auf der Brücke des Trägers Fearless verfolgte nicht nur der Kommandant der CIS die Schlacht mit großem Interesse. Jeder hier im temporären Nervenzentrum der CIS fieberte regelrecht dem Ende der Aktion entgegen, selbst wenn dieses noch in weiter Ferne lag. Ein Raunen und Aufatmen erfüllte die Luft auf der Brücke. Einer der Waffenoffiziere holte die Besatzung in die Realität zurück.
»Melde mehrere Feindkontakte, eine kleine Gruppe der Kiowan hält auf uns zu.«
Hassan lenkte seine Aufmerksamkeit sofort auf die neue Situation.
»Analyse?«
»Nur leichte Jäger, unser Geleitschutz reagiert bereits.«
»Na hervorragend. Reduzieren Sie unsere Geschwindigkeit um ein weiteres Drittel und geben Sie unseren Zerstörern die Order, dass sie etwas mehr zu uns aufschließen sollen. Ich will keine Lücken in unseren Verband sehen, die vom Gegner gegen uns verwendet werden können.«
»Ja, Ser!«
Manleys Flügelmann verschwand in einer hellen Explosion, der Pilot wurde von zwei Raketen überrascht - ein Gegner hatte es geschafft sich hinter die Milizmaschine zu hängen und diese als Ziel aufzuschalten.
Die Agentin überprüfte den Zustand ihres Jägers, die Schilde waren auf ein kritisches Niveau gefallen. Zusammen mit etlichen weiteren Jägern hatte die Agentin es geschafft, eine recht große Bresche in die Reihen der Kiowan zu schlagen. Die jetzige Aufgabe bestand darin, das gegnerische Feld gewissermaßen von hinten her aufzuräumen.
Manley entdeckte immer mehr Maschinen, die irgendwie nicht den Standardspezifikationen der Kiowan entsprachen. Da waren Gegner mit Geschützen unterwegs, die nie und nimmer aus der Serienfertigung des kleinen Piratenclans stammten, die Agentin erkannte sogar schwere Kravenlaser unter einigen Maschinen...
Per Druck auf den Auslöser am Steuerknüppel verschaffte sich Manley etwas Ruhe hinter ihrem Rücken, sie klinkte einfach ein paar Minen aus, zwei Krelljäger waren ihr zu dicht auf den Fersen um noch ausweichen zu können. Die Sekunden ohne direkten Feindbeschuss nutzte sie dann, um etwas Abstand zu gewinnen und ihren Schilden etwas Zeit zur Regeneration zu geben – keine leichte Aufgabe, ständig waren Kurswechsel notwendig, zu viele Gegner feuerten einfach blindlings auf die Milizschiffe.
Trotzdem, die gegnerischen Reihen lichteten sich immer mehr...
Manley entdeckte zur ihrer Rechten die Repulse, die sich mit ihren schweren Geschützen mühelos ihren Weg quer durch die Gegner bahnte. Etwas abseits davon explodierte der erste Kreuzer der Kiowan mit einem gewaltigen Lichtblitz, die Schlachtschiffe Intrepid und Avenger hatten noch vor den Jägern die Kreuzer erreicht, nun zerfetzten Salven aus ihren Bordgeschützen die Außenhüllen der feindlichen Großkampfschiffe.
Manley sah erneut auf ihre Schildanzeige, ihre Energie war wieder auf mehr als achtzig Prozent gestiegen.
»Zeit für die nächsten Abschüsse.«
Die Agentin flüsterte ihren Satz ins Headset... und ein Pilot der CIS entgegnete kurzerhand:
»Wir sind dabei, Sera Manley. Sagen Sie nur wohin wir schießen sollen, und wir treffen auch!«
Manley konnte ihr aufmunterndes Lachen nicht zurück halten. Diese Schlacht war in ihren Augen gewonnen.
Etwas abseits vom Geschehen sah das allerdings anders aus...
Die Danrik, die mindestens zweimal so groß war wie die leichte Milizmaschine, feuerte eine Salve aus ihren Geschützen ab.
Die Energie dieser Salve schaltete die Schilde des ungleich schwächeren Gegners sofort aus. Der Pilot der CIS wartete jetzt auf die zweite Salve, er wartete auf seinen Tod. Sein Kollege hatte es zwar geschafft, sich hinter die Söldnermaschine zu setzen, aber seine Bordwaffen hatten gegen die schweren Gefechtsschilde dieses Elitejägers keine Chance.
Verzweifelt riss der gehetzte Pilot seinen Steuerknüppel immer wieder nach oben und unten, doch sein Verfolger blieb hartnäckig an ihm dran.
Hassans Befehl lautete, diese Söldnerschiffe aufzuhalten... und das hatte man nicht nur versucht, sondern auch zum Teil bereits getan.
Nur drei schwere Jäger der unbekannten Söldner waren noch intakt. Diesen drei Maschinen standen aber auch nur noch zwei Jäger der Bravostaffel gegenüber. Die kleine Staffel der CIS hatte im wahrsten Sinne übermenschliches geleistet und dafür einen hohen Preis zahlen müssen, neun Jäger hatte man verloren.
Und dieses Gefecht hier sah nicht danach aus, dass man es gewinnen könnte.
Die leichte Beute, die der leichte Jäger für die Danrik darstellte, stoppte abrupt ihren Flug, zeitgleich klinkte der Pilot seine letzten Minen aus. Der große Stahlvogel des Söldner raste in die explosive Mischung aus Minen und dem kleinen Jäger hinein...
»Bravo vier an Ser Hassan, habe letzten Flügelmann verloren... Treibstoff fast auf Null... zwei Gegner noch übrig.«
Der kurzen Stille im Cockpit der Milizmaschine folgte ein einfacher Satz von Ser Hassen.
»Entscheiden Sie selbst...«
Der Pilot überlegte kurz, dann aber gab er vollen Schub und entfernte sich von den beiden Söldnerschiffen. Der Grund für seine Entscheidung waren ein paar Zahlen und Buchstaben, die auf einem Display erschienen. Sein Jäger hatte jetzt wichtige Daten an Bord, er hatte soeben eine positive ID der Danrik empfangen, die sein Teamkollege vor wenigen Augenblicken ausgelöscht hatte.
Für den Bruchteil einer Sekunde funktionierte die Abschirmung der Kennung des Gegners nicht mehr – wahrscheinlich eine direkte Folge der Kollision. Und diese Daten waren jetzt wichtiger als ein weiterer, teuer erkaufter Sieg.
Der Pilot nahm direkten Kurs zum Flagschiff der Flotte...

*

»Ivy?«
Teanna stand vor dem Bett, in dem ihre Freundin lag und sie versuchte, den Tiefschläfer und Schnarcher vom Dienst zu wecken. Da keine Reaktion erfolgte, wiederholte Teanna ihre kleine Frage, diesmal allerdings kletterte sie zu ihrer Freundin ins Bett und gab ihr einem flüchtigen Kuss auf die Stirn. »Ivy? Aufwachen...«
Etwas flog in Richtung Teannas Kopf, nur knapp verfehlte der Gegenstand sein Ziel. Bei genauerer Betrachtung stellte Teanna fest, das Ivy ihr einen leeren Trinkbecher entgegen geworfen hatte... na gut, Ivy wollte nicht aufstehen.
Sie grummelte ein paar unverständliche Sätze unter ihrer Bettdecke, drehte sich auf die andere Seite und schlief einfach weiter.
Teanna griff kurzerhand zur Bettdecke und zog diese vom Bett herunter.
Jetzt war Ivy sauer, schnell wie ein Blitz saß sie aufrecht im Bett. Nur ihre Augen wollten wohl noch nicht so ganz die Situation wahrnehmen, sie blinzelte einmal quer durch den Raum, ehe sie Teanna erkannte.
Eine Schmollschnute ziehend und tief Luft holend begann sie einen Schwall an kleinen, liebreizenden Beschimpfungen vom Stapel zu lassen.
Teanna hingegen zeigte sich unbeeindruckt, sie ließ ihrer Freundin ein paar Minuten Zeit, dann setzte sie sich zu ihr auf den Bettrand. »Bist du jetzt mit deinem ABC der üblen Wortschöpfungen fertig? Falls ja, dann würde ich dich gerne über etwas informieren. Aber zuvor musst du mir versprechen, dass du mir nicht den Hals umdrehst... verstanden?«
Ivy rieb sich den Schlaf aus den Augen.
»Was ist passiert? Hast du unsere Kohle auf den Kopf gehauen? Unsere Jäger verspielt? Oder bist du etwa in anderen Umständen?«
Teanna verzog ihr Gesicht.
»Weder noch, und das letzte ohnehin nicht. Ich war eben in den Büros der CIS hier...«
Jetzt wurde Ivy schlagartig munter und ihr Gesichtsausdruck nahm eine Form an, die Teanna echt nicht mochte.
»Ich höre?«
»Ich habe hier noch mal gefragt, wegen der ID dieses Söldners, du weißt schon...«
»Ja? Und weiter?«
»Die Leute hier verhalten sich völlig seltsam. Mir wurde nahe gelegt, zu verschwinden. Und noch etwas, die direkte Eingabe der ID führte zu einer Sicherheitsabfrage – und zwar der Stufe blau.«
»Blau? Das heißt doch... Freigabe nur durch einen Senator? Bist du sicher?«
Teanna nickte. »Okay, ich kenne das noch von früher her, aus der Zeit, bevor ich dich kennen lernen durfte. Wenn einer dieser Politiker seine Finger mit im Spiel hat, dann stecken wir wirklich in argen Schwierigkeiten.«
Einen Augenblick lang schwieg Ivy, dann fiel ihr etwas ein. »Sag mal, warum probierst du dein Glück mit dieser ID gerade hier aus? Noch dazu im Alleingang und in tiefschwarzer Nacht?«
Ups, jetzt steckte Teanna in Erklärungsnot.
»Bei unserem letzten Trip an Land da...«
Ivy winkte ab, sie hatte offensichtlich verstanden. Die Verärgerung aber war deutlich zu sehen, zusammen mit einer größeren Dosis Sorgenfalten stand sie riesengroß auf Ivys Stirn geschrieben.
»Das nächste Mal machst du bitte keine Extratouren. Und jetzt sollten wir schleunigst Gutenhal wecken... wir müssen weg von hier. Wer weiß, wen du mit deiner Neugierde inzwischen geweckt hast.«
Teanna nickte nur und signalisierte somit ihre Zustimmung. Ihre Freundin zog die kleine Reisetasche unterm Bett hervor, eilig stopfte sie ihre wenigen Habseligkeiten hinein.
Die Hetzjagd ging also weiter... und Ruhe war noch lange nicht in Sicht.
 

Deacan

Commodore
part 99

*

Eine schlichte, alte Decke und einen ruhigen Platz am Boden – mehr brauchte Deacan nicht, um für einige Stunden etwas Schlaf zu bekommen. Die ständige, leichte Vibration des Bodens in seinem Quartier ließ den Privateer ungewöhnlich rasch ins Reich der Träume entschwinden...
Das Quartier selbst lag in der Nähe der Generatoren für die künstliche Schwerkraft an Bord der Dream und zumindest für den Augenblick schien Deacan hier ein wenig Glück zu empfinden, denn auf seinen Lippen konnte man ein kleines, verstecktes Lächeln erkennen.
Ob oder was er träumte, vermochte er fast nie zu sagen, vielleicht schützte ihn ja auch sein Verstand vor der Erinnerung an seine Träume, denn bei dem vielen Leid, das er täglich zu sehen bekam, waren schlechte Träume mit Sicherheit oftmals seine stillen Begleiter für die wenigen Stunden der Nacht. Das Geräusch der sich öffnenden Tür ließ Deacan hochschrecken, benommen sah er in die Richtung der Störquelle und erkannte Ser Arris, der leise eintrat.
»Und? Sind wir etwa schon am Ziel?«
Ser Arris setzte sich zu seinem Gast auf den Boden, etwas amüsiert wies er dann auf eine Pritsche, die an einer Wand im Raum stand.
»Ist das hier etwa bequemer als das Bett? Oder liegen Sie einfach nur gerne auf hartem Boden?«
»Ich spürte kaum noch meinen eigenen Körper... da tat der harte Boden ganz gut, die Schmerzen im Rücken zeigen mir zumindest ansatzweise an, dass ich noch lebe.«
Arris zog die Stirn in Falten.
»Doch so schlimm? Wenn Sie wollen, dann können wir die kommende Aktion auch ohne Sie einleiten.«
Deacan winkte ab.
»Ist schon okay... wir sind also in der Nähe von Anhur?«
Arris nickte.
»Unsere kiowanschen Freunde sind einsatzbereit, sie werden eines dieser seltsamen Shuttles von Santana abfangen. In genau zwanzig Minuten geht es los. Wie sieht es aus, Interesse mit dabei zu sein? Das Shuttle unseres Freundes fliegt völlig ohne Geleitschutz und im Shuttle der Kiowan ist noch ein Platz frei...« Deacan überlegte kurz.
»Ist vielleicht auch besser, wenn ich mit an Bord bin. Jemand sollte ein Auge auf diese Bande werfen, wer weiß wie sauer diese Jungs sind und wie sich das auf ihr Vorgehen auswirken könnte.«
»Ich sehe, wir denken in gleiche Richtung. Das Kommando dieser Mission haben zwar die Kiowan, aber versuchen Sie trotzdem, sie im Zaum zu halten.«
»Und was ist mit Venice?«
»Ich habe der jungen Dame eine andere, fast genauso wichtige Aufgabe zugeteilt. Sie war zwar nicht sonderlich begeistert, aber das wissen Sie ja...«
Arris stand auf, dann ging er still zur Tür.
Es gab wohl keinen anderen Platz im Tri-System, den Deacan noch unfreiwilliger betreten hätte als dieses Shuttleschiff der Kiowan.
Er selbst kannte keinen einzigen der anwesenden Piraten hier und die netten Blicke seiner „Teamkollegen“ waren auch alles andere als warmherzig. Das hier waren eher Killer als Soldaten, noch dazu größtenteils mit ziemlich mieser Laune im Gepäck.
Man wies dem Privateer einen Platz zu, und still nahm er diesen in Beschlag. Als dann die Luftschleuse der kleinen Angriffsfähre geschlossen wurde und die Triebwerke des Schiffs online gingen, wurde die kurzzeitige Stille an Bord regelrecht unerträglich. Durch ein kleines Fenster konnte man nach draußen sehen, dort wurde die Dream und ihre Eskorte zusehends kleiner...
Der Flug selbst war extrem kurz.
Das vom Senator bezahlte Schiff stieg direkt von Anhur auf und sollte laut Flugplan einen kleinen Abstecher in Richtung Crius unternehmen. Die Kiowan wollten das Schiff kurz vorm Sprung abfangen – wenn es sein musste auch mit Gewalt. Innerlich hoffte zumindest ein Passagier an Bord des Shuttles der Kiowan, dass es nicht zum Gefecht kommen würde... im Gegensatz zu seinen Teamkollegen fummelte Deacan nicht an diversen Schusswaffen herum oder sprach lautstark über die mögliche Abwehrbewaffnung des Ziels.
Diese Meute hier war schon im Ansatz nicht kontrollierbar, aber Ser Arris hatte sich davon überzeugen lassen, ausgerechnet diesen Leuten diese Aufgabe zu geben. Die Kiowan sahen darin den guten Willen ihres neuen Partners und der wiederum hatte ehrlich gesagt gar keine andere Wahl, wenn er nicht die Unterstützung der wenigen Kiowan verlieren wollte.
»Okay, da ist es...«
Diese Worte kamen aus dem Cockpitbereich und erzeugten sofort hektische Betriebsamkeit. Ein Kiowan kletterte in die Geschützkanzel des Shuttles, der Rest machte die Waffen scharf...
Es gab keine Warnung, keine Aufforderung die Triebwerke abzuschalten oder gar den Kurs zu ändern. Das Angriffsshuttle der Kiowan feuerte einfach mit seinem Gefechtsturm auf die Antriebssektion des Zielschiffs und brachte es dann mit wenigen Treffern zum Stillstand. Weitere Treffer rissen den Abwehrturm des Schiffs aus der Verankerung und beschädigten die Außenhülle schwer.
Das Andocken erfolgte in Sekundenschnelle, noch schneller wurden nur noch die gepanzerten Sicherheitsschleusen überwunden.
Keine Minute nach dem ersten Schuss betrat auch schon der erste Kiowan das gekaperte Schiff. Deacan stand auf, man gab ihm einen Blaster und er trat als vierter oder fünfter durch das kleine Schott... seine Kollegen hatten schneller die Lage unter Kontrolle gebracht als man es erwartet hätte.
Die Passagiere des Zielschiffes lagen auf den Boden, mit ihren Gesichtern nach unten.
Und sie alle trugen Uniform... CIS!
Man hatte ein Schiff voller Militärs gekapert.
»Scheiße... jetzt haben wir wirklich ein Problem.«
Einer der Kiowan bückte sich zu den Gefangenen herunter und durchsuchte die Taschen nach ID-Cards oder einem MACS. Und er wurde schnell fündig. Einem ersten ungläubigen Blick folgte ein zweiter, dann gab er die ID-Card an Deacan weiter.
»Jede Wette, das hier sind keine Leute von der Miliz. Hier...«
Der Pirat zeigte auf die Card, dann fuhr er fort. »Glauben Sie mir, ich erkenne eine echte Dienstmarke, wenn ich eine sehe – egal wie betrunken ich bin.«
Ein breites Grinsen beendete den Satz. Ungläubig sah Deacan auf die Card, dann wieder auf die Gefangenen. Der Kiowan aber kam auf eine Idee... er riss einen der Gefangenen hoch, stellte ihn auf die Beine und hielt ihm seinen Blaster unter die Nase.
»Also los, wer seid Ihr?« Keine Antwort, offenbar wollte oder konnte der Mann keine Antwort geben.
Dafür kam eine Antwort vom Kiowan, er drückte auf den Abzug der Waffe. Leblos sackte der Mann zusammen, vom Schuss selbst hatte man nur ein markantes Zischen hören können. Dafür aber war die Wand blutrot gefärbt. »Dann fragen wir halt den nächsten. Und wir machen das so lange, bis wir eine Antwort bekommen...«
Der Kiowan riss einen weiteren Gefangenen hoch, Deacan sprang dazwischen.
»Was zum Teufel sollte das? Ich glaube nicht, das Ser Arris...«
Der Kiowan unterbrach ihn mitten im Satz.
»Arris ist nicht hier, sondern wir. Und wir wollen Antworten. Wenn Sie damit ein Problem haben, können Sie sich ja nachher beschweren.«
»Sie wollen also Antworten, und das zu jedem Preis?«
Deacan hob seinen Blaster und richtete die Waffe auf den Kiowan. »Es ist mir persönlich egal, ob unsere kleine Allianz hiermit ein vorzeitiges Ende findet. Und jetzt... runter mit der Waffe.«
Der Kiowan verzog keine Miene.
»Na los, schießen Sie. Ich bin hier ersetzbar, jeder meiner Kameraden würde sofort an meine Stelle treten. Sie hingegen sind allein. Oder irre ich mich da? Unfälle passieren halt immer wieder einmal.«
Noch deutlicher konnte diese Drohung gar nicht formuliert werden, Deacan überlegte sichtlich, was er als nächstes tun sollte. Ein weiterer Kiowan nickte zustimmend in Richtung des Schützen, offenbar sah man in dem Privateer nur einen stillen Beobachter und kein vollwertiges Mitglied dieser Operation.
Einer der Gefangenen meldete sich jedoch schneller zu Wort und ersparte dem Privateer damit vermutlich mehr als nur ein Handgemenge mit dem Piraten.
»Hören Sie auf... es reicht. Wir arbeiten für ein kleines Sicherheitsunternehmen und wir wurden bezahlt, um diese Uniformen zu tragen.«
»Wie ich es doch sagte, keine Leute vom CIS. Wer ist euer Auftraggeber?«
»Irgendein hoher Regierungsbeamter, möglicherweise ein Senator. Den Namen kennen wir aber nicht...«
Deacan sah intensiv in das Gesicht des Gefangenen, der noch immer im eisernen Würgegriff des Kiowan hing.
»Und euer Auftrag?«
»Wir sollten auf Crius etwas Unruhe stiften, mehr nicht. Bitte...«
Eigentlich existierte ein Wort wie „Bitte“ nicht im Wortschatz des Piraten, er war anders als der Sprecher seines Clans – ein Mann der Tat eben. Aber er ließ seinen Gegenüber los, unsanft landete der Uniformierte auf den Boden des Shuttles.
»Kontaktieren Sie sofort die Dream, wir müssen alle diese Schiffe aufhalten, oder die CIS nimmt mehr als nur bleibenden Schaden.«
Deacans Worte verhallten nicht ungehört, ein Kiowan nickte zustimmend und kletterte wieder durch das Schott in die Angriffsfähre, um dort den Piloten über die Lage zu informieren.
Deacan warf einen verächtlichen Blick auf den Piraten, der bis vor wenigen Augenblicken noch eine Bedrohung für ihn dargestellt hatte. »Noch einmal so eine Aktion und ihr seid wieder alleine da draußen.«
Die Antwort, die der Privateer erhielt, sprach für sich selbst.
»Das sagt genau der Richtige...«

*

Mit jeder Minute verloren die Kiowan mehr und mehr an Boden...
Die Truppen der CIS rückten unaufhaltsam näher an den Planeten Petra heran, die erbitterten Kämpfe wurden mittlerweile schon zum Teil im Orbit des Planeten ausgetragen.
Für Manley galt jetzt ein neuer Befehl, sie sollte schnellstmöglich landen und mit etlichen Kollegen einen ersten Brückenkopf bilden, den die Truppen der CIS auch halten konnten. Einige Gegner versperrten der Agentin zwar noch immer den Weg, aber ihre schweren Bordgeschütze sorgten sehr schnell dafür, dass sich die Situation zu ihrer Zufriedenheit klären ließ.
Ein Teamkollege von Manley stieß zu ihr vor, er sorgte für die notwendige Rückendeckung für den Anflug auf Petra und flog direkt in einer Linie hinter der Agentin. Rechts und links tauchten weitere Maschinen der CIS auf, man ging in Formation und tauchte in die dünne, nicht atembare Atmosphäre des Planeten ein, die nur aus Stickstoff und Schwefel in geringen Anteilen bestand.
Vor dem Team tauchten die kleinen Kuppelstädte auf und man hoffte, dass die Schleusen und Hangarbereiche noch intakt waren und vor allem, dass sich möglichst wenige Kiowan dort aufhielten.
Die automatischen Landeanflugsysteme funktionierten seltsamerweise noch einwandfrei, auch die Hangartore öffneten sich problemlos.
Nur... das, was man dann im Hangar selbst zu sehen bekam, erinnerte ein wenig an die Zerstörungen, die ein Tornado anrichten könnte. Nur mit Mühe fanden die Piloten einen Platz, auf denen sie landen konnten.
Werkzeug, Ersatzteile, sogar Treibstoffzellen lagen weit verstreut im Hangar, ein kleines Shuttle der Kiowan stand auch noch hier, das allerdings verlassen wirkte. Langsam öffneten sich die Cockpits der schweren Jäger der CIS und nur widerwillig stiegen die Besatzungen aus den schützenden Maschinen aus.
Manley zog ihren Blaster aus dem Holster, ihr MACS stellte sie auf aktiven Scann. Sie ließ ihren Blick umher wandern, die nähere Umgebung war tot, keinerlei Lebenszeichen wurden von den Sensoren des MACS angezeigt.
Seltsam... eigentlich hatte man fest damit gerechnet, sofort unter Feuer genommen zu werden.
Langsam ging das kleine Team weiter, man erreichte die Schleuse, die den Hangar vom Rest der Anlage trennte. Manley öffnete die Tür und ein bestialischer Geruch schlug ihr entgegen. Es war dunkel hier, die Agentin aktivierte eine kleine Lampe, die unter dem Lauf ihres Blasters montiert war. Der kleine Lichtstrahl wanderte die Wände entlang, dann glitt das Licht über den Boden... und blieb an einem Mann hängen, der seltsam verkrümmt am Boden lag. Seine Kleidung schien ihn als Techniker zu identifizieren, sein Alter schätzte die Agentin auf vielleicht Mitte Fünfzig. Seine Hände hielten noch immer einen kleinen Kanister krampfhaft fest, es schien fast so, als wollte er diesen Behälter unbedingt schützen.
Im Eilschritt lief sie auf ihn zu, dabei behielt sie ständig die Anzeigen ihres MACS im Auge. Dieser Mann hier war genauso tot wie alles andere um ihn herum, er schien erstickt zu sein.
Nur – woran?
Die Scanns der Luft hatte nichts toxisches angezeigt und auf einen gewaltsamen Tod deutete auch nichts an der Leiche hin, es gab keinerlei Würgemale am Hals... Ein leises Geräusch lenkte die Aufmerksamkeit der Agentin ab, sie suchte nach der Ursache für dieses seltsame, aber monotone Zischen. Ihr Blick glitt an einem ihrer Kollegen herab und blieb an der möglichen Ursache haften.
Der Pilot stand in einer kleinen, rötlichen Pfütze und diese Substanz fraß sich offenbar durch das Schuhleder seiner Stiefel. Hektisch sprang Manley auf, sie zog dem Mann den Schuh aus, während ein anderer Kollege ihn festhielt – gerade noch rechtzeitig, nur Sekunden später hätte die Flüssigkeit auch seinen Fuß erwischt.
Einen Moment lang überlegte die Agentin, dann fiel ihr etwas ein... da war doch mal ein ähnlicher Fall... Sie öffnete die Speicherbänke in ihrem MACS, genauer gesagt suchte sie einige Daten, die sie unter der Bezeichnung „Ser Tron“ abgespeichert hatte. Dann fand sie dort, was sie gesucht hatte.
»Das Zeug kenne ich doch, einen kleinen Augenblick... TC 446... wie damals beim Anschlag auf Ser Tron.«
Die Agentin sah sich um, und sie entdeckte weitere kleine Kanister... alle waren geöffnet und der Inhalt ausgeschüttet worden. »Alles sofort raus hier! Diese Brühe wird an der Luft toxisch, aber unsere Scanner sind darauf nicht programmiert.«
Einer der Piloten war unschlüssig.
»Sind Sie sicher?«
»Soll ich Sie etwa erst mit dem Gesicht in das Zeug hinein drücken? Rückzug, sofort. Hier lebt wahrscheinlich ohnehin nichts mehr, aber wir schicken ein Team in Schutzanzügen runter, um das zu klären.«
Das Team machte kehrt und in Manley stieg eine böse Ahnung auf. Sie hatte gehört, wie Ser Hassan einige Jäger aufgefordert hatte, sich um einige unidentifizierte Söldnerschiffe zu kümmern. Und diese Schiffe waren vom Planeten aus gestartet – dies hier war das Werk dieser Söldner, das stand für Manley außer Frage.
Aber... warum tötet man seine Freunde und Verbündeten?
 

Deacan

Commodore
part 100

*

Die Maschine sah so aus, als hätte man sie durch eine Schrottpresse geschoben. Von der Lackierung waren nur noch spärliche Überreste zu erkennen, die Tragflächen wiesen riesige Löcher auf und Treibstoff tropfte unaufhörlich aus einem langen Riss, der sich an der Unterseite des Rumpfes über eine Länge von etwa einem Meter erstreckte.
Kaum zu glauben, dass es der Pilot tatsächlich geschafft hatte, den schützenden Hangar des Trägers zu erreichen. Seine Landung mit diesem Wrack wurde vom Personal im Hangar mit Beifall honoriert – kaum einer der Techniker hier hatte jemals etwas derartiges gesehen.
Das Cockpit des Jägers schwang auf und der Pilot rappelte sich mühsam hoch. Dann setzte er seinen Helm ab, sein Gesicht und die kurzen Haare waren völlig vom Schweiß durchtränkt. Jemand reichte dem Mann eine Wasserflasche, die dankend entgegen genommen wurde. Zwei, drei hastige Schlucke – mehr wollte der Pilot nicht, dann zeigte er auf seine Instrumententafel.
»Den Datenschreiber! Baut sofort den Datenschreiber aus, das Material muss sofort Ser Hassan zur Verfügung stehen... nur das ist jetzt wichtig.«
Die Sorgenfalten, die noch vor wenigen Stunden seine Stirn zierten und die sein Alter um einige Jahre nach oben verschoben hatten, waren jetzt verschwunden. Eine Jägerstaffel nach der anderen meldete Erfolge, das Team auf der Brücke des Kommandoschiffes war sichtlich in Feierlaune – Ser Hassans kühner Entschluss schien genau den Erfolg zu bringen, den die CIS so dringend benötigte.
»Zeit?«
Hassans knappe Frage wurde sofort beantwortet, jemand aus dem Hintergrund erhob für wenige Sekunden die Stimme.
»Fünf Stunden und vierzig Minuten seit Beginn der Operation.«
Hassans Augen hefteten sich an einen Monitor.
»Und Manley? Hat sich Manley schon wieder gemeldet?«
»Nein, Ser. Aber ihre Staffel ist auf Petra gelandet. Es gibt wohl Störungen der Kommunikationssysteme, wir versuchen gerade das Problem zu lösen.«
»Nun gut...«
Hassans tiefe Atemzüge schienen bis in die hinterste Ecke der Brücke hörbar zu sein, keiner der Brückenoffiziere maßte sich eine Antwort oder gar einen Kommentar an. Man musste halt warten und schwieg dazu – wie so oft. Ein kleines Display wechselte das Programm, das Gesicht eines jungen Technikers war jetzt darauf zu erkennen.
»Hangar Eins an Brücke. Hier spricht die Technikabteilung, Ser Sterward. Wir haben hier jemanden, der eine interessante Geschichte erzählen kann. Und als Zugabe bringt er uns einige Daten, die von noch größerem Interesse sein dürften.«
Eigentlich verstieß diese Form der Meldung eines Offiziers gegen jedes bekannte Protokoll an Bord eines Trägers vom Militär. Und normalerweise hätte der Offizier mit einer gehörigen Schelte rechnen müssen – aber nicht diesmal. Ser Hassan sah auf das Display, dann folgte eine einfache Frage.
»Ist es ein Pilot der Bravo-Staffel?«
Der Techniker nickte lebhaft.
»Ja Ser. Bravo Vier hat es zurück geschafft. Wir haben den Datenschreiber seiner Maschine bereits ausgebaut und laden alle relevanten Daten herunter. So wie es scheint, hat der Pilot eine positive ID empfangen... wir werden also erfahren, wer da den Piraten geholfen hat.«
»Hervorragend, gute Arbeit. Bringen Sie dem Piloten einen kühlen Drink, er hat Dienstfrei.«
»Ja Ser.«
Das breite Grinsen des Technikers sprengte fast die Breite des Displays, nur um Sekunden später zu verschwinden und Platz für die alten Anzeigen zu machen – Kartenmaterial und Flottenbewegungen. Hassans Augen fixierten noch für einige Sekunden das Display, dann sprach er aus, was viele hier dachten.
»Jetzt hab ich dich, Senator...«
Jemand klopfte mit der Hand anerkennend auf die Schulter des Chefs der CIS, weiter hinten auf der Brücke gab es jemanden, der leise applaudierte. Diese kleinen Gesten taten mehr als nur gut, Hassan schloss kurz die Augen, ein Lächeln überflog seine Mundwinkel.
»Ser? Die Daten aus dem Jäger kommen gerade rein, ich lege sie auf Ihren Schirm.«
Nach einem tiefen Atemzug nickte Hassan zustimmend. Sein Blick überflog die Daten, die sich da vor ihm aufbauten.
»Okay, was haben wir denn hier? ID 9898-DE, zugelassen als Eskorte für Diplomaten, Besitzer ist Ser Patrick Furns, Betreiber Senator...«
Hassan hielt inne. Das letzte Wort, das Satzende – es passte nicht zu seinen Gedankengängen. Hassan las den Namen ein zweites Mal, dann ein drittes Mal. Da stand nicht das Wort Santana.
Dieser Jäger war nicht in den Listen des verhassten Senators aufgeführt. Nein, diese Maschine flog unter der Flagge eines Mannes namens Ser Vaughn. Seines Zeichens Senator auf Hades... und ein persönlicher Freund Hassans.
Vaughn hatte sogar einen seiner beiden Söhne nach Hassan benannt: David. Konnte das sein?
Wirre Gedanken rasten durch Hassans Kopf, ein Schreckensszenario löste das nächste ab. Senator Vaughn kannte alle Details von Hassans Plan, Vaughn war der einzige aus dem Senat, der Hassan ermuntert hatte, seine Idee von der Befreiung Petras in die Tat umzusetzen.
Dieser Mann hatte Hassans Aktionen oft genug gedeckt, wenn diese die Grenzen der Legalität überschritten. Aber jetzt musste sich Hassan die Frage stellen, ob er tatsächlich in Vaughn einen Freund hatte... oder ob der Verrat buchstäblich mit an seinem Tisch gesessen hatte. Hassans Verstand arbeitete fieberhaft. Wenn diese Daten hier tatsächlich korrekt waren... dann hatte er bereits alles verloren, was er jemals besessen und aufgebaut hatte.
»Wir trennen uns vom Rest der Truppe. Kontaktieren Sie die Avenger, ich brauche dieses Schiff an unserer Seite. Wir brechen auf. Zielort ist Anhur.«
»Und die Operation hier, Ser?«
Hassans Blick irrte kurz suchend umher, dann fixierte sich sein Blick auf den Planeten Petra, der sich deutlich sichtbar aus dem Meer der Sterne draußen abhob und silbern glänzte, eingetaucht in das Licht des Systemsterns, der gerade hinter dem Planeten aufging.
»Manley soll das hier beenden und uns dann folgen. Einige Geschwader und Zerstörer sollen zudem vorerst hier bleiben und für die notwendige Sicherheit sorgen.«
»Ja Ser...«

*

»Ser Tron? Die Verbindung zur Dream steht.«
»Danke.«
Deacan griff nach dem Headset, er setzte es auf, ein kleiner Bildschirm im Cockpit des Shuttles ging online.
»Neuigkeiten?«
Arris Stimme tat gut, sie wirkte seltsam vertraut.
»Die Fähre hier ist voller falscher Miliz. Das ganze wirkt sehr professionell, falsche ID Cards, Uniformen, sogar die Blaster sind authentisch. Hier hat sich jemand wirklich Mühe gegeben...«
Arris Augen wurden groß.
»Gibt es Namen, einen Anhaltspunkt?«
»Nicht wirklich. Es sind wohl Sicherheitsbeamte, angeworben um für ein wenig Chaos zu sorgen. Ihren Auftraggeber kennen sie allerdings nicht, soviel steht fest. Offiziell sind die Herrschaften im Auftrag eines gewissen Ser Vaughn unterwegs, zumindest laut den Logbüchern der Fähre... aber auch das ist mit Sicherheit nur ein Fake.«
»Sicher?«
Deacan überlegte kurz, dann gab er Antwort.
»Unsere Freunde hier waren nicht zimperlich... ich glaube, mehr ins Detail brauche ich nicht zu gehen.«
Arris nickte, in seinem Gesichtsausdruck konnte man regelrecht lesen, dass er diese Bemerkung verstanden hatte.
»Gut, eins ist raus aus dem Spiel... bleiben nur noch acht weitere. Problem hierbei: wir haben nicht genügend Männer, die sich des Problems annehmen könnten. Zumal wir ja nicht nur von einer Operation in einem Sektor reden. Ideen wären jetzt hilfreich...«
Kurzes Schweigen beherrschte das Bild, dann aber hatte Ser Arris einen Vorschlag.
»Die CCN... hier sind unzählige Frachtschiffe unterwegs, das eine oder andere wird mit Sicherheit auf eine kleine Anfrage unsererseits reagieren.«
Jetzt war es Deacan, der seine Skepsis nicht verbergen konnte.
»Darf ich fragen, wie das funktionieren soll? Hallo, hier spricht der Clan... bitte schießen sie mal eben ein paar Shuttles ab, ach ja – bevor wir es vergessen: da sind Soldaten an Bord, die natürlich keine sind... aber das nur nebenbei. Nein, ernsthaft – wie soll das gehen?«
»Lassen Sie das meine Sorge sein... und kommen Sie so schnell wie möglich wieder zur Dream zurück. Das wäre alles. Arris Ende.«
Deacan nahm das Headset ab, er gab es den Piloten zurück.
»Wir sollen zur Basis zurück.«
Der Pilot des Piratenshuttle nickte, er gab einem Kollegen ein Handzeichen.
»Und was passiert mit unserer Beute?«
»Sagen Sie Ihren Freunden, dass wir Ihre Beute, wie Sie es so schön nennen, ins Schlepptau nehmen. Einverstanden?«
Das schiefe Grinsen des Piloten war Antwort genug...
Der Flug zurück zur Dream zog sich etwas in die Länge, Ursache war das angedockte Shuttle, das man geentert hatte. Die zusätzliche Last drückte die Geschwindigkeit stark nach unten, zudem wollte man nicht riskieren, dass die Andockklammern ihren Dienst vorzeitig beendeten.
Zum Glück kam Ser Arris seinem Angriffsteam ein ganzes Stück entgegen, er wollte wohl ebenfalls kostbare Zeit sparen. Statt einer Landung im Hangar der Dream gab man einer kleinen Andockschleuse am Bug des Zerstörers den Vorrang – auf diese Weise stand der Hangar für sofortige Starts und Landungen einzelner Jäger zur Verfügung, zudem hätten die zwei Shuttles nahezu die Hälfte des Platzangebotes des ganzen Hangars in Anspruch genommen.
»Willkommen zurück.«
Das waren die ersten Worte eines Technikers, die Deacan hörte, als er das kleine Schott des Shuttle öffnete und über eine kurze Leiter wieder die Dream betrat. Innerlich war er mehr als froh, die Gruppe der Kiowan wieder hinter sich zu lassen – die Stimmung an Bord des kleinen Schiffes war explosiv genug, allein die Anwesenheit des Söldners hatte zu ungezählten spitzen Bemerkungen seitens der Kiowan geführt, zumindest war es während des Rückfluges so.
Offensichtlich war man jetzt wieder wichtig, die Kiowan wussten nur zu gut, dass Ser Arris sie brauchte – und aus diesem Grund verfiel man recht schnell wieder in alte Gewohnheiten zurück.
Deacan konnte nur hoffen, dass die kleine Allianz nicht zum Alptraum werden würde.
Ser Arris erwartete seinen Gast bereits auf der Brücke der Dream, er gab Deacan per Handzeichen zu verstehen, dass er näher an eine Konsole heran kommen sollte. Es gab wohl etwas zu sehen, das von großen Interesse erschien.
»Erinnern Sie sich an Sera Dawson?«
»Sicher. Warum fragen Sie?«
Arris sah von der Konsole auf, dann trat er einen Schritt zur Seite und wies den Söldner an, selbst einen Blick auf die Daten zu werfen, die sich auf einem Monitor aufbauten. Bereits ein kurzer Blick genügte unserem Privateer, um den Sachverhalt zu erkennen. Jemand hatte eine Nachricht an Dawsons MACS geschickt – Ser Arris hatte ja bereits erwähnt, dass der Clan das Kommunikationsgerät der Söldnerin überwachen ließ.
Nur... diese Nachricht war irgendwie anders. Der Inhalt war knapp bemessen, nur einige Sätze: »Auftrag abbrechen. Neue Order in Kürze. Bitte bestätigen.«
Allerdings gab es da etwas, was nicht so ganz zur Nachricht passte, der Absender hatte diese Nachricht auf mehreren Kanälen und mit unterschiedlichen Frequenzen gesendet.
Die Frage war nur... warum? Es gab nur eine Antwort, man wollte, dass diese Mitteilung gelesen wird. Und das nicht nur vom Empfänger...
Arris ergriff das Wort.
»Es sind neunzehn Frequenzen verwendet worden, einige davon mehrfach. Sehen Sie?«
Mit schnellen Handbewegungen öffnete der Clanführer die einzelnen Frequenzbereiche, sie erschienen untereinander geordnet auf dem Monitor.
»Eine verschlüsselte Mitteilung?«
Deacan sah Arris fragend an, der Clanchef nickte zustimmend.
»Allerdings. Jeden Bereich kann man einer Zahl zuordnen... oder alternativ einem Buchstaben. Neunzehn Frequenzen gleich neunzehn Buchstaben. Unsere Jungs von der Kommunikation haben ein paar Versuche gebraucht, aber sie sind der Meinung, dass es die folgenden zwei Worte sind: Vergangenheit suchen...« Deacan sah auf.
Vergangenheit suchen... das hatte er doch schon einmal gehört. Und das vor gar nicht mal so langer Zeit – in direkter Verbindung mit Sera Dawson!
Ihre seltsame Auftraggeberin hatte ihre damalige kleine Rede mit eben diesen Worten beendet... wortwörtlich: ...suchen Sie in der Vergangenheit.
Nur... welche Vergangenheit? Wer war damit gemeint?
Gab es etwas, das Deacan die ganze Zeit vielleicht übersehen hatte? Sein Blick wanderte wieder zurück zu Arris, der mit verschränkten Armen neben der Konsole stand und seinen Mitstreiter intensiv musterte.
Vergangenheit... die von Ricards hatte man bereits gesehen, ebenso die von Dawson oder ihrer Auftraggeberin. Allesamt arbeiteten sie für Senator Angus Santana... Santana?
Deacans Augen blitzten auf.
»Sagen Sie... was wissen wir eigentlich über Angus Santana?«
Arris verstand nicht ganz.
»Wie meinen Sie das?«
»Ich glaube ich weiß jetzt, was das alles zu bedeuten hat, aber ich brauche dazu Ihre Hilfe, Ser Arris. Und einen Einblick in Ihre Vergangenheit... und zwar so umfangreich wie möglich.«
Arris blickte eher verständnislos auf seinen Gast.
»Geht das etwas genauer?«
»Ich brauche einige Daten. Wissen wir eigentlich, wer die einzelnen Piratenclans gegründet hat? Ich meine, gibt es da eine Person, auf die man die ganzen Truppen zurück führen kann?«
»Gute Frage.«
»Ich brauche eher eine gute Antwort.«
 

Deacan

Commodore
part 101

*

Teanna und Ivy hatten sichtlich Mühe, um mit der gewaltigen Schrittlänge ihres Flügelmannes Gutenhal mithalten zu können.
Der gutmütige Riese schwieg während der ganzen Zeit, er hatte aber seiner Verärgerung über den wenigen Schlaf kurz freien Lauf gelassen – und zwar im Fahrstuhl des Hotels. Teanna entschuldigte sich mehrfach, Gutenhal rieb sich den Schlaf mit seinen riesigen Händen aus den Augen, murmelte etwas vor sich hin und ergab sich dann in sein Schicksal. Immerhin blieb er aber bei dem kleinen Duo, offensichtlich wollte er die beiden nicht alleine fliegen lassen...
Trotz der frühen Stunde herrschte im Raumhafen Hochbetrieb.
Eine ganze Reihe von großen Frachtschiffen wurden hier entladen, einige Fähren machten sich startklar, etliche Jäger warteten auf ihre Starterlaubnis. Der Puls von Teanna beruhigte sich wieder etwas, inmitten des Trubels und der vielen Techniker, die schier pausenlos von einen Ende des Hafens zum anderen rannten, fühlte sie sich sicherer.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe man die eigenen Jäger wieder fand – die Techniker hatten die drei Schiffe aus Platzgründen vom Flugfeld in einen kleinen Hangar geschoben.
Teanna kletterte als erste wieder ins Cockpit, ein Techniker half ihr dabei. Dann legte sie mit gewohnter Routine die Gurte an und setzte ihr Headset auf. Der Geräuschpegel im Hangar war ohrenbetäubend, selbst durch das geschlossene Cockpit konnte Teanna noch den Lärm von mehreren Triebwerken hören, die wohl zu Testzwecken aktiv waren.
Langsam manövrierte die Söldnerin ihre Maschine aus dem Hangar, rechts neben sich gewahrte sie ihre Partnerin Ivy, die sich soeben selbst hinter das Steuer der zweiten Skecis gesetzt hatte und sich auf den Start vorbereitete. Vor Teanna warteten noch einige andere zivile Maschinen auf die Startfreigabe, die junge Dame nutzte die Zeit kurzerhand um einige kleine Diagnoseprogramme laufen zu lassen, Fehler in der komplexen Technik des Jägers konnte sie sich auf keinen Fall leisten...
Teannas Blick glitt nach draußen, es war schwierig zwischen den vielen unterschiedlichen Maschinen etwas genaues zu erkennen oder gar einen einzelnen Jäger im Auge zu behalten. Die Luft flimmerte in der Hitze der vielen Triebwerke und der Asphalt schien regelrecht zu kochen.
Plötzlich war das Licht der aufgehenden Sonne weg – zumindest warf etwas einen großen Schatten auf Teannas Jäger.
Als die Pilotin nach oben sah, gewahrte sie etwa zwei Meter über sich einen Jäger, der seine Triebwerke im Schwebemodus hatte und dessen Formgebung ihr nur zu bekannt war...
Teanna versuchte ruhig zu bleiben.
Okay, das da war eine Heretic.
Okay, ein Jäger dieses Typs hatte mehrfach versucht, ihr das Leben schwer zu machen.
Okay, diese Maschine war auf Anhur registriert. Aber wie groß konnte denn die Wahrscheinlichkeit sein, dass ausgerechnet jetzt, ausgerechnet heute...
Teanna kam nicht mehr dazu, ihre Gedankengänge zu beenden. Die Heretic drehte ihren Bug in Richtung des Hangars, in dem noch immer die Jäger von Ivy und Ser Gutenhal warteten.
Dann wurde es wieder hell... die Heretic feuerte zwei Raketen auf den Hangar, krachend schlugen die Geschosse in die dort geparkten Schiffe ein. Die Söldnerin sah entsetzt nach hinten. Das einsetzende Chaos konnte man kaum in Worte fassen, etliche Techniker lagen verletzt am Boden, eine Stichflamme jagte durch den Hangar. Ivys Jäger schien unbeschädigt, allerdings versperrten etliche Trümmerteile ihr jetzt den Weg nach draußen. Gutenhals Maschine war nicht mehr zu sehen...
Teanna schloss kurz die Augen, dann schob sie den Gashebel kurzerhand nach vorne. Ein Ruck ging durch die Maschine, die Skecis jagte vorwärts. Die Stimme ihres Bordrechners erklang.
»Warnung! Objekt in Flugrichtung! Warnung! Objekt in Flugrichtung!«
Das besagte Objekt war ein Jäger der Danrik-Klasse in Warteposition, Teanna hoffte, dass sie ihren Vogel in die Luft bekommen würde bevor sie auf den großen Jäger knallen würde...
Die Danrik kam immer näher und wurde ständig größer, Teanna zog mit aller Gewalt den Steuerknüppel nach hinten. Jedoch gewann ihre Maschine nicht schnell genug an Höhe. Das Bugfahrwerk schlug direkt in das Heck des Jägers ein, das Material gab nach und das komplette Fahrwerk unter der Rumpfnase verabschiedete sich.
Teanna wurde klar, dass eine Landung – egal wo – jetzt zum Himmelfahrtskommando werden würde. Sie versuchte das Hauptfahrwerk einzufahren, sie hoffte, dass wenigstens diese beiden Teile sicher in die kleinen seitlichen Verkleidungen am Schiffsrumpf einrasten würden. Fehlanzeige – die Anzeigen im Cockpit zeigten deutlich an, dass sich die entsprechenden Komponenten keinen Zentimeter bewegten. Einen Flug ins All konnte die Pilotin mit derartigen Beschädigungen vergessen, keine Chance...
Hinter ihrer Skecis tauchte erneut ein Schatten auf, ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte den Verdacht – die Heretic war wieder hinter ihr her. Im Cockpit der Skecis gingen unzählige Warnanzeigen online, Teannas Jäger verlor Treibstoff und zog dadurch eine hochexplosive Fahne hinter sich her. Ein einziger Schuss der Heretic würde jetzt ausreichen... wenn nicht sogar die Hitze ihrer eigenen Triebwerke dafür sorgen würde, dass der Trip in einem flammenden Inferno enden würde.
Teanna überlegte einen Augenblick. Hilfe konnte sie mit Sicherheit nicht erwarten, weder Ivy noch Gutenhal waren in unmittelbarer Nähe. Die CIS? Nicht hier unten, nicht innerhalb der Atmosphäre. Und raus in den nahen Orbit? Nicht mit diesen Beschädigungen...
Sie zog den Gashebel zurück, die Triebwerke ihres Jägers verstummten und die Skecis kippte nach vorne über. Der plötzliche Geschwindigkeitsverlust sorgte dafür, dass die Heretic an Teanna haarscharf vorbei flog. Die junge Söldnerin sah jetzt den schweren Jäger des Gegners direkt vor sich. Sie versuchte, die Nase ihrer Maschine wieder nach oben zu bekommen, um dann einen sauberen Schuss ins Heck des Feindes zu platzieren...

*

Manley kehrte zu einem der Trägerschiffe der CIS zurück, ohne auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern. Die Kiowan im System befanden sich mittlerweile auf dem ungeordneten Rückzug und der Raum um den Planeten Petra herum glich einem gigantischen Trümmerfeld. Einige Einheiten der CIS hatten es sogar geschafft, zwei Kreuzer der Piraten zu entern...
Man hatte der Agentin bereits während des Anfluges mitgeteilt, dass das Trägerschiff von Ser Hassan zusammen mit dem Schlachtschiff Avenger das System verlassen und man direkten Kurs auf Anhur genommen hatte. Nur den Grund für die überstürzte Abreise hatte man der Agentin nicht sagen können.
Dafür allerdings warteten jetzt etliche Aufgaben auf sie, Hassan hatte ihr die weitere Leitung der Operation im System überlassen und sie durfte und konnte ihren Vorgesetzten nicht enttäuschen.
Manleys Jäger setzte langsam im Hangar des Trägers auf, einige Techniker liefen sofort auf ihre Maschine zu. Man wollte den Jäger betanken, mit neuen Raketen ausrüsten und dann umgehend wieder ins Schlachtfeld schicken. Ein älterer Pilot wartete bereits ungeduldig darauf, Manleys Platz im Cockpit einzunehmen...
Die Agentin nahm das Headset ab, einige Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn. Sie winkte den Ersatzpiloten heran, der vor der Maschine stehen blieb und militärisch grüßte. Manley erwiderte die Geste kurz, dann kletterte sie aus dem Jäger. Sie übergab dem Piloten das Headset und zauberte noch schnell ein Lächeln auf ihr Gesicht.
»Bitte bringen Sie beides im funktionstüchtigen Zustand wieder... Headset und Jäger.«
Manley machte auf ihren Absätzen kehrt, sah aber noch einmal über ihre Schulter und fügte noch etwas hinzu, das man auch ihr beim Start ans Herz gelegt hatte. »Wenn es sich machen lässt, bringen Sie auch den Piloten in einen Stück wieder zurück«
Ein leises Lachen des Piloten begleitete Manley auf ihren Weg aus dem Hangar.
Bereits der kurze Weg zur Brücke gestaltete sich für Manley als wahrer Trip quer durch unzählige Berichte. Ein junger Brückenoffizier hatte die Agentin am Eingang zum Hangar abgefangen und reichte ihr jetzt ein Datenpad nach dem anderen. Insgesamt gesehen waren es durchweg gute Nachrichten, die eigenen Verluste blieben weit unter den erwarteten Horrorzahlen, dafür sah es bei den Kiowan katastrophal aus...
Die fliehenden Piraten flogen zum Grossteil am absoluten Limit, die CIS brauchte nur zu warten... zumeist ging den Piraten der Sprit für die Nachbrenner aus und dann war es nur eine Frage der Zeit, bis man den Gegner einholte.
Ein Bericht fand bei Manley besonderes Interesse, es war die Nachricht vom erfolgreichen Flug der Bravo-Staffel. Diese Jungs hatten es also geschafft, sie hatten die Söldnerjäger identifiziert.
Manley selbst hatte die ganze Aktion nur am Rande mitbekommen, aber sie ahnte bereits, das die gewonnenen Daten die Ursache für Hassans Aufbruch waren.
»Haben wir eine Kopie der Identifikation?« Manley sah auf den Offizier. Dieser zuckte nur mit den Schultern.
»Ich habe Ihnen gegeben, was mir aufgetragen wurde. Es tut mir leid, Sie sollten sich für Details mit Ser Hassan in Verbindung setzen... Allerdings funktioniert die Kommunikation im System noch nicht richtig, wir müssten erst das Gebiet verlassen. Es gibt immer noch Störsender im Hyperraum rund um Petra.«
Manleys Augenbrauen gingen nach oben.
»Na gut, dann muss das also warten. Tun Sie mir einen Gefallen und bringen Sie mir einen Kaffee und etwas zu essen... ich bin auf der Brücke.«
»Natürlich, Sera Manley.«
»Statusbericht.«
Manleys kurzer Satz bewirkte sofort hektische Betriebsamkeit. Sie hatte gerade die Brücke betreten und fand sich umgehend inmitten von unzähligen Offizieren und Crewmitgliedern wieder. Das Personal stand binnen Sekunden vor ihren Arbeitsplätzen stramm. »Machen Sie einfach weiter...«
Manley mochte diese ganze übertriebene Disziplin nicht – ein einfaches „Guten Tag“ tat es doch mit Sicherheit auch, oder? Obwohl... auf der anderen Seite machte es durchaus Spaß, mal die Leute für sich arbeiten und rennen zu lassen. Der Stillstand ging wieder in Bewegung über, die Crew nahm wieder ihre Plätze ein.
»Schiff in Kampfbereitschaft, alle Systeme online und okay. Geschwader im Einsatz, Verluste unseres Trägers: acht Maschinen. Erwarten weitere Befehle.« Manleys Blick wanderte in die Richtung, aus der die Meldung gekommen war. Die Stimme gehörte wider Erwarten nicht einem Mann, sondern einer jungen Frau... dabei klang sie sehr tief und irgendwie so gar nicht weiblich. Manley nickte der Frau zu, dann richtete sie ihren Blick nach vorne.
»Okay... dann geben Sie mir einen Überblick über die genauen Positionen unserer Jäger. Und ich möchte eine vollständige Verlustliste bekommen, und zwar von allen Trägerschiffen.«

*

Arris und sein Gast arbeiteten bereits seit über zwei Stunden an diversem alten Datenmaterial. Deacan war sprichwörtlich auf der Jagd, seine Beute waren sämtliche verfügbaren Daten aus der Clangeschichte, allerdings aus der Zeit vor der Machtübernahme durch Ser Arris.
Und obwohl vieles an Material mit dem Tod von Kronos, Ser Arris unrühmlichen Vorgängers, verloren gegangen war, türmten sich die Datenpads regelrecht auf den Schreibtisch. Arris sah kurz von seiner Arbeit auf.
»Wonach genau suchen wir hier eigentlich?«
Deacan war so sehr in sein Studium vertieft, dass er Arris gar nicht wahrnahm. »Ser Tron?« Arris wurde etwas lauter.
»Ja?«
»Was suchen wir?«
Der Privateer legte das Pad aus der Hand.
»Ich vermute, dass unser Senator eine etwas schmutzigere Vergangenheit besitzt als er in seiner Biografie angegeben hat.«
Arris Blick wanderte über die Pads, dann wieder zurück zu Deacan.
»Sie vermuten einen direkten Kontakt zum alten Clan?«
Deacan nickte. Der Clanchef erhob sich von seinem Stuhl, er machte einige Schritte durch seinen Raum, dann wandte er sich wieder seinem Gast zu. »Falls er tatsächlich im Dienst von Kronos stand, dann werden wir das nicht mit diesen Pads hier beweisen können.«
Deacan sah auf.
»Wie darf ich denn das jetzt verstehen?«
Der Clanchef blickte verlegen zu Boden.
»Der Grossteil der Leute, die Kronos unterstanden, ist verschwunden. Und mit ihnen der Grossteil der Daten.
Wir haben seinerzeit das Schlachtschiff von Kronos vernichtet... und damit gingen unzählige und leider auch wertvolle Daten verloren. Viele der alten Anhänger von Kronos würden das allerdings als Glück bezeichnen.«
»Nun gut, dann anders. Wer lebt noch aus der alten Zeit? Ich meine, es muss doch Überlebende geben... oder etwa nicht?«
Arris schien kurz zu überlegen.
»Es gibt noch einige, aber die wenigen, von denen ich weiß, sind in den Gefängnishöhlen von Hades untergebracht. Und ich wüsste nicht, wie wir da rein kommen sollten. Obwohl – wenn ich mich recht entsinne, dann hatten Sie doch eine liebe Freundin in der CIS. Sera Manley.«
Deacan zog die Stirn in Falten.
»Manley? Netter Gedanke, die Dame hält mich bekannterweise inzwischen für tot.«
Arris lächelte.
»Und Sie wollen diesen Zustand nicht ändern, ich verstehe. Nun, ich könnte genauso gut Kontakt zu der Dame herstellen – ohne Ihren Namen zu erwähnen. Da ich und Ser Hassan gewissermaßen alte Weggefährten sind und mir der Mann in seiner Uniform mehr als nur einen Gefallen schuldig ist, sehe ich da keine Probleme. Einverstanden?«
Deacan nickte kurz, innerlich aber kämpfte er gegen den Wunsch an, selbst der Dame mit dem Blaster im Aktenkoffer die Bitte nach einer Befragung der Gefangenen auf Hades zu überbringen. Aber Arris war mit Sicherheit der bessere Kandidat hierfür, das stand außer Frage. Der Türmelder sorgte für eine kleine Unterbrechung des Gesprächs. »Ja, kommen Sie herein.«
Die Tür öffnete sich leise und ein älterer Mitarbeiter von Ser Arris betrat mit langsamen Schritten den Raum. »Was gibt es?«
»Ser, ich wollte Ihnen mitteilen, dass Sera Drake in etwa einer halben Stunde hier eintreffen wird. Sie hat ihren Auftrag ausgeführt...«
»Danke. Sie können gehen.«
»Ja, Ser.«
Mit der gleichen, bedächtigen Geschwindigkeit entfernte sich der Bote wieder.
»Verraten Sie mir, was unser liebes Clankind da draußen getrieben hat?«
»Drake hat eine kleine Kampfeinheit formiert, genauer gesagt sind jetzt auch die Jincilla und die Chirichan mit von der Partie.«
Deacan dachte nach. Ser Arris hatte ja bereits beim ersten Treffen erwähnt, dass er beide Piratenclans unter Kontrolle hatte, falls man diese Leute überhaupt kontrollieren konnte.
»Wozu brauchen wir die Jungs? Gibt es da etwas, das Sie mir verschwiegen haben?«
Arris schüttelte den Kopf.
»Aber nein, es liegt doch alles auf der Hand, oder etwa nicht? Sie und ich, wir beide wissen doch ganz genau was passieren wird, wenn wir einen direkten Angriff auf Ricards starten... oder besser gesagt, wir wissen genau, wie stark seine Truppe ist.
Hinzu kommt, dass wir nicht wissen, über welche Kapazitäten unser Freund Santana verfügt. Immerhin dürfen wir nicht vergessen, dass er unter anderem Leute wie diese Dame namens Dawson finanziert hat. Und seien wir ehrlich, die Kiowan im Petra-System sind nicht mehr das Problem, Hassan und seine Leute werden mittlerweile die Lage unter Kontrolle haben. Es war eben an der Zeit, unsere Reserve aus dem Lager zu holen.«
»Dann haben wir also noch einiges vor...«
»So leid mir das tut, aber das Blutvergießen hat erst begonnen.“
Auf diesen Satz hätte Deacan liebend gern verzichtet, aber Arris hatte damit nur zu recht.
Weder Ricards noch Santana würden kampflos aufgeben. Aber noch war es nicht soweit, noch lag die finale Schlacht außer Reichweite. In ein paar Tagen vielleicht... oder trennten nur noch Stunden das kleine Team vom unausweichlichen Ende?
 
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