Privateer - das Erwachen

Deacan

Commodore
part 62

*

Die Mechaniker, die Ser Arris abkommandiert hatte, um die Bladejäger zu montieren, hatten ihre Arbeit kurz nach Drakes kleiner Überraschungsgala begonnen und räumten bereits die ersten Container aus.
Drake stand zusammen mit Manley etwas abseits vom Geschehen. Die Agentin interessierte sich hauptsächlich für die technischen Aspekte der neuen Jäger, wohl auch mit dem Hintergedanken, dass diese Maschinen, die ja eigentlich Feinde der CIS darstellten, noch nie von einem Mitglied des Geheimdienstes untersucht worden waren.
Drake schien das aber relativ egal zu sein. Manley wollte Fakten – Manley bekam Fakten. Es würde ohnehin eine Ewigkeit dauern, einen wirksamen Schutz, sprich einen Jäger zu konstruieren, der es mit der Blade aufnehmen konnte. Und die CIS hinkte dem Clan von Ser Arris sowieso um einige Jahre hinterher. Deacan und Dawson richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Mechaniker.
»Wieso habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache?«
Dawson richtete einen fragenden und unsicher wirkenden Blick auf den Privateer. Der schien diesen zu spüren.
»Das geht mir nicht anders, das kann ich guten Herzens versichern. Aber es ist eine Chance. Vielleicht sogar unsere einzige.«
»Und wie geht es jetzt weiter?«
»Wir werden sehen. Zunächst einmal müssen wir warten bis Ricards aus dem Verkehr gezogen worden ist. Dann geht es weiter. Und erst dann wird sich zeigen, wer hier auf wessen Seite steht.«
Deacans Blick blieb weiterhin an dem Cockpit hängen, das gerade von einigen Leuten aus dem Container gezogen wurde. Im Geiste aber war er bereits einen großen Schritt weiter gegangen. Er griff zum MACS an seinem Mantelkragen, das Gerät signalisierte seine Bereitschaft durch ein leises Piepsen. »Computer, Kontakt zu Ser Daniel Remas herstellen, ID ...«
Erhielt kurz inne, nur langsam kam ihm die Identifikationsnummer seines Halbbruders wieder in den Sinn. »...ID 0987-RE-06. Folgende Nachricht senden: Hier ist Deacan, ich hätte da einen Job für dich. Nicht gerade einfache Arbeit, aber gut bezahlt. Wenn du Interesse hast, melde dich bei mir. Tron Übertragung Ende.«
Das Display des MACS wurde wieder dunkel. Dawson hatte die Aktion natürlich mitverfolgt.
»Daniel Remas? Ist das jemand, den man kennen sollte?« Ein müdes Lächeln flog über Deacans Gesicht.
»Besser nicht.«
Dawsons Neugier schien aber geweckt worden zu sein.
»Und wieso nicht? Ist das eine so zwielichtige Person?«
»Nicht unbedingt. Aber bei naher Verwandtschaft sollte der Spaß bekanntlich aufhören.«
Nahe Verwandtschaft? Dawson hätte gerne weiter nachgefragt, doch Deacan schenkte seine Aufmerksamkeit jetzt Manley, die soeben eine Nachricht auf ihrem MACS erhalten hatte. Und ihr Geschichtsausdruck ließ nichts Gutes erahnen. »Ärger, Manley?«
Die Agentin vermied den direkten Blickkontakt zu ihrem Gegenüber, sondern sie senkte sowohl Blick als auch Stimme.
»Es hat einen Zwischenfall in Ihrem Motel gegeben. Ser Parker ist tot. Ihre Freundin Chyna ist nur knapp mit dem Leben davongekommen.«
Stille. In Deacan stieg langsam Wut hoch.
»Ist sie verletzt?«
Manley schüttelte den Kopf.
»Nein, es geht ihr gut. Sie steht noch etwas unter Schock, aber das gibt sich wieder. Keine Sorge. Die Sicherheitskräfte haben sie ins hiesige Milizhospital gebracht, da ist sie erst einmal sicher. Vom Täter fehlt jede Spur, unsere Leute überwachen aber sämtliche Schiffe in den Docks.«
Manley gab ihr MACS an den Privateer weiter. »Hier, der vorläufige Bericht. Sie sollten das lesen.« Deacan nickte, er griff mit unsicherer Hand nach dem Gerät, dann ging er etwas zur Seite, blieb einige Meter von Manley und Dawson entfernt stehen. Drake schien ebenfalls alles mitgehört zu haben, obwohl sie abseits gestanden hatte. Mit langsamen Schritten kam sie auf Deacan zu und schien nach Worten zu suchen.
»Hab das gerade mitbekommen. Es tut mir leid.« Er versuchte ruhig zu bleiben.
»Etwas läuft hier falsch, Drake. Etwas läuft hier furchtbar falsch.« Drake legte ihre Hand auf seine Schulter.
»Ich hätte da einen Vorschlag, Ser Tron.«
»Und der wäre?« Drake zögerte einen Augenblick.
»Nicht hier.«

*

Das Hospital der CIS auf Serca sah genauso aus wie jenes auf Hades, auf dem Deacan vor einigen Tagen behandelt worden war.
Die gleiche widerliche Farbe der Wände, die gleiche geschmacklose Einrichtung der Räume. Geld schien die CIS hier wirklich nicht zu investieren.
Deacan hasste solche Orte. Alles wirkte so steril, so kalt und unwirklich. Der Privateer war nur mit Manley aufgebrochen, um nach Chyna zu sehen. Drake und Dawson blieben in den Frachtdocks und kümmerten sich weiterhin um die Montage der Jäger.
Auf den Weg zu Chynas Zimmer herrschte tiefes Schweigen. Manley wusste ehrlich gesagt nicht, über was oder wen sie mit Deacan reden sollte. Sie hatte allerdings unterwegs die Nachricht erhalten, dass Ser Hassan Erfolg mit der Organisation der Geschützplattformen vermelden konnte und gab dies an Deacan weiter.
Freuen konnte er sich nicht, er nickte nur kurz als Antwort auf die Meldung. Er suchte nach einer Erklärung für die Vorfälle in der letzten Zeit. Und nach einer Lösung, einem Weg aus dieser festgefahrenen Situation.
Der Eingang zu Chynas Zimmer wurde von Soldaten bewacht. Vier bewaffnete Männer standen hier, die schweren Blaster im Anschlag.
Selbst Manley musste sich ausweisen, ihre Waffe abgeben und sich durchsuchen lassen. Deacan erschien das ein wenig ungewöhnlich. Wollte Manley auf diese Art und Weise ihre absolute Loyalität zum Team unter Beweis stellen? Nicht, das Deacan daran zweifelte. Innerhalb der kurzen Zeitspanne, die er mit Sera Manley verbracht hatte, glaubte er in ihr eine Person gefunden zu haben, die nicht nur ehrlich sondern auch aufrichtig zu ihm war. Die Agentin war geradlinig in ihrer Einstellung, und sie redete so, wie ihr der Mund gewachsen war. Eine sympathische Person im Ganzen.
Nachdem Deacan ebenfalls die Prozedur des Abtastens nach Waffen per Hand und Scanner hinter sich gebracht hatte, wurden sie endlich ins Zimmer gelassen.
Chyna lag unter der Bettdecke, ihre Augen waren geschlossen.
Schlief sie? Der Söldner trat ans Bett heran. Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung, sie schien zu wissen, wer ihr da einen Besuch abstattete.
»Ich hatte Angst.«
Sie öffnete die Augen, Deacan konnte sehen, dass Chyna den Tränen nahe war. Er setzte sich auf die Bettkante, strich mit der Hand über ihr Gesicht.
»Alles ist in Ordnung, Kleines.«
Manley blieb an der Tür stehen, sie fühlte sich im Augenblick wie das berühmte fünfte Rad am Wagen. Chyna versuchte sich wieder in den Griff zu bekommen.
»Ist etwas Wichtiges passiert?«
Galgenhumor. Sie versuchte auf diesem Wege zu verhindern, dass Deacan auf ihre Erlebnisse zu sprechen kam. Der verstand sofort.
»Drake hat uns neue Jäger organisiert, Kleines. Das sind echte Spitzenmodelle.« Chyna senkte den Blick.
»Dann können wir weiter machen, ja?«
Der Privateer nickte, er umarmte seine Partnerin.
»Wir machen weiter, Kleines. Nichts und Niemand kann uns aufhalten. Versprochen.«
Manley stand noch immer in der Tür, sie beobachtete still die Szenerie. Deacan löste sich langsam aus Chynas Armen, er stand auf und ging auf Manley zu. »Wie lange muss sie noch hier bleiben?«
Manley sah zuerst auf Chyna, dann richtete sie ihren Blick wieder auf Deacan.
»Ein oder zwei Tage sicher noch. Sie soll sich ein wenig ausruhen, etwas abschalten. Ein wenig Distanz zu den Ereignissen tut Ihr sicher gut«
»In diesen Räumen?«
»Zugegeben, hier sieht es nicht so aus wie auf einer Strandpromenade, aber es ist sicher hier.«
»Na dann...“
Er drehte sich wieder zu Chyna um und ging auf ihr Bett zu. »Kann ich dich allein lassen? Ist nur für ein paar Stunden. Ich hab da noch ein paar Dinge zu erledigen.«
Chyna nickte.
»Geh nur. Aber lass mir bitte Manley da, ja? Mit diesen Leuten hier kann man einfach nicht reden.«
»Einverstanden. Und sollte Manley dich ärgern, dann sag mir Bescheid.« Chyna mühte sich ein Lächeln ab. Deacan gab ihr einen flüchtigen Kuss, dann ging er zur Tür. »Passen Sie auf Chyna auf und sorgen Sie für etwas Unterhaltung.«
Manley holte tief Luft.
»Ich kann ja versuchen zu jonglieren. Oder einen Stepptanz aufführen. Oder was singen.«
»Nicht übertreiben. Sie sollen Chyna unterhalten, nicht sie quälen. Wie sagen Sie es doch immer so schön: man sieht sich. Bye.« Deacan warf noch einen letzten Blick ins Zimmer, dann verließ er den Raum. Manley blieb allein zurück. Sie sah auf Chyna und legte ein Lächeln auf.
»Also, was soll es sein? Klassischer Operngesang oder doch lieber eine kleine Tanzeinlage?« Chyna zog sich als Antwort ihre Bettdecke über den Kopf.

*

Zwei junge, liebreizende Damen hatten derweil ihr Hotel verlassen und den Grossteil des frühen Nachmittags damit verbracht, den Planeten auf der Suche nach Geschäften abzuklappern.
Allerdings hatte Serca bekannterweise nicht besonders viel in dieser Richtung zu bieten und dieser Umstand begann sich langsam aber sicher auf die Laune der beiden auszuwirken.
»Blöder Planet. Da ist Crius ja noch besser. Ich denke, wir sollten mal dem CCN-Terminal einen Besuch abstatten. Im Augenblick haben wir zwar genug Geld, aber wer weiß, was morgen ist.«
Teanna stimmte zu, sie schwenkte zusammen mit Ivy in die neue Richtung. Ihr Ziel lag in der Nähe des Raumhafens.
Nach etwa zwanzig Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht. Die CCN-Terminals des Planeten waren in einem Tower nahe der Start- und Ladebahnen untergebracht, von hier aus konnte man den Grossteil des zentralen Raumhafens überblicken. Kein wirklich schöner Anblick, eher ein Trauerspiel. Außer ein paar alten Frachtern und einigen Jägern gab es nichts zu sehen. Ivy schaltete sich ins Terminal ein, ihr Interesse galt den üblichen Söldneraufträgen.
Sicher, sie hätte diese auch auf ihr MACS übertragen können, aber hier auf dem großen Display gab es wirklich alle Aufträge zu sehen, nicht nur jene, die gerade aktuell waren. Etliche Aufträge waren schon einige Wochen alt und trotzdem noch immer offen. In aller Regel handelte es sich dabei um Kopfgelder, die von der CIS oder der CCN auf einzelne Piraten ausgesetzt waren. Teanna sah Ivy über die Schulter.
»Na, was gefunden?«
»Nicht wirklich. Hier sind ein paar Frachter die Geleitschutz brauchen. Sichere Flugrichtung, Ziel ist Hephaestus. Ist nur sechs Sprünge von hier entfernt. Ärger ist minimal, eventuell ein paar Papago. Und wir wären nicht allein, es gibt einen weiteren Privateer, der mit dabei wäre.«
»Jemanden den wir kennen?«
Ivy schüttelte den Kopf.
»Nein, ist ein Werkspilot des Auftraggebers. Die Sache bringt uns zweitausendvierhundert Credits ein. Okay?« Teanna überlegte kurz.
»Na ja, ist zumindest ein Ticket weg von hier. Bestätige den Auftrag. Wann geht es los?«
»In vier Stunden, wir haben also noch etwas Zeit. Irgend eine Idee?«
»Mal überlegen. Wir sollten noch einmal beim Schiffshändler vorbei schauen, ich möchte ein paar bessere Raketen haben. Ich habe nämlich die Schnauze voll von Überraschungen aller Art.«
Ivy deaktivierte das Terminal.
»Na hoffentlich kriegen wir hier was für unser Geld.« Teanna gab ihrer Freundin plötzlich einen kleinen Schubs. Die reagierte ein wenig verärgert.
»Was soll das denn nun wieder? Hör auf damit, das ist Kinderkram, ja?«
Teanna verzog keine Miene, sie wies aber mit ihrer Hand in Richtung Landebahn.
»Sag mal, was denkst du: welcher Schiffstyp dürfte hier wohl ziemlich selten sein?« Ihre Freundin verstand nicht ganz.
»Wie meinst du das? Soll ich jetzt raten oder wie?«
Teanna schüttelte den Kopf.
»Nein, mal ernsthaft, okay?« Ivy dachte kurz nach, dann schien sie eine Wahl getroffen zu haben. Obgleich sie das Ganze als völlig idiotisch empfand.
»Na ja, Danrik und Freij. Beides sind ziemlich teure Modelle, die kann sich kein normaler Mensch leisten.« Teanna sah sie intensiv an, schien aber damit nicht so ganz einverstanden zu sein.
»Ivy, erinnerst du dich an unseren Landeanflug auf diesen Planeten?«
»Meinst du diesen abgedrehten Vollidioten, der uns abschießen wollte?«
»Die Kandidatin hat hundert Punkte. Es kann Zufall sein, aber da steht eine Maschine vom selben Typ.«
Eine Heretic?
Ivy lenkte ihren Blick in die von Teanna vorgegebene Richtung. Und in der Tat, rund vierzig Meter weit entfernt stand eine derartige Maschine vor einem verschlossenen Hangar. Ein Zufall? Teanna schien sich da nicht so ganz sicher zu sein. »Mit deiner Danrik und der Freij hast du im Prinzip ja Recht, aber das da ist ein weiterer sehr seltener Jäger. Oder etwa nicht?«
»Tut mir leid, aber ich habe doch tatsächlich im Moment die aktuellen Verkaufszahlen nicht im Kopf, liebste Teanna.«
Eine höchst sarkastische Bemerkung, Teanna schien sie aber überhört zu haben. Ivy wandte ihren Blick wieder vom Jäger ab. »Zufall. Sonst nichts. Komm jetzt, wir wollten noch ein paar Raketen kaufen, oder etwa nicht?«
Da Teanna dies wohl nicht so sah und ihren Blick nicht von der Heretic wenden wollte, ergriff die Hand ihrer Partnerin und zog sie zu sich heran. »Okay Teanna, jetzt sprich mir nach: ich leide nicht unter Verfolgungswahn, es geht mir gut und ich werde die gute Stimmung nicht in den Müll werfen.« Teanna sah sie an.
»Ja, schon gut, du hast ja Recht. Der Schiffshändler ist dort drüben. Gehen wir Geld ausgeben.«
 

Deacan

Commodore
part 63

*

Deacan ging nicht zurück zu den Frachtdocks. Vielmehr hatte sein Halbbruder sich auf seine Anfrage hin gemeldet, er hatte Interesse bekundet und seinen Standort durchgegeben.
Daniel befand sich direkt im Raumhafen, er inspizierte gerade zusammen mit dem Bodenpersonal eines seiner Frachterschiffe. Vermutlich lief das so ab: Daniel zeigte auf die Teile, die ausgewechselt werden mussten, das Bodenpersonal baute dann das Teil aus und setzte ein neues ein. Als Dank gab Daniel dann sicherlich zu verstehen, dass er das Teil in der Hälfte der Zeit ausgetauscht hätte.
Deacan kannte seinen „Verwandten“, wie er ihn immer zu nennen pflegte, noch sehr genau von früher her. Offiziell hatte er von der Existenz seines Halbbruder erfahren, als er neunzehn Jahre alt geworden war. Ein Brief von seiner Mutter sorgte dafür.
Daniel selbst hatte bereits im Alter von siebzehn Jahren seine erste Raumfähre besessen. Er hatte sich stets darüber ausgeschwiegen, wie genau er in den Besitz dieses Schiffes gekommen war. Sicher nicht auf legalem Wege. Mit diesem Gefährt begann er dann seine Karriere. In einfachen Worten ausgedrückt: Schmuggel. Warum er nie erwischt worden war, blieb für Deacan wohl auf ewig ein Rätsel. Auf jeden Fall musste sein Halbbruder unglaublich viele Leute in seiner kurzen Karriere bestochen haben.
Deacans Vorahnung schien sich voll und ganz zu bestätigen.
Als er den Raumhafen betrat, konnte er Daniel gar nicht übersehen. Zu sehr hob sich die helle Farbe seines Anzugs vom dunklen Grau des Frachters ab. Und ja, er gab munter und fröhlich Anweisungen ans Personal. Wie hätte es auch anders sein können? Deacan blieb ein paar Schritte vom Frachter entfernt stehen. Daniel sah weiterhin auf die schuftende Meute, er hatte aber die Ankunft seines Verwandten mitbekommen.
»Also, was genau hast du für mich?«
»Deine Geschäfte scheinen dir ja wichtiger zu sein als Höflichkeit gegenüber potentiellen Kunden? Aber was soll’s: einen schönen Tag auch dir, Bruderherz, äh – nein, besser: lieber Verwandter.«
Daniels Blick blieb stur an seinen Leuten haften.
»Zeit ist Geld, Deacan. Nur zu dumm, dass diese Mechaniker hier das nie begreifen werden.« Daniel atmete tief durch, dann drehte er sich ruckartig um, um Deacan sehen zu können. »Junge, Junge... Du siehst ja grausig aus. Ist dir der Tod persönlich da draußen begegnet?«
Dem Privateer schien der Ärger im Gesicht zu stehen. Er winkte ab, wollte nicht darüber reden. Und mit Daniel schon gar nicht.
»Unwichtig, Daniel. Okay?«
Sein Halbbruder schien zu verstehen. Es gab halt Dinge im Universum, die ihn einfach nichts angingen.
»Also, was für ein Geschäft hast du mir anzubieten? Und vor allem: wie kommt es, dass du damit zu mir kommst?« Deacan wies mit der Hand auf den Frachter.
»Können wir unter vier Augen darüber reden?« Daniel zuckte mit den Schultern.
»Na gut, du alter Geheimniskrämer. Komm rein«
Der einladenden Geste zum Betreten des Frachters kam Deacan nur zu gern nach. Daniel folgte ihm im kurzen Abstand, er schloss die Einstiegsluke und lehnte sich dann gegen das Schott. Der Privateer sah sich kurz um, entdeckte einen kleinen Hocker und nahm darauf Platz. Es war ungemütlich hier, dunkel, kalt und zudem noch schmutzig. Daniel wirkte dagegen wie ein Wesen von einem anderen Planeten, das helle Grau seines Anzugs bildete einen starken Kontrast zu den fast schwarzen Wänden und dem öligen Film auf dem Boden. Und er wurde langsam ungeduldig. »Muss ich raten?«
Deacan schüttelte den Kopf, er setzte ein leichtes Lächeln auf.
»Ich komme gleich zur Sache. Schon mal einen Hausbesuch bei Piraten gemacht?«
Daniel griff in seine Hosentasche, zog eine silberne Schachtel hervor.
»Welchen der Clans meinst du denn?« Er öffnete die Schachtel und zog eine Zigarre heraus. Deacan war ein wenig überrascht. Er hatte eine etwas andere Reaktion erwartet. Vielleicht ein klares Nein, verbunden mit den Worten: „Spinnst du?“
»Die Kiowan.« Daniel nickte leicht, er war gerade dabei, sein ungesundes Hobby anzuzünden.
»Hab bislang noch nichts für den Haufen transportiert. Soll ja verdammt ungesund sein, derzeit was für die Jungs zu machen, oder? Gibt es da nicht diesen Typen namens Ricards, der jeden gleich schief anguckt, wenn man seine neuen Freunde, also die Kiowan, nicht mag?“
»Haargenau. Ich habe vor, den Jungs die Türen zu vernageln. Alles was ich brauche sind ein paar Frachterpiloten, die Schiffe stelle ich zur Verfügung. Und keine Angst das etwas kaputt geht, das ist bereits einkalkuliert.«
Daniel zog nachdenklich an seiner Zigarre.
»Und wie soll die Medizin genau aussehen, mit der du die Kiowan ruhig stellen willst?«
»Sagen wir es mal so: Minen waren mir einfach zu langweilig, da hab ich auf die Schnelle ein paar hübsche Satelliten mit Laserkanonen besorgt.«
Daniel nahm die Zigarre aus den Mund.
»Ich war schon immer der Meinung, dass du irgendwie nicht normal sein kannst. Jetzt habe ich den Beweis dafür.«
Sein Gegenüber gab darauf keine Antwort, er war spitze Bemerkungen gewöhnt. Im Cockpit hörte man so einiges, und gegen den Jargon der Piloten war Daniel noch richtig harmlos. »Aber ich bin dabei. Sagen wir, weil du zur Familie gehörst. Wie sieht es mit der Kohle aus?«
»Sieh mal einer an, da hört dein Familiensinn wieder auf, oder irre ich da? Mach mir ein Angebot, Daniel. Wie sieht er denn aus, dein Stundentarif?«
»Für einen Transporter mittlerer Klasse nehme ich siebenhundert Credits. Bei normaler Fracht, versteht sich. Hierbei allerdings ist ein Aufschlag von – sagen wir dreihundert Credits – fällig. Einverstanden?« Deacan willigte ein.
»Abgemacht. Die Einzelheiten klärt eine gute Freundin von mir mit dir ab. Ihr Name ist Sera Manley, sie wird dich kontaktieren.« Statt eine Antwort zu geben, ließ Daniel die Zigarre wieder in seinen Mund verschwinden. Deacan stand auf, sein Halbbruder öffnete das Schott für ihn. »Danke. Hast was bei mir gut.« Der stimmte dem auf seine Weise zu.
»Ja, das habe ich. Nämlich tausend Credits pro Frachterbesatzung.« Der Privateer schob sich an Daniel vorbei ins Freie. Nach einem kurzen „Bis bald“ zu seinem Verwandten verließ er den Raumhafen.

*

»Aus dem Weg!«
Der CIS Beamte schob den Wachmann vor der Tür zu Ricards’ Büro einfach zur Seite und er war dabei nicht zimperlich. Der Wachmann war zwar bewaffnet, aber gegen zwölf mit schweren Blastern ausgestattete Soldaten hätte er mit Sicherheit den Kürzeren gezogen. Einer der Soldaten öffnete dann die Tür zum Empfangsraum. Auf recht unsanfte Art und Weise, er warf sich kurzerhand gegen das Glas, das mit lauten Klirren zerbrach und zu Boden fiel.
Ricards, der keine vier Meter von der Tür entfernt vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin stand und eigentlich seinen Terminkalender einsehen wollte, wurde schlagartig kreidebleich. Die Mündung des Blasters, der jetzt in Richtung seines Kopfes zeigte, schien diese Farbwandlung nur noch zu beschleunigen.
»Was soll dieser Aufstand? Soldat, nennen Sie mir den Grund für Ihr unverschämtes Auftreten hier. Und zwar auf der Stelle!«
Ricards schien zu hoffen, dass sein barscher, militanter Tonfall den Soldaten verunsichern würde. Doch das Gegenteil war der Fall.
»Ser Ricards, gemäss des Gesetzerlasses des Tri-System stelle ich Sie hiermit unter Arrest. Es steht Ihnen frei, sich Ihrem Anwalt mitzuteilen. Ihnen werden Verstöße gegen das geltende Waffengesetz zu Last gelegt, zudem Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz.«
Ricards bekam seine alte Gesichtsfarbe zurück. Ein breites, fast schon schelmhaftes Grinsen zierte sein Gesicht. Er sah auf seine Sekretärin und beugte sich zu ihr über den Tisch.
»Fast hättet ihr mich reingelegt. Aber nur fast. Okay, wer von meinen Stab hat sich hier einen kleinen Spaß erlaubt? Raus mit der Sprache.« Statt eine Antwort zu bekommen, trat der Soldat einfach einen großen Schritt nach vorn. Und der Blick, den er auf seinem Gesicht hatte, war alles andere als lustig. Eher todernst.
»Wir sind nicht hier, um zu scherzen, Ser Ricards. Ich muss Sie darauf hinweisen, dass wir autorisiert sind, sie notfalls mit Gewalt mitzunehmen. Also, wie steht’s?«
Langsam, sehr langsam begriff Ricards. Einer der Soldaten im Hintergrund sprach noch leise eine weitere und wesentlich konkretere Drohung aus.
»Na los, tun Sie uns den Gefallen und geben Sie uns einen Grund...«
Das hier war kein Scherz. Jemand hatte ihn verladen, daran bestand kein Zweifel. Jemand wollte ihn kurzfristig aus den Verkehr ziehen, ihn kaltstellen. Aber wer? Wer hatte soviel Unverfrorenheit, um sich so etwas auszudenken? In Ricards’ Kopf tauchten Dutzende von Namen auf.
Nun gut, jemand wollte mit ihm spielen. Das konnte er auch. Egal, ob von seinem Büro oder von einer Gefängniszelle aus. Sein Anwalt würde ihn ohnehin in Windeseile wieder zurück ins Geschäft holen. Um die Lage zu entschärfen, versuchte Ricards ein freundliches Gesicht aufzulegen.
»Gut, meine Herrschaften, wenn Sie mich verhaften wollen, dann kann ich wohl nichts dagegen unternehmen. Zumindest im Augenblick nicht. Dürfte ich bitte eine Kopie der Anklageschrift haben? Zwecks Unterweisung meiner Anwälte, versteht sich.« Der Soldat nahm seinen Blaster runter und sicherte die Waffe. Er drehte sich um, wies mit der Hand auf zwei seiner Kameraden.
»Nehmt ihn mit.« Ricards ließ sich wortlos abführen. Im Gedanken aber war er bereits wieder ganz wo anders. Er hatte ja bereits sein Ziel erreicht, sein Treffen mit den Kiowan war mehr als nur erfolgreich gewesen...

*

Da das Motel nicht mehr sicher genug war beschloss Deacan, – auf Manleys Vorschlag hin – komplett in die Räumlichkeiten der CIS umzuziehen.
Die Büros der CIS auf Serca waren sehr dürftig ausgestattet, Luxus suchte man vergeblich. Allein der Raum, den man Deacan zugeteilt hatte, konnte kaum spartanischer eingerichtet sein, nur ein Bett, ein Stuhl und ein Regal, das wohl als Schrankersatz dienen sollte. Keine Bilder, noch nicht einmal ein Fenster. Die Lichtquelle im Raum war direkt in eine Wand eingelassen, genauso wie ein kleiner Klapptisch. Hier konnte sich vermutlich niemand wirklich heimisch fühlen.
Deacan hatte aber sowieso nicht vor lange zu bleiben. Ein paar Stunden vielleicht, mehr nicht. Nur solange wie die Montage der Jäger dauern würde, die Drake organisiert hatte. Ein Wachmann betrat den Raum, er grüßte kurz militärisch, dann stellte er einen Koffer auf Deacans Bett ab.
»Ser Tron, das hier soll ich Ihnen überbringen. Es ist von Sera Drake persönlich. Wir haben den Koffer vorsichtshalber gescannt aber nichts ungewöhnliches daran gefunden.«
Der Privateer zog die Augenbrauen hoch. Ein Koffer?!? Noch dazu von Drake? Er nickte dankend, der Wachmann verließ den Raum. Natürlich nicht ohne vorher nochmals zu salutieren. Typisch CIS.
»Man, die nehmen ihren Job ein wenig zu ernst hier.«
Deacan sprach diesen Satz leise vor sich hin. Er selbst hatte nie im Militär gedient, vermutlich weil er sich niemanden unterordnen wollte. Sein Blick fiel auf den Koffer und blieb an diesem hängen.
Moment, hatte Drake ihn nicht vorhin einen Vorschlag unterbreiten wollen? Sie hatte es ja abgelehnt, vor Dawson und Manley darüber zu sprechen und er hatte bislang noch keine Zeit gehabt, um mit seiner Clan-Freundin ungestört ein paar Worte zu wechseln. Deacan begab sich zum Bett und nahm den Koffer auf seinen Schoss.
Dem Gewicht nach enthielt das Teil nur Papiere, Akten oder derartiges Zeug. Ehrlich gesagt entsprach das eher der Vorgehensweise der „lieben“ Manley als der „bösen“ Drake.
Deacan schob die Riegel beiseite, fast geräuschlos schwang der Deckel vom Koffer auf. Der Inhalt bestand aus einem Ordner.
Keine Aufschrift, dafür aber etliche Seiten stark. Sonst war da nichts. Der Söldner griff nach dem Ordner, klappte den Koffer wieder zu und benutze diesen jetzt als Unterlage. Er öffnete die Dokumentenmappe und begann zu lesen. Erst fand er nur Baupläne für die Bladejäger, eine Menge an technischen Material, Tabellen mit Leistungsanalysen und ähnlichem Zeug.
Dann aber war da eine einzelne, lose Seite, auf der etwas ganz anders stand. Der Söldner überflog kurz den handgeschriebenen Text, dann sah er sich die nachfolgenden Seiten an. Und schlagartig wurde ihm klar, was so wichtig war, das Drake es nicht vor anderen Leuten erzählen wollte...
 

Deacan

Commodore
part 64

*

Knapp zwei Stunden später tauchte Sera Manley wieder auf.
Da die Tür zu Deacans Zimmer offen stand, verzichtete sie aufs Anklopfen. Der Söldner bemerkte aber den Schatten, den die CIS-Agentin in den Raum warf. Er klappte den Ordner zu und sah auf Manleys Schattenbild auf dem Fußboden.
»Den Kurven nach ist Manley wieder da. Wie geht es unserer Chyna?«
Manley blieb direkt vor ihm stehen.
»Ihrer Freundin geht es wieder ganz gut. So gut, dass sie eingeschlafen ist. Und das just in dem Moment, als ich ihr zeigen wollte, wie gut ich aus Hamlet rezitieren kann.«
Die Agentin verstummte einen Augenblick lang, dann schien ihr etwas wichtiges eingefallen zu sein. »Moment mal, was sagten Sie gerade? Den Kurven nach ist Manley wieder da? Welche Kurven?« Deacan zeigte auf den Boden.
»Jene Kurven, die ich beispielsweise nicht habe. Aber mal im Ernst: nicht schlecht, sogar Ihr Schatten ist hübsch.«
Jetzt verstand Manley, sie sah ihren Schatten und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Gut, ich nehme das als Kompliment. Was lesen Sie denn da?«
»„Nichts wirklich wichtiges, Manley. Ist von Drake und betrifft unsere neuen Jäger«
»Darf ich mal einen Blick darauf werfen?«
Er hätte ihr den Ordner nur zu gern in die Hände gegeben. Aber er konnte es nicht. Nicht jetzt, nicht hier. Also suchte er nach einer Antwort, die Manley nicht misstrauisch werden ließ.
»Sobald ich damit fertig bin bekommen Sie es. Das sind technische Daten und Blaupausen von den Blades. Wie Sie sicher schon von Drake gehört haben, können diese Babys mehr als andere Maschinen ihrer Gewichtsklasse.« Manleys Blick schien Bände zu sprechen. Glaubte sie seinen Ausflüchten?
»Nun gut, also später. Aber ich gebe Ihnen Recht, immerhin müssen Sie ja diese Teile auch fliegen können, nicht wahr?«
Die kurze Pause, die Manley einlegte, tat alles andere als gut. Zum Glück griff sie den Gesprächsfaden wieder auf. »Ich sollte doch für Sie etwas erledigen, oder?« Der Privateer nickte.
»Ich habe Ihnen doch von meinem Halbbruder erzählt. Er ist verrückt genug, die Mannschaften für unser kleines Unternehmen zu stiften. Sie könnten mir helfen, indem Sie ihn mit den entsprechenden Einzelheiten vertraut machen. Ich habe ehrlich gesagt nicht den Nerv dazu, zumindest nicht im Moment.«
»Ich verstehe. Ist sonst noch irgend etwas?« Manley schien bewusst ein wenig ihren Tonfall Deacan gegenüber zu verändern.
»Nein. Machen Sie nur das mit den Frachtern klar. Ich habe hier noch ein wenig zu tun.« Manley war drauf und dran, Deacan noch etwas zu fragen, dann jedoch schien sie es sich anders überlegt zu haben.
»Gut, wenn Sie meinen. Wir sehen uns dann, bye.« Mit schnellen Schritten verließ sie den Raum, begleitet von seinen Blicken.
»Ja, man sieht sich, Manley.«

*

»Na, fühlst du dich jetzt ein bisschen besser?«
»Ein wenig schon, liebste Ivy. Die Brute-Raketen waren zwar saumäßig teuer, sind aber wesentlich besser als die Snipes, mit denen wir sonst immer auf potentielle Ziele schießen.«
Teanna hatte mit Ivy gerade den Schiffshändler wieder verlassen. Besonders viel hatte der nicht im Angebot, eher billige Massenware als raffinierte Exoten mit großen Sprengköpfen und intelligenten Zielsensoren. Trotzdem schienen sie mit der neuen Bestückung zufrieden zu sein, auch wenn sie dafür tief in die Taschen langen mussten.
Laut der Aussage des Verkäufers würde man sich sofort um die Montage der Waffen kümmern. Teanna hoffte insgeheim, dass der gute Mann unter dem Wort „sofort“ auch dasselbe verstand wie sie. Sie wollte auf keinen Fall länger als nötig hier verweilen. Trotzdem, einige Stunden mussten die beiden noch totschlagen, ehe sie als Eskorte für einen dämlichen Frachter herhalten mussten.
Nur – wie sollte man seine Zeit sinnvoll verbringen, wenn dieser Planet nichts sinnvolles anbot? Nein, Teanna musste irgendwie improvisieren. Vielleicht etwas tun, wozu sie ansonsten keine Zeit hatte. Oder besser keine Lust. Wie mal persönlich den eigenen Jäger unter die Lupe nehmen?
Der Dame schauderte es innerlich bei dem bloßen Gedanken daran. Normalerweise überließ sie diese Arbeiten dem Bodenpersonal. Schließlich wurden die ja dafür bezahlt. Aber alles machten diese Leute auch nicht. Die Speicherchips des Bordrechners überprüfen zum Beispiel - mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass derartige Arbeiten nur vom Piloten selber ausgeführt werden durften.
Im Bordrechner befanden sich unter anderem auch die persönlichen Daten des Piloten sowie dessen Missionslogbücher. Und die gingen nun wirklich keinen anderen etwas an. Teanna sah auf ihre Partnerin.
»Sag mal, wohin gehen wir eigentlich?«
Ivy blieb stehen.
»Ich dachte, DU hättest ein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich laufe dir nur hinterher. Du hast doch ein Ziel, oder?«
Teanna bemühte sich, ernsthaft zu bleiben.
»Aber natürlich, Ivy. Und es tut mir leid dir zu sagen, dass mein Ziel in Arbeit ausartet. Wir haben die Überprüfung unseres Jägers lange genug hinaus geschoben, findest du nicht?« Ivy verdrehte die Augen.
»Ich tue es nur sehr ungern, aber ich muss dir recht geben. Hier können wir eh nichts anders machen, außer uns die Kante zu geben.«
»Und das kommt im Augenblick nicht in Frage, wir haben schließlich noch einen Auftrag nachher vor uns. Und da sollten wir klar und vor allem nüchtern sein.« Gutes Argument. Nach einigen Schritten stoppte Ivy plötzlich. Ihr Blick glitt zuerst auf Teanna, die ebenfalls stehen geblieben war.
Dann sah sie nach hinten, in jene Richtung also, aus der sie gekommen waren. Und dann wieder auf Teanna.
»Wenn du, wie du eben sagtest, zum Jäger willst, wieso laufen wir dann in die völlig falsche Richtung?« Teanna sah verlegen nach unten.
»Ups.«

*

Wirkliche Stille.
Kein Lärm, kein Wort, niemand da, der stören konnte. Für Deacan ein recht seltener Moment. Gerade in letzter Zeit. Manley war vor etwas mehr als einer Stunde gegangen, Drake hatte noch im Frachtdock zu tun und Dawson ging ihr dabei offensichtlich zur Hand.
Deacan hatte sich kurz hingelegt. Er lag auf seinem Bett und starrte hoch zur Decke. So viele Dinge ließ er in Gedanken Revue passieren. So unglaublich viel war geschehen, fast zu viel für einen Menschen allein.
Und jetzt? Sollte er tatsächlich weiter machen? Weiter sein Leben riskieren? Selbst wenn Ricards aus dem Geschäft raus gezogen werden könnte, würde nicht sofort ein Nachfolger in seine Fußstapfen treten?
Die Möglichkeiten, die seinem Team noch verblieben, waren äußerst gering. Wieder tauchten Bilder vor seinen Augen auf, angefangen bei Jake Kenner, seinem alten Freund, über Ser Lev Arris, David Hassan, bis hin zu Chyna, und die Angst, die er vor wenigen Stunden in ihren Augen gesehen hatte und die er selbst tief in seinen Innersten verspürte.
Deacan erhob sich langsam von seinem Lager, er setzte sich aufrecht ans Fußende des Bettes.
Sein Blick fiel wieder auf den Ordner, der noch immer offen auf dem Koffer lag. Nachrichten von Drake. Nein, vielmehr Nachrichten vom Clan. Obwohl die Seiten gar nichts über den Clan beinhalteten.
Aber genau diese wenigen Seiten beschriebenes Papier waren es, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten. Das da war eine neue, eine völlig andere Möglichkeit, die Dinge in Angriff zu nehmen. Eine Art von Flucht nach vorne.
Das Nichtstun hier ging dem Söldner gewaltig an die Substanz. Sicher, er könnte Drake ein wenig zur Hand gehen. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass er Drakes Leuten eher zur Last fallen würde als wirklich hilfreich zu sein. Nein, die Jungs im Dock kamen auch ohne ihn zurecht.
Der Söldner stand auf, griff zum MACS an seinen Mantel und aktivierte das Gerät.
»Verbindung zu Sera Venice Drake aufnehmen.«
Einen Augenblick lang blieb das Display dunkel, dann erschien Drakes Gesicht auf der Anzeige.
»Drake hier. Was gibt es denn, Ser Tron?« Deacan blieb einen Moment lang stumm, dann stand sein Entschluss fest.
»Ich bin dabei, Drake. Wir sehen uns nachher. Tron Übertragung Ende.«
Er wartete Drakes Bestätigung nicht ab, sondern schaltete sein MACS sofort aus. Danach hob er seinen Mantel vom Boden hoch und begann, die Taschen zu durchsuchen. Und er fand schließlich, wonach er gesucht hatte. Er hatte es noch nie benutzt, es war einst ein Geschenk von Jake, der immer über seine tiefe Abneigung gegenüber Zigaretten gelacht hatte. Ein Feuerzeug, ziemlich antikes Stück. Aber es funktionierte sofort.
Deacan sah kurz auf die bläuliche Flamme, dann griff er nach dem Ordner. Er riss einige Seiten heraus und zündete sie an. Die Asche ließ er zu Boden rieseln und verteilte diese im Raum.
Nur wenig später stand Deacan wieder in den Frachtdocks. Drake hatte per MACS die Meldung gemacht, dass zwei der insgesamt acht Jäger inzwischen einsatzbereit waren. Zwei Jäger. Mehr brauchte Deacan nicht. Die Maschinen standen etwas abseits von ihren Containern und boten mit ihrer dunklen Lackierung einen furchteinflössenden Anblick. Drake kam sofort auf Deacan zu, als dieser den Montageplatz betrat.
»Das ging ja richtig flott, Drake. Kein Wunder, dass sogar die CIS nicht mit dem Clan Schritt halten kann.«
Drake baute sich vor Deacan auf.
»Freut mich, dass Sie das so sehen. Beide Jäger sind voll bestückt, Treibstoff ist an Bord. Und ja, bevor ich es vergesse: da wartet jemand im Cockpit auf Sie!« Deacan zog die Stirn in Falten, aber Drake führte ihn kurzerhand zu einer der Maschinen hin. Das Cockpit stand offen, und die Söldnerin vom Clan beugte sich über die Bordwand. »Sag nett Hallo zu deinem Besitzer, Danni.«
Danni? Hatte Deacan richtig gehört, sagte Drake wirklich Danni? Drake reagierte auf seinen verblüfften Gesichtsausdruck mit einem süßen Lächeln. »Ja, Ser Tron, Sie haben richtig verstanden. Ich war so frei und habe Ihren alten Schiffscomputer aus den Überresten der Duress ausbauen lassen. Es war nicht leicht, das Teil in die Blade zu integrieren, aber es hat letzten Endes funktioniert.«
Der Söldner klopfte mit seiner Hand leicht auf Drakes Schulter.
»Damit haben Sie bei mir etwas gut. Eine ganze Menge sogar.«
Er kletterte ins Cockpit und nahm die Armaturen in Augenschein. Alles war da angebracht wo es hingehörte, fast wie bei der Duress, nur eben irgendwie noch perfekter, noch ergonomischer. Drake folgte dem Privateer ins Cockpit, sie nahm den hinteren Sitzplatz in Beschlag. Dann lehnte sie sich nach vorne, rückte etwas näher an den Piloten heran und bemühte sich, leise zu sprechen.
»Sind Sie sicher?«
Deacan drehte seinen Kopf etwas zur Seite, sein Blick blieb aber auf die Instrumententafel fixiert.
»Absolut sicher, Drake.«
Kurzes Schweigen umgab die beiden. Er erhob sich, drehte sich um und sah dann auf Drake herab. »Wie lange wussten Sie schon davon?« Drake richtete ihren Blick nach draußen, auf den anderen Clan-Jäger.
»Seit etwa zwei Tagen. Aber ich war mir nicht sicher, erst Ser Arris hat dann meinen Verdacht bestätigt.«
»Das hier macht es nicht einfacher, Drake.«
»Das glaube ich Ihnen gern. Aber manchmal muss man den Weg verlassen, den man eingeschlagen hat.«
 

Deacan

Commodore
part 65

*

Die kleine Skecis stand ziemlich allein auf dem Startfeld, umgeben nur von zwei Jägern der Aurora-Klasse. Und einem alten, ziemlich stark ramponierten Shuttle, das scheinbar nur noch vom Lack zusammen gehalten wurde.
Teanna und Ivy hatten ihren Jäger einer intensiven Inspektion unterzogen und die nachfolgende Zeit in einem kleinen Lokal verbracht. Ohne Alkohol zu trinken, das konnte man als Prämiere bezeichnen. Aber eine Kleinigkeit gegessen hatten die beiden. Und lebhaft diskutiert. Was sie als nächstes machen könnten, wo sie ohne böse Überraschungen Geld verdienen könnten und auf welchen Planeten der immens wichtige Spaßfaktor nicht zu kurz kommen würde.
Jetzt waren sie wieder im Cockpit, jenem Ort, der für ein paar Stunden etwas Abwechslung versprach.
»Okay, Systeme sind wieder online. Raketen sind scharf, Treibstoff haben wir auch noch zur Genüge. Es kann losgehen.«
Teanna gab vollen Schub, der Jäger reagierte sofort und schoss nach oben. Ivy, die hinter ihrer Freundin Platz genommen hatte, warf einen Blick zurück auf die Startbahn, die zusehends kleiner wurde.
»Ich hoffe mal, das unser Frachter schon im Orbit ist und auf uns wartet.«
»Das werden wir in wenigen Augenblicken wissen, liebste Ivy. Übriges: der Frachter macht mir keine Sorgen. Dann schon eher irgendwelche Privateers in Heretic-Jägern, die uns ans Leder wollen.«
Von der Startbahn konnte Ivy jetzt nichts mehr sehen, der Jäger hatte die Wolkendecke erreicht und durchquerte diese. Sie richtete ihren Blick wieder nach vorn, langsam konnte man einzelne Sterne erkennen, es wurde schlagartig dunkel draußen. »Scanner aktiviert, mal sehen, wo unser Auftrag steckt.«
Nur wenige Maschinen waren im Orbit, darunter auch eine alte Karnenan, die zu Teannas Skecis Kontakt aufnahm.
»Hier ist Ser Ivan Gutenhal, ich grüße Sie, Sera Tasker und Sera Banks. Ich werde mit Ihnen den Frachter eskortieren, wir werden bereits erwartet, etwas außerhalb von unserer gegenwärtigen Position. Ich gebe Ihnen die Koordinaten durch. Viel Glück, Gutenhal Ende.«
Das Gesicht des Piloten verschwand vom Bildschirm, dafür erschienen jetzt die angekündigten Koordinaten, zusammen mit dem Identifikationscode des Piloten. Teanna strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Man, der hat es vielleicht eilig. Siehst du, deshalb mache ich solche Sachen so furchtbar ungern. Man wird gehetzt, muss nach Vorschrift fliegen, darf nicht vom Kurs abweichen und nett lächeln muss man auch noch, sonst kriegt man seine Kohle am Ende nicht.« Ivy sparte sich jeglichen Kommentar.
Teanna passte die Geschwindigkeit ihres Jäger an die ihres „Flügelmannes“ an und ging auf Parallelkurs zu ihm.
Es dauerte keine zehn Minuten, als vor ihnen der Frachter vom Typ Ilia in Sicht kam. Der schien seine besten Tage auch schon hinter sich gebracht zu haben, sehr deutlich waren zahlreiche Spuren, wie sie beispielsweise von Laserwaffen her stammen könnten, am Rumpf zu sehen. Die Besatzung des Frachters nahm kurz Kontakt zu Teanna und Ivy auf, man sagte freundlich Hallo, gab die Route bekannt und bat um etwas Nachsicht, da die Höchstgeschwindigkeit der Frachtmaschine weit unter dem normalen Niveau lag.
Teanna atmete tief durch, als der Kontakt zum Frachter wieder beendet wurde. »Das wird ja ein Mordspass werden, Ivy. Ich habe jetzt schon keine Lust mehr. Und dabei hat es noch nicht mal richtig angefangen.«
Die reagierte prompt auf Teannas Verärgerung.
»Denk einfach nur an die Credits, die wir einstreichen.«
»Ja. Der einzige Lichtblick hierbei.«
Teanna setzte ein zwanghaftes Lächeln auf, dann öffnete sie einen Kanal zum Frachter. »Hier ist die Dark Spirit. Wir sind bereit zum Sprung und warten auf Ihre Bestätigung.«
Keine Antwort, aber ein „Bitte warten“ erschien auf dem Display. Na Klasse! Teanna biss sich auf die Lippen, um nicht lauthals einige eher unschöne Schimpfworte vom Stapel zu lassen.

*

»Es wird Zeit.« Deacan stand neben seiner Blade, als Manley wieder auftauchte. Das breite Grinsen auf ihren Lippen sprach Bände.
»Ser Tron, alles ist im grünen Bereich. Die Frachter stehen bereit, die Besatzungen sind unterrichtet, die Geschützplattformen warten im Orbit von Hades auf uns, wir müssen sie nur noch einladen. Ach ja, in jedem der drei Frachter ist zudem ein Shuttle untergebracht. Wie Sie es wünschten.«
Deacan legte seinen Mantel ab, verstaute ihn im Cockpit der Blade. Danach fuhr er sich mit der Hand nachdenklich übers Gesicht.
Manley hielt ihm ihr MACS entgegen. »Hier, die genauen Koordinaten für die Satelliten. Wollen Sie das wirklich allein durchziehen? Ich könnte Ihnen einige Piloten der CIS zur Seite stellen, das würde doch sicherlich Ihre Erfolgschancen nach oben klettern lassen.«
Deacan warf einen Blick auf Manleys Daten, dann griff er zum eigenen MACS, um die Daten zu überspielen.
»Ich denke, dass es besser wäre, ohne Militär zu fliegen. Die Kiowan haben mit Sicherheit einige Vorposten stationiert. Wenn wir da mit der Miliz im Nacken vorbei fliegen, werden wir bereits am Sprungpunkt vor ihrer Basis erwartet. Und ich kann getrost darauf verzichten, gegen Kreuzer oder ähnliche Späße anzutreten. Also lassen wir das lieber bleiben. Einverstanden?«
Manley wollte einen Einwand los werden, doch er kam ihr zuvor. »Nein. Diskussion beendet. Ich brauche Sie und Ihre Leute später noch, und zwar lebend.«
Er winkte Drake zu sich heran, die umgehend auf seine Geste reagierte. »Drake wird mit dabei sein, sonst keiner weiter. Sie weiß am besten, wie man mit dieser Maschine hier umgeht und wird mir den Rücken frei halten. Hinzu kommt, dass Bladejäger fast nie allein unterwegs sind, sollte also jemand unsere Maschinen als solche im Voraus erkennen, wird derjenige sich schleunigst aus dem Staub machen. Sie müssten das ja wohl am besten wissen, oder Manley?«
Die Agentin verstand auf Anhieb, worauf Deacan hierbei anspielte.
»Wenn Sie damit die Inkompetenz einiger unserer Piloten meinen, muss ich Ihnen wohl oder übel recht geben. Ich hoffe aber inständig, dass Sie das nicht auf mich gemünzt hatten.«
Deacan sah direkt in Manleys Gesicht, er legte ein breites Grinsen auf, das eher zu ihr gepasst hätte.
»Nein, das hatte ich nicht, da können Sie beruhigt sein. Egal ob auf dem Boden oder im All – was auch immer von Ihnen ins Visier genommen wird, darf einpacken.«
Manley lächelte, hob ihre Hand und tat so, als würde sie auf einen imaginären Feind schießen. Danach führte sie ihren Zeigefinger zum Mund und blies den „Rauch“ vom imaginären Lauf, wie man so schön sagt. Der Privateer teilte ihr Lächeln für einige Augenblicke, dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck plötzlich, er wurde ernst. »Manley, Sie wissen dass Sie weitermachen müssen, falls ich nicht zurück komme.«
Sie nickte. Deacan warf einen kurzen Blick auf Drake, sie schien seine Gedanken lesen zu können und begab sich zu ihrem Jäger, kletterte ins Cockpit. Auch Deacan selbst stieg über die Bordwand seines Jägers, er griff zu den Sicherheitsgurten, die mit deutlich vernehmbaren Klickgeräuschen einrasteten. Manley trat an den Jäger heran, beugte sich über die Bordwand und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Als der sie fragend ansah, kam postwendend ihre Antwort.
»Bringt Ihnen vielleicht Glück, wer weiß. Soll ich jemanden noch etwas von Ihnen ausrichten? Sera McCumber zum Beispiel?«
Deacan sah von seinem Platz auf.
»Sagen Sie ihr, dass ich bald wieder da bin, sie soll sich keine Gedanken machen und sobald als möglich wieder auf den Beinen sein.«
Manley versuchte zu lächeln.
»Soll ich das wirklich so sagen, Ser Tron?«
»Nein, aber geben Sie Chyna einen Kuss von mir. Ich werde ihr von unterwegs eine Nachricht zukommen lassen.«
Sein letzter Satz ging im Geräusch des sich schließenden Cockpits unter. Dann drehte er seinen Kopf zu Drake, die hob den Daumen – alles bereit zum Start. Sanft hoben die beiden Blades von der Startbahn ab, Deacan schwenkte seinen Jäger um 360 Grad, sah noch einmal auf diese Weise quer über das gesamte Rollfeld, er sah Manley, die mit verschränkten Armen da stand und er sah Dawson, die etwas abseits die Szenerie verfolgte. Dann gab er vollen Schub, die kurzzeitig auftretenden Fliehkräfte drückten seinen Körper in den Sitz. Die Trägheitsdämpfer gingen online, und nur wenige Sekunden später spürte man nichts mehr von der Kraft der Triebwerke des Jägers. Seine Begleitung meldete sich via Funk.
»Die Frachter starten in etwa dreißig Minuten, wir sollten die Zeit nützen, um Sie mit diesem Jäger hier vertraut zu machen.«
»Einverstanden. Kurs liegt an.«
Die Jäger ließen den Orbit des Planeten innerhalb von nur vier Minuten hinter sich. Etwas abseits von den gewöhnlichen Flugschneisen legten sie eine kleine Pause ein.

*

Für gewöhnlich dauerte ein Flug von Serca nach Hephaestus nur etwas über eine Stunde, gute Piloten in schnellen Schiffen brauchten sogar nur fünfundvierzig Minuten dazu.
Wenn man aber das unglaubliche Glück besaß und den vielleicht langsamsten Frachter aller Zeiten eskortieren musste, dann zog sich die Zeit derartig in die Länge, dass man fast sogar über einen zusätzlichen Überstundenaufschlag nachdenken konnte.
Der Frachter, der im Übrigen den Namen Pegasus trug, hatte immer wieder mit Ausfällen der Triebwerke zu kämpfen. Besser gesagt, die Triebwerke gaben keinen konstanten Schub, vielmehr schwankte die Höchstgeschwindigkeit der Kiste ständig hin und her.
Teanna flog nun diesem „flügellahmen Gaul“ hinterher, der – wie sie erklärte – schon längst den Weg zum Abdecker hätte antreten müssen. Dass derartige Frachter noch immer unterwegs waren, gehörte zur traurigen Wahrheit des Tri-Systems. Für kurze Strecken, wie eben diese hier, lohnte sich die Anschaffung von teuren Transportern nicht. Hinzu kam die Tatsache, dass man eh nichts wirklich wertvolles transportierte. Auch wenn niemand das zugeben wollte: in über achtzig Prozent von allen sogenannten „freien“ Transportern fand man im Laderaum nichts weiter als Lebensmittel vor.
Teanna empfand diese Mission wie eine Strafarbeit. Ihre Freundin Ivy gab sich indes erhebliche Mühe, um Teanna irgendwie bei Laune zu halten. Sie erwähnte ständig das Honorar, das die beiden am Ende dieser Reise einstreichen würden. Das sorgte zumindest kurzzeitig dafür, dass Teanna ihre Fluch- und Wortattacken einstellte.
»Ivy, dürfte ich dir mal kurz eine Frage stellen und dich um eine ernsthafte Antwort bitten?«
Ivy, die langsam aber sicher müde wurde vom ständigen Auf und Ab der Geschwindigkeit des Frachter vor ihnen, reagierte etwas zögerlich.
»Kein: liebste Ivy, darf ich dich was fragen? Dann muss es ja sehr, sehr wichtig sein, oder? Aber egal, schieß los.«
»Meinst du, irgend jemand würde diesen Frachter da vor uns vermissen?«
Sie warf einen kurzen Blick nach hinten auf ihre Partnerin, bevor sie fortfuhr. »Ich meine, der hat doch eh nur noch Schrottwert, und ich habe da so einen kleinen Knopf am Steuer, damit könnte ich unsere Reise ein wenig beschleunigen.«
»Wie darf ich denn das jetzt verstehen?«
»Vielleicht würde der Pilot der Mühle da vor uns dann ein wenig mehr aufs Gas treten.«
Ivy schüttelte den Kopf.
»Ein Treffer, und unser Auftrag ist Geschichte. Du solltest eher hoffen, dass wir nicht noch aussteigen müssen und schieben dürfen.«
»Na soweit kommt's noch.«
Der Frachter hatte die nächste Sprungboje erreicht, er verlangsamte nochmals seine Fahrt, ehe er nur Sekunden später im Hyperraum verschwand. Endlich hatte Teanna wieder freies Blickfeld, sie streckte sich im aus Cockpit und gähnte dabei. Ihr „Flügelmann“ tauchte neben ihr auf, sein Jäger raste an ihrer Skecis vorbei, ein kurzen Moment später war auch er aus ihren Augen verschwunden.
»Wieder einen Streckenabschnitt geschafft, liebste Ivy. Aber gewöhnen könnte ich mich an diese Art von Job nie im Leben.«
»Das sollst du ja auch nicht. Gib Stoff, vielleicht kommen wir ja sogar noch vor dieser Frachtkiste am nächsten Sprungpunkt an.«
»Überholen eines Frachters im Hyperraum? Mhm, das wäre mal was ganz Neues.«
Teanna zog den Schubhebel für ihre konventionellen Triebwerke zurück auf Nullstellung, dann schob sie dafür den Schubregler für den Hyperraumantrieb aufs Maximum. Rings um den Jäger wurde alles tiefschwarz, die Armaturen begannen, schwach zu leuchten, kleine Lampen, die in der Verglasung des Cockpits eingearbeitet waren, gingen online und erhellten den Innenraum der Skecis, um den Piloten ihre Arbeit ein wenig zu erleichtern.
Der Flug im Hyperraum dauerte nur kurz, insgesamt nur etwas mehr als vier Minuten.
Zu Teannas Erleichterung schien der Frachter zumindest im Hyperraum über ein funktionierendes Triebwerk zu verfügen. Im Normalraum sah das natürlich wieder ganz anders aus. Haarscharf schossen Teanna und Ivy mit ihrer Skecis am Frachter vorbei, als sie den Hyperraum wieder verließen. Immerhin schien der Mannschaft des Transporters etwas an ihrer Eskorte zu liegen, vorsorglich war man – direkt nach dem Austritt aus dem Hyperraum – etwas vom Kurs abgewichen, um eine Kollision mit dem Begleitschiffen zu verhindern.
»Nicht mal fünf Minuten Entspannung, dafür jetzt wieder zwanzig Minuten Krampf. Ivy, sag bitte noch mal, warum mache ich das hier mit?«
Ivy, inzwischen mehr als nur leidgeprüft, holte kurz tief Luft.
»Credits, Teanna. Alles nur der lieben Credits wegen.«
Da der Transporter eh nicht so schnell wieder in Schwung kommen würde, nütze Teanna den kurzen Zwangsstop für einen intensiven Scann der Umgebung. Viel war nicht los, ein leichtes Kampfschiff der CIS gab es hier, zwei Shuttles, eine alte Straith. Und all diese Schiffe befanden sich in großer Entfernung, genauer gesagt am nächsten Sprungpunkt, der auch das Ziel von der Pegasus und ihrer Eskorte war.
Insofern man dort ankam.
 

Deacan

Commodore
part 66

*

Drakes Unterweisung glich einem Crashkurs in Sachen Technologie. Deacans Bladejäger schien mehr Funktionen aufzuweisen als ein Trägerschiff der CIS.
Tarnsoftware, diverse Störsender, aktive und passive Scanner. Von den Waffen mal ganz zu schweigen. Gleich fünf schwere Masse-Ionen-Kanonen standen zur Verfügung, acht Raketenaufhängungen ließen zusätzliche Stimmung aufkommen. Deacan hatte etwas Mühe, sich an die hohen Beschleunigungswerte der Maschine zu gewöhnen, weder seine alte Drakkar noch die Duress waren damit vergleichbar.
Eigentlich war die Blade das absolute Optimum, nur dass kein normaler Sterblicher sie kaufen konnte.
Drake meldete sich erneut, nachdem ihr Flügelmann die Nachbrenner des Schiffes getestet hatte.
»Eine Besonderheit der Blade ist eine sogenannte Notautomatik, die es uns ermöglicht, jede Blade zu einem Ort unserer Wahl umzulenken, egal ob ein Pilot an Bord ist oder nicht. Auf diese Weise ist es so gut wie unmöglich, dass uns ein Jäger abhanden kommt. Für gewöhnlich setzen wir das allerdings nur ein, wenn dem Piloten etwas passiert ist.«
»Oder er zum Feind übergelaufen ist. Das wollten Sie doch damit zum Ausdruck bringen.«
Ein leises Lachen war in Deacans Headset zu hören.
»Ja, das ist natürlich auch eine Anwendungsmöglichkeit, da haben Sie Recht. Soweit ich mich erinnern kann, ist das in den letzten Jahren nie nötig gewesen. Ser Arris hat seine Leute eigentlich ganz gut im Griff, sieht man mal von einigen Idioten ab.«
»Aha, und wie viele sogenannte Idioten gibt es da draußen?«
Diesmal zögerte Drake mit der Antwort.
»Nun, keinen, der eine Blade fliegt, das kann ich Ihnen versichern. Aber einige Vendettas sind unterwegs, es gibt sogar Gerüchte, das noch irgendwo welche gebaut werden. Ist aber nicht offiziell bestätigt.«
Deacan überflog nochmals alle Instrumente und ging im Kopf nochmals sämtliche neuen Funktionen seines Jägers durch.
»Drake?«
Die angesprochene Person kam mit ihrer Maschine etwas näher an Deacans Jäger heran, sie verringerte die Entfernung auf wenige Meter.
»Ja, Ser Tron?«
Deacan sah von den Bordinstrumenten auf, sein Blick blieb an Drakes Jäger hängen.
»Warum tun Sie das?«
Die Söldnerin hatte wohl mit dieser Frage gerechnet, ihre Antwort kam sehr schnell.
»Sie ähneln Ser Arris.«
»Wo ist denn da der Zusammenhang?«
»Sie tun eigentlich genau das Gleiche wie er. Sie versuchen beide das System vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Leute wie Sie sind selten, Ser Tron.«
Das war nicht die Antwort auf seine Frage. Der nachfolgende Satz aber irgendwie schon. »Sie sind es wert.«
Obwohl Drake sehr leise gesprochen hatte, verstand Deacan ihre Worte genau. Sie sind es wert. Er hatte schon viele Komplimente bekommen, aber das hier war anders. Das klang auch anders.
Der Söldner überlegte, wie er darauf reagieren könnte. Einen Augenblick später schien er einen Weg gefunden zu haben.
»Ich hätte da eine kleine Bitte. Nennen Sie mich Deacan. Vermutlich lebe ich nicht mehr lange, da sollten Sie dieses Ser Tron einfach weg lassen.«
»Gerne. Bereit für das Treffen mit unseren Frachtern?«
Der Privateer warf einen Blick auf den Schiffschronometer, in zwei Minuten würden die Frachter von der Oberfläche des Planeten starten.
»Dann mal los, lassen wir unsere Freunde nicht warten, Drake.«
Deacans Begleitung tauchte mit ihren Jäger unter seiner Maschine ab, zog die Blade dann wieder hoch und setzte sich vor dessen Jäger.
»Venice. Mein Name ist Venice.«
Der Flug zurück zum Planeten nahm keine zehn Minuten in Anspruch, man wurde dort bereits erwartet. Drei völlig baugleiche Transporter der Ogan-Klasse hatten sich in Bewegung gesetzt, sie flogen in enger Formation auf Deacan und seinen „Wingman“ zu.
»Ser Tron? Schön Sie zu sehen, wir übermitteln Ihnen unsere Identifikationscodes.«
Auf einen der vielen Displays in Deacans Maschine erschien das angekündigte Datenmaterial. Deacan rückte sein Headset zurecht.
»Wir nehmen Kurs auf Hades, dort werden wir noch etwas Fracht aufnehmen. Erbitte Bestätigung.«
Er vermied es, die „Fracht“ detailliert zu beschreiben. Dieser Kanal war nicht wirklich sicher, und außerdem wollte er kein unnötiges Aufsehen erregen. Die Besatzungen der Frachter wussten allerdings genau, worum es ging, sie hatten dem Plan zugestimmt und kannten die Risiken. Das Geld war wohl verlockend, sicher neben der Tatsache, dass nach dieser Mission einige lukrative Handelsrouten wieder passierbar waren.
Das Display leuchtete wieder auf, alle drei Schiffe signalisierten Sprungbereitschaft.

*

Teanna wartete geschlagene fünfzehn Minuten, ehe der Frachter seine normalen Triebwerke wieder gezündet hatte. Auf ihre – höfliche! – Anfrage, was es denn für technische Probleme gebe, wurde ihr nahe gelegt, besser nicht zu fragen. Man wisse es selbst nicht so genau, aber beim letzten Flug sei alles bestens gelaufen, das Triebwerk habe zwar einige Macken, es sei aber noch nie ganz ausgefallen.
Wer’s glaubt...
Innerhalb der Wartezeit war der CIS-Jäger aus dem „Zwischensystem“, wie man derartige Streckenpunkte auch zu nennen pflegte, gesprungen. Teannas Bordcomputer hatte ihr das mitgeteilt, er war noch immer auf aktiven Scanmodus geschaltet. Gerade als Teanna die Triebwerke ihres Jäger wieder hochfahren wollte, meldete sich ihr Computer erneut zu Wort.
»Neuer Kontakt, Entfernung zweihundert, kommt näher.«
Eigentlich gab es keinen Grund, diesen Neuankömmling genauer zu checken. Aber irgend etwas schien Teanna zu warnen. Sie wählte den neuen Kontakt an, die Scanner der Skecis erfassten das Schiff.
Das Ergebnis: Jäger der Heretic-Klasse! Und dass dieses Schiff näher kam, konnte einfach kein Zufall sein. Oder etwa doch? Ivy hatte von ihren Sitz aus die Aktion der Pilotin mit verfolgt.
»Ärger?« Teanna zuckte mit den Schultern.
»Schwer zu sagen. Kann sein, dass der Penner von gestern wieder da ist. Da holt jemand schnell auf.«
Ivy lenkte ihre Aufmerksamkeit nach draußen, sie suchte die Umgebung nach der Heretic ab. Eine Suche, die nur kurz dauerte. Denn selbst wenn sie den Jäger noch nicht sehen konnte – die Salven aus den Bordgeschützen der Maschine konnte man gar nicht übersehen. Also wieder Ärger.
Teanna wollte auf keinen Fall die Zielscheibe spielen, sie gab vollen Schub und versuchte, etwas Raum zwischen sich und dem Angreifer zu schaffen. Diese Aktion wiederum missfiel der Besatzung des Frachters, den sie ja eigentlich eskortieren sollte. Kurzerhand nahm die Mannschaft der Pegasus Kontakt zu Teanna und Ivy auf.
»Frachter Pegasus an Sera Tasker: begeben Sie sich augenblicklich wieder in die Formation! Ihre Aufgabe ist noch nicht beendet!«
Teanna reagierte sauer.
»Was sagt man denn dazu? Zurück in die Formation, selten so gelacht. Uns wird hier der Hintern weg geschossen.«
Ivy lehnte sich nach vorne.
»Na dann sag das den Deppen doch.«
»Sinnlos. Die Mühe können wir uns glaube ich sparen.«
Die Skecis kassierte einen Treffer am Heck. Ein Ruck ging durch die kleine Maschine, besonders Ivy bekam diesen zu spüren, sie knallte mit ihrem Oberkörper auf die Rückenlehne von Teannas Sitz. Teanna wurde jetzt sichtlich nervös.
»Vorschläge aller Art nehme ich jetzt dankend an. Hast du gehört?«
Der Flügelmann von Teanna, Ser Ivan Gutenhal, bekam die Ereignisse natürlich mit. Doch auch er wurde von der Pegasus aufgefordert, seine gegenwärtige Position zu halten und sich nicht ins Geschehen einzumischen. Er machte aus seiner Abneigung gegen diesen Befehl allerdings kein Hehl.
»Gutenhal an Pegasus, ob es euch nun gefällt oder nicht, ich werde auf jeden Fall eingreifen. Es gibt immer noch so etwas wie grundlegende Regeln unter den Privateers. Kürzen Sie meinen Sold, wenn Sie wollen.«
Die Antwort kam postwendend.
»Ser Gutenhal, sobald Sie auch nur einen Meter von ihrer derzeitigen Position abweichen, sehen wir uns gezwungen, Ihren Vertrag mit uns zu kündigen. Haben Sie das verstanden?«
Gutenhal überlegte kurz. Kein Geld, dafür aber einem Privateer aus der Patsche helfen. Oder aber still weiterfliegen, wegsehen und anschließend kassieren.
Die Heretic hatte bislang nur die Skecis angegriffen, keine ihrer Salven hatte ihm oder gar dem Transporter gegolten.
Seltsam. Wieso jagte jemand hinter einem Privateer her? Noch dazu hinter freien Piloten, Leuten also, die unter keinem Vertrag mit irgendwelchen Firmen oder Gilden standen?
Die Besatzung der Skecis geriet zusehends immer mehr in Bedrängnis, nahezu jeder einzelne Schuss aus den Bordwaffen der Heretic traf jetzt den viel kleineren Gegner. Lange würde dieser Kampf nicht mehr dauern...
»Schilde hinten ausgefallen, Feuerleitsystem weist Fehlfunktionen auf. Lange machen wir es nicht mehr.«
Teanna versuchte verzweifelt, sich mit recht wilden Manövern aus der Schussbahn der Heretic zu bewegen. Zwecklos, der Gegner hinter ihr war nicht nur schneller, nein er war auch viel beweglicher. Für jede Kursänderung brauchte die Heretic nicht einmal die Hälfte der Zeit, die von der Skecis dafür beansprucht wurde.
Erneut zischten Salven an der Skecis vorbei, und verfehlten diesmal nur knapp das Glas des Cockpits. Teanna versuchte, nach hinten zu sehen. Gab es hier niemanden, der ihr helfen konnte oder wollte? Keinen Jäger der CIS?
Ivy lenkte die Aufmerksamkeit der Pilotin wieder nach vorne, dort kam ein Jäger in Sichtweite, genauer gesagt war es die Maschine von Ser Gutenhal.
»Zieh die Kiste hoch! Sofort!«
Gutenhals Jäger flog frontal auf Teanna zu, Ivy hatte soeben eine Nachricht von ihren Flügelmann auf einem der Displays lesen können.
»Zieht hoch!«
Nur diese Worte standen da, sonst nichts. Ivy wurde jetzt klar, das ihr Bordfunk wohl nicht mehr richtig funktionierte, Gutenhal hatte offenbar mehrfach bereits versucht, Kontakt zu den beiden aufzunehmen, da er keinen Erfolg hatte, schickte er sein Hilfsangebot eben als schriftliche Botschaft zur Skecis. Denn Daten konnte der Jäger noch empfangen, nur das Audiosystem war nicht mehr intakt.
Teanna kam Gutenhals Aufforderung nur zu gerne nach, sie gab vollen Schub, aktivierte die Nachbrenner ihrer Maschine und riss den Steuerknüppel zu sich heran. Gutenhal feuerte fast zeitgleich seine Bordgeschütze ab, Salven aus seinen vier Voltlasern bahnten sich ihren Weg durchs All, suchten sich ihr Ziel. Und schlugen mit voller Wucht auf die Bugpartien der Heretic ein.
Natürlich hatte der Pilot versucht, Teannas Manöver zu kopieren, aber selbst er hatte eine gewisse Reaktionszeit. Und genau diese Bruchteile von Sekunden hatte Ser Gutenhal für sich genutzt. Das hier war jetzt auch seine Angelegenheit, selbst wenn die Leute der Pegasus da anderer Ansicht waren.
Der Pilot der Heretic schien überrascht zu sein, er scherte ein wenig aus, versuchte Abstand vom neuen Gegner zu bekommen. Offensichtlich schien er aber an seinem Ziel festzuhalten, Teanna und Ivy aus dem Verkehr zu ziehen. Gutenhal versuchte, sich hinter die Heretic zu setzen, die nach wie vor hinter der Skecis her jagte. Und obwohl sein Jäger noch träger und schwerfälliger war als Teannas Skecis, gelang es ihm, die Heretic ins Visier zu bekommen.
Gutenhals Voltlaser hatten allerdings nicht die nötige Durchschlagskraft, die er benötigte, um der Heretic wirklich schaden zu können. Die Raketen, die unter seinem Jäger hingen, aber schon.
Zwei Python-Raketen lies er auf die Heretic los. Diesen Geschossen konnte die Heretic nicht entkommen, zu gering war der Abstand zwischen Schütze und Ziel. Mit dem Einschlag der beiden Raketen verlor die Heretic ihre gesamte Schildkapazität, sogar Teile der Heckpanzerung lösten sich von der Maschine. Dem Piloten schien klar zu werden, dass er jetzt verwundbar war – er könnte zwar die Skecis ausschalten, aber er würde mit ihr zusammen untergehen, solange Gutenhal hinter ihm war. Und er wusste nicht, ob und vor allem wie viele Raketen noch an den Aufhängungen der Karnenan auf ihn warteten.
Die Heretic brach den Angriff ab, der Pilot aktivierte die Nachbrenner und raste auf die Sprungboje zu, die nach Serca führte. Es dauerte nicht einmal zwei Minuten, bis die Maschine aus dem Sektor verschwunden war.

*

»Darf man eintreten?«
Manley steckte ihren Kopf durch den Türspalt zu Chynas Zimmer. Die „Patientin“ lag faul und träge unter ihrer Bettdecke, ein kleines Tablett lag auf einem Stuhl, offenbar hatte Chyna aber noch nichts von dem Essen angerührt.
»Klar doch, kommen Sie rein.«
Eine Aufforderung, die man Manley nicht zweimal sagen musste. Die Agentin sah sich kurz um, dann setzte sie sich ans Fußende von Chynas Bett. »Und?«
»Und was?«
Die junge Frau richtete sich auf.
»Neuigkeiten, Manley. Wissen Sie, ich sitze hier ziemlich weit ab vom Schuss.« Ein Lächeln glitt über Manleys Gesicht.
»Ser Tron ist wieder unterwegs, und zwar mit Sera Drake. In Richtung Hades, danach zur Hauptbasis der Kiowan. Gewissermaßen im Alleingang. Ehrlich gesagt habe ich kein gutes Gefühl dabei.«
Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie fort. »Ich soll Sie übrigens von Ihren Partner grüßen, er sagte das er Ihnen eine Nachricht zuschickt. Keine Ahnung, warum er es auf einmal so eilig hatte.«
Chynas schien zu überlegen.
»Wissen Sie, ich kenne Deacan inzwischen eigentlich ganz gut. Es muss etwas passiert sein, sonst hätte er sich von mir verabschiedet. Oder was denken Sie?« Keine Antwort. »Manley?«
Die Agentin wirkte irgendwie abwesend. Das heißt, ihr Blick schien am Tablett hängen zu bleiben. Chyna erkannte dies sehr schnell. »Nun greifen Sie schon zu. Ich weiß doch, Essen ist so was wie ein Hobby von Ihnen.« Kaum, dass der Wortlaut von diesem Satz im Raum verklungen war, wanderte das Tablett vom Stuhl auf Manleys Schoss. Und noch viel schneller schienen die Brötchen samt Belag in Manleys Mund zu verschwinden.
»Wenn das kleine Abenteuer klappt und Deacan die Basis der Kiowan dicht macht, dann steht der Rückeroberung von Petra so gut wie nichts mehr im Wege. Sieht man mal von Ricards ab.«
Und wieder verschwand ein halbes Brötchen vom Tablett. Die Erwähnung von Ricards schien für Manley ein Stichwort zu sein. »Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind und bevor ich es vergesse: lesen Sie das hier mal. Ist vor gut einer halben Stunde bei mir angekommen, hab eine Kopie bereits an Ser Tron geschickt.« Manley holte ihr MACS hervor und reichte es an Chyna weiter, die sofort laut zu lesen begann.
»Meldung von CIS Hauptzentrale: Ser Kyle Ricards, Gildenführer der White Wolfs, verhaftet. Derzeitige Überprüfung der Anklagepunkte noch nicht abgeschlossen. Anwälte von Ricards über Situation informiert.«
Manley zog die Augenbrauen hoch.
»Na? Sind wir gut oder was? Ich schätze, damit haben wir ein wenig Ruhe.«
»Hoffen wir es.«
Chyna gab Manley das Gerät zurück. »Hat Deacan Ihnen gesagt, wie lange die Aktion dauern wird?«
»Sie meinen wann er wiederkommt? Schwer zu sagen, der Flug nach Hades allein nimmt gut vier bis fünf Stunden in Anspruch, dazu kommt dann der kleine Abstecher zur Basis, dann der Rückflug..., alles zusammen gezählt braucht man sicher seine siebzehn Stunden dazu. Vielleicht auch etwas länger.«
Chyna legte sich wieder der Länge nach hin.
»Siebzehn Stunden. Wissen Sie, was das Schlimmste dabei ist? Was zum Henker tue ich in dieser Zeit?«
Manley sah vom Essen auf.
»Langeweile? Ich glaube, dagegen könnte ich etwas unternehmen«
Der Blick, den sie von Chyna erntete, sprach Bände.
»Wollen Sie etwa wieder vor meinen Augen herum hopsen und singen?«
Manley schüttelte den Kopf.
»Ich weiß, ich weiß: meine Performance geht Ihnen gegen den Strich. Aber ich hätte da einige Informationen für Sie, vor allem Daten bezüglich unserer neuen Jäger. Hab ich Sera Drake aus der Nase gezogen. Interesse?«
Chyna nickte artig. »Na sehen Sie, ich kann doch für Abwechslung sorgen. Ich lasse die Daten auf Ihr MACS übertragen und bringen Ihnen dann das Teil hierher. Dauert eine Viertelstunde. Okay?« Manley stellte das inzwischen leere Tablett zurück auf den Stuhl, dann erhob sie sich vom Bettrand, ging zur Tür und öffnete diese. »Also, man sieht sich.« Chyna sah ihr hinterher.
»Ja, bis gleich.«
 

Deacan

Commodore
part 67

*

Wie heißt es doch so schön: Licht und Dunkelheit wechseln einander ständig ab.
Das galt nicht nur auf Planeten, sondern auch beim Raumflug. Entweder das – zugegeben schwache - Licht der Sterne oder aber das tiefe Schwarz des Hyperraums.
Deacans Team fiel gerade wieder aus dem Schwarz zurück ins Licht.
Insgesamt hatten sie bereits vier Sprünge durchgeführt, und das, ohne dabei auf Schwierigkeiten zu stoßen. Keinerlei Ärger – bis jetzt. Und Deacan hoffte inständig, dass es dabei bleiben würde.
Zusätzlich fiel ein weiterer Punkt bislang sehr positiv auf: die Frachter. Die Maschinen erwiesen sich als absoluter Glücksgriff, mühelos hielten sie ihre zulässige Höchstgeschwindigkeit ein, zum Teil überschritten sie diese sogar noch. Auf diese Weise sparte man erheblich an Zeit.
Obwohl – so richtig eilig hatte es der Söldner eigentlich nicht. Erst jetzt wurde ihm nämlich klar, was er da vor hatte.
Das Ganze hatte mit taktischen Geschick nichts zu tun. Real gesehen war es Wahnsinn, eine fixe Idee, mehr nicht. Sicher, mit Drakes Jägern gab es eine gewisse Erfolgschance. Da gab es aber einige Variablen, die man nicht voraus sehen konnte. Wie viele Schiffe hatten die Kiowan in ihrem System auf Patrouille? Was für Schiffstypen? Gab es vielleicht sogar Kreuzer vor Ort?
Problem Nummer zwei: die CIS.
Klar wussten sie durch Manley dass einige Schiffe unterwegs waren, um die im Orbit von Hades wartenden Geschützsatelliten aufzulesen, aber sie hatten ja keine Ahnung, wer diese Frachter begleiten würde. Wie gesagt, näher als zweihundert Meter durfte niemand an Deacans oder Drakes Maschine heran kommen, sonst flog die Tarnung der Jäger auf.
Und auf Milizschiffe zu feuern war echt das Letzte, das Deacan in den Sinn kam.
Um sich abzulenken, nahm der Söldner Kontakt zu Drake auf. Ein wenig Konversation zum Zeitvertreib.
»Kann ich dich was fragen, Venice?« Die Antwort kam prompt.
»Sicher doch. Was gibt es denn?«
»Hast du schon einen – sagen wir mal – vergleichbaren Einsatz geflogen?« Drake veränderte ein wenig ihre Flugbahn, sie kam etwas näher an Deacans Maschine heran.
»Nein. Ein paar kleinere Gefechte hier draußen hatte ich schon, mal von dem einen oder anderen Anschlag abgesehen, aber derartige Missionen wie mit dir bin ich noch nie geflogen.«
»Klingt so, als würde dir das auch noch Spaß machen...«
»Allerdings.«
Kurzes Schweigen, dann setzte Drake das Gespräch fort. »Sag mal, hast du deiner Chyna schon eine Nachricht geschickt? Wenn du das hier tatsächlich so durchziehen willst, dann wäre es sicherlich von Nutzen, sie und den Rest deiner Freunde nicht auf falsche Gedanken kommen zu lassen. Dein Aufbruch war nämlich ziemlich überhastet, oder?«
Deacan dachte kurz über die Worte von Venice nach. Und sie hatte damit absolut recht, Chyna und Manley mussten ja auf dumme Gedanken kommen. Er griff zum MACS. Seinen Bordfunk wollte er nicht benutzen, das kleine Gerät sicherte ihm zumindest ein wenig Privatsphäre.
»Computer, Nachricht aufnehmen. Wortlaut wie folgt: Hi Chyna. Sorry, dass ich mich von dir nicht verabschiedet habe, aber ich habe es einfach nicht länger auf diesem Planeten ausgehalten. Du weißt ja, wie sehr mir die ganze Fliegerei am Herzen liegt. Wir sind im Augenblick gut in der Zeit und haben bislang noch keinerlei Probleme gehabt. Ich melde mich wieder, sobald wir Hades erreichen. Bye, Kleines.«
Ein leichter Druck des Zeigefingers auf eine entsprechende Schaltfläche des Gerätes genügte, um die Nachricht zu speichern. »Computer, diese Nachricht in zwei Stunden abschicken, Empfänger ist Chyna McCumber, ID ist gespeichert.« Das helle Display erlosch wieder. Deacan überlegte einen Augenblick lang.
Licht und Dunkelheit wechseln einander ständig ab. Der eine Zustand war ohne den anderen undenkbar. War das richtig, was er hier und jetzt tat?

*

Teanna hatte schon des Öfteren in Schwierigkeiten gesteckt, aber noch nicht in einer Situation, in der jemand so penetrant versuchte, sie aus dem Weg zu räumen.
Das war jetzt das zweite Mal, dass der mysteriöse Pilot in seiner Heretic versucht hatte, ihre Karriere in der Söldnerbranche zu beenden.
Zufall konnte das nun wirklich nicht mehr sein. Aber wer hatte ein Interesse an ihrem Tod? Wer würde dafür Geld zahlen? Was hatte sie denn falsches getan?
Immerhin verlief der Rest des Fluges ausgesprochen ruhig. Und jetzt maulte Teanna auch nicht mehr über den doch ach so lahmen Frachter, der wieder vor ihrer Maschine flog. Und sie begann, ein wenig anders über ihren Flügelmann zu denken, der mit Sicherheit einige Probleme bekommen würde, wenn er erst einmal wieder festen Boden unter den Füssen haben würde.
Denn eines war klar: die Besatzung des Frachters würde letzten Endes keinerlei Verständnis für sein Eingreifen in Teannas und Ivys kleinen Kampf zeigen. Nächstenliebe oder gar selbstlose Hilfe galten hier im Tri-System als Fremdwort, als Begriffe aus längst vergangener Zeit.
Der letzte der insgesamt sechs Sprünge war derjenige, der am längsten dauerte. Als die Dreiergruppe wieder in den Normalraum zurück fiel, atmete Teanna hörbar auf. Ihr Schiffsscanner zeigte keinerlei feindliche Kontakte an, keine Heretic, keine Piraten.
Nur den Planeten Hephaestus konnte man auf den Displays und – weitaus klarer – vor der eigenen Maschine sehen. Der Planet war, schlicht ausgedrückt, nicht sonderlich fortschrittlich, aber er hatte zumindest eine saubere Atmosphäre. Und natürlich jede Menge Bars. Im Prinzip ja ohnehin der wichtigste Punkt. Zumindest für Teanna und Ivy.
Der Landeanflug wurde noch einmal problematisch, der Defekt an der Kommunikationsanlage der kleinen Skecis machte eine direkte Kontaktaufnahme zur Bodenstation unmöglich.
Aber da war ja noch Ser Gutenhal, der für Teanna eine Landeerlaubnis einholte und das Bodenpersonal des Raumhafens auf die Ankunft des stark beschädigten Jägers vorbereitete.
Teanna begann mit dem Landeanflug. Sie bemerkte, dass Ser Gutenhal direkt neben ihr flog und offensichtlich ihren Landeanflug überwachte.
»Entweder ist der Kerl da drüben ein echtes Fossil, oder der ist nur scharf auf eine kleine Extraprämie von uns.«
Ivy brachte es auf den Punkt, Teanna stimmte ihr zu.
»Könntest recht damit haben, liebste Ivy. Aber mal ernsthaft, der Typ hat mehr als nur ein freundliches Dankeschön von uns verdient.«
»Ach ja? Und woran denkst du da genau?«
Teanna überflog mit ihren Augen kurz die Bordinstrumente.
»Wie wäre es mit einem Drink in der nächstgelegenen Bar? Auf den Schreck da oben muss ich erst mal was trinken. Übrigens: du bist hiermit auch eingeladen.«
»Lass mich raten, ich bin zwar eingeladen, aber zahle auch die Zeche. Stimmt's?«
»Wenn du so darum bettelst.«
Die Skecis verlor rasch an Höhe. Teanna sah jetzt die Lichter der Landebahn und steuerte ihren Jäger darauf zu. Das Fahrwerk glitt aus den Verkleidungen des Rumpfes. Sanft setzte die Maschine auf dem Asphalt auf, rollte einige Meter aus und kam schließlich zum Stillstand.
Der Jäger von Ser Gutenhal kam nur wenige Meter hinter der Skecis zum stehen. Fast simultan schwangen die Cockpits auf, einige Mechaniker brachten Leitern zu den Maschinen und halfen den Insassen beim Aussteigen.
Fester Boden unter den Füssen. Noch nie zuvor war Teanna derart froh gewesen, ihren Jäger wieder verlassen zu können. Ivy bemerkte den beschwingten Gesichtsausdruck ihrer Freundin. Sie wandte sich jedoch von ihr ab, um einen Blick auf ihren hilfreichen Freund und „Retter“ werfen zu können.
Gutenhal war ein wahrer Gigant, zumindest was seine Körpergröße betraf. Er maß garantiert mehr als zwei Meter und war auch nicht gerade von schlanker Statur. Wie zum Teufel war der nur in das kleine Cockpit gekommen? Ivy bekam nur mühsam ihren Mund wieder zu. Ser Gutenhal allerdings griff zu seinem MACS und kam auf sie zu.
»Sera Tasker?«
Ivy zeigte mit der Hand auf Teanna.
»Das ist sie, nicht ich.«
Teanna kam näher. Sie baute sich so gut es ging vor Gutenhal auf, doch musste sie zu ihm hoch sehen und sich dabei fast das Genick verrenken.
»Ja?« Gutenhal legte ein Lächeln auf.
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann kläre ich für Sie die Angelegenheit mit der Besatzung der Pegasus und unserem Auftraggeber. Damit Sie im Endeffekt Ihr Geld sehen. Ich glaube, dass Sie im Augenblick weitaus wichtigere Probleme zu lösen haben.«
Dieser Mann sprach Teanna aus der Seele. Er wollte das klären? Und wie?
»Hören Sie, ich weiß genau dass es Ärger geben wird. Wir haben den Frachter nicht kontinuierlich überwacht. Dafür müssen Sie doch nicht gerade stehen.«
Ivy vollendete Teannas Gedankengang.
»Und die paar kleinen Reparaturen am Jäger sind nicht das Problem.«
Gutenhal schüttelte den Kopf. Er drehte sein MACS herum, so das Teanna das Display erkennen konnte.
»Sie sollten mir ruhig glauben, wenn ich Ihnen sage, dass Sie sehr viel wichtigeres zu tun haben als Ihren Sold hinterher zu laufen. Ich habe hier etwas für Sie, das Ihnen möglicherweise helfen kann.«
»Und was wäre das?« Ivy kam ein wenig näher heran.
»Mein Jäger verfügt über einen militärischen ID Scanner. Ich will damit sagen, dass ich Ihnen die genaue Identifikation Ihres Angreifers liefern kann. Gehen Sie damit einfach zum nächsten Terminal der CCN, loggen Sie sich ein, öffnen Sie die Schiffsregister und -eins, zwei, drei- haben Sie Namen und eventuell auch Herkunft des Piloten in der Heretic. Was Sie damit machen ist dann Ihre Sache. Wenn ich Ihnen eine kleine Empfehlung geben darf: Gehen Sie zur CIS und melden Sie den Vorfall! Wenn es nötig ist, hier ist meine ID, ich sage gerne für Sie aus. Das nur so nebenbei.«
Teanna traute ihren Ohren nicht. Freundlichkeit in diesem Ausmaß? Wo war da der Haken?
»Und wie können wir uns dafür erkenntlich zeigen?«
Gutenhal winkte ab.
»Nicht nötig. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ein paar von uns Privateers gehören halt noch der alten Schule an. Wissen Sie, als ich in Ihrem Alter war, da fingen gerade die großen Kriege mit den Piratenclans an. Damals gab es noch so etwas wie einen Ehrenkodex, hilf anderen und dir wird geholfen. Also dann, hier sind die Daten. Ich übertrage sie auf Ihr MACS, einverstanden?«
Teanna nickte kurz. Gutenhal machte auf seinen Stiefelabsätzen kehrt, dann verharrte er jedoch für einen Augenblick auf der Stelle. »Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann bringen Sie mir doch ein Bier mit.« Er zeigte auf ein Gebäude am Rand des Flugfeldes. »Da muss ich jetzt hin, dort sitzt nämlich mein Auftraggeber. Und ich schätze mal, dass es wohl eine ganze Weile dauern wird, den Typen dort das Geld aus der Tasche zu leiern. Der Ärger dort wird Durst machen.« Das Gesicht von Ivy schien zu strahlen.
»Keine Sorge, wir bringen Ihnen was vorbei. Abgemacht. Und danke für alles.« Gutenhal schritt mit gewaltigen Schritten davon.
»Keine Ursache.«
 

Deacan

Commodore
part 68

*

Hades.
Innerlich widerstrebte es Deacan, wieder hierher zu kommen. Vor wenigen Tagen hatten hier Piraten beinahe seiner Laufbahn als Söldner ein jähes Ende gemacht. Doch seit diesem Vorfall hatte man aufgerüstet.
Deacan, Drake und die drei Frachter wurden von mehreren Jägern und Kreuzern der CIS begrüßt, die auf Patrouille rings um Hades waren. Kaum hatte der Privateer wieder die Kontrolle über seinen Jäger zurück, da meldete sich auch schon die CIS bei ihm via Funk.
»CIS Kreuzer Vortex an unbekannte Schiffe: Halten Sie derzeitige Position und identifizieren Sie sich oder wir eröffnen das Feuer.«
Wie nett. Kurz aber doch recht einprägsam. Deacan beschloss, es besser nicht zu Problemen kommen zu lassen.
»Hier ist Ser Deacan Tron, ID 7909-D. Ich bin hier mit Genehmigung von CIS Kommandanten Ser David Hassan, um spezielle Fracht aufzunehmen. Sie müssten davon in Kenntnis gesetzt worden sein. Sende Codes für den Auftrag jetzt.« Einige Sekunden lang tat sich gar nichts, in Deacan stieg Nervosität auf, und sicher ging es Drake nicht viel anders. Dann allerdings kam die Bestätigung von der Vortex.
»Ser Tron, setzen Sie ihre Mission fort. Wir übermitteln Ihnen den genauen Standort der Fracht. Ende der Übertragung und viel Erfolg.«
Na also, das waren die Worte, die der Privateer hören wollte. Er gab Schub, glich seine Geschwindigkeit wieder der der Frachter an und hoffte, dass kein Jäger der CIS sich seiner oder Drakes Maschine nähern würde. Alles wäre dann umsonst gewesen, kein Pilot der CIS würde einen Clanjäger in Ruhe weiter fliegen lassen, selbst wenn er hundert mal einen richtigen ID-Code gesendet hatte.
Es gab nun einmal keine Agenten der CIS, die im Clan tätig waren. Und es würde mit Sicherheit auch niemals welche geben. Ein leichter Milizjäger kam in kritische Reichweite. Sechshundert Meter, fünfhundert Meter, vierhundert Meter. Kalter Schweiß sammelte sich auf Deacans Stirn. Venice Drake schien zu bemerken, dass etwas nicht stimmte.
»Ärger?«
Der Söldner sparte sich eine Antwort darauf, statt dessen schickte er seine Daten rund um den näherkommenden Jäger an Venice Maschine. Dreihundertfünfzig Meter. Hatte der Kerl in Uniform da drüben seine System zu laufen? Dreihundert Meter. Man konnte jetzt bereits Einzelheiten der Maschine erkennen, es war ein typischer Jäger dieser Klasse, kaum mehr als fünfzehn Meter lang. Der Pilot musste doch auch Deacans Maschine sehen können. Fiel ihm denn nichts auf? Der kleine Jäger der Miliz jedoch änderte abrupt den Kurs, er entfernte sich von den Frachtern und deren Begleitjägern. Venice pfiff leise in ihr Headset. »Das war mehr als nur knapp, Deacan.« Kurze Atempause, dann fuhr sie fort. »Denkst du an das Selbe wie ich«
»Wenn es mit kaltem Wasser zu tun hat, dann ja.«
Venice quittierte die Bemerkung mit einem leisen Lachen. Langsam, fast wie in Zeitlupe, flog der Konvoi an den CIS-Posten vorbei. Keinem schien etwas aufzufallen. Unbehelligt setzte Deacans Team seine Reiseroute fort.
Die angegebene Position lag weit außerhalb der normalen Flugschneisen, Deacan und Co. brauchten gut eine halbe Stunde, ehe sie ihre Fracht in Sichtweite hatten. Insgesamt warteten dreiunddreißig Satelliten auf ihren Transport. Das Verladen verlief sehr schnell und mühelos. Eines der Shuttles wurde hierfür eingesetzt. Es dockte an jedem der einzelnen Satelliten an und schleppte diesen dann zum jeweiligen Frachter. Ein Blick auf den Bordchronometer verriet dem Söldner, dass er bisher gut dreieinhalb Stunden unterwegs gewesen war. Man lag phantastisch im Zeitplan.
Nur kurze Zeit später jagte die Gruppe um Deacan wieder durch den Hyperraum. Eines aber war jetzt klar: Der wirklich schwierige Teil lag noch vor ihnen.

*

Auf Serca lief währenddessen die Endmontage der Blades auf Hochtouren. Ein paar kleine Abstimmungen an der Flugelektronik waren das Einzige, das den Jägern noch zum Start fehlte.
Das und die Zustimmung von Sera Drake. Drake hatte mit Manley einen kleinen Deal ausgearbeitet. Wortlaut: Kein Einsatz der neuen Jäger ohne vorherige Absprache mit dem Clan. Da Drake hierbei gewissermaßen als Verbindungsoffizier agierte, lag es bei ihr, die Freigabe der Blades bei Ser Arris einzuholen. Manley hatte dem zugestimmt, wenn auch mit Widerwillen. Diese Abmachung schloss aber nicht aus, dass sich die liebe Agentin schon einmal ins Cockpit setzen könnte. Solange sie dabei am Boden blieb.
Doch nicht nur Manley schien sich für die neuen Jäger brennend zu interessieren, auch Sera Dawson war offensichtlich eifrig dabei, sich mit den Instrumenten vertraut zu machen. Zumindest fand Manley Dawson in einer der verbliebenen Maschinen sitzend vor, als sie einen kleinen Abstecher in die Frachtdocks unternahm.
»Sieht so aus, als hätten sich da zwei gefunden.«
Dawson erhob sich rasch von ihrem Platz, nachdem sie Manleys Stimme erkannt hatte.
»Das können Sie laut sagen. Am liebsten würde ich das Teil ja behalten, aber ich schätze mal, dass es nach der ganzen Show wieder zurück zum unrühmlichen Besitzer geht. Ist echt schade.«
Manley nickte verständnisvoll.
»Ja, das ist halt nur eine kleine Leihgabe. Aber eben eine mit Biss.« Fast schon liebevoll fuhr Manley mit ihrer Hand über das kalte Metall der Blade. »Was meinen Sie, ob es erlaubt ist, den Jägern hier so etwas wie eine persönliche Note zu geben?«
Dawson, die langsam wieder Platz im Cockpit nahm, sah die Agentin fragend an.
»Wie meinen Sie das, persönliche Note?«.
»Na so ein kleiner Schriftzug rechts und links vom Cockpit.« Manley klopfte gegen die Bordwand »Sagen Sie bloß, dass Sie ihrer alten Maschine keinen Namen verpasst hatten?« Dawson zog ihre Schultern ein wenig nach oben.
»Das hab ich nie für notwendig erachtet. Sie anscheinend aber schon.«
Die Agentin nickte.
»Allerdings. Wissen Sie, ich glaube, dass gewisse Dinge einfach besser funktionieren, wenn man sie – wie soll ich es ausdrücken – personifiziert.«
»Und? Funktioniert das wirklich?«
»Schwer zu sagen. Vielleicht.«
Dawson schien zu überlegen, ob und was sie auf Manleys Aussage antworten sollte, letztendlich aber beschloss sie, sich lieber wieder den Instrumenten zu widmen. Manley hingegen schien ihr Vorhaben in die Tat umsetzen zu wollen. Sie wandte sich vom Jäger ab und ging auf einen der Mechaniker zu. Sie fragte den Mann etwas sehr leise, Dawson beobachtete das Ganze aus den Augenwinkeln, verstand aber kein einziges Wort des Gesprächs. Dann allerdings lächelte der Mechaniker die Agentin an, er schien sogar leise zu lachen und nickte ihr zu. Für Manley schien das eine Art Bestätigung zu sein, sie schritt mit schnellen Schritten von dannen, gefolgt von Dawsons Blicken.
»Wohin denn so eilig, Sera Manley?«
Manley antwortete ohne sich umzudrehen.
»Ich bin gleich wieder zurück. Ich brauche etwas Farbe.«
 

Deacan

Commodore
part 69

*

Ein absoluter ruhiger Flug, wie aus einem Lehrbuch für Flugschüler.
Stunde um Stunde hatte Deacans Team hinter sich gebracht und immer näher war man dem eigentlichen Ziel gekommen. Hin und wieder tauchten Schiffe der Miliz auf, die schienen aber keine Notiz vom Konvoi zu nehmen und setzten ihren Flug unbeirrt fort.
Noch nicht einmal Funkkontakte erreichten Deacans Maschine, mit einer Ausnahme, und die stammte von Manley: Ricards saß in Haft. Gut so, besser konnte es gar nicht laufen. Deacan hatte kurz nach Verlassen des Raumes um Hades eine zweite Nachricht an Chyna geschickt. Im Wortlaut war diese der ersten sehr ähnlich. Außerdem hatte er Manley einen Statusreport zukommen lassen, immerhin sollte auch sie sich keine unnötigen Gedanken um diese Mission machen.
Wieder sah er auf seinen Bordchronometer. Fünf Minuten noch. Dann würde sich zeigen, ob es so etwas wie Glück für ihn gab. Und ob dieses „Glück“ auch seine Kollegen mit einschloss. Der Privateer konnte es nur hoffen...
»Deacan an Venice. Versuche, dicht an meiner Seite zu bleiben, okay? Wir müssen nur dafür sorgen, dass die Frachter nicht schon im Vorfeld zerlegt werden. Wir brauchen nur vier Minuten, um alle Satelliten auszusetzen, die Dinger gehen von alleine in Position und verteidigen sich auch sofort selbst gegen jeglichen Beschuss. Fragen?«
»Okay, sagen wir, die Frachter überleben die paar Minuten. Wie willst du sie wieder aus dem System kriegen? Die brauchen doch etwas länger, um ihre Hyperraumtriebwerke wieder online zu bringen. Das schaffen wir nie.«
Deacan warf einen Blick nach draußen, auf die Frachter.
»Wir nehmen die Frachter nicht wieder mit, Venice. Die Mannschaften wissen Bescheid.«
Nach einer kurzen Sekunde des Schweigens knüpfte er wieder an das Gespräch an. »Vertrau mir einfach.« Die Antwort kam nur zögerlich.
»In Ordnung. Und du – bleibe am Leben!«
Drakes liebenswerte kleine Geste erreichte umgehend ihr Ziel. Deacan sah auf die Blade von Venice. Keine Sorge.. Bleibe nur in meiner Nähe.
Ein erster Stern zeichnete sich vor Deacans Jäger ab, sein Licht wurde immer intensiver. Dann ein weiterer. Und noch einer.
Das Team fiel aus dem Hyperraum in unbekanntes Gebiet. Dieses Territorium war bislang nicht richtig erkundet worden, weder Privateers noch die CIS hatten jemals vernünftige Karten erstellt. Nur wage wusste man, dass es in geringen Abstand zur Sprungboje eine Raumbasis gab. Und zwar eine ziemliche große.
Die konnte Deacan jetzt auch erkennen. Wie ein schwarzes Ungeheuer schien diese Station, dieses bizarre Gebilde aus Stahl seinen Weg zu blockieren.
Der Söldner erkannte aber noch weitaus mehr: Positionslichter von Schiffen. Korrektur: viele Positionslichter von vielen Schiffen. Und ein Blick auf sein Radar schien seine Befürchtung zu bestätigen. Keinerlei sichtbare Kontakte. Die Jäger oder besser die Schiffe der Kiowan hier in diesem Gebiet waren offensichtlich allesamt bereits mit dem „Tarnmetall“ überzogen worden.
Die Frachtschiffe stoppten ihren Vormarsch sofort, als sie sich wieder vollständig im Normalraum befanden. Jetzt war nur noch eines wichtig: Timing. Dieser Tatsache zum Trotz öffneten sich die großen Frachtluken der Schiffe nur quälend langsam. Es kam Deacan wie eine Ewigkeit vor, ehe er die Meldung erhielt, dass man mit dem Aussetzen der Fracht beginnen konnte. Nahezu zeitgleich war man auf die beiden Jäger und deren Begleitung aufmerksam geworden.
Ungeladene Gäste wollte man hier nicht haben und das wollte man jetzt unmissverständlich klar machen. Nicht mit Worten. Als Hauptargument dienten offenbar Raketen. Eine ganze Welle davon flog frontal auf Deacans und Venice Maschinen zu. Die Warnsysteme heulten in beiden Jäger auf, der Lärm schallte quer durch die Cockpits.
»Voller Schub, wir müssen sie auf Distanz zu den Frachtern halten. RTS ist aktiviert.«
Die Blades schossen nach vorne und warfen sich den Angreifern entgegen. Um gegen die Raketen eine Chance zu haben, aktivierten beide Piloten ihre Warpschilde. Hell glühten die Schilde rings um die Jäger auf, als die ersten Geschosse ihr Ziel erreichten. Die auf Subraumtechnologie basierenden Schutzsysteme wehrten mühelos die Gefahr ab, fürs erste zumindest.
Deacan lenkte seine Aufmerksamkeit voll auf die Angreifer und versuchte so etwas wie einen groben Überblick zu erhalten.
Fast nur leichte Jäger waren hier unterwegs! Keine Kreuzer, keine schweren Jäger. Nur einfaches Kanonenfutter.
Was sollte das? Oder hatte man die Gesamtstärke der Kiowan etwa maßlos überschätzt? Der Bladepilot verdrängte schnell seine Fragen, das Überleben der Frachter war weitaus wichtiger als seine Grübeleien. Er beschloss, den Kiowan ein wenig von ihrer eigenen Kost zu verabreichen. Die fünf, unter dem Rumpf und den kurzen Tragflächen der Blade montierten Masse-Ionen-Kanonen gaben eine erste Salve auf die Jäger der Kiowan ab. Vor seinen Augen zerriss es den ersten Jäger. Venice machte es ihrem Flügelmann nach, auch von ihrer Maschine lösten sich unzählige Salven in Richtung der Feinde. Die Aufgabenstellung für die beiden war klar, sie mussten nur etwas Zeit heraus schinden.
Nur noch drei Minuten.

*

»Hast du die Daten endlich?«
Ivy zeigte sich sichtlich nervös. Seit nunmehr gut zehn Minuten stand sie zusammen mit Teanna an einem der unzähligen Terminals der CCN. Teanna hatte sich ins System eingeloggt und die Schiffsregister durchstöbert. Allerdings war das ganze nicht so einfach, wie es Gutenhal erklärt hatte.
Zwar fand sie auf Anhieb die Maschine, zu der die Registrierung passte. Soweit die positive Seite der Geschichte. Negativ war jedoch die Tatsache, dass genau diese Maschine als Verlust gemeldet worden war. Der Eigentümer war – so der Bericht – dabei mit ums Leben gekommen, man hatte Wrack- und Leichenteile in der Nähe von Crius gefunden und auch eindeutig identifiziert.
Also Fehlanzeige. Teanna gab aber nicht so leicht auf. Vielmehr durchsuchte sie jetzt die Dateien aller registrierten Piloten, Unterabteilung „Posthum“, also verstorben. Eine Datenbank mit nahezu gigantischen Ausmaßen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe Teanna den letzten Piloten der Heretic gefunden hatte. Dessen Personalakte lag unter Verschluss, auf Anweisung vom letzten Arbeitgeber. Und dieser Arbeitgeber war kein Unbekannter. Zumindest für Teanna nicht.
Ser Allan Tasker. Ihr eigener Vater.
Das ergab aber keinerlei Sinn. Bediente sich da jemand einer ID, die eigentlich für die CIS bestimmt war? Wie war derjenige daran gekommen? Oder war der letzte Besitzer gar nicht tot, wie es hier auf dem Display des Terminals stand? Fragen über Fragen.
Teannas Blick wanderte vom Bildschirm hinüber zu Ivy. Da ihre Freundin ja für ihren Vater gearbeitet hatte, konnte sie vielleicht ein paar Antworten geben. Sie lud die gesammelten Daten auf ihr MACS, dann deaktivierte sie das Terminal.
»Und? Wer ist der Kerl? Sag schon – was hast du herausgefunden?«
Teanna sagte erst mal gar nichts, tief Luft holen war zunächst wichtiger. Und die eigenen Gedanken ein wenig ordnen.
»Ehrlich gesagt hat mich das Ganze hier kein Stück weiter gebracht. Ist ein Arbeitskollege von dir, oder besser war einer. Der Typ weilt seit sieben Monaten nicht mehr unter den Lebenden. Und bezahlt wurde er von meinen Dad. Lustig, nicht wahr?«
In Ivys Gesicht spiegelte sich Unglaube wieder. Doch ihre Freundin machte hier anscheinend keinen Witz, dafür war ihr Gesichtsausdruck viel zu ernst.
»Okay, also kein Scherz. Hast du seinen Namen?«
Teanna warf einen Blick auf ihr MACS.
»Der wird uns nicht viel nützen.«
Ivy schien jedoch anderer Meinung zu sein. Sie streckte ihre Hand aus, Richtung Teannas MACS. Dieser Geste folgend gab Teanna ihrer Partnerin das Gerät.
»Vielleicht bringe ich ja etwas in Erfahrung, falls das hier tatsächlich ein Arbeitskollege von mir sein sollte. Ich habe immer noch ein paar Verbindungen zur CIS durch deinen Dad, mal sehen, was sich ergibt.«
Ivy überflog kurz die Daten auf dem Display, dann wandte sie sich wieder ihrer Partnerin zu.
»Soweit ich das noch weiß, werden die Schiffsregister der CIS von Hades aus koordiniert. Wenn ein Schiff verschwindet wird dort die ID gelöscht. Dein Dad kann das unmöglich gemacht haben, glaub mir. Da steckt etwas anderes dahinter.« Diese Mutmaßungen halfen Teanna auch nicht wirklich weiter.
»Was meinst du, wie lange brauchst du zum checken der Daten bei deinen Freunden?«
Der Tonfall in Teannas Stimme verriet Ivy, dass ihrer Freundin der Kontakt zur CIS gar nicht gefiel. Leider mussten sie dieses Übel in Kauf nehmen, einen anderen Weg gab es wohl nicht. Obwohl – Teanna fiel plötzlich ein Name ein. Ein Name, den sie eigentlich nie wieder aussprechen oder gar hören wollte. Unter diesen Umständen allerdings...

*

Wären die Gegner nicht derartig in der Überzahl gewesen, Deacan hätte diesen Kampf mit Sicherheit als ungleich oder fast sogar unfair bezeichnet.
Wenige Treffer reichten meist aus, und die Jäger der Kiowan zerlegten sich in ihre Einzelteile. Aber wie gesagt: der Gegner war in der Überzahl. Und somit nicht ungefährlich. Vor allem nicht für die Frachter. Weder Deacan noch Venice konnten verhindern, dass einzelne Jäger den Frachtmaschinen auf den Pelz rückten. Die Abwehrtürme der Frachter reagierten umgehend und nahmen die Angreifer unter Beschuss.
Deacan zwang seinen Bladejäger zu einer abrupten Kursänderung, er flog frontal auf seine Frachter zu und versuchte dabei, ein Sperrfeuer zu etablieren. Da seine Geschütze keine Kühlung benötigten konnte er ein regelrechtes Dauerfeuer veranstalten. Diesem Feuerregen war der Gegner nicht gewachsen, etliche Maschinen der Kiowan drehten lieber ab als zu kämpfen.
Das Aufheulen der Raketenwarnung machte dem Söldner deutlich, dass ein Teil der Angreifer inzwischen die Taktik wechselte. Nahkampf gegen die schweren Blades war aussichtslos, also versuchte man, sie aus der Ferne auszuschalten. Seine Warpschilde konnte Deacan genauso wenig einsetzen wie Venice, es würde noch einige Zeit brauchen, um die Systeme oder besser die Feldspulen wieder zu laden.
Also anders, Improvisation. Mit Vollgas durch die Mitte hieß die Devise. Beide Piloten hatten ihr RTS aktiviert, auf diese Weise machten einige der anfliegenden Raketen erst einmal kehrt. Den Rest versuchte man abzuschütteln.
Deacan schätzte die Anzahl der Todesboten mit Sprengkopf auf über zwanzig, sie bildeten eine regelrechte Wolke, die rasch näher kam.
»Venice, Augen links. Ich habe da eine Idee.«
Sein „Flügelmann“ sah in die angegebene Richtung. Sie begriff sofort, worauf ihr Kollege hinaus wollte. Umgehend änderten beide den Kurs. Die neue Richtung hieß: Basis der Kiowan. Die Raketen, die man sozusagen „im Gepäck“ dabei hatte, folgten dem Kurswechsel.
Die Basis kam näher und näher, langsam aber sicher konnte man jetzt Einzelheiten erkennen, die zuvor für den Betrachter verborgen geblieben waren. Wie zum Beispiel unzählige Fenster, eine gigantische Luftschleuse zum Andocken von größeren Schiffen, einige ältere Abwehrtürme.
Auch der Raketenschwarm war jetzt deutlich zu sehen, einige der pfeilschnellen Geschosse hatten sich bis auf wenige Meter an ihre Ziele heran gearbeitet. Nur noch wenige Sekunden trennten sie vom Aufschlag. Nur – ihre hohe Geschwindigkeit war gleichzeitig auch ihre Schwachstelle.
»Venice, Abdrehen, jetzt!«
Beide Jäger schrammten knapp an der Oberfläche der Basis vorbei. Die Raketen? Zu schnell für eine plötzliche Kurskorrektur. Hintereinander schlugen sie hart und unbarmherzig in den Rumpf der Basis ein. Optisch ein bemerkenswertes Schauspiel. So richtig was fürs Auge. Eine eingehende Nachricht riss Deacan wieder in die Realität zurück.
»Satelliten komplett ausgesetzt. Fertig für Stufe zwei. Warten auf Bestätigung.«
Na endlich!
Und tatsächlich, die Kiowan wurden jetzt regelrecht zusammengeschossen. Die Geschütze auf den Satelliten nahmen ihre Arbeit auf, ihre Zielerfassung basierte dabei nicht auf Radar, sondern auf Optik. Kleine Kameras suchten die Gegend ab und erfassten alles, was ihnen vor die Linse kam. Blitzschnell verglich dann ein eingebautes Programm die gesammelten Bilder mit einer angeschlossenen Datenbank, der Kontakt wurde identifiziert und anschließend mit Hochleistungslasern bearbeitet.
Und jeder, der auf die dumme Idee kam und auf diese Teile schoss, endete letztendlich auch als Zielscheibe. Genauso verhielt es sich auch bei versuchter Manipulation. Die Codes zur Deaktivierung zu knacken war nahezu unmöglich, die Kiowan würden Monate dazu brauchen. Also: Anfassen war nicht drin, Abschießen auch nicht, und wer auch nur so aussah wie ein Kiowan, kam auch nicht ungestraft davon. Blieb nur noch Hilfe von draußen. Und auf die konnten die Kiowan lange warten, die CIS würde das Nachbarsystem überwachen und dafür sorgen, dass keiner rein oder raus kam.
Per Bordfunk gab Deacan den Frachtern die gewünschte Bestätigung für Phase zwei. Die Triebwerke der Frachter gingen wieder online, sie schoben die metallenen Kolosse in Richtung der Basis.
Gleichzeitig bereiteten sich die Besatzungen der Frachter auf ihr eigenes kleines Abenteuer vor. Das hieß: Flucht per Shuttle. Insgesamt drei dieser kleinen, nur leicht bewaffneten Schiffe verließen ihre „Trägerschiffe“ und nahmen dann Kurs auf die Sprungboje. Nur raus hier!
Der Gegner nahm ehrlich gesagt nicht wirklich Notiz von dieser Aktion, zu sehr war man mit Ausweichmanövern beschäftigt, man wollte ja am Leben bleiben. Die Satelliten oder besser ihr Waffenfeuer bestimmten jetzt das Bild hier.
Deacan hätte getrost auf sein kleines Ablenkungsmanöver verzichten können, aber auf der anderen Seite schadete es sicherlich nicht, der Basis selbst ein wenig den Lack zu zerkratzen. Während die Fluchtschiffe zur Sprungboje jagten und der Privateer gemeinsam mit Drake die Kiowan bei Laune hielt, näherten sich die leeren Frachter mit voller Geschwindigkeit immer mehr der Basis.
Einige Kiowan schienen dies jetzt zu bemerken, verzweifelt versuchten sie mit Hilfe ihrer Bordwaffen die unbemannten Geschosse aufzuhalten. Ein schier aussichtsloses Unternehmen.
»Venice an Deacan. Ich bin soweit. Wie sieht es bei dir aus?«
Auf diesen Satz hatte Deacan gewartet. Und er hatte ihn auch gefürchtet. Aber ein Zurück gab es wohl für ihn jetzt nicht mehr. Deacans Antwort kam mit unsicherer Stimme.
»Ich bin soweit. Sag du nur wann.«
Eine weitere Stimme meldete sich über Funk.
»Fluchtschiff „Eins“ an Ser Tron. Haben Zielkoordinaten erreicht. Bereit zum Sprung.«
Die drei kleinen Shuttles hatten die Boje erreicht, sie warteten nur noch auf ihre Eskorte. Deacan gab der Besatzung der Shuttles keine Antwort, dafür erklang in seinem Headset ein einziges Wort, ausgesprochen von Venice.
»Los!«
 

Deacan

Commodore
part 70

*

»Oh mein Gott!«
Fassungslos starrte der Pilot von Shuttle „Eins“ aus seinem Fenster. Dort, wo noch vor Bruchteilen einer Sekunde die beiden Blades versuchten, mit Höchstgeschwindigkeit dem drohenden Inferno zu entkommen, – dort sah man jetzt nur noch eine Explosion.
Eine gewaltige Explosion. Die Frachter waren in nur wenigen Sekunden hintereinander mit der Basis kollidiert, Trümmerteile flogen in sämtliche Richtungen, etliche Kiowanjäger wurden zerfetzt, zu nahe waren sie dem Geschehen.
Und Ser Tron? Sein Jäger verschwand kurz aus dem Blickfeld der Shuttles, ebenso die Blade von Sera Drake. Erst als das gleißende Licht der Explosion wieder dem Dunkel des Alls Platz machte, konnte man wieder Einzelheiten erkennen. Und das, was sie dann zu sehen bekamen, hätte schlimmer nicht sein können.
Beide Blades waren zu sehen. Was von ihnen übrig war. Geschwärzt, von der Hitze der Explosion verbrannt, von den Trümmer der Frachter regelrecht durchlöchert – so trieben die beiden Wracks still durchs All. Überlebende? Der Pilot von Shuttle „Eins“ wollte es genau wissen.
»Ser Tron, können Sie mich hören? Hier ist Shuttle „Eins“. Ser Tron bitte antworten Sie. Ser Tron...«
Stille. Auch auf den Scannern des Shuttle zeigte sich keine Spur von Leben. »Wir müssen dahin, versuchen ihn raus zu holen.«
Der Pilot sah nach hinten, auf seine Kameraden. Einige nickten zustimmend. Dann richtete er wieder seine Aufmerksamkeit nach vorn. Und er erkannte ein Problem. Einige der Kiowan kamen auf seine Position zu, jetzt waren sein Schiff und die anderen beiden Shuttles in Gefahr. Der Grossteil der verbliebenen Kiowan begann zudem damit, die Überreste der Blades für Zielübungen zu benützen.
Kurz wog der Pilot des Shuttles seine Chancen ab. Allein gegen unzählige Jäger? Dazu noch die lange Strecke bis zu den Überresten der Blades? Dann noch die Zeit, um die Jäger in Schlepp zu nehmen? Die ganze Strecke zurück? Sicher, die Satelliten würden ihm helfen. Aber die waren nur an den Sprungbojen stationiert, da draußen, dort wo er hin musste, da gab es keine Unterstützung.
Er musste eine Endscheidung treffen. Eine Endscheidung, wie sie schmerzlicher nicht sein konnte...
»Wir drehen ab. Shuttle „Eins“ an alle: wir verlassen das System. Sprungantrieb aktivieren.«
Sekunden später war alles, die gesamte Szenerie, die Basis, die Kiowan, aber auch zwei Freunde – verschwunden. Was blieb, war die Dunkelheit, das tiefe Schwarz des Hyperraums.

*

Wenn irgend etwas da draußen passiert, dann bin ich meist die erste, die davon erfährt. Dieses Motto passte zu Manley wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Das Lesen von Nachrichten gehörte zu den Dingen, die der Agentin zumeist richtig Spaß machten.
Aber diesmal nicht.
Man konnte es Manley ansehen. Ihr Gesicht war kreidebleich, man merkte ihr regelrecht an, wie sehr sie bemüht war, nicht ihre Fassung zu verlieren. Sie hatte sich die Meldung zweimal bestätigen lassen, doch selbst jetzt konnte sie es immer noch nicht glauben.
Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Warum hatte sie nicht darauf bestanden, eine Extraeskorte mit zu entsenden? Warum war sie nicht mit dabei gewesen? Was zur Hölle war da draußen nur schief gelaufen? Und wie sollte sie das den anderen erklären?
Nichts als Fragen schossen Sera Manley durch den Kopf. Fragen, vermischt mit Schuldgefühlen, obwohl sie überhaupt nichts dafür konnte. Und eine langsam aufsteigende Wut. Die Besatzungen der „verlorenen“ Frachter hatten einen vorläufigen Bericht an einen Außenposten der CIS geschickt, dieser wiederum sandte die Mitteilung an Manley. Da die Sendeleistung des Außenposten viel größer war als die der Shuttles dauerte es nur knapp sechs Minuten, um Manley von den Ereignissen zu unterrichten. Auf der einen Seite war dieser Bericht eine Siegesmeldung, die Kiowan saßen mit Mann und Maus auf ihrer Basis fest. Auf der anderen Seite hatte man aber auch verloren – Ser Deacan Tron und Sera Venice Drake hatten diese Mission mit ihrem Leben bezahlt.
Manley erinnerte sich an die Worte des Privateer kurz vor dem Abflug. Wenn ich nicht wieder komme, müssen Sie weiter machen.
Es schien fast so, als hätte Ser Tron geahnt, dass dies ein Flug ohne Wiederkehr sein würde. Vielleicht hatte er deshalb ihre Hilfe abgelehnt. Vielleicht wollte er, dass sie am Leben bleibt, in seine Fußstapfen tritt, dort weiter macht, wo er aufgehört hatte.
Manley deaktivierte ihr MACS. Eine Träne suchte sich ihren Weg über ihre Wange, dann eine weitere. Plötzlich verlor sie das Gefühl in den Beinen, wankte auf eine Wand zu und hielt sich an ihr fest.
Dann schloss sie die Augen und sank langsam an der Wand zu Boden. Sie wischte die Tränen mit dem Handrücken aus ihrem Gesicht. Nein, sie wollte keine Schwäche zeigen. Nicht hier. Und nicht jetzt. Sie öffnete ihre Augen, ihre Sicht war noch von den Tränen verschwommen.
Mühsam stand sie auf, ging zum Schreibtisch. Dort war ein Terminal eingearbeitet, das sie jetzt aktivierte. Manley zog sich einen Stuhl heran und nahm darauf Platz. Ihre Finger glitten über die Tastatur, sodass das Display zum Leben erwachte.
»Computer, Aktenvermerk aufnehmen.«
Vor Manleys Augen baute sich ein neues Programm auf, wenige Sekunden später war es betriebsbereit. Was sie jetzt tun musste, tat ihr besonders weh – Ser Trons Tod in die Datenbanken der CIS einzutragen.

*

Tiefes Schweigen beherrschte die Runde. Manley hätte die Nachricht von Ser Trons Tod am liebsten gegenüber den anderen verschwiegen. Auf der anderen Seite konnte und durfte sie ihre Freunde nicht belügen.
Das Ergebnis waren Tränen ohne Ende. Gerade Chyna bekam sich nur mühsam wieder in den Griff. Sie lag noch immer im Hospital, als Manley ihr Zimmer betrat und zunächst kein Wort über die Lippen brachte. Chyna erkannte sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Sera Dawson hatte ihr in den vergangenen Stunden ein wenig Gesellschaft geleistet. Und sie sprach dann das aus, was Chyna im Moment wohl dachte.
»Ist etwas mit Ser Tron?«
Manley nickte.
»Er war zu nahe am Geschehen, als die Frachter die Basis rammten. Sera Drake übrigens auch. Es tut mir so unendlich leid, Chyna...«
Dawson nahm Chyna in ihre Arme, versuchte auf diese Weise, ihr ein wenig Beistand zu geben. Manley griff zu ihrem MACS, legte es auf das Bett. »Wenn es Ihnen ein wenig besser geht, hier ist der vorläufige Bericht.«
Chyna brachte kein Wort heraus, zu sehr schienen die Tränen aus ihren Augen ihre Stimme zu ersticken.
 

Deacan

Commodore
part 71

*

Teanna hatte ihre Bitte um Hilfe mehrfach neu formuliert, ehe sie das Dokument auf die Reise schickte.
Als Empfänger gab sie Sera Dana Manley an. Wie bereits erwähnt, wollte sie eigentlich nichts mehr von der Agentin wissen, insbesondere seit jenem Vorfall nicht mehr, als ihr ein sogenannter Kontaktmann kopfüber vor die Füße gefallen war.
Allerdings: sie hatten auf diese Weise der CIS geholfen, jetzt wurde es Zeit, dass die Jungs und Mädels in Uniform mal etwas für sie taten. Zur Abwechslung sozusagen. Teanna war sich nicht sicher, wann eine Antwort erfolgen würde. Sie hatte darauf verzichtet ins Detail zu gehen. Ein persönliches Gespräch war das, was sie wollte. Und hoffentlich auch bekam.
Zum Frust über die unzureichenden Informationen über den Piloten der Heretic gesellte sich noch der Ärger über die Reparaturkosten für die Skecis hinzu.
Ganze achthundert Credits wollte man dafür haben. Als Begründung gab man an, dass die Schildgeneratoren komplett ausgetauscht werden müssten. In den Reparaturdocks machten sich Teanna und Ivy dann ein Bild von den Ausmaßen der Beschädigungen ihres Jägers.
Etwas ungehalten hörten die beiden den Ausführungen von einem der Techniker zu, der ziemlich detailliert, aber sachlich kühl die einzelnen Posten seiner Kostenliste zum besten gab.
»Sie sehen also, der Hauptanteil dieser Rechnung besteht aus Materialkosten. Aber wenn das hier Ihnen zu kostenintensiv ist, dann können wir auch einen etwas leistungsschwächeren Generator einbauen, davon haben wir auch einige auf Lager. Es liegt bei Ihnen.«
Der Mann sah die beiden Söldnerinnen nicht einmal an, als er eine Kopie der Rechnung aus seinen Unterlagen hervor holte und diese an Teanna weiter reichte. Demonstrativ drehte der Typ sich um, wandte seinen Kunden den Rücken zu und ging einige Schritte auf den Jäger zu. »Ich könnte Ihnen natürlich auch ein Angebot für einen neuen Jäger machen.«
Er wies mit der Hand auf die Skecis. »Den Rest hier würde ich in Zahlung nehmen. Interessiert?« Das wurde ja immer schöner!
»Vergessen Sie das ganz schnell mal wieder, okay? Stellen Sie einfach den ursprünglichen Zustand wieder her.«
Der Techniker drehte sich um und sah Ivy direkt ins Gesicht.
»Dann sind Sie mit den Kosten einverstanden?«
Nur ein paar Schritte näher und er hätte Ivys Laune direkt hören können – sie knirschte wütend mit den Zähnen.
»Ja. Ich hoffe inständig, dass Ihre Arbeit den Preis hier auch wert ist. Einen schönen Tag noch.«
Ivy griff sich Teanna und wollte gerade gehen, als sie eine Stimme hinter sich hörte.
»Wollten Sie mir nicht etwas vorbei bringen?«
Langsam drehten sich Teanna und Ivy um. Hinter ihnen stand Ser Gutenhal und es schien den beiden so, als wäre er noch größer geworden seit dem sie ihn vor einer Stunde gesehen hatten.
»Wir wollten eigentlich gerade zu Ihnen. Wie Sie sehen, haben wir im Moment jede Menge Ärger am Hals.«
Teanna deutete mit ihren Kopf in Richtung ihres Jägers, Ser Gutenhal schien die Geste zu verstehen.
»Ja, auf diesem Stück Land sollte man besser nicht landen, wenn man einen Defekt am Schiff hat. Aber mal was anderes, Sie bekommen Ihren Sold. In voller Höhe, wenn ich das hinzu fügen darf.«
Teanna und Ivy sahen sich überrascht an. Keine Abzüge? Kein nachträglicher Stress mit dem Auftraggeber?
»Wie haben Sie das denn geschafft?«
»Ich brauchte nur zu erwähnen, dass der Trip insgesamt das dreifache der normalen Reisezeit in Anspruch genommen hat und das Sie trotzdem immer in der Nähe des Frachters geblieben sind. Bis auf die kleine Eskapade mit dieser Heretic. Mein Auftraggeber hat wohl ein wenig Angst davor, dass Sie einen lustigen Reisebericht verfassen könnten, der die Unfähigkeit seiner Besatzungen und den katastrophalen Zustand seiner Schiffe darstellt. Sie wissen ja, die CCN ist immer an fröhlichen News interessiert.«
Gutenhal machte eine schöpferische Pause, dann fuhr er fort. »Was ist denn nun mit dem Drink, den Sie mir spendieren wollten?«
Ivy sah zu Gutenhal auf.
»Von wollen kann ja eigentlich nicht die Rede sein, aber jetzt sollten wir Ihnen einen ausgeben. Sie bestimmen das Lokal, wir tragen die Rechnung.« Gutenhal schwenkte in die entsprechende Richtung ein, Teanna und Ivy gesellten sich zu ihm.
»Mögen Sie lieber Hochprozentiges oder einfaches Bier?«
Auf Gutenhals Lippen legte sich ein Lächeln.
»Mir ist beides recht.«

*

Der Türmelder summte einmal kurz.
Ser Lev Arris sah von seinen Unterlagen auf, in Richtung des Geräusches.
»Kommen Sie ruhig rein.«
Leise wurde die Tür geöffnet, ein junger Mann, bekleidet mit einen Mechanikeroverall, betrat den Raum. »Was gibt es?«
»Ser, die beiden treffen gerade ein. Es scheint funktioniert zu haben, sie wurden nicht verfolgt.«
Arris erhob sich von seinem Platz.
»Hervorragend. Ich möchte sie umgehend sprechen, sobald sie gelandet sind.« Der Mechaniker ging zurück zur Tür, öffnete diese.
»Ja, Ser Arris.«
Arris hatte seinen Zerstörer in die Nähe der Kiowanbasis springen lassen, er blieb allerdings außerhalb der Reichweite ihrer Sensoren.
Sein Schiff, die Dream, war mit einem experimentellen Antrieb ausgestattet, der es möglich macht zu jeder Zeit, – ohne die Hilfe von Sprungbojen – in den Hyperraum zu gelangen und diesen auch an jedem beliebigen Ort wieder zu verlassen.
Das einzige Problem dieses Antriebes lag in seiner Wartung und den damit verbundenen Kosten. Nicht zu vergessen der gewaltige Bedarf an Energie für dieses Triebwerk. Wie gesagt, die Dream war ein exklusives und kostspieliges Einzelstück. Die CIS arbeitete zur Zeit – inoffiziell – an einer eigenen Version eines derartigen Triebwerks.
Im Hangar des Zerstörers herrschte binnen weniger Minuten hektische Betriebsamkeit. Nach ersten Informationen waren die Jäger, die in wenigen Augenblicken hier eintreffen würden, relativ unbeschädigt, die Besatzungen waren ebenfalls unbeschadet davon gekommen.
Trotzdem stand ein Team zur medizinischen Erstversorgung bereit.
Dann tauchten zwei Schatten vor den Hangartoren auf, die langsam näher kamen und dabei ständig an Konturen gewannen. Die Technikcrew zog sich in einen kleinen Raum zurück, der mit einer Luftschleuse ausgestattet war. Hier würden sie solange warten, bis die Tore hinter den Jägern wieder geschlossen und der Raum wieder mit Atemluft gefüllt sein würde.
Nahezu geräuschlos glitten die Jäger in den Hangar und setzten dort auf. Die Tore schlossen sich wieder, mit enormem Druck wurde der Raum wieder unter Luft gesetzt. Die Techniker bekamen grünes Licht – im Laufschritt verließen sie ihren Platz und begaben sich zu den Jägern. Die Cockpits schwangen auf, Leitern wurden heran geführt.
»Ser, sind Sie in Ordnung?«
Ein Techniker war flugs auf eine der Leitern gestiegen, er half dem Piloten beim Ablegen der Gurte. Der Angesprochene nickte kurz mit dem Kopf.
»Ja, alles ist bestens. Helfen Sie mir nur mal kurz hoch, meine Beine fühlen sich ein wenig taub an.«
Der Techniker griff dem Piloten unter die Arme und zog ihn nach oben. Ein wenig benommen sah sich der Pilot um. Sein Blick fiel auf den zweiten Jäger und blieb an diesem hängen. »Wie geht es meinem Wingman?«
»Keine Sorge, Ser. Sie stand kurz vor einen Kreislaufkollaps. Die kurzzeitige hohe Beschleunigung dürfte daran Schuld sein. Ein wenig Ruhe, mehr ist da nicht nötig.«
Mit unsicheren Schritten kletterte der Pilot die Leiter herab, er begab sich sofort zum zweiten Jäger. Er wollte einen Blick auf seine Kameradin werfen, wollte sich selbst von ihrem Zustand ein Bild machen. Die junge Frau lag inzwischen bereits auf einer Trage. Der Pilot ergriff ihre Hand, streichelte ihr sanft über den Handrücken.
»Kleines, wir haben noch eine Menge vor. Lass mich jetzt bitte nicht im Stich.«
Ohne dass sie ihre Augen öffnete, gab sie ihm eine Antwort und schenkte ihrem besorgten Mitstreiter und Freund ein Lächeln.
»Ich weiß. Du kannst auf mich zählen, Deacan.«
 

Deacan

Commodore
part 72

*
Auf dem Weg zur Kabine seines Gastgebers ließ Deacan nochmals die vergangenen Stunden Revue passieren.
Nachdem er begriffen hatte, dass seine bloße Anwesenheit alle in seinem Team gefährdete und Drake ihm mitgeteilt hatte, dass er vermutlich jemanden im Team hatte, der nicht ganz fair spielte, stand sein Endschluss schnell fest. Jetzt, da er offiziell für tot gehalten wurde, konnte er nahezu ungehindert agieren.
Der Clan von Ser Arris bot ihm zusätzliche Möglichkeiten in vielerlei Hinsicht. Modernste Waffen und Schiffe, Zugang zu Informationen, die selbst die CIS nicht bekam und: Loyale Piloten.
Der Wachmann, der ihn begleitete, blieb schließlich vor einer eher unscheinbaren Tür stehen. Er brauchte sich nicht einmal bemerkbar zu machen, die Tür wurde sofort geöffnet. Auf der anderen Seite erschien Ser Arris, sein Gesichtsausdruck verriet ganz deutlich seine Erleichterung.
»Kommen Sie herein, Ser Tron. Bitte.«
Der Privateer folgte der freundlichen Einladung umgehend. Er warf einen intensiven Blick auf den Raum, den er da betrat. Und war recht beeindruckt. Ser Arris hatte offensichtlich Geschmack, antike Möbel zierten den Raum, überall standen Grünpflanzen und die Luft war angenehm kühl.
Ser Arris eilte an seinem Gast vorbei, er nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und wies auf einen Stuhl, der direkt davor stand. »Setzen Sie sich, Ser Tron. Kann ich Ihnen vielleicht etwas bringen lassen?«
Deacan winkte ab, er hatte im Augenblick mehr Interesse an Informationen als daran, sich den Magen zu füllen. Langsam nahm er Platz, unsicher sah er auf Ser Arris. Der setzte ein fast schon übertrieben freundliches Gesicht auf. »Ich hoffe, dass Ihr Flug hierher nicht allzu anstrengend war.«
Deacan antwortete umgehend.
»Wie man es nimmt. Haben Sie denn schon einmal einen Mikrosprung gemacht?«
»Ich mag verrückt sein, aber so verrückt bin ich nun wieder auch nicht. Hat es denn wenigstens Spaß gemacht?«
Was für eine Frage. Man musste wohl schon ein extremer Masochist sein, um Gefallen daran zu finden, einen Sprung ohne Unterstützung der Trägheitsdämpfer zu unternehmen.
Das Aktivieren des Sprungantriebs für wenige Sekunden ohne Hilfe des Bordrechners hätte jeden anderen Jäger in Stücke gerissen
»Ich kann es Ihnen nur empfehlen. Vor allem sind die Momente spaßig, wenn das Blut mit Gewalt versucht, ihre Adern zu sprengen, das Vielfache ihres Gewichtes Sie in den Sitz presst und Sie das Bewusstsein verlieren. Kein Wunder, das derartige Manöver verboten und mit normalen Jägern nicht möglich sind.«
Ser Arris lehnte sich entspannt zurück.
»Wie auch immer, jetzt sind Sie ja hier, dank der Fernsteuerung in den Jägern. Unsere Taktik hat aber funktioniert. Als Sie das Gebiet verließen, schickten wir zwei Ersatzmaschinen zur Tarnung und als Beweis für ihr Ableben. Möchten Sie mal einen Blick darauf werfen? Die CIS hat Ihre Akte bereits bearbeitet.«
Ser Arris reichte sein MACS an Deacan weiter, der warf einen kurzen Blick auf das Datenmaterial. Neben seinem Totenschein fand er auch einige Bilder von den Blades, die von den Fluchtschiffen gemacht worden waren. Die Jäger waren kaum noch als solche erkennbar.
Er legte das Gerät wieder auf den Tisch zurück.
»Sind ja wirklich recht flott, unsere Freunde in Uniform... Venice sagte mir, Sie hätten wichtige Informationen für mich.«
In Arris Augen schien es zu blitzen.
»Sie sind schon per du? Schön zu sehen, dass Sie auch privat mit Sera Drake zurecht kommen. Aber sie hat recht, ich habe Ihnen eine Menge zu sagen.« Arris holte tief Luft. Er schien zu überlegen, wo er am besten anfangen sollte. »Zunächst einmal: Willkommen im Reich der Toten und Willkommen im Clan.«
Deacan zeigte sich sichtlich amüsiert.
»Aha. Und weiter.«
»Also gut, zum Thema. Was wissen wir? Die Kiowan haben Petra besetzt, aber dieser Zustand dürfte nicht allzu lange anhalten. Dank Ihnen und Drake kriegen Sie keinerlei Unterstützung mehr von ihrer Basis. Ihnen wird bald Treibstoff und Munition ausgehen. Eine derartig große Flotte wie diese kann sich nicht allein versorgen und der Planet Petra liefert ihnen weder das eine noch das andere, das ist Ödland ohne Ressourcen. Die Kiowan sind, wie man so schön sagt, auf verlorenem Posten. Eigentlich müssten es die Truppen der CIS auch ohne fremde Hilfe schaffen, den Planeten zu befreien. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn da nicht Ricards wäre. Der Typ sitzt zwar in Untersuchungshaft, aber es werden keine zwei Tage vergehen und er ist wieder draußen. Wenn er es sich nicht mit den Kiowan verscherzen will, dann wird er einspringen und für Nachschub sorgen müssen. Hier setzen wir an. Jedes Frachtschiff, das Ricards entsendet, wird von unseren Leuten abgefangen.«
Klasse Monolog, aber hier gab es nichts, was Deacan nicht schon wusste.
Wann würde Arris endlich die wichtigen Infos vom Stapel lassen? Arris griff wieder zum MACS, er öffnete eine weitere Datei, dieses mal ein Bild.
Dann legte er das Gerät flach auf den Tisch und schob es zum Söldner rüber. »Erkennen Sie diese Frau wieder?«
Ein Blick genügte. Oh ja. Diese Dame war die Auftraggeberin von Sera Dawson und diesen einen illustren Abend würde Deacan wohl nicht so schnell vergessen.
»Lassen Sie mich raten. Sie ist nicht, was sie vorgibt zu sein.«
Treffender hätte es auch Arris nicht ausdrücken können.
»Diese nette Mittvierzigerin hat so viele Namen wie ihr Arm lang ist. Drake hat mir ein paar Details von den Gespräch übersandt, das Sie mit dieser Person geführt hatten. Sie arbeitet übrigens für Senator Angus Santana. Überrascht?«
Allerdings.
Deacan hatte zwar schon vermutet, dass Teile ihrer Geschichte nicht so ganz der Realität entsprachen, aber soweit hatte er nicht gedacht.
Arris fuhr fort. »Und Ihre neue Freundin Lyana Dawson steht ebenfalls auf der Gehaltsliste des Senators.«
Deacan sah Arris ins Gesicht. Jetzt wurde ihm so einiges klar. Aber da passte einiges nicht zusammen, Dawson hatte ihren Hals für Deacans Team riskiert
Das konnte doch nicht gespielt sein. Oder etwa doch?
Der Clanführer schien seine Gedanken lesen zu können, er holte tief Luft. »Ich weiß, es klingt seltsam, aber Dawson hat bereits mehrere Male an ähnlichen Missionen gearbeitet. Sie ist es gewohnt, ihren Hals für andere in die Schlinge zu legen. Am besten formuliere ich es so: Dawson ist das perfekte Gegenstück zu Drake. Fragt sich nur, wer von den beiden kaltschnäuziger ist. Ich werde natürlich versuchen, Dawson aus dem Verkehr zu ziehen, aber das war bislang nicht möglich, da sie dann mit in der Schusslinie gestanden hätten. Zudem war Dawson auch recht hilfreich, wir haben etliche ihrer Nachrichten abgefangen, die sie per MACS verschickt hat. Und jetzt wissen wir, dass der liebreizende Senator ganz andere Pläne als Ser Ricards hat. Völlig andere Pläne.«
Das wollte Deacan jetzt aber genauer wissen.
»Und wie sehen diese Pläne im Detail aus? Oder tappen wir da noch im Dunkeln?«
»Nun, die genauen Einzelheiten kennen wir zwar nicht, aber folgendes Bild zeichnet sich ab: die Auseinandersetzungen zwischen der CIS und den einzelnen Piratenclans, der Bündnispakt von Ricards und den Kiowan, all dies führt unweigerlich dazu, das die Regierung des Tri-Systems ihre Unfähigkeit einräumen muss, dieses kleine Universum zu kontrollieren. Jetzt schon fordern einzelne Regierungsvertreter einen Machtwechsel. Ich glaube nicht, das Senator Santana wirklich vor hat, Ricards als Retter in der Not vorzustellen. Nein, vielmehr ist Ricards in Kürze ein toter Mann, Santana hat den Kiowan im Falle seiner Wahl als Regierungsoberhaupt mit Sicherheit Straffreiheit in Aussicht gestellt. Während Ricards also versucht, ein Bündnis mit den Kiowan einzugehen, hat Santana hinter Ricards Rücken bereits ein solches abgeschlossen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kiowan bereits in Amt und Würden sind.«
Deacan fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Nein, damit hatte er nicht gerechnet. Jetzt aber passten die einzelnen Teile des Puzzles zusammen. Jetzt wurde klar, warum Santana versucht hatte, einzelne Söldner töten zu lassen. Jetzt wurde klar, warum Jake Kenner sterben musste. Jetzt bekam alles einen Sinn.
Obwohl... nicht so ganz.
»Und wie nun weiter? Welche Beweise haben wir?«
Arris schien diese Frage erwartet zu haben.
»Bisher? So gut wie keine! Die paar Aufzeichnungen reichen nicht aus, um Santana vom Stuhl zu holen. Aber wir arbeiten daran.«
Wir arbeiten daran. Der Privateer mochte diesen Satz langsam nicht mehr hören. Arris erhob sich von seinem Stuhl und ging auf seinen Gast zu. »Fürs erste ist es wichtig, dass wir nichts unüberlegtes tun. Jede falsche Handlung könnte Santana in seiner jetzigen Position nur noch stärken. Vielleicht freut es Sie aber, dass wir eine Idee haben, die uns und vor allem Ihnen weiter helfen könnte.«
Arris begab sich wieder an seine Seite des Tisches, er aktivierte eine kleine Konsole, die in der Tischplatte eingelassen war. Ein Monitor senkte sich von der Zimmerdecke herab, auf dem Display erkannte man sofort das Petra-System. Arris setzte sich wieder auf seinen Platz. »Wie Sie ja wissen, haben die Kiowan das Petra-System innerhalb kürzester Zeit eingenommen. Die Abwehrflotte der CIS war auf eine derartige Offensive nicht vorbereitet. Nun, was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilen würde, dass es noch Streitkräfte der CIS dort gibt?«
»Und wo?«
Arris bediente erneut die Konsole im Tisch, und auf dem Display erschien eine kleine, unscheinbare Raumstation, weit abseits der üblichen Flugrouten.
»Dies hier ist eine alte Relaisstation der CIS Sie ist seit rund vierzig Jahren nicht mehr als solche in Betrieb. Ich weiß aber aus zuverlässiger Quelle, dass dort eine kleine Staffel von Piloten untergebracht worden ist. Das sind Kurierpiloten mit leichten Jägern. Wenn sie noch leben, dann sind sie dort.«
Höchst interessant. Aber Deacan konnte keinen echten Wert in dieser Information erkennen.
»Sollen wir etwa eine Rettungsaktion starten? Wie hoch stehen die Chancen, dass diese Jungs noch leben? Eins zu Zehn? Eins zu Hundert?«
»Der ehemalige Kommandant von Petra war Ser Allan Tasker. Er hatte wohl Kontakt zu den Papago. Wir wissen das, seitdem die Papago die CIS im Kampf gegen die Kiowan um Hilfe gebeten hatten. Die Papago haben, wie Sie ja wissen, den Kiowan eine Ladung voller wunderschöner Rumpflegierungen abgenommen. Wir vermuten, dass Tasker - nachdem die Papago ihm von dem Material berichtet hatten - versucht hat Beweise für eine Kooperation der Kiowan mit einigen hohen Beamten der Regierung zu finden. Denn die Frachter, die von den Kiowan zum Transport des Metalls benutzt worden sind, können unmöglich eine Piratenkennung getragen haben. Die CIS von Petra hätte sie schneller aufgebracht, als die Kiowan für Nachschub an derartigen Schiffen hätten sorgen können. Irgend jemand hat diese Transporter mit gültigen Registrierungen versehen. Und das war kein kleiner Beamter in einer verstaubten Amtsstube. Nicht in dem Ausmaß. Tasker hat wahrscheinlich den starken Schiffsverkehr registriert, er stellte Nachforschungen an. Das Ergebnis kennen wir ja nun. Den Kiowan wurde die Sache zu heikel, anstatt nur ins Petra-System rein und raus zu fliegen und dabei Gefahr zu laufen, erwischt zu werden, annektierten sie kurzerhand das ganze Gebiet. Verdammt clever, warum fällt uns nie so etwas ein. Doch zurück zur Relaisstation. Selbst wenn dort keiner mehr ist, wir könnten die Basis als Sammelpunkt für unseren Gegenschlag benutzen.«
Also ein taktischer Vorteil, den man durchaus ausnützen sollte.
Für Deacan blieben aber noch immer Fragen offen. Zum Beispiel wie er unbemerkt ins Petra-System gelangen sollte. Allerdings hatte der Söldner Probleme, sich zu konzentrieren, eine andere Frage beschäftige seine Gedanken noch weitaus mehr.
Was würde mit seinen Freunden passieren, jetzt da er für tot erklärt worden war? Würde Dawson ihr Werk fortführen? Und überhaupt - wieso hatte Dawsons Auftraggeberin damals diese verrückte Geschichte erzählt? War sie darauf trainiert worden, eine abstrakte Story zu erfinden, wenn es für sie eng wurde? Oder waren einige Teile der Geschichte doch näher an der Wahrheit dran, als einem lieb sein konnte?
Deacan sah wieder auf Arris, er verdrängte seine Gedanken, zumindest versuchte er es. Nein, das hier war jetzt wichtiger. Die Informationen, die Arris für ihn parat hielt, das allein zählte. Für den Augenblick. Also gut, Deacan zwang sich, seine Gedanken neu zu ordnen. Rückkehr ins Petra-System.
Ein unbehagliches Gefühl überkam ihn, zu frisch waren noch die Erinnerungen an eine verlorene Schlacht.
»Liege ich richtig in der Vermutung, dass Sie bereits einen Plan haben, wie man unbemerkt ins Petra-System rein kommt?«
Arris machte eine Geste, die nur eines bedeuten konnte: Kein Problem.
»Es gibt unzählige instabile Sprungpunkte, auch um Petra herum. Wir nehmen einfach einen davon. Wird vielleicht kein ganz so ruhiger Flug, aber Sie müssten das ja inzwischen gewöhnt sein.«
Arris legte eine kurze, schöpferische Pause ein. Sein Blick wanderte von seinem Gast wieder zum Monitor, verweilte dort einen Augenblick, nur, um sich dann anscheinend im Raum zu verlieren. Deacan unterbrach den Clanchef in seiner Stille nur ungern, aber eine Kleinigkeit war ihm noch in den Sinn gekommen.
»Ser Arris?«
Deacan Gesprächspartner kehrte umgehend in die Realität zurück.
»Ja?«
»Was ist eigentlich mit der Blade, die wir vor einigen Tagen im Petra-System gesehen hatten? Schon eine Idee, woher diese Maschine stammt?«
Ein breites Lächeln legte sich auf das Gesicht von Ser Arris.
»Nun ja, einfach war das nicht, aber ja, wir haben da schon ein paar Anhaltspunkte. Tatsache ist, von uns stammt dieser Jäger nicht. Unsere Informanten haben inzwischen mehrfach derartige Maschinen gesehen. Und, nur so nebenbei erwähnt, das war auch keine Blade!«
»Keine Blade? Was zum Teufel dann?«
Arris griff den Gesprächsfaden wieder auf.
»Irgendein Spaßvogel baut unsere Bladejäger nach. Optisch gesehen nicht mal schlecht, allerdings passen die Dimensionen, also die Abmessungen, nicht ganz zum Original. Diese Maschinen sind etwas kleiner und langsamer, zudem entspricht ihre Energiesignatur nicht unseren Spezifikationen. Wenn man mich fragen würde, dann würde ich antworten: Santana steckt dahinter. Würde doch einwandfrei passen, erst verbündet er sich mit den Kiowan, der seiner Meinung nach stärksten Fraktion zur Zeit, dann bringt er Ricards, die CIS und letztendlich auch uns in Missklang. So oder so, sein Konzept könnte aufgehen. Allerdings gibt es da ja noch uns. Und wir haben auch noch das eine oder andere heiße Eisen auf Lager. Aber genug davon.«
Arris stand auf, er zeigte mit der Hand auf die Tür. »Wenn Sie mir bitte folgen würden? Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Nicht hier, sondern auf der Kommandobrücke.«
 

Deacan

Commodore
part 73

*

Nur weg von hier.
Weg von diesem Ort, weg von den Erinnerungen, weg von allem. Manley hatte um ein Treffen mit Ser Hassan gebeten, ihr Vorgesetzter hatte mit gleichgültiger Miene den Tod von Ser Tron entgegen genommen. Manley aber wusste, dass Hassan der Tod dieses Mannes stark an die Substanz ging.
Ohne Ser Tron, ohne seine Verbindungen und Freunde, würde alles ein wenig schwieriger werden, das war auch ihm klar. Und doch, irgendwie musste es weiter gehen. Und um diese Frage zu klären war Manley seit nunmehr zwei Stunden unterwegs. Sicher, sie hätte auch eine der Blades nehmen können - nur gab es zur Zeit keinen Kontakt zum Clan!
Sera Drake war ja ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden, wenn hätte sie also um Erlaubnis fragen sollen? Etwa die Techniker, die mit dem Zusammenbau dieser Monster beschäftigt waren?
Nein, es hieß warten. Bis sich Ser Arris oder jemand anderes vom Clan bei ihr meldete. Und Manley wollte sich keinen weiteren Ärger einhandeln, indem sie mit diesen nicht gerade ungefährlichen Maschinen eine kleine Spritztour durchs All unternahm. Also die herkömmliche Methode, ein Flug in einem Shuttle der Miliz. Nicht gerade unbequem, aber eben auch nicht gerade schnell.
Wobei es Manley nicht auf Geschwindigkeit ankam, sie wollte Zeit haben, ein wenig nachdenken. Ihr eigener Jäger, die Aurora, war zwar startklar... aber sie wollte einfach nicht selbst fliegen. Zumindest jetzt noch nicht.
Am Rande des Serca-Systems, abseits der regulären Schiffsrouten, hatte Ser Hassan unzählige Schiffe der CIS zusammen geführt.
Neben vier Trägerschiffen und etwa zwei Dutzend Kreuzern schwirrten etliche hundert Jäger durch den Raum, immer in Formation, strikt nach militärischen Vorschriften. Manley sah gelangweilt aus dem kleinen Fester des Shuttles. Noch nie in der Geschichte des Tri-Systems hatte es einen derartigen Aufmarsch vom Militär gegeben.
Hoffentlich ging das hier nicht schief... einen Fehler konnte sich Ser Hassan nicht leisten, bereits jetzt war sein Ansehen bei den einzelnen Senatoren ins Wanken geraten. Die Unfähigkeit der CIS, die Handelsrouten zu schützen, der Verlust von Petra - all dies lastete schwer auf Hassans Schultern.
Langsam näherte sich das kleine Transportschiff einem der Träger, zwei schwere Jäger der CIS übernahmen kurzzeitig die Eskorte, sie nahmen eine defensive Position vor und hinter dem Shuttle ein. Einer der beiden großen, durch das ganze Schiff laufenden Hangars stand offen, man erwartete die Ankunft von Manley bereits. Leise schwebte das Shuttle in den riesigen Hangar, setzte auf. Ein Kraftfeld verhinderte das Entweichen der Luft aus dem Hangar, ein Druckausgleich, wie er bei anderen, kleineren Schiffen notwendig wurde, war hier überflüssig.
Über eine kleine Leiter verließ Manley ihr Transportmittel, ein Offizier kam auf sie zu, grüßte militärisch und bot Manley an, sie zur Brücke zu begleiten. Ein leichtes Kopfnicken kam von der Agentin als Bestätigung. Im raschen Schritt verließen die beiden den Hangar, per Lift legten sie die wenigen Etagen bis zur Brücke zurück.
Leise, fast schon zaghaft, öffneten sich die Lifttüren und gaben den Blick auf das Kommandozentrum des Trägers frei. Eine gigantische Sichtfläche war das erste hier das dem Betrachter ins Auge fiel. Gut zwanzig Meter waren die Fenster hier oben breit.
Und fast augenblicklich erkannte Manley ihren Vorgesetzten, obwohl er mit dem Rücken zu ihr stand. Leise trat sie an Hassan heran, er schien sie allerdings bereits bemerkt zu haben und begrüßte sie zuerst, ohne dabei seinen Blick vom Fenster zu lösen.
»Schön, Sie wieder hier zu haben, Sera Manley.«
Die Agentin senkte den Blick.
»Schön zu wissen, dass ich vermisst wurde.«
Kurzes Schweigen herrschte auf der Kommandobrücke. Manley fühlte sich unbehaglich, suchte nach geeigneten Worten, um nicht von vornherein über dieses eine äußerst schmerzliche Thema reden zu müssen. Ser Hassan schien dies zu bemerken, wohl aus diesem Grund schnitt er das leidige Thema nicht an.
»Sera Manley, ich brauche Sie wieder hier an Bord meines Trägers. Vorerst zumindest. Wie Sie sich sicherlich denken können, haben wir hier etliche Probleme, ich benötige also einen fähigen Verbindungsoffizier, der die Flottenbewegungen koordiniert. Könnten Sie das bitte übernehmen?«
Flottenkoordination? Sollte das ein schlechter Scherz sein? Wieso sollte ausgerechnet sie das übernehmen?
»Ser Hassan, mit allem Respekt - aber ich denke doch, dass ich besser bei der Gruppe der verliebenden Privateers bleiben sollte. Diese Gruppe verfügt zur Zeit über ziemlich gute Schiffe, aber das wissen Sie ja bereits. Wieso sollten wir das nicht nutzen?«
Manley zog es vor, ihren Unmut so kurz wie möglich zu halten, Hassans Antwort ließ ohnehin nicht lange auf sich warten.
»Ist das tatsächlich Ihr Wille, Manley? Wollen Sie das wirklich auf sich nehmen?«
Hassan drehte sich langsam um, Manley bekam jetzt sein Gesicht zu sehen.
»Ser, ich glaube, dass wir darauf nicht verzichten sollten. Und ich bin zur Zeit so etwas wie ein letzter Dreh- und Angelpunkt für die Leute dort unten. Wenn ich jetzt abspringe - was glauben Sie würden die anderen machen? Nein, ich will - ich muss - dort weiter machen. Egal was es kosten mag.«
Hassan holte Luft, seine linke Hand fuhr unter sein Kinn.
»Nun gut, wenn Sie es unbedingt wollen. Ich wollte nur...«
Manley begriff sofort, was Ser Hassan mit seiner Aktion vorgehabt hatte. Doch das war unnötig, sie brauchte keinen wirklichen Abstand vom Team, oder besser den traurigen Resten davon. Während ihres Fluges hierher hatte sie genug Zeit gehabt, alles nochmals zu überdenken. Nein, sie musste einfach weiterarbeiten. Sonst wäre Ser Trons Tod bedeutungslos. Und das hatte dieser Mann nicht verdient.
Ser Hassan winkte einen Offizier zu sich heran, dieser schien wohl auf diesen Moment schon gewartet zu haben. »Bringen Sie Sera Manley die Unterlagen. Und machen Sie eine Fähre bereit.«
Der Offizier nickte nur kurz als Bestätigung, dann machte er kehrt, verließ mit raschen Schritten den Raum. Hassan wandte sich wieder seiner Agentin zu. »Manley, erweisen Sie sich selbst einen Gefallen, ja? Tun Sie nichts, ich wiederhole: nichts ohne meine Einwilligung. Ich weiß, Sie brennen darauf, einigen Leuten ordentlich was vor den Latz zu knallen. Aber vergessen Sie bitte eines nicht, ich habe keine Genehmigung hierfür.«
Hassan deutet mit einer Kopfbewegung in Richtung eines Monitors. Dort konnte man den Grossteil der Flotte der CIS sehen, geordnet und in Formation fliegend. Sera Manley sah zu ihrem Vorgesetzten auf.
»Sie haben keine...«
Hassan fuhr ihr ins Wort.
»Nein, Manley. Die Senatoren haben sich gegen eine schnelle militärische Lösung ausgesprochen. Sie wollen vorerst beraten. Und währenddessen sterben auf Petra Zivilisten. Falls dort noch welche leben. Ich habe es satt, immer wieder mit gebundenen Händen hier zu sitzen, mit anzusehen, wie unsere Gesellschaft demontiert wird. Es reicht. Aber wie gesagt: wenn jetzt etwas von dem hier durchkommt, bin ich mein Kommando los. Und niemand wird versuchen diesen Planeten zu retten.«
Manley legte ihre Hand auf Hassans Schulter, eine Geste, die sie zuvor noch nie getan hatte.
»Viel Glück.«
Ser Hassan senkte den Blick, der große Kommandant der CIS wirkte auf einmal nicht mehr so kühl und berechnet. Etwas zerbrechliches mischte sich in seine Gestalt...

*

Ricards saß an einem kleinen kreisrunden Tisch und wartete.
Sein Blick streifte über die kahlen Wände, hier sah es noch erbärmlicher aus als in seiner Zelle. Ein Spiegel war in eine Wand eingelassen, dahinter saßen mit Sicherheit einige Leute der CIS. Sie konnten ihn durch das Glas sehen – er aber nur sein Spiegelbild. Ein seltsames Lächeln wanderte über sein Gesicht.
So nicht, meine lieben Freunde... so bekommt Ihr mich nicht... Seit seiner Verhaftung - einer völlig absurden Aktion - hatte er so gut wie keinen direkten Kontakt zur Außenwelt gehabt und dieser Umstand war unhaltbar für seine Pläne. Ja, seine Pläne oder besser: seine großen Visionen.
Er selber sah sich momentan zwar eher in einer etwas "eingeengten" Position aber dies hier konnte nichts mehr an seinen "Visionen" ändern... er hatte sein Ziel ja quasi schon erreicht, es fehlte nicht mehr viel und die neue Ordnung - seine neue Ordnung - würde das Tri-System revolutionieren.
Das Geräusch der sich öffnenden Türen riss Ricards aus seinen Gedanken. Ein Mann, begleitet von zwei Soldaten der CIS, betrat den Raum.
Ricards erkannte ihn sofort, er zeigte mit der linken Hand auf den freien Platz an seiner Seite. Wortlos nahm der Neuankömmling den angebotenen Stuhl in Beschlag, dann wies er auf die Tür und die Soldaten.
»Mein Mandant hat das Recht auf ein privates Gespräch mit mir - warten Sie draußen.«
Umgehend kamen die uniformierten Männer dieser Aufforderung nach, leise schloss sich die Tür hinter ihnen. Ricards legte ein breites Grinsen auf.
»Was hat denn da so lange gedauert, Ser Cardall?«
Cardall erkannte sofort, dass die Stimmlage von Ricards nicht zu seinem Gesichtsausdruck passte. Offensichtlich war Ricards arg verstimmt, vermutlich sogar wütend. Nur zögert gab Cardall seinem Chef Antwort.
»Ser Ricards, ich versichere Ihnen - ich habe mit allen Mitteln versucht, Sie auf schnellsten Wege zu erreichen, aber...«
Das Grinsen auf Ricards Lippen verschwand und machte einem bitterernsten Ausdruck Platz. Cardall suchte sichtlich nach Worten, die Ricards wieder versöhnlich stimmen würden. Nur viel zu gut wusste er, wie sein Chef mit Überbringern schlechter Nachrichten umzugehen pflegte. Also versuchte er, einfach sachlich zu bleiben, vielleicht verschwand die schlechte Laune vom Gildenführer ja von selbst.
»Ser Ricards, Ihre Anhörung findet noch heute statt. Das Beste wird sein, wenn Sie einfach zu allen Punkten ein klares Nein als Erklärung abgeben. Die gegen Sie erbrachten Beweise sind - nun ja - eher unbedeutend. Um nicht zu sagen: frei erfunden. Wir suchen zur Zeit die Urheber dieser Situation und wir werden sie finden.« Ricards lehnte sich ein wenig nach vorn, er ließ dabei jedoch seinen Tischnachbarn nicht aus den Augen.
»Wann bin ich wieder draußen, Cardall? Mehr will ich nicht wissen.«
»Spätestens morgen.«
Cardall wünschte sich in diesem Moment eine dicke schwarze Glasscheibe, die ihn vor Ricards’ Blick schützen würde.
»Also erst morgen, ja?«
Wieder verschärfte sich der Ton in Ricards’ Stimme.
»Ja Ser...«
»Nun gut. Dann bis morgen. Sorgen Sie bitte umgehend dafür, dass ich einen Flug nach Hades bekomme.«
Cardall glaubte sich verhört zu haben. Hades? Was wollte Ricards denn auf Hades?
»Ja Ser, ich werde das für Sie organisieren. Soll ich dort eine Unterkunft für Sie organisieren?«
Ricards schüttelte den Kopf.
»Nein, das ist nicht nötig. Es dauert ja nicht lange, ich werde nur wenige Stunden dort sein.«
 

Deacan

Commodore
part 74

*

Hektisches Treiben war das erste, das Deacan zu Gesicht bekam, als er zusammen mit Ser Arris die Brücke der Dream betrat. Die Sichtfläche hier oben war nicht sehr groß, Deacan schätze die Gesamtgröße der Fenster auf wenige Quadratmeter, dafür aber hingen dutzende von Monitoren von der Decke, weitere waren direkt in die Wänden eingelassen.
Ein einzelner Sessel bildete den Mittelpunkt des Raumes - ohne Zweifel der kleine „Privatthron“ von Ser Arris. Der allerdings ließ die Sitzgelegenheit links liegen und wandte sich einem der größeren Monitore zu.
Der Privateer erkannte auf Anhieb, was der Clanführer ihm da zeigen wollte.
»Wie viele Schiffe sind es?«
Arris zog seine Augenbrauen ein wenig in die Höhe.
»Vier Träger, etliche Zerstörer. Und jede Menge an Jägern. Ser Hassan war sehr fleißig. Allerdings gibt es da ein kleines Problem. Er darf diese Flotte nicht einsetzen. Tut er es doch und scheitert, ist er weg vom Fenster. Und zwar für immer.«
Deacan versuchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
»Wissen wir schon, wie sich Hassan entscheiden wird?«
»Wenn ich das wüsste, würde ich mich wesentlich besser fühlen. Nein, wir haben keine Ahnung und können nur auf das Beste hoffen. Die Senatoren wollen -wie es nicht anders zu erwarten war- derzeit keinen Krieg führen, Hassan sind die Hände gebunden. Ich hoffe, dass uns unser gemeinsamer Freund nicht im Stich lässt.«
Deacan wandte seinen Blick weg vom Monitor und hin zu Arris.
»Unser Freund? Ehrlich gesagt braucht man keine Feinde mehr, wenn man Hassan zum eigenen Freundeskreis zählen kann.«
Ein leichtes Lächeln auf Arris Lippen verriet dem Privateer dass der Clanchef sichtlich amüsiert war.
»Ja ja, der Feind meines Feindes ist mein Freund... Ich glaube, das drückt es wohl am besten aus. Dummerweise hat Hassan kaum Freunde, sondern fast nur Feinde, und die scheinen sich sogar zu mögen... Ich persönlich mag ja auch nicht unbedingt in der Nähe dieses Mannes sein aber er ist jetzt unentbehrlich.«
Deacan lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf Arris.
»Das ist doch wohl nicht alles, was sie mir zeigen wollten, oder?«
Arris berührte kurz die Oberfläche des Monitordisplays, die Anzeigen wechselten sich in rascher Folge mit neuen Daten ab. Ser Arris schien diverse Flugpläne aufzurufen und nach einigen Sekunden tauchte dann ein Name auf, den Deacan nur zu gut kannte: Senator Santana.
Der „noble“ Bürokrat hatte etliche Transporte gebucht - jeden mit unterschiedlichem Reiseziel. Und jedes Mal stand sein Name mit auf der Passagierliste. War dies so etwas wie ein Fluchtplan des Senators, wenn alles schief laufen würde? Oder versuchte er damit seinen wahren Aufenthaltsort zu verschleiern? War er wohlmöglich schon untergetaucht?
Ser Arris mischte sich verbal in Deacans Gedankengänge ein.
»Tja, was sagt man dazu? Entweder will unser Vögelchen ausfliegen oder aber er plant etwas anderes. Das hier sind neun Bestätigungen für neun völlig verschiedene Reiseziele. Allerdings hat er jedes Mal für weitere Personen gebucht - wer das ist, wissen wir leider noch nicht, aber ich habe da einen Verdacht.«
Arris’ kleine Pause machte seinen Gast sichtlich nervös. »Kontrolle. Nichts geht über totale Kontrolle. Und wie bekommt man diese? Genau: loyale und aufrichtige Mitarbeiter. Wie die Kiowan zum Beispiel. Es würde mich nicht wundern, wenn unser Senator hiermit versucht, die anderen Senatoren unter Druck zu setzen. Wie gesagt, dies ist nur eine Vermutung.«
Deacans Blick begann abzuschweifen, er verlor sich irgendwo zwischen den leuchtenden Sternen da draußen, jenseits der Glasscheiben.
»Machen Sie meinen Jäger wieder startklar, ja? Wir sollten keine Zeit verlieren.«

*

Das schrille Geräusch erschien Teanna wie das erlösende Wort eines Richters - ihr MACS meldete sich lautstark. Offensichtlich hatte die Nachricht den Empfänger erreicht und eine Antwort war jetzt möglicherweise zum greifen nahe.
Mit einer eingespielten, ja routinemäßigen Bewegung griff sie nach dem Gerät und aktivierte es. Das Gesicht auf dem Display war ihr nur zu gut bekannt.
»Sera Tasker, Sera Banks - wie kann ich Ihnen helfen?«
Dies schienen genau jene Worte zu sein, die Teanna erwartet hatte.
»Sera Manley, wir haben da ein kleines, eher unbedeutendes Problem, bei dessen Lösung Sie uns sicher behilflich sein könnten.«
Manleys Gesichtsausdruck auf dem Display sprach Bände.
»Kleines Problem? Okay, machen Sie es kurz - wer will Ihnen denn ans Leder? Oder haben Sie noch irgendwo eine offene Rechung an einer Bar?«
Teanna stand kurz davor, Manleys Worte mit einer saftigen Dosis böser Worte zu beantworten, aber Ivy stieß ihr ermahnend in die Seite - keine Zeit für Spiele dieser Art sollte das wohl heißen.
»Zur Zeit hängt uns jemand arg an den Fersen. Wir haben zwar seine Schiffskennung, aber damit stimmt etwas nicht. Ich würde Ihnen das alles gerne zur Einsicht schicken. Sehen Sie sich es bitte an, ja? Das wird langsam lästig.«
Ivy fügte noch ihren eigenen, kleinen Kommentar hinzu.
»Und lebensgefährlicher als ein Barbesuch auf Hermes.«
Manley nickte zustimmend und Teanna schickte umgehend die Daten auf die Reise.
»Brauchen Sie noch etwas? Begleitung zum Beispiel? Ich könnte Ihnen ein oder zwei Jäger der Miliz zur Seite stellen, falls Sie das möchten. Oder was meinen Sie dazu?«
Teanna dachte einen Moment lang nach, dann allerdings entschied sie sich dagegen. Ein Babysitter in Uniform kam für sie nicht in Frage.
»Nein, vielen Dank. Wir würden nur noch mehr auffallen. Sehen Sie sich einfach nur diese Daten an und sagen Sie und Ihre Meinung dazu. Mehr ist im Moment wirklich nicht nötig.«
»Ich werde sehen, was ich tun kann. Manley Ende.«
Sofort nach dem Erlöschen des Displays wanderte das MACS wieder an seinen alten Platz, Teanna rückte es sozusagen ins rechte Licht, sprich: an den Mantelkragen. Ivy tippte ihrer Partnerin auf die Schulter.
»Sag mal, wie wäre es, wenn wir einfach diesen Gutenhal fragen, ob er nicht mit uns fliegen will. Zumindest für ein Weilchen. Falls dieser Idiot da draußen wieder auftaucht...«
Teannas Augen blieben an Ivys Lippen hängen. Hätte sie diesen Satz vor einigen Tagen von Ivy gehört, hätte sie ihren Gegenüber wohl ausgelacht. Aber unter diesen Umständen sah das alles völlig anders aus.
»Versuchen können wir es ja - insofern es nicht allzu kostspielig wird. Wir wissen ja beide, dass ein Wingman alles andere als ein billiges Vergnügen ist.«
Das Wort „Vergnügen“ schien in der Söldnerin gewisse Erinnerungen wach zu rufen, sie spiegelten sich regelrecht in dem breiten Grinsen wider, das sich auf ihre Lippen legte. »Apropos Vergnügen. Habe ich jemals erzählt, wie ich einen Spitzenpiloten für ganze vier Tage als Wingman hatte - ohne dafür bezahlen zu müssen? Oh man, der Kerl war so in mich verschossen...«
 

Deacan

Commodore
part 75

*

Kaltes, klares Wasser.
Deacan hing regelrecht über dem Waschbecken, den Kopf direkt unter dem Wasserhahn. Das kühle Nass half ihm dabei, seine Gedanken zu ordnen, einfach für wenige Augenblicke abzuschalten. An nichts denken können oder gar müssen...
»Na du Held...«
Eine sanfte Stimme schlich sich in seine Bemühungen, er erkannte sie sofort. Der Söldner hob den Kopf, um in die entsprechende Richtung sehen zu können. Venice stand in der Tür, ihre großen Augen schienen zu funkeln.
»Held ist etwas übertrieben, oder? Wie geht es dir«
»Noch etwas benommen und unsicher auf den Beinen, aber ansonsten eigentlich okay. Aber du machst mir Sorgen. Willst du wirklich so schnell wieder da raus?«
Venice machte eine Kopfbewegung in Richtung Fenster, raus ins All. Deacan schien wohl selbst nach einer passenden und vor allem nachvollziehbaren Antwort zu suchen, er schloss den Wasserhahn und strich sich mit der Hand über das immer noch nasse Gesicht.
»Habe ich denn eine andere Wahl? Wir wissen doch beide, was auf dem Spiel steht. Je eher ich von hier verschwinde, desto besser. Und ich mag nicht einfach nur still da sitzen und warten.«
Seine Gesprächspartnerin verließ ihren Platz und trat einige Schritte auf ihn zu.
»Wenn du es so siehst, dann werde ich dir nicht widersprechen.«
»Höre ich da etwa ein Aber heraus?«
Venice zuckte mit den Schultern, aber das Funkeln in ihren Augen schien intensiver zu werden.
»Ich kann und werde dir keine Vorschriften machen, nur Vorschläge. Die Entscheidung obliegt nur dir allein.«
Mit langsamen, beinahe müde wirkenden Schritten begab sich Deacan zu einem kleinen Stuhl, der neben einer Pritsche und einem Tisch, der aus einer Wand heraus ragte und das einzige echte Mobiliar innerhalb des Raumes darstellte - und damit einen krassen Gegensatz zu den privaten Räumlichkeiten von Ser Arris widerspiegelte. Er nahm darauf Platz, machte eine Handbewegung zu Venice. Die verstand die Aufforderung sofort und kam einige Schritte näher.
»Weißt du, ich habe in letzter Zeit viel Zeit zum nachdenken gehabt. Und ich möchte dass du eines weißt: ich danke dir. Es kommt nicht alle Tage vor, dass jemand seinen Hintern ohne Bezahlung für mich riskiert.«
Venice legte ihren Kopf ein wenig zur Seite.
»Es stimmt schon - DU bezahlst mich nicht. Aber Ser Arris tut das.«
Nach einigen Augenblicken fügte sie etwas hinzu.
»Diese Bezahlung ist nicht der Grund für meine Dienste hier, Deacan.«
»Sondern?«
Venice beugte sich etwas zu Deacan hinunter, ein flüchtiger Kuss auf dessen Stirn war das einzige, was sie ihm zur Antwort geben konnte.
Oder wollte.

*

Lyana Dawson schien auf Manley gewartet zu haben, zumindest war sie das erste, was die CIS - Agentin zu Gesicht bekam, als sich das Schott des Shuttle wieder öffnete.
Der Flug vom Träger zurück zum Planeten hatte nur wenig Zeit in Anspruch genommen.
»Erfolg gehabt?«
Statt zu antworten schloss Manley kurz die Augen, ein leichter Lufthauch streifte ihr Gesicht, durchzog ihr Haar. Dann allerdings ging sie auf die Frage ein.
»Wie man es nimmt. Es gibt sowohl Positives wie auch Negatives. Aber dazu später mehr. Was macht unsere liebe Chyna?«
»Faul in der Sonne liegen. Ehrlich gesagt, sie ist nicht mehr im Bett zu halten, allerdings wird sie frühestens in ein oder zwei Tagen wieder flugtauglich sein. Und unter uns: ich wage es zu bezweifeln, das Chyna mit den Blades zurecht kommen wird. Manley, das hier ist eine Nummer zu groß für die Kleine.«
Manleys Blick glitt an Dawson herab. Zu groß? Was sollte denn das nun wieder bedeuten?
»Also?«
»Also was?«
Manleys Gesicht verzog sich zu einer fragend wirkenden Miene.
»Ich werde das Gefühl nicht los, als käme da gleich eine Wahnsinnsidee. Ich höre?«
»Ich hätte da ein paar Piloten an der Hand, allesamt Freunde von mir und die...«
Manley unterbrach überraschend schnell Dawsons Redefluss.
»Ihre Idee in allen Ehren, aber die Antwort darauf lautet ganz einfach: Nein. Ich setze niemanden in diese Jäger, vielleicht mit Ausnahme von Ihnen, Sera McCumber und mir.«
Dawsons Augen wurden groß.
»Aber wir sind nur zu dritt. Und das hier sind sechs Jäger. Wäre es nicht logisch und für unseren Erfolg unabdingbar, diese leeren Plätze zu besetzen?«
Sicher, Dawsons Argumentation hatte etwas für sich. Manley allerdings konnte sich eines unguten Gefühles nicht erwehren, das sie beim Gedanken beschlich, weitere und zudem völlig fremde Leute mit ins Boot zu nehmen.
»Wir werden sehen. Haben Sie denn schon ein paar Namen für mich?«
»Hier. Die Bewertungen sind mit aufgeführt.«
Manley sparte mit Dankesworten, nachdem sie Dawsons MACS entgegen genommen hatte.
Insgeheim war sie sich selbst nicht einmal sicher, ob sie sich ins Cockpit einer dieser stählernen Monstrositäten setzen sollte oder nicht... Dawson schien da völlig anderer Meinung zu sein, die Begeisterung stand regelrecht auf ihre Stirn geschrieben. Und zwar in riesigen Buchstaben, und in Schönschrift.
Und das erschien Hassans Agentin ein wenig suspekt...
Mit gewohnter Routine überspielte Manley die Daten zur späteren Einsicht. Zum jetzigen Zeitpunkt gab es für sie weitaus Wichtigeres zu tun. Zum einen waren da noch die Daten von Teanna und Ivy, die sie für die zwei einsehen sollte. Zum anderen galt es, den Sektor mit Überwachungssystemen zu versehen, um frühzeitig feindliche Bewegungen aufspüren zu können.
»Sera Dawson, wenn Sie mich entschuldigen würden - da wartet noch einiges an Arbeit auf mich. Aber wir sehen uns später noch, einverstanden?«
Manley glaubte, so etwas wie Widerwillen in Dawsons Gesicht zu erkennen, fast so als würde sie die erzwungene Wartefrist nur ungern akzeptieren.
»Natürlich. Bis später dann.«
Dawsons ließ Manley einfach vor der Fähre stehen, sie entfernte sich rasch, den Blick hatte sie stur geradeaus gerichtet. Die Agentin verdrängte fürs erste das unangenehme Gefühl in der Magengegend, das diese Dame in der Söldnerkluft bei ihr verursachte. Aber etwas sagte ihr, dass sie besser mehr als nur ein Auge auf Dawson werfen sollte...

*

Einen Zugang zum Datennetz des Tri-System, einen Monitor, eine Tastatur, die Daten aus ihrem MACS und natürlich eine Kleinigkeit zu essen - das war alles, was Manley benötigte, nachdem sie wieder in den Räumen der CIS hier auf Serca verweilte.
Wobei das Wort „verweilen“ besser mit dem Wort „Zwang“ verbunden werden sollte. Dies hier kam Strafarbeit gleich. Systemverteidigung, Umleitung des Frachtschiffverkehrs, Sperrung ganzer Routen... und all dies musste so ausgearbeitet sein, dass niemandem großartig auffiel, was hier wirklich ablief.
Hinzu kamen noch die Daten rund um die Söldnergilde von Ser Ricards, offiziell inzwischen das Problem Nummer zwei auf Manleys Liste. Obwohl Ricards selbst für den Augenblick gewissermaßen auf Eis lag, so waren seine Piloten weiterhin draußen unterwegs... und niemand wusste, ob sie nicht in den nächsten Tagen oder vielleicht auch schon Stunden den Befehl zur Unterstützung der Kiowan bekommen würden.
Die einzige Chance, dies zu verhindern, lag in ständiger Kontrolle und Überwachung. Mittlerweile waren mehr als vierzig potentielle Befehlsempfänger von Ricards der CIS namentlich bekannt, und keiner von ihnen tat auch nur einen Schritt vor die eigene Haustür ohne einen Beamten des Sicherheitsdienstes am Hacken kleben zu haben.
Nur war dies zeitlich stark begrenzt - niemand im Tri-System durfte offiziell länger als achtundvierzig Stunden unter Beobachtung stehen - wohlgemerkt ohne richterlichen Beschluss. Und bei der Vielzahl der betreffenden Personen war an einen solchen Beschluss nicht zu denken.
Ricards war die eine Sache. Einer einzelnen Person eine manipulierte Akte zu verpassen war relativ einfach. Aber bei vierzig weiteren Leuten? Noch dazu, wenn diese in engem Kontakt zueinander standen? Nein, soviel Aufsehen wollte man dann doch nicht verursachen.
Gelangweilt sah Manley von ihrer Arbeit auf, ihr Blick fiel auf ihr MACS. Zeitgleich kam ihr das Datenpaket von Teanna und Ivy wieder in den Sinn und etwas Abwechslung konnte ohnehin nicht schaden.
Bereits der erste Blick auf das Material weckte das Interesse und den detektivischen Instinkt der Agentin. Teanna und Ivy suchten also einen Piloten, sie hatten ihr eine Schiffs - ID geschickt, jedoch waren sie bei ihrer Suche nach den Besitzer der Maschine in eine Sackgasse geraten. Manleys Daten aus dem Hauptarchiv der CIS bestätigten das, was man ihr da geschickt hatte. Nur ergab dies alles keinen richtigen Sinn...
 

Deacan

Commodore
part 76

*

Im Hangar der Dream herrschte zu dieser Zeit Hochbetrieb - wieder einmal.
Weder Deacan noch Venice hatten sich richtig an Bord erholen können, aber dies erschien beiden im Moment ohnehin egal und unwichtig. Die Wartungscrew der Dream hatte in den wenigen Stunden ganze Arbeit geleistet und beide Jäger mit zusätzlichen Trägheitsdämpfern ausgestattet. Auf diese Weise versuchte man den Flug für das Gespann Tron und Drake etwas angenehmer zu gestalten.
Keiner von beiden hatte jemals einen Flug durch einen instabilen Sprungpunkt gemacht, man hatte ihnen nur mitgeteilt, dass es sehr, sehr „holprig“ werden könnte. Obwohl - schlimmer als der Sekundensprung ohne Trägheitsdämpfer vor wenigen Stunden könnte dies hier auch nicht werden.
Deacans Bordrechner glich inzwischen einer kleinen Bibliothek. Die Positionen unzähliger instabiler Sprungpunkte waren in die Speicherbänke überspielt worden, hinzu kam ein Update für die Flugsoftware.
Der Privateer verfolgte das hektische Treiben im Hangar direkt aus dem Cockpit seiner Maschine, vermutlich dem einzigen Ort, an dem er sich wirklich wohl fühlte. Auf den Displays des Jäger erstellte er einen Flugplan für seinen kleinen Trip ins Petra-Sytem. Die alte Basis der CIS, die er laut Arris aufsuchen und genauer ansehen sollte, lag weit abseits der normalen Flugrouten.
Deacans Hauptproblem lag allerdings darin, dass er nicht wusste, wo genau er im Petra-System landen würde - die Worte "instabiler Sprungpunkt" beinhalteten leider auch die Tatsache, dass es nur einen festen Eintrittspunkt gab. Der Austrittsvektor aus dem Hyperraum hingegen konnte nahezu überall liegen. Womöglich sogar direkt vor der Flotte der Kiowan, oder eben mittendrin...
Einer der Techniker kam auf Deacan zu, er legte ein leichtes Lächeln auf.
»Ser Tron? Wir haben noch einmal die Sprungpunkte überarbeitet. Der hier wäre vermutlich ideal für Ihr Vorhaben.«
Mit der Hand deutete der Techniker auf einen der vielen Navigationspunkte.
»Was ist mit dem Austrittsvektor?"«
Der Techniker zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe.
»Berechnungen von Hyperraumflügen sind nicht so einfach, Ser Tron. Die Wahrscheinlichkeit, das Sie in der Nähe des Planeten ihren Flug beenden ist aber minimal. Die Chancen stehen recht gut für einen Flug ohne Ärger...«
»Dann hoffe ich mal, dass ich später noch die Gelegenheit bekommen werde, mich bei Ihnen für ihre mathematischen Fähigkeiten bedanken zu können.«
Ein schiefes, aber sympathisches Lächeln glitt über das Gesicht des Technikers.
»Wir werden sehen, Ser Tron. Wir werden sehen. Wir brauchen noch etwa zehn Minuten fürs Auftanken, dann können Sie wieder raus.«
Deacan nickte kurz als Antwort, der Techniker klopfte gegen die Bordwand, „Viel Glück“ sollte das wohl heißen. Die Geräusche im Hangar wurden langsam merklich leiser, lediglich die Treibstoffpumpen verrichteten noch recht lautstark ihre Arbeit. Der Söldner nahm dies nur am Rande wahr, er zog die Gurte des Pilotensitzes zurecht und verriegelte diese vor seiner Brust. Das Cockpit schloss sich, die Geräusche von außerhalb drangen jetzt nur noch dumpf zum Piloten durch.
Zehn Minuten noch... erneut fast eine kleine Ewigkeit.

*

Man saß in gemütlicher Runde am Tisch, auf dem drei mehr oder weniger volle Gläser standen. Zwei waren mit hochprozentigen Cocktails gefüllt, das dritte hatte dunkles Bier zum Inhalt.
Teanna und Ivy hatten Ser Gutenhal zu diesem kleinen Treffen gebeten, und er hatte sogar dankend angenommen. Nur bei der eigentlichen Formulierung der Bitte um Hilfe taten sich die beiden Damen recht schwer. Gutenhal nahm ihnen die Fragerei letztlich ab, er erkannte sehr schnell was man von ihm wollte.
»Ihr braucht also einen Wingman?«
Gutenhals riesige Hand griff nach dem Glas mit dem Bier. Teanna nickte.
»Wenn Sie nichts anderes vorhaben. Wir zahlen auch gut. Und da wir gesehen haben, wie gut Sie im Cockpit sind, da...«
»Da dachten Sie sich, hey - warum nicht mal mit Begleitung fliegen, mh? Aber unter uns, ich kann es Ihnen nicht einmal verdenken. Wissen Sie denn schon etwas genaueres über Ihren aufdringlichen Freund?«
Mit einem Zug leerte Gutenhal sein Glas und stellte es wieder vor sich auf den Tisch.
»Nein, aber das ist auch nicht so wichtig. Solange wir mit Ihnen rechnen können.«
Gutenhal zuckte mit den Schultern.
»Vorausgesetzt, Ihr habt nicht noch mehr Feinde da draußen in noch besseren Maschinen, sehe ich da keinerlei Probleme, die unlösbar wären. Vielleicht könnte ich euch noch einen kleinen Vorschlag machen. Interesse?«
Das Schweigen der beiden schien Antwort genug zu sein. »Dieser Spaßvogel sucht doch nach einem Schiff vom Typ Skecis, nicht wahr? Also, warum nutzt Ihr das nicht aus und legt euch eine weitere Maschine vom gleichen Typ zu?«
Ivy lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, sie verstand nicht ganz, was ihr Gesprächspartner vor hatte.
»Und dann?«
»Dann kommt das kleine Teil hier zum Einsatz.«
Gutenhal legte einen kleinen, silberfarbenen Chip auf die Tischplatte. »Das ist ein nettes kleines Spielzeug der Miliz hier draußen. Hab’s vor einer ganzen Weile mal mitgehen lassen. Meine Damen, damit kann man eine falsche ID aussenden. Mit anderen und einfacheren Worten: es gäbe dann nicht nur eine Dark Spirit im All...«
»...sondern zwei.«
Teanna vervollständigte Gutenhals Satz. Vermutlich verwendete auch der Pilot der Heretic ein solches System in seiner Maschine, das würde zumindest seine seltsame Schiffskennung erklären und warum diese einem eigentlich bereits toten Mann gehörte. Wenn da nur nicht diese Verbindung zu Teannas Vater wäre... oder war dies nur ein weiterer makaberer Zufall?
»Und wenn uns die CIS damit erwischt?«
»Ihr sollt das Teil auch nur aktivieren, wenn eurer Freund in der Heretic wieder auftaucht, okay? Ansonsten bleibt es hübsch offline und niemand bekommt Schwierigkeiten. Bleibt natürlich nur die Frage, ob Ihr das nötige Kleingeld für einen zweiten Jäger habt.«
Teanna schüttelte den Kopf.
»Nicht im Moment.«
Der Riese holte tief Luft.
»Dann würde ich euch dringend empfehlen, ein paar kleinere Aufträge anzunehmen, es gibt sicher auch welche für die nähere Umgebung. Wir sollten dabei in einem Radius von, sagen wir mal, vier oder fünf Sprüngen um diesen Planeten bleiben. Einverstanden?«
Gutenhals Hand wanderte über den Tisch, er streckte sie Teanna entgegen. Also ein Deal... Teanna überlegte kurz. Dann stand ihr Entschluss fest.
»Einverstanden.«
Ihre kleine, zierliche Hand verschwand regelrecht in der riesigen „Pranke“ ihres Tischnachbars. Und Ivy? Auch sie stimmte zu, auch ihre Hand wanderte über den Tisch.
»Was das Geld angeht...« Gutenhal hob sein leeres Glas in Richtung einer Kellnerin, die sofort den Wunsch verstand und in Richtung Tresen marschierte, um ihrem Zwei-Meter-Gast mit einem neuen vollen Glas zu versorgen. »...jeder ein Drittel. So wird keiner benachteiligt. Ich halte ehrlich gesagt nichts davon, die Gewinnverteilung an der Anzahl der Schiffe zu bemessen.«
Jetzt stand es endgültig fest: Ser Gutenhal war ein Fossil! Normalerweise wäre es anderen Söldnern völlig egal, ob nun ein oder zwei Piloten an Bord eines Jäger waren.
»Danke.«
Gutenhal aber winkte nur ab.
»Keine Ursache.«

*

Sonne. Dazu ein leichter, süßlich riechender Windzug, der aus nördlicher Richtung kam.
Wer seinen Blick in die Richtung lenkte, aus der die Luft zu strömen schien, konnte am Horizont noch schwach einen der Monde von Anhur erkennen. Anhur, das war gleichbedeutend mit Stille und Frieden. Hier wohnten nicht nur die elitären Reichen des gesamten Tri-System, nein auch mehrere Senatoren hatten ihren Wohnsitz hierher verlegt, wenngleich sie sich um die Regierungsgeschäfte völlig anderer Planeten kümmern mussten.
Die Idylle und die Ruhe der Umgebung hier schienen auch auf eine ältere Frau einzuwirken, langsamen Schrittes durchquerte sie eine der unzähligen begrünten Alleen. Ein Mann mittleren Alters schien sie einholen zu wollen, mit hastigen Schritten näherte er sich ihr.
»Haben Sie vielleicht eine Minute Zeit für mich, Senatorin?«
Die angesprochene Person fuhr erschrocken herum, nur um dann in das Gesicht eines Arbeitskollegen zu blicken.
»Na Sie haben mir aber einen Schrecken eingejagt, Senator Santana. Machen Sie das bitte nicht zur Gewohnheit, die Gesundheit ist in meinem Alter recht anfällig... Aber bitte, begleiten Sie mich doch ein Stück. Was kann ich denn für Sie tun?»
Angus Santana begab sich an die rechte Seite seiner Kollegin und passte seinen Schritt ihren Tempo an.
»Die Frage ist nicht was Sie für mich tun können, Senatorin. Es geht ums Tri-System.«
Ein mildes, fast verständnisvolles Lächeln begleitete die Antwort.
»Sicher doch, wie konnte ich das nur vergessen... Also was kann ich für das Tri-System tun?«
Santana drehte den Kopf ein wenig zur Seite, er vermied es direkten Blickkontakt zu suchen.
»Die Sache auf Petra nimmt langsam aber sicher Ausmaße an, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. Lange können wir die Bewohner der anderen Welten nicht mehr vom Informationsfluss trennen. Und es kommt noch schlimmer, denn es hat den Anschein, als wären unsere eigenen Militärtruppen zur Zeit damit beschäftigt, weiteres Blutvergießen vorzubereiten.«
»Aber ich bitte Sie! Ser Hassan wird nichts ohne die Einwilligung unserer Versammlung unternehmen. Ich persönlich kenne diesen Mann besser als irgendjemand sonst. Unsere Wege haben gewissermaßen einen gemeinsamen Ursprung. Und Sie sollten sich hierbei auf mein Urteilsvermögen verlassen.«
Santanas Gesicht wirkte auf einen Schlag finster, etwas bedrohliches legte sich in seinen Blick.
»Nun gut. Erklären Sie mir dann, zu welchem Zweck Ser Hassan unzählige Militärschiffe, Jäger und sogar Träger in einem System unweit von Petra versammelt?«
Die Senatorin blieb stehen, ihr Blick heftete sich fest an Angus Santanas Gesicht.
»Sie zweifeln an Hassans Loyalität? Oder an meiner?«
»Ich habe nichts derartiges gesagt, Senatorin. Aber es fällt in letzter Zeit immer stärker auf, das unserem System etwas entscheidendes fehlt.«
»Ach ja?«
»Der Wille zur Tat.«
Santana war sichtlich bemüht, viel an Autorität in seine Stimme zu legen. »Ich habe lange genug nur still gehalten. Es ist nunmehr an der Zeit, klare Linien zu ziehen.«
»Und wo genau beginnt diese Linie, die Ihnen da vorschwebt?«
Der Senator verschränkte seine Arme über der Brust.
»Sehen Sie, ich glaube, dass meine Auffassung und die von Ser Hassan sehr ähnlich sind. Wir beide sind es leid immer nur zu warten, also handeln wir. Manchmal vielleicht etwas unorthodox. Aber was zählt, ist letztendlich das Ergebnis.«
»Und?«
»Ich würde Ihnen gerne einige Unterlagen zur Einsicht geben. Vielleicht verstehen Sie mich ja dann etwas besser.«
Die Senatorin nahm ihren eingeschlagenen Weg wieder auf, Santana blieb nach wie vor an ihrer Seite.
»Nun gut, ich erwarte dann diese Daten. Hoffen wir auf das Beste.«
»Aber sicher doch, Senatorin.«
Santana blieb kurz stehen, er sah seiner Amtskollegin nach, die ihrer Wege ging. »Ich erwarte dann Ihre Meinung.« Er flüsterte diese Worte nur, aber innerlich wusste er bereits, dass er so gut wie gewonnen hatte
 

Deacan

Commodore
part 77

*

Alles umher war vergessen, vergessen für diesen einen Moment.
Man könnte den besagten Augenblick auch einfach nur als Start bezeichnen. Jedes Mal, wenn Deacan den enormen Schub der Triebwerke hinter sich spürte und für Bruchteile einer Sekunde in den Sitz gepresst wurde, gab es nichts mehr, was ihn wirklich interessierte.
Nur dieser Moment des Fliegens...
Ein recht kurzer Moment nur, dann riss meistens die Stimme seines Bordrechners ihn zurück in die Realität.
»Flugroute aktiviert. Schub auf normal, Autopilot jetzt verfügbar.«
Deacan überflog seine Bordinstrumente, dann aktivierte er sein Headset.
»Venice? Laut unserer Superhirne von der Dream wird das ein extrem kurzer Trip werden, die Flugdauer im Hyperraum beträgt gerade einmal vierzig Sekunden. Laut der Daten hier liegt das am Gravitationsfeld eines Sterns, der sich recht nahe am Eintrittsvektor befindet.«
Venice tauchte rechts neben Deacans Maschine auf.
»Dann sollten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen.«
»Und auf das Beste hoffen. Kurs zum Sprungpunkt liegt an.«
Die beiden Jäger schossen mit voller Geschwindigkeit vorwärts, weithin war das helle Aufleuchten der Nachbrenner sichtbar...
Ser Arris’ Schiff, die Dream, hatte zuvor mehrere Sprünge durchgeführt und somit die Gesamtflugzeit für Deacan und Venice deutlich verkürzt. Keiner der beiden Piloten hatten vor, ein weiteres Mal ihre ohnehin knapp bemessende Zeit mit endlosen Sprüngen zum Zielpunkt zu vergeuden und vor allem mussten sie auf diese Weise nicht gegen einen weiteren, weitaus üblen Gegner antreten: Müdigkeit.
Zwar waren Flüge von bis zu zehn und mehr Stunden durchaus mit auf der Tagesordnung der meisten Piloten, aber viele versuchten im Voraus, solche Reisen zu vermeiden. Zudem war man dann nicht gezwungen, mittels Medikamenten den Drang zum Aufsuchen von gewissen Örtlichkeiten, sprich Toiletten, zu unterbinden.
Die Sprungboje kam in Sichtweite und beide Maschinen sprangen zeitgleich in den Hyperraum. Den plötzlichen Wegfall von Orientierungspunkten wie Sternen oder nahegelegenen Planeten registrierte Deacan schon gar nicht mehr wirklich. Seine Augen gewöhnten sich innerhalb von Sekunden an die neuen Lichtverhältnisse und das künstliche Licht seiner Cockpitbeleuchtung wirkte irgendwie sogar beruhigend auf seine Nerven.
Er warf einen flüchtigen Blick nach draußen und suchte die Maschine von Venice. Er entdeckte sie etwa fünfzehn Meter entfernt links von seiner Position. Dann ließ er den Steuerknüppel seines Jägers los, aktivierte den Autopiloten und lehnte sich etwas zurück.
Seine Finger glitten über einen kleinen Monitor im Cockpit. Er aktivierte das Kartenmaterial, das die Techniker der Dream in seinen Bordcomputer überspielt hatten. Der Eintrittsvektor in den Hyperraum war extrem klein, er zwang den Piloten regelrecht, sich komplett auf den Autopiloten zu verlassen. Eine Abweichung von wenigen Metern und der Sprung wäre ein Trip ins Leere. Deacans Augenbrauen schoben sich leicht nach oben.
»Venice? Wie schnell können wir die Kontrolle über die Blades nach dem Verlassen des Hyperraums wieder erlangen?«
Die Antwort kam recht zögerlich.
»In der Regel sind es etwa zehn bis fünfzehn Sekunden. Selten etwas mehr.« Dem kurzen Augenblick der Stille folgte eine Frage. »Warum interessiert dich das?«
»Wenn wir im Petra-System ankommen, möchte ich so schnell als möglich wieder Herr über diese Technik hier sein. Bei meiner alten Maschine kannte ich den Zeitpunkt sehr genau... Aber dieses Monstrum hier hat wesentlich mehr Schub und die Massenträgheit wird uns wohl oder übel ziemlich weit in den normalen Raum schieben.«
Durch das Headset konnte man hören, wie Venice scharf die Luft durch ihre Zähne einsog.
»Ich weiß, worauf du hinaus willst. Dieser letzte Sprung wird etwas... sagen wir schneller sein als üblich. Rechnen wir es hoch, dann dürfte unsere Austrittsgeschwindigkeit etwa das sechs- oder siebenfache des Standards betragen.«
Deacans Finger flogen erneut über den Monitor, einige Daten und Formeln bauten sich auf...
Ein Techniker hatte den Söldner bereits an Bord der Dream mit dem Problem bekannt gemacht, er hatte auch gesagt, dass es einer langen „Schlittenfahrt“ ähneln wurde. Der Pilot schloss kurz die Augen, er holte tief Luft. Dann sah er noch einmal auf die Daten, die sein Bordcomputer errechnet hatte.
Kein Raum für Fehler...

*

Es war mittlerweile der vierte kleine Auftrag, den Teanna und Ivy zusammen mit ihrem neuen Flügelmann Ser Gutenhal in Angriff genommen hatten. Inhaltlich sah das ganze so aus, dass man zwei Shuttles zu einem nahegelegenen Sprungpunkt eskortieren sollte.
Einsatz mit minimalem Risiko. Nur die Zeit zog sich wieder einmal ins Unendliche. Hinzu kam die ständige Ungewissheit, ob nicht im nächsten Augenblick wieder jemand mit geladenen Lasern oder Raketen die frische Lackierung der Skecis ruinieren würde...
Aus den Augenwinkeln sah Ivy das Aufleuchten der Sprungtriebwerke der Shuttles, und ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
»So, das wären dann weitere tausendfünfhundert Credits fürs gemeinsame Konto. Ehrlich gesagt, so langweilig diese VIP-Transporte auch sind, sie bringen leichtes Geld.«
Obwohl Ivy das Gesicht von Teanna nicht sehen konnte war sie sich sicher, dass eine herrlich amüsante Grimasse ihren kleinen Kommentar begleiten würde.
»Ja ja ja. Ganz toll. Leichtes Geld, ohne Aufwand... ich weiß, ich weiß. Warum haben wir das nicht früher getan?«
Ivy lächelte jetzt noch breiter übers ganze Gesicht.
»Du weiß genau warum nicht. Unser beider Lebensstil verlangt halt nach etwas mehr an Geld. Oder haben wir jemals wirklich Gewinn eingefahren?«
»Nein, das haben wir nicht. Und ich glaube fast, dass wir das auch nie wirklich angehen werden.«
»So spricht nur der wahre Lebenskünstler. Kehren wir um? Oder willst du dich nach einer Zusatzprämie hier draußen umsehen?«
Das Wort „Prämie“ löste für gewöhnlich in Teanna einen kleinen Schub von Adrenalin aus, der zum einen meist dafür sorgte, dass man hinter Piratenmaschinen her jagte und zum anderen aber leider auch immer wieder den Umstand erzeugte, dass man im wilden Flug versuchte, seine liebgewonnene eigene Haut in Sicherheit zu bringen.
Teanna überflog ihr Bordradar, mehrere kleinere Kontakte waren darauf zu erkennen, kleinere Schiffe, ein älteres Shuttle und ein Transporter vom Typ Gea Transit . Mehr nicht.
»Die Gegend ist etwas zu ruhig für Prämien, liebste Ivy. Extras können wir hier draußen knicken. Also zurück zum Planeten.«
Die Skecis flog eine scharfe Kurve, und der Jäger flog wieder zum Ausgangspunkt zurück. Ivy nahm das abgebrochene kleine Gespräch wieder auf.
»Sag mal... was wollen wir eigentlich machen, wenn Sera Manley uns mit diesem einen Piloten weiter helfen kann? Ich meine, ziehen wir dann los und machen den Typen eigenhändig kalt?«
»Das werden wir entscheiden, wenn es soweit ist, Ivy. Nicht früher, nicht später und vor allen Dingen nicht jetzt und hier.«
»Magst nicht drüber nachdenken, oder?«
Teanna nickte mit dem Kopf als Bestätigung.
»Weißt du, mein Leben war bislang eher unkompliziert. Einfach und gradlinig. Bis vor kurzem jedenfalls... Es bedarf einiger Zeit, um sich an neue Umstände zu gewöhnen. Und ich für meinen Teil hasse Umstellungen jeglicher Art. Von daher...«

*

Ihr Schreibtisch sah mittlerweile so aus, als hätte eine zehnköpfige Gruppe von Bergarbeitern eine kleine Feier darauf veranstaltet. Unzählige Teller stapelten sich übereinander, zwei oder drei angebissene halbe Brötchen lagen auf Datenpads.
Und mittendrin hielt Manley ihre Stellung.
Einen lauwarmen Kaffee hielt sie in der linken Hand, mit der anderen bearbeitete sie eine Computertastatur und ihren Blick hatte sie starr auf einen Monitor fixiert. Seit nunmehr neun Stunden schon saß sie hier über Datenmaterial, und alles hatte mit einer kleinen Anfrage von Sera Tasker und Sera Banks begonnen.
Einen einzelnen Piloten aufzuspüren konnte doch nicht so derartig schwierig sein...
Manley hatte die Hauptregister der Schiffshändler durchforstet, um heraus zu finden, wer in den letzten Jahren eine Heretic mit der spezifischen Kennung verkauft hatte - doch ohne Erfolg. Von den insgesamt verkauften einhundertundvier Exemplaren konnte sie mühelos jede einzelne Maschine identifizieren, es fehlte keine einzige. Wo zum Henker kam also dieser Jäger her?
Manley beschloss, ihre Suche etwas auszudehnen. Vielleicht gab es ja mehr von solchen seltsamen Jägern im Tri-System?
Sie überlegte kurz und ließ dann ihre Hände geschickt und schnell über das Keyboard wandern. Leise sprach sie ihre Anfrage mit.
»Suchparameter erweitern. Bitte um Einbeziehung aller bekannten Jäger der folgenden Klassifikationen: Danrik, Faldari und Freij. Erbitte Datenabgleich Schiffsregister mit Zulassungen.«
Der Bildschirm wechselte seine Anzeige, ein kleiner Balken am unteren Rand des Displays zeigte der Agentin den Fortschritt der Datenübertragung an. »Wollen wir doch mal sehen, ob es weitere derartige teure Jäger mit toten Piloten gibt.« Leise sprach Manley diesen Satz aus, sie nippte am Kaffee und tastete nach einem der Brötchen, ohne ihren Blick vom Display zu wenden. Ihre Finger ertasteten den Aufstrich, sprich den Honig auf dem Brötchen, und keine zwei Sekunden später verschwand ein weiteres Stück von der kleinen Mahlzeit zwischen Manleys rotgeschminkten Lippen.
»Datenabgleich komplett. Zugang gewährt.«
»Na aber hallo, was haben wir denn hier?«
Die Agentin lehnte sich etwas vor, als würde sie nicht richtig erkennen können, was sich dort vor ihrer Nase aufbaute. Sechs, sieben, acht, neun, zehn Jäger erschienen auf dem Display. Allesamt waren sie aus dem Registern gestrichen worden, da ihre Piloten vom Diesseits ins Jenseits gewechselt hatten. Trotzdem waren diese Jäger wieder aufgetaucht und hatten sich an diversen Missionen beteiligt. Elf, zwölf, dreizehn, vierzehn - die Liste schien kein Ende nehmen zu wollen. Wie war dies möglich? Warum hatte keine der Überwachungsstationen der CIS dies hier mitbekommen? Bei Jäger Nummer einundzwanzig endete die Aufzählung... und Manley griff wieder zur Tatstatur.
»Datenabfrage: gibt es eine weitere Gemeinsamkeit dieser Jäger? Bitte bekannte Ziele, Flugrouten und Vorbesitzer einbeziehen.«
Wieder war der kleine „Ladebalken“ das Erste, das Manley zu Gesicht bekam. Sie verleibte sich den Rest des Brötchens ein und entdeckte dann die Honigspuren an ihren Fingerspitzen. Anstatt jedoch nach einer Serviette zu greifen, leckte sie kurzerhand mit sichtlicher Genugtuung die süßen Überbleibsel ab. Wieder kehrte das Display zur alten Anzeige zurück.
»Datenabgleich komplett. Zugang gewährt.«
Manley wirkte fassungslos.
Konnte das stimmen, was dort stand? Sie stand auf, griff nach ihrem MACS, überspielte die Daten und verließ im Eiltempo den Raum - natürlich nicht, ohne auch noch die letzten beiden Brötchen ihrer Bestimmung zuzuführen...
 

Deacan

Commodore
part 78

*

»Zeit bis zum Sprung?«
Deacans Bordcomputer Danni antwortete mit gleichbleibender Stimmlage.
»Zehn Minuten, fünfundzwanzig Sekunden bei derzeitiger Geschwindigkeit.«
Die vergangenen gut zwei Stunden waren völlig ruhig verlaufen. Es herrschte nur geringer Schiffsverkehr rund um Petra und selbst eine Milizstreife vor wenigen Minuten hatte an den beiden Jägern nichts besonderes entdecken können - zu groß war die Entfernung und die falschen Sensorwerte der Blades trugen zur perfekten Täuschung bei.
»Venice, wenn das hier funktioniert, dann erinnere mich bitte daran, dass Ser Arris mir mehr als nur einen großen Gefallen schuldig ist.«
»Ich schätze mal, dass Arris das nur zu gut selber weiß... Und es wird mit Sicherheit einen ziemlichen Upload auf dein kleines privates Konto geben. Immerhin war Ser Arris bislang immer mehr als großzügig.«
Ein schiefes Lächeln zierte Deacans Gesicht.
»Eigentlich will ich ja nur meinen alten Jäger zurück haben... und wieder ein normales Leben führen.«
»Es ist schon eigenartig, dass das, was wir als normal empfinden, Andere an unserer Stelle als abartig bezeichnen würden. Auf andere Menschen zu feuern...«
»Wenn wir's nicht tun, dann macht es halt ein anderer. Und der hat vielleicht weniger Skrupel bei der Wahl des Ziels.«
Das Schweigen im Headset erschien dem Privateer wie eine Bestätigung seines letzten Satzes. Er ging nochmals alle Möglichkeiten durch, zeichnete vor seinem geistigen Auge selbst die schlimmsten Szenarien kurz ab... und beendete seine kleinen gedanklichen Ausflüge recht abrupt wieder. Sein Gedankenspiel lenkte ihn nur ab, es zog seine Aufmerksamkeit komplett auf sich und war daher eher kontraproduktiv. Sicher, Angst konnte auch die eigenen Sinne schärfen... nur wollte Deacan sich nach Möglichkeit nicht von ihr beherrschen lassen. Denn Angst senkt auch die Bereitschaft zum Risiko...
Fünf Minuten.
Auf den Displays wurde jetzt die theoretische Position des instabilen Sprungpunktes angezeigt. Im All war freilich nichts zu sehen - warum auch sollte man eine Sprungboje setzen, wenn der Trip ins Nirwana führen könnte? Deacan rückte das kleine Mikrophon des Headsets zurecht.
»Okay... ich übergebe jetzt dem Bordrechner die Steuerung. Fertig?«
»Fertig, warte nur auf dein Kommando.«
»Dann los!«
Beide Jäger reagierten umgehend, kleine Kurskorrekturen wurden eingeleitet, die Triebwerksleistung auf etwa sechzig Prozent gedrosselt. Eine wahre Datenflut lief über die kleinen Displays im Cockpit, ständig errechnete der Computer die Lage des Sprungpunktes neu und richtete die Jäger entsprechend neu aus.
Kein Raum für Fehler.
Einen Punkt mitten im Raum zu finden, war alles andere als einfach. Man benötigt mindestens drei konstante Punkte, die nach Möglichkeit absolut unveränderlich sind. Zwei derartige Punkte waren hier vorhanden, in Form von normalen, sprich regulären Sprungbojen. Punkt Nummer drei bereitete etwas Kopfschmerzen - es war ein kleiner Satellit der CIS, der für Kommunikationsaufgaben gedacht war. Seine Position konnte zuvor nicht genau berechnet werden und nun mussten Deacan und Venice diese Arbeit ihren Bordcomputern überlassen...
Drei Minuten.
Deacans Bordrechner korrigierte ein weiteres Mal die Flugbahn, zeitgleich gab seine Maschine vollen Schub. Die Blade von Venice schloss sich dem neuen Kurs an und beschleunigte ebenfalls aufs Maximum.
»Wenn du noch was Wichtiges zu sagen hast, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt es zu tun.«
Deacans Satz war als kleine Aufmunterung gemeint und Venice schien dies auch zu verstehen.
»Der nächste Barbesuch geht auf meine Kappe.«
Ein leises Lachen war im Headset zu hören.
»Sagst du das, weil unsere Chancen so gut stehen, dass es wahrscheinlich nie zum nächsten Glas Bier kommen wird?«
»Das war eher als ultimative Aufforderung gemeint, am Leben zu bleiben. Auf diese Weise hast du etwas, was noch offen ist... also bitte denke dran, du bestellst, ich bezahle.«
Im Headset machte sich ein seltsames Rauschen breit, offenbar schienen die langsam zunehmenden Gravitationskräfte die Funkverbindung zu stören.
»Aha, es geht also los. Alle Systeme sind im grünen Bereich... noch.«
Mit der rechten Hand überprüfte Deacan ein letztes Mal seine Gurte und brachte seinen Sitz in eine möglichst bequeme Position. Das Hauptdisplay der Blade schaltete um, die große Sektorenkarte verschwand, dafür zeigte sich eine Detailkarte des Sprungpunktes und die ständig geringer werdende Entfernung wurde angezeigt.
Eine Minute.
Ein leichtes Rütteln durchzog den gesamten Jäger, vergleichbar war es am besten mit einem hohen Atmosphärenflug. Das Rauschen im Headset wurde unerträglich, die Sicherungssysteme gingen online, die gesamte Schiffskommunikation wurde deaktiviert. Der Zustandsmonitor für die Schildenergie begann zu flimmern, man konnte aber noch erkennen, dass es zu Energieabweichungen kam.
»Bleibt ja in Funktion...«
Danni startete einen kleinen Countdown.
»Zehn, neun, acht...«
Deacan atmete ruhig aus, er schloss kurz die Augen. »...sieben, sechs, fünf, vier.«
»Drei, zwei, eins und los!«
Deacans Aufzählung war etwas schneller als die Ausführungen von Danni. Er griff mit beiden Händen an den Steuerknüppel. Bewegen konnte er diesen nicht, aber er brauchte in diesem Moment einfach etwas in den Händen...
Ein leises Summen hinter seinem Rücken verriet dem Piloten, dass sich das Hyperraumtriebwerk nach Plan aktiviert hatte und er an der Schwelle zum Sprung stand. Der Söldner wartete auf den Wechsel, auf das Schwarz des Hyperraums. Die Sterne umher verschwanden, aber das gewohnte Schwarz der Umgebung wurde von einem seltsamen grauen Schleier durchzogen – die Auswirkungen des nahen Sterns trugen dazu bei. Und ruhig war dieser Sprung auch nicht, der Jäger vibrierte stärker als erwartet. Deacan sah sich um, er suchte seine Partnerin Venice. Er entdecke ihre Maschine am gewohnten Platz, auch sie hatte den Übergang in den Hyperraum geschafft.
In knapp vierzig Sekunden würde sich zeigen, wie gut die Mathematiker und Techniker der Dream gearbeitet hatten...

*

Sanft setzte die Skecis in Raumhafen auf, das Cockpit schwang auf, ein Techniker schob eine Leiter an die Bordwand des Jägers und verschwand anschließend wieder hinter einem Hangartor, wo offensichtlich Arbeit auf ihn wartete. Als erstes setzte Ivy wieder einen Fuß auf die Erde, Teanna folgte nur Sekunden später und wäre ihrer Partnerin dabei fast auf die zierlichen Füße getreten.
»Ups. Na ja, beinahe...«
Ivy zog die Augenbrauen hoch.
»Beinahe? Soll das heißen, das war geplant?«
Teanna verzog keine Miene.
»Du weißt doch, Alles sollte gut geplant und durchdacht sein. Wie gesagt: ups. Na ja, beinahe. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«
Zum Teil leicht verärgert, zum anderen Teil aber auch leicht belustigt stieß Ivy ihre Partnerin leicht in die Seite. Eine kleine freundschaftliche Stichelei, wie sie so oft zwischen den beiden ausgetragen wurde. Teanna legte ihre Hände auf Ivys Schultern.
»Jetzt etwas zu trinken, etwas zu essen, eine nette Massage, ein großes Bett und einen geheimnisvollen Sponsor, der einen regelmäßigen Upload auf mein Konto vornimmt... Und alles wäre perfekt.«
Ivys Gesicht erstarrte plötzlich. Ihre Augen schienen auf ein Ziel fixiert zu sein und ihr Gesichtsausdruck schien zu bedeuten: Ärger im Anflug. Teanna brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte.
»Okay, ich werde mich jetzt nicht umdrehen. Sag einfach, was du siehst.«
»Einen netten Zeitgenossen, der uns wohl was sagen will. Ach ja - er scheint der Auffassung zu sein, dass wir nicht richtig zuhören, darum hat er wohl auch einen netten kleinen Blaster dabei.«
»Ivy... wenn das jetzt ein Scherz...«
Doch weiter kam sie gar nicht, jemand schnitt ihr das Wort einfach ab.
»Dies ist kein Scherz, Sera Tasker. Dürfte ich Sie bitten, mir zu folgen?«
Langsam drehte sich Teanna um. Etwa drei Meter entfernt stand ihr „Gesprächspartner“. Ein junger Mann, etwa zwanzig Jahre alt. Er trug die üblichen Klamotten eines Privateers, eine Lederjacke, dunkle Hosen, ein MACS zierte seinen Hosenbund. Und er war blond, strohblond um genau zu sein. Teanna zog eine bemerkenswerte Grimasse, wie sie nicht besser hätte sein können. Es war eine Mischung aus Verachtung und Belustigung, gepaart mit dem erstaunten Blick eines Menschen, der zum ersten Mal sein Spiegelbild entdeckt.
»Sehen Sie, da gibt es ein Problem. Mein Vater hat mir schon als Kind gesagt, gehe nie mit fremden Männern mit. Nicht wahr, Paps?«
»Allerdings.«
Eine raue Stimme mischte sich ins Gespräch ein - Ser Gutenhal. Er war vor Teanna und Ivy gelandet und hatte das Geschehen beobachtet. Jetzt stand er hinter dem Neuankömmling. Und Gutenhal war nicht nur groß, er war auch erstaunlich schnell. Seine riesige Hand schlug dem Unbekannten die Waffe aus den Händen, ein zweiter Schlag erwischte dessen Hinterkopf, dann packte er im Nacken zu. »Hallo. Ich bin Paps. Sie wollen also etwas von meinem süßen kleinen Engel?« Ein breites, unnatürliches Grinsen wanderte über Gutenhals Gesicht und stand damit im wundervollen Kontrast zum Ausdruck im Gesicht des jungen Privateer.
Teanna hob dessen Waffe auf.
»So, jetzt bin ich ganz Ohr. Sie wollten sich doch mit mir unterhalten? Oder mit uns?«
Teanna warf einen Blick auf Ivy und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann musterte sie den jungen Söldner etwas eingehender und ihr fiel eine Zeichnung auf, welche den Handrücken des Mannes zierte. Auch Gutenhal entdeckte das Tattoo... das hier war ein Kiowan, diese Zeichnung war eindeutig!
»Wer sind Sie? Und was wollen Sie von uns?«
Anstatt eine Antwort zu geben, ballte der Söldner seine linke Hand zur Faust, Teanna und Ivy hörten ein leises Knacken, als ob jemand Glas zerdrückt hätte. Der Körper des Kiowan verkrampfte sich erst, dann sackte er in sich zusammen, Gutenhal ließ ihn los und der Fremde fiel auf den Boden.
»Was in aller Welt...?«
Teanna trat einen Schritt nach vorn, ihr Blick blieb an der geschlossenen Hand des Kiowan hängen. Eine blaue Flüssigkeit tropfte von dort auf den Asphalt, gemischt mit Blut. Gutenhal griff zum eigenen MACS, er sah sich die Substanz etwas genauer an. Er öffnete dazu die verkrampfte Hand des Söldners.
»Ein Neurotoxin, er ist tot.«
»Was? Warum?«
Gutenhal durchsuchte die Sachen des Mannes, fand aber nur dessen MACS und nahm das Gerät näher in Augenschein.
»Offenbar hatte er diese kleine Ampulle die ganze Zeit in der Hand und war darauf getrimmt, das zu tun, falls er in eine solche Lage kommt. Ein sehr loyaler Mitarbeiter würde ich sagen. Tja, das Ding hier ist gesichert, da werden wir nicht so ohne weiteres herankommen.« Er legte das Gerät des Söldners wieder an seine alte Stelle zurück. »Hört mal... wenn ihr zwei irgendwelche guten Freunde habt, so solltet ihr sie jetzt in Anspruch nehmen.«
Gutenhal zog den Satz etwas in die Länge, er betonte das Wort Freunde dabei besonders. Freunde... Gut gesagt, aber wer kam da überhaupt in Frage. Gutenhal? Vielleicht. Aber er war nur ein Flügelmann auf Zeit, eine gemietete Person gewissermaßen. Teanna griff zu ihrem MACS und aktivierte das Gerät.
»Eine Verbindung zu Sera Dana Manley aufbauen.«
Dann sah sie in die Gesichter ihrer Freunde. »Wir haben mehr als nur ein Problem.«

*

»Warnung! Verlassen Hyperraum, Toleranzgrenze der Austrittsgeschwindigkeit überschritten. Warnung!«
Deacans Bordrechner wiederholte diese Sätze ein zweites und ein drittes Mal. Die Sterne waren schlagartig wieder da, Deacans Augen suchten fieberhaft die Umgebung ab - nach Schiffen der Kiowan. Da er nicht genau wusste, wo genau er und seine Begleitung das Petra-System betreten hatten, war er auf das Schlimmste gefasst.
Doch nichts passierte... keine Gegner in der Einflugschneise, kein Aufheulen der Raketenwarnung und sein Bordrechner Danni blieb ebenfalls stumm. Nur anhalten musste man jetzt noch irgendwie - die Schlittenfahrt hatte eben erst begonnen. Die Bordinstrumente der Blade versuchten sofort, eine Positionsangabe zu machen, sahen sich aber aufgrund der hohen Geschwindigkeit der Jäger dazu außerstande. Das Vibrieren des Jäger wurde nicht weniger und Deacans Hände hielten krampfhaft das Steuer fest. Ein kleiner Fehler jetzt, wenn der Autopilot die Flugsteuerung wieder an Deacan zurück gab und der Ausflug würde sein Ende bereits an dieser Stelle finden.
Noch leuchtete das Autopilotsignal im Cockpit hell auf, noch hatte die Maschine die Kontrolle über ihre Bewegungen. Deacans linke Hand griff nach der Schubsteuerung, dies war derzeit das wichtigste Steuerungselement der Blade. Bremstriebswerke zünden und darauf hoffen, das es den Jäger nicht zerreißt.
Beide Jäger flogen mit dem insgesamt sechsfachen der normalen Höchstgeschwindigkeit. Die Trägheitsdämpfer sorgten dafür, dass beide Piloten noch in ihren Sitzen verweilen konnten. Das plötzliche Abbremsen würde dann zur Belastungsprobe für Mensch und Technik werden.
»Autopilot offline.«
Deacan nahm Dannis Stimme nur am Rande wahr, er schob den Schubregler der Triebwerke voll zurück... und wurde mit Gewalt nach vorne katapultiert. Die Gurte schnitten sich schmerzhaft ins Fleisch, die Luft entwich schlagartig aus seinen Lungen. Das Headset löste sich vom Kopf des Piloten, flog nach vorn und knallte gegen das Glas der Cockpithaube.
Die Trägheitsdämpfer versuchten sofort den gewaltigen Ruck zu kompensieren - aber dieser Wechsel der Bewegungsabläufe war einfach zu viel für die Systeme.
Anhalten. Einfach stehen bleiben, mehr wollte Deacan nicht.
Und er musste möglichst schnell zum Stillstand kommen, wie gesagt wusste er nicht, wie weit er von seinem Ziel entfernt ins System gesprungen war, zudem kostete langsames Absenken der Geschwindigkeit Unmengen an Treibstoff und Zeit... mit dieser rabiaten Methode gab er einmal kurz vollen Umkehrschub...
Die Piloten benutzten hierzu Treibstoff, der speziell für diesen Zweck an Bord war - und eigentlich nur für Notfälle vorgesehen war. Normalerweise griffen Piloten auf die Standarttanks in ihren Maschinen zurück und nutzten die normalen Triebwerke, um ihre Geschwindigkeit zu verringern.
Die Geschwindigkeit sank Zusehens.
Fünfhundert, Vierhundertfünfzig, Vierhundert Meter pro Sekunde. Sichere Reisegeschwindigkeit. Als Deacans Jäger dann letztlich zum Stillstand kam, schoss Venice nur haarscharf an seiner Maschine vorbei. Sie zog eine enge Kurve und es sah fast so aus, als hätte sie diese Exkursion ins Reich der Superlative auch noch genossen. Hastig griff Deacan wieder zum Headset, er überprüfte kurz die Verbindung zum Bordrechner.
»Venice? Alles okay?«
Ein leises Stöhnen verriet dem Privateer, dass nicht alles so verlaufen war, wie er sich das vorgestellt hatte.
»Ich habe mir wohl ein paar Rippen angebrochen, bin gerade dabei, mir ein Schmerzmittel zu verabreichen. Der Jäger scheint aber okay zu sein.«
»Kann ich was tun?«
Einen Moment lang herrschte absolute Ruhe.
»Such du nach dieser blöden Relaisstation. Ich hoffe, dass die eine Krankenstation haben.«
Deacan wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Er vermutete, dass es Venice weitaus schlimmer erwischt hatte, als sie zugeben wollte.
»Kannst du fliegen? Soll ich deine Maschine via Fernsteuerung übernehmen?«
»Das könnte dir so passen, mich abzuschleppen, was? Der Held mit Beute im Gepäck. Nein, es geht. Und jetzt suche diese Station.«
Deacans Bordcomputer hatte bereits mit der Positionsbestimmung begonnen, die Sensoren suchten die Sprungbojen im Petra-System, um eine erste grobe Position zu bekommen. Auf einem Display baute sich eine Sektorenkarte von Petra auf und nur Sekunden später zeigte ein kleiner roter Punkt die ungefähre Position des Teams an. Sie waren dichter an die Station heran gekommen, als sie ursprünglich erwartet hatten.
»Eines muss ich zugeben, eure Typen mit den Rechenschiebern verstehen ihr Handwerk ganz gut. Wir sind auf Kurs. Die Station liegt etwa fünfzehn Minuten von unserer gegenwärtigen Position entfernt. Ich übermittle dir den Flugplan.« Venice atmete hörbar auf.
»Fünfzehn Minuten bis zu einer großen heißen Tasse Tee oder einem verlassenen kalten Ort. Gehen wir's an.«
Beide Jäger schwenkten auf das neue Ziel ein und beschleunigten auf vollen Schub.
Je näher das Duo an die Station heran kam, um so ruhiger wurde Deacan. Hatte er anfangs noch gewisse Bedenken in sich getragen, unter anderem wie zum Teufel er den Leuten auf dieser Basis klar machen sollte, dass er kein Pirat war und was er dort eigentlich suchte, so beschäftigte ihn im Augenblick eher die Frage, wie es um Venice stand. Trotz all ihrer Bemühungen konnte Deacan deutlich hören, dass sie vor Schmerzen kaum Luft bekam...
Langsam zeichneten sich die Umrisse der Relaisstation ab, schwach wurde ein Teil des Lichts des Systemsterns von dem Stahlkoloss reflektiert. Die Basis selbst bot einen arg traurigen Anblick und bestand aus zwei großen Hangarbereichen im unteren Teil sowie Wohn- und Arbeitsquartieren im oberen Bereich. Keines der vielen kreisrunden Fenster war beleuchtet und keinerlei Leben rührte sich dort. Deacan aktivierte die Scanner seiner Blade.
»Laut Sensoren arbeiten die internen Lebenserhaltungssysteme noch, zudem bekomme ich schwache elektronische Impulse herein, wahrscheinlich von aktiven Computern. Ansonsten ist alles ruhig...«
Der Söldner überlegte einen Augenblick, dann schwenkte er seinen Jäger ein wenig, um im Vorbeiflug einen ausgiebigen Blick auf die Station werfen zu können. Ein paar Geschütztürme schienen alles zu sein, das dieser Basis im Falle eines Kampfes zur Verfügung stand. »Kriegen wir die Hangartore auf?« Venice antwortete prompt.
»Kein Problem, das dort ist Steinzeittechnik... ich überbrücke eben die Sicherungssysteme, dauert nur einen kleinen Augenblick.«
Venice stoppte ihren Jäger und aktivierte die Sensorenphalanx der Maschine. Ihr Partner blieb in der Nähe und flog in einigen Kilometern Entfernung zur Sicherheit ein paar Runden, dabei scannte er die Umgebung besonders intensiv auf Wärmespuren, wie sie beispielsweise von Jägern hinterlassen werden.
Venice brauchte etwa zwei Minuten, um sich in die veralteten Computer der Basis einzuloggen. Anschließend öffnete sie eines der Hangartore. Ein Druckausgleich war nicht erforderlich, da hier - wie für Anlagen oder Schiffe der CIS üblich - ein Kraftfeld die Luft im Inneren des Hangars hielt.
»Bitte sehr, nach dir.«
Deacan beendete seinen Beobachtungsflug und steuerte den Hangar an. Er aktivierte die Landescheinwerfer der Blade und flog langsam ins Innere der Basis...
Im Lichtkegel der Scheinwerfern blieb alles regungslos, nur ein wenig Staub wirbelte auf, als Deacan das Kraftfeld durchflog. Er schwenkte seinen Jäger ein wenig nach links, um auch den Rest der Hangaranlage sehen zu können. Dann fuhr er kurzerhand das Fahrwerk der Blade aus und setzte den Jäger behutsam auf. Die Triebwerke der Blade verstummten.
»Venice? Anflug frei, komm rein. Wenn noch jemand hier ist, weiß er spätestens jetzt, dass wir da sind. Es sei denn, derjenige ist stocktaub.«
»In Ordnung, bin auf dem Weg.«
Nur Augenblicke später setzte die zweite Blade im Hangar auf. Die Cockpits öffneten sich und beide Piloten atmeten tief die Luft ein, die für Deacans Geschmack allerdings etwas zu dünn war... und abgestanden wirkte. Zudem war sie eiskalt, man konnte jeden Atemstoß deutlich sehen.
Geschickt kletterte Deacan aus seiner Maschine und begab sich im Laufschritt zu Venice. Er entdeckte eine kleine Leiter, die an einer Wand lehnte und schob diese an ihren Jäger heran, dann kletterte er flugs die einzelnen Stufen hinauf.
»Wie sieht es aus?«
Deacan strich seiner Partnerin ein paar Haare aus der Stirn.
»Es geht schon, es tut einfach nur weh.«
Das krampfhafte Lächeln, das Venice auf ihren Lippen hatte, bestätigte zumindest den zweiten Teil ihres Satzes.
»Warte hier, ich werde mal sehen, was sich finden lässt. Und Finger weg von den Gurten, hörst du? Bleib sitzen«
»Schon gut, ich werde es versuchen. Aber bitte beeil dich ein wenig.«
Deacan stieg hastig die Stufen der Leiter hinab. Er nahm sein MACS vom Mantelkragen und wollte gerade den Scanmodus aktivieren, als er sich im starken Lichtstrahl einer Halogenlampe wiederfand. Zudem tauchten zwei winzige rote Lichtpunkte auf, wie sie für Zielpunktprojektoren typisch waren. Diese Lichtpunkte wanderten an Deacans Körper aufwärts und verharrten schließlich auf seiner Brust.
»CIS! Bleiben Sie dort stehen und rühren Sie sich nicht von der Stelle.«
 

Deacan

Commodore
part 79

*

Manley hatte sich in einen speziellen Konferenzsaal der CIS–Zentrale von Serca begeben - hier war sie ungestört und Gespräche nach draußen waren absolut abhörsicher. Und gerade Letzteres war im Augenblick für sie mehr als nur wichtig.
»Computer, den Raum verschließen und isolieren.«
Die im Hintergrund vernehmbaren Geräusche zeigten an, dass der Raum hermetisch abgeriegelt wurde. Die Wände des Saales - der etwa vierzig Meter in der Länge und gut zehn Meter in der Breite maß - waren mit unzähligen riesigen Monitoren bestückt. In der Regel fanden hier wichtige Gespräche zwischen den einzelnen Flottenkommandanten statt, hier wurden Flottenbewegungen für den Sektor rund um Serca koordiniert, hier wurden einzelnen Schiffe Befehle erteilt. Manley aktivierte einen der Bildschirme. »Verbindung zu Ser David Hassan aufbauen, Priorität Stufe Eins.«
Nur Sekunden später erschien das Gesicht ihres Vorgesetzten, es wirkte überdimensional auf dem großen Bildschirm.
»Ich hoffe es ist wichtig, Manley.«
Die kurze Pause schien Hassan zu nutzen, um tief Luft zu holen. »Ich bin gerade dabei, mir Ausreden für unsere Damen und Herren Senatoren auszudenken. Offenbar gibt es inzwischen ein regelrechtes Chaos in deren Vorzimmern. Also?«
»Ser, ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen. Etwas, das auch Ihr Interesse wecken wird.«
Diesmal war es Manley, die eine kleine schöpferische Pause einlegte und hörbar Luft holte. »Vor etwa zehn Monaten wurde vom Planeten Crius aus eine kleine Kampagne ins Leben gerufen, die den Schutz der Handelsrouten zwischen Anhur und eben Crius sicherstellen sollte. Ich denke mal, dass Sie sich daran erinnern?« Hassan schien kurz zu überlegen.
»Sicher. Fahren Sie bitte fort.«
»Nun, diese Aktion ist noch immer in vollem Gange aber... innerhalb der besagten zehn Monate wurden insgesamt einundzwanzig Söldner getötet.«
Hassans Blick wirkte kühl und distanziert.
»Soll vorkommen. Und?«
»Ser - diese Piloten, oder besser gesagt die Jäger, wurden nicht aus den Registern gestrichen, sondern sie sind immer noch unterwegs. Und sie haben sogar eine Art Operationsbasis. Planet Petra.«
»Wie bitte?«
Manleys Vorgesetzter glaubte sich verhört zu haben.
»Ich habe noch mehr gefunden. Es gab mehrere Anfragen von Ser Allan Tasker - dem ehemaligen Kommandanten der CIS auf Petra - bezüglich einiger dieser Maschinen. Die große Frage hierbei ist nun: warum haben wir diese Anfragen niemals auf unsere Schreibtische bekommen? Ich habe Teile dieser Briefe in Dateien gefunden, die als abgeschlossen und archiviert klassifiziert worden sind! Und das Beste daran ist, dass Ihre Unterschrift darunter steht...«
Manleys Stimme wurde am Satzende etwas leiser, es hatte den Anschein als würde sie nicht aussprechen wollen, was sie herausgefunden hatte. Nur ihr Blick blieb am Bildschirm haften, sie fixierte sich auf die Gesichtszüge ihres Vorgesetzten, musterte seine Regungen - als könnte sie dort lesen und eine Antwort finden.
Ser Hassan schien für einen kurzen Augenblick zu erstarren, selbst ein Lidschlag war nicht auszumachen. Seine Augen schienen an Manley vorbei zu gleiten, sein Blick verlor sich irgendwo im Raum hinter ihr. Nach einigen Sekunden der Stille kehrte das Leben in Hassans Gesicht zurück, er schloss die Augen, seine Stimme erklang kaum vernehmbar durch die Lautsprecher.
»Packen Sie alles zusammen. Vernichten Sie eventuelle Kopien der Daten die Sie haben und kommen Sie umgehend zur Flotte zurück. Bringen Sie ihre Freunde nicht mit – auch wenn es Ihnen schwer fällt. Wir werden aber die Blades abholen, ich bin mir sicher, dass Ser Arris verstehen wird, warum wir seine Jäger in Sicherheit bringen müssen.«
«Ser, diese Diskussion hatten wir doch schon. Ich werde hier nicht weggehen, ich kann nicht weg. Verstehen Sie das denn nicht?«
»Wie viele sind sie denn noch? Tron ist tot. Drake ist tot. Sera McCumber ist nun wahrlich kein großes Talent als Pilot. Ich habe ihre offizielle „Flugakte“ hier vorliegen und diese Daten sprechen nicht unbedingt für ihr Können hinter dem Steuerknüppel. Und was diese Sera Dawson angeht: wir haben nichts Relevantes über ihre Vergangenheit finden können. Sie ist wie ein Gespenst...«
Manley glaubte sich verhört zu haben.
Ser Hassan hatte ihr Team durchleuchtet, er hatte sich die Akten und Daten von jedem Einzelnen durchgesehen. Nur – warum? Warum dieser plötzliche Sinneswandel? Innerhalb weniger Stunden?
»Was ist passiert?«
Die Agentin fragte direkt nach. Und erhoffte sich eine direkte Antwort.
»Ich habe etwas erhalten Manley. Etwas was mir zu denken gegeben hat. Sie werden es verstehen, wenn Sie wieder hier sind. Vertrauen Sie mir?«
Obwohl Manley wusste, dass Hassan sie nicht sehen konnte - seine Augen waren noch immer fest geschlossen - nickte sie als Bestätigung. Hassan sprach dann noch das aus, was auch in ihren Gedanken inzwischen fest verankert war. »Wir haben mehr als nur eine undichte Stelle.«
»Ser?«
Hassans Augen öffneten sich ein wenig, er flüsterte einen letzten Satz.
»Wir schlagen zu. Egal was die unsere noble Politik hierzu sagt...«
Manley sah und hörte, wie ihr Gesprächspartner diverse Befehle an seine Brückenoffiziere gab, danach erhielt sie von ihm noch einen Satz mit auf den Weg, den sie schon so oft gehört hatte. »Vertrauen Sie niemandem. Brechen Sie einfach ohne viel Aufsehen Ihre Zelte ab und stellen Sie ihr MACS bitte offline - Sie sind ab sofort für niemanden mehr erreichbar. Bis dies hier vorbei ist...«
Es schienen einige Worte zur Beendigung des Satzes zu fehlen, und Ser Hassan schien genau diese Worte zu suchen. Nach einigen Sekunden des Schweigens nickte er seiner Agentin zu, dann unterbrach er die Kommunikation.
Es war wohl besser, wenn einige Dinge unausgesprochen blieben.

*

Wenn Deacan eines wirklich hasste, dann war es, warten zu müssen.
Wie viele Minuten stand er jetzt wohl schon im Licht dieser Lampe, die auf einen Blasterlauf montiert war und dem Schützen die Sicht verbessern sollte. CIS also... es gab also doch noch Überlebende im Petra-System, die keine Kiowan waren. Eine eigentlich recht gute Nachricht - das Problem bestand jetzt darin, eben jenen Überlebenden zu erklären, wer man war und was man wollte. Und warum man mit Jägern des großen Clan hierher gekommen war.
Ach ja, das Wichtigste natürlich zu Schluss: wie man als Toter noch unter den Lebenden verweilen konnte... Deacan wusste, dass seine Akte in den offiziellen Datenbanken als geschlossen galt. Er war halt tot. Zumindest hielt man ihn dafür.
Der Privateer zog ein „was-jetzt?“-Gesicht in Richtung der Leute vom CIS.
»Kaffee?«
»Was?"«
»Kaffee. Ich hätte ganz gerne einen Kaffee. Schwarz, zwei Stück Zucker. Wissen Sie, ich bin schon etliche Stunden auf den Beinen, ich habe einen Wahnsinnstrip hinter mir, meiner Partnerin dort drüben in der zweiten Maschine geht es alles andere als gut und ich habe Kopfschmerzen. Reden wir?«
Die anhaltende Stille im Hangar wurde langsam lästig. »Bei einem Kaffee vielleicht?«
Deacan senkte jetzt einfach seine Arme nach unten, er hatte diese seit dem ersten Kontakt mit der Besatzung der Basis vorsichtshalber gen Himmel gehalten - einige würden das wohl als Kooperation bezeichnen, Deacan nannte es schlicht und einfach „System-gegen-das-über-den-Haufen-geschossen-werden". Er zeigte auf die Blade von Venice. »Hören Sie, meine Partnerin dort drüben ist verletzt, sie braucht medizinische Hilfe. Wenn Sie ihr nicht helfen wollen, dann gestatten Sie wenigstens mir, das zu tun. Einverstanden?«
Wieder Stille, wieder keine Antwort. Entweder waren diese Leute sprachlos über die Dreistigkeit des Besuchers, oder sie waren einfach nur unschlüssig darüber was sie tun sollten. »Ich werde jetzt zu diesem Jäger gehen, okay?«
Das „okay“ klang sehr befremdlich aus Deacans Mund, er zog es extrem in die Länge. Einen ersten Schritt Deacans in Richtung Jäger folgte ein zweiter, dann ein weiterer. Kein Schuss fiel, kein Wort wurde gesprochen.
Aber die beiden roten Punkte verschwanden von seiner Brust, man zielte also nicht länger auf ihn. Zwei Gestalten lösten sich aus dem dunklen Hintergrund, sie liefen ebenfalls auf die von Deacan angesteuerte Blade zu. Nahezu zeitgleich erreichte man den Jäger. Der Söldner ließ den beiden jedoch den Vortritt, gewissermaßen als Zeichen seines guten Willens und als Beweis dafür, dass er nichts Negatives im Schilde führte. Einer der beiden schien wohl zumindest ein paar Semester Medizin erlebt zu haben, er musterte Venice, überprüfte ihren Puls und rief nach seinem Kollegen.
»Doc? Wir brauchen eine Trage hier.«
Eine weitere Person erschien auf der Bildfläche, eine junge Frau, vielleicht Anfang Zwanzig. Sie trug den typischen grau-schwarzen Overall der Miliz, aber zusätzlich zierte das Emblem der medizinischen Einheiten ihre Kleidung. Sie würdigte Deacan keines Blickes, ging schnurstracks an ihm vorbei und klettere auf die Leiter, um sich ihrer Patientin zu widmen.
»Haben Sie einen Namen?«
Einer der beiden Schützen baute sich vor Deacan auf und versuchte dabei, eine gewisse Autorität auszustrahlen.
»Da wären wir bereits beim ersten Problem.«
Deacan versuchte sich in einem Lächeln der freundlichen Art, er war sich aber nicht sicher, ob dies auch so gelang.
»Problem? Was für ein Problem kann hinter einem Namen stecken?«
»Eigentlich keines. Nur bin ich, nun ja sagen wir einfach: nicht mehr so ganz aktiv unterwegs.«
Das Lächeln auf Deacans Gesicht wurde größer und breiter. Sein Gesprächspartner zuckte nur mit den Schultern.
»Nun gut. Können Sie mir wenigstens sagen, was Sie hier wollen?«
Der Privateer nahm sein MACS vom Mantel, er aktivierte das Gerät, öffnete eine Datei und hielt es seinem Gesprächspartner unter die Nase.
Dieser verstand sofort, was er da sah. »Kommen Sie mit, hier entlang.«
Die kleine Basis verfügte über keinerlei Brücke oder Kommandozentrale im eigentlichen Sinn, daher begab man sich in die Kantine, oder besser in die Messe, wie der Speisesaal von den Militärs genannt wurde. Auf den Weg dorthin warf Deacan einen intensiven Blick in die Gesichter der Besatzung, insofern diese seinen Weg kreuzten.
Viele hier waren noch blutjung, der Grossteil hatte wohl noch nicht einmal die Schulbank der Militärakademie wirklich verlassen. Rekruten oder Rookies...
Die Messe war sehr spartanisch ausgestattet, einige wenige Tische, keine echten Stühle sondern kleine Hocker... mit Ausnahme eines Monitors an der Wand, waren die Wände völlig kahl. Zudem wirkte der Raum irgendwie schmutzig, offenbar hatte die Besatzung andere Sorgen, als täglich Staub zu wischen.
Man bot Deacan einen Platz an, aber er winkte nur dankend ab.
»Schon vergessen? Einen Kaffee wollte ich doch haben...«
»Aber sicher doch.«
Ein Mann in Technikeruniform verschwand im hinteren Küchenbereich und tauchte nur Sekunden später mit einer großen Tasse auf, der seltsame Gast nahm das Getränk in Empfang.
»Sie haben Ihren Kaffee. Reden wir.«
Deacan holte kurz tief Luft, ordnete für einen Augenblick seine Gedanken. Wo am besten beginnen? Was konnte, nein – was sollte er diesen Leuten hier sagen?
»Zunächst einmal: wir sind nicht die netten Samariter. Wir können Sie nicht von hier ausfliegen. Wir haben kein Shuttle, wir haben keinen Transporter. Wir haben nur einige Informationen.« Deacan nutze eine kurze Pause um einen Schluck vom Kaffee zu nehmen. »Auf der Gegenseite hoffen wir auf Informationen von Ihnen.«
Der Söldner legte sein MACS auf den Tisch, er schob es dem jungen CIS-Offizier in die Hände. »Hier steht Einiges, das Sie interessieren dürfte. Die Herkunft der Jäger, mit denen wir gekommen sind. Ein paar nette Grüße, zum einen in Form von Informationen zur gegenwärtigen Lage, zum anderen möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt da draußen noch existiert. Nur haben derzeit die Bürokraten die Oberhand.«
»Deshalb sitzen wir also noch hier.«
Das MACS in den Händen haltend sah der junge Offizier in Deacans Augen. »Wissen Sie, es ist schon seltsam. Noch vor wenigen Tagen hätte ich ohne zu zögern auf Sie geschossen. Aber jetzt sieht die Lage anders aus. Diese ganze Sache ist uns regelrecht aus den Händen geglitten.«
Er nahm Platz, sah jetzt wieder auf die Daten, die auf den Display des MACS erschienen. »Mein Name ist Hudson, Jacob Hudson, zur Zeit kommandierender Offizier der Relaisstation hier. Neben mir gibt es hier noch weitere elf Personen, davon drei Piloten, vier Techniker, zwei Kommunikationsoffiziere. Zwei Frachtspezialisten werden vermisst. Sie waren zur Zeit der ersten Attacke der Kiowan zum Planeten unterwegs. Nachschub holen...«
Das MACS schien die volle Aufmerksamkeit von Ser Hudson zu erfordern, seine Augen fixierten sich regelrecht auf das winzige Display. »Unsere Stationsärztin haben Sie ja schon gesehen, Nummer elf ist unser Chief, der nicht nur jede Schraube dieser Station hier kennt, sondern sogar guten Kaffee machen kann.« Deacan quittierte diesen Satz mit einem Lächeln in Richtung des Technikers. Der stand nur da und musterte den Besucher eingehend.
»Sie sind also vom Clan...«
Der Angesprochene zog die Augenbrauen in die Höhe.
»Nicht direkt. Ich bin kein Attentäter, sondern eher ein Söldner.«
»Wo ist denn da der Unterschied?«
Das Geräusch der sich öffnenden Tür lenkte Deacans Aufmerksamkeit kurz ab. Die Ärztin aus dem Hangar betrat die Messe, sie sparte sich die übliche militärisch korrekte Begrüßungsfloskel.
»Seiner Freundin geht es recht gut, vier Rippen hat es erwischt, ein paar Prellungen und Blutergüsse... nichts, das nicht wieder verheilt.« Sie wandte sich dem Besucher zu. »Und jetzt sollten Sie uns einiges erklären, oder nicht?«
Deacan versuchte, sein nettes Lächeln nicht zu verlieren.
»Zuerst überrennen die Kiowan diesen Sektor, dann passiert nichts, um Ihnen hier zu helfen, und zum Schluss tauchen noch zwei Jäger des Clans auf. Und die Piloten sind nicht das, was man erwarten könnte. Seltsame Zeiten, nicht wahr?«
Offensichtlich konnte oder wollte die Ärztin nicht über Deacans Worte lachen.
»Ich warte, Ser Unbekannt.«
Diesmal schenkte sich Deacan sein Lächeln, dafür holte er aber tief Luft.
»Nun, offiziell ich bin tot. Gestrichen aus Ihren Akten. Dies war die einzige Möglichkeit, um zu Ihnen zu kommen. Und um zu leben...«
Ser Hudson sah vom Display auf.
»Einverstanden, ich kenne weitere Piloten, die einen ähnlichen Weg gewählt haben. Sie sollten uns etwas neueres erzählen.«
»Wie bitte? Sie kennen weitere „tote“ Piloten, die noch atmen?«
»Aber ja. Petra ist zum Eldorado für kürzlich verstorbene Privateers geworden. Wussten Sie das etwa nicht? Wir haben etliche Anfragen deswegen in Richtung Hades geschickt. Adressiert an Ser David Hassan persönlich. Nur haben wir außer der üblichen Empfangsbestätigung nie etwas als Antwort erhalten. Verstehen Sie jetzt?«
Nein – Deacan verstand es nicht wirklich. Wieso sollte Ser Hassan kein Interesse an solchen Meldungen haben? Was ging hier vor?
Ser Hudson legte das MACS aus den Händen, er sah wieder in Deacans Gesicht. Dann schien er eine Entscheidung getroffen zu haben. »Okay. Sie sind nicht hier, um uns zu töten. Das hätten Sie bereits mühelos in die Tat umsetzen können. Ich habe die Waffen gesehen, die unter Ihren Jägern montiert sind. Wir hätten keine Chance. Daraus folgere ich, dass Sie uns brauchen.«
»Und damit haben Sie Recht.«
»Bleibt eine Frage offen. Wo genau stehen Sie?«
Deacan nahm einen Schluck aus der Tasse.
»Dazu sollten wir erst einmal klären, wer wir eigentlich sind. Ich bin ursprünglich ein Privateer, der durch ein paar Fragen zuviel in diese Geschichte hier hinein gezogen wurde. Glauben Sie mir, ich habe nicht darum gebeten, mit einer Blade zu fliegen oder etwa hier zu sein. Mir persönlich wäre es lieber, mit einem Drink in einer Kneipe zu sitzen, als gegen Unmengen von Kiowan zu kämpfen, die nicht mal auf einem Radarschirm zu sehen sind.«
Hudson sog die kalte Luft tief ein.
»Diesen Vorteil haben die Typen allerdings nicht auf Dauer für sich gepachtet. Aber dazu später mehr. Einverstanden?«
»Einverstanden. Wo fangen wir an?«
 

Deacan

Commodore
part 80

*

Etliche Tassen Kaffee später fügte sich in Deacans Verstand mehr und mehr ein regelrechtes Puzzle zusammen. Für jede Lücke gab es anscheinend ein Teil...
So wie Ser Hudson es in Erinnerung hatte, stand ganz am Anfang ein Frachter, der bereits vor Monaten im Petra-System verschwand.
Interessanterweise tauchte eben dieses Schiff einige Wochen später wieder auf – ohne dass die Besatzung eine plausible Erklärung abgeben konnte. Offiziell hieß es: Defekt am Antrieb. Nur: ein Frachter dieser Größe hätte niemals ganze fünf Wochen unterwegs sein können, alleine die Trinkwasservorräte reichten nur für maximal vierzehn Tage... die Besatzung allerdings zeigte keinerlei Zeichen von Dehydration. Noch seltsamer wurde es dann, als sich das Spiel nahezu unverändert wiederholte. Wieder ein Frachter, wieder wurde das Schiff auf die Verlustliste gesetzt, wieder tauchte es Wochen später wieder auf.
Ein Zufall?
Vor einigen Wochen dann explodierte der Schiffsverkehr im Petra-System. Frachter in allen Größen und Klassifikationen durchquerten das System. Eine Routinekontrolle durch ein Milizschiff ergab dann ein bizarres Bild der Fracht: Lebensmittel. Mehr nicht.
Alleine die Menge hätte gereicht, um die ganze Bevölkerung von Petra ein Jahr oder noch länger zu versorgen. Der Kommandant der Truppen auf Petra, Ser Allan Tasker, schenkte der Sache zwar volles Interesse, er wollte aber zunächst ohne Hilfe von außen agieren. Offenbar wusste er etwas, das andere nicht erfahren sollten...
Er gab aber eine Anweisung heraus, nachder jedes Schiff, das im Petra-System unterwegs war, identifiziert und überprüft werden sollte. Ein Teil dieser Aufgabe fiel auch der Besatzung dieser Relaisstation zu...
Als Tage später plötzlich vereinzelt Schiffe der Kiowan auftauchten und sich fast ausschließlich mit Schiffen der Miliz anlegten und keinerlei Interesse an Frachtern oder Shuttles zeigten, wurde wohl jedem hier klar, wer da mit wem kooperierte. Nur wirklich beweisen konnte es niemand.
Einige Söldner – hauptsächlich freie Piloten ohne Zugehörigkeit zu einer Gilde – nutzten die Gunst der Stunde, um ein paar Credits zu verdienen. Für einen Piloten wie Deacan waren die üblichen Kopfgeldprämien nur ein kleiner und unbedeutender Nebenverdienst, viele andere allerdings lebten davon. Und etwas wirklich seltsames passierte: die Kiowan verschwanden genauso plötzlich wie sie gekommen waren.
Bis zu jenem Tag...
Die erste Welle der Kiowan wurde von einem Frühwarnsatelliten zwar entdeckt, jedoch ging diese Information irgendwie verloren. Die ersten Jäger eliminierten innerhalb von Minuten zwei komplette Staffeln der Miliz. Zum Grossteil sahen die Piloten nicht einmal was sie traf.
Wesentlich größere Probleme bereiteten ihnen da einige Papago die versehentlich in die Party platzten. Und sie waren nicht die Einzigen... Interessanterweise wurden dann diese Kiowan von einer kleinen Gruppe Söldner angegriffen und ausgeschaltet – wir erinnern uns: es war Deacans Team, das diese Mission ausführte und auch erfolgreich abschloss.
Hätte man nur ein paar Stunden gewartet, wäre man in den zugegebenermaßen fragwürdigen Genuss gekommen, die eigentliche Streitmacht der Kiowan in Augenschein zu nehmen – diese tauchte ja bekannterweise erst später auf. Auf Petra selbst lief zeitgleich alles auf Hochtouren: Man versuchte so viele Menschen wie möglich zu evakuieren. Die ersten Maschinen entkamen noch... dann jedoch veränderte sich die Situation schlagartig. Etliche der Söldner, die vom Planeten gestartet waren, begannen anscheinend grundlos auf die Flüchtlinge zu feuern und nahmen auf diese Weise den Kiowan die sprichwörtliche Drecksarbeit ab. Der ganze Spuk dauerte nur wenige Minuten, danach begannen die Kiowan mit Shuttles auf Petra zu landen... und seitdem herrschte auf allen Kanälen absolute Funkstille.
Ser Hudson erzählte „seine“ kleine Geschichte mit einer eigenartigen Ruhe und Gelassenheit.
Als Außenstehender wäre man vielleicht nicht abgeneigt, ihn für völlig kalt und ohne Gefühlsleben darzustellen, Deacan ahnte aber sehr genau, warum sich Hudson so verhielt: Stärke zeigen, gerade bei dieser extrem jungen Crew. Inzwischen saß man mehr oder weniger allein in der Messe, nur die Stationsärztin leistete den beiden noch Gesellschaft. Der Rest hatte sich zum Grossteil zur Ruhe begeben oder versuchte zumindest in den Schlaf zu kommen.
»Sie sprachen vorhin von mehreren Anfragen ihres Kommandanten Ser Tasker bezüglich der Frachter und der „toten“ Privateers. Hat es nie den Versuch gegeben, relevante Daten persönlich zu überbringen?«
Hudson zog seine Stirn in Falten.
»Das hat es durchaus, wir haben insgesamt zweimal versucht, mit einem Jäger direkt mit Ser Hassan oder einer der vielen anderen Sektorenmilizen Kontakt aufzunehmen. Wir haben von beiden Jägern nie wieder etwas gehört.«
Deacan dachte einen Augenblick lang nach, er sah dabei auf seinen Kaffee, der vierten Tasse mittlerweile.
»Und Sie? Haben Sie seit der Eroberung von Petra etwas unternommen?«
Ser Hudson blickte auf.
»Auch wenn es schwer zu glauben ist, wir haben einiges getan. Und eine Menge entdeckt, insbesondere etwas, das diese verfluchten Jäger betrifft. Sie sind nicht unverwundbar. Jedenfalls nicht ewig.«
Jetzt wurde Deacan schlagartig hellwach.
»Sie machten vorhin schon eine Andeutung in diese Richtung, wie meinten Sie das genau?«
Ser Hudson schenkte seinem Gast ein überlegendes Lächeln.
»Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen etwas, das ihr Herz mit purer Freude füllen wird.«

*

Es gibt vieles das schwer fällt.
Ein Abschied ohne Worte zum Beispiel. Aber Manley hatte ihre Befehle erhalten und selbst jetzt, wo sie an so vielen Dingen zweifelte und sich ständig der Frage nach der Richtigkeit ihres Handeln ausgesetzt sah, blieb sie der einzigen Konstante ihres Lebens treu: Ser Hassan.
Ihr Jäger, die alte Aurora, war bereits aufgetankt und aufmunitioniert und wartete in einem kleinen separaten Hangar auf ihren Einsatz.
Bevor sie sich auf und davon machen und wieder für ein paar Stunden ihre korrekt sitzende Ausgehuniform gegen eine Pilotenjacke tauschen konnte, hatte sie noch einiges zu tun. Innerlich widerstrebte es der Agentin, einfach so ihre Freunde zu verlassen und zur Flotte zurück zu müssen. Aber etwas weiteres trieb sie an: die pure Neugier. Was war so wichtig? Was hatte Ser Hassan da bekommen, dass er so überstürzt handelte?
Fragen, wieder nur Fragen...
Manley wollte unbedingt selbst dafür sorgen, dass die Jäger des Clans, die Sera Drake so „selbstlos“ und freundlicherweise besorgt hatte, ihren Weg in Richtung CIS antreten würden. Im Eilschritt lief sie durch die Frachtdocks und hielt dabei ständig nach Sera Dawson Ausschau.
Dawson... wie würde sie wohl reagieren, wenn die CIS zuerst die Jäger beschlagnahmt und sie anschließend auch noch aus dem offiziellen Rennen werfen würde? Manley entwarf im Geiste mehrere Szenarien dieses Treffens, von verständnisvoller Akzeptanz über allgemeines Erstauen bis hin zu einem heftigen Schlagabtausch, möglicherweise sogar nonverbaler Art. Aber die Entscheidung war bereits gefallen: Also einfach die Augen zu und durch...
Als sie entgültig den Stellplatz der Clanmaschinen erreicht, hatte bot sich der Agentin ein recht seltsames Bild. Dawson war da - und sie war nicht allein. Ein älterer Mann stand bei ihr, man schien sich angeregt zu unterhalten.
Manley schnappte nur einige Wortfetzen auf, zu wenig, um sich ein wahres Bild zu machen, allerdings genug, um sich ein paar Gedanken um Dawson zu machen.
»...in Ordnung... müssen sehen was machbar ist... Credits?«
Dawson hatte die Agentin offenbar bemerkt und unterbrach ihre Unterredung sofort.
»Wann geht es denn nun los?«
Ah ja, ungebremster Enthusiasmus, nette Eigenschaft. Manley überlegte kurz, dann wollte sie zur Erklärung ansetzen. Wohl gemerkt, sie wollte ansetzen. Der ältere Kollege von Dawson, wenn man ihn so nennen wollte, machte einen Schritt nach vorn und streckte der Agentin die Hand zur Begrüßung entgegen.
»Sera Manley? Ser Steve Christian. Ich arbeite für die Miliz hier auf Serca.«
Er griff mit der anderen Hand in seine Jackentasche und holte eine ID-Card hervor, die er Manley überreichte. Die Agentin stutzte einen Moment, dann nahm sie die Card an sich und warf einen eher flüchtigen Blick darauf.
»Und? Was wollen Sie von mir?«
Ser Christians Blick wanderte von Manley auf Dawson, dann wieder zurück.
»Nun, Sera Dawson hier meinte, dass Sie wohl Piloten mit Kampferfahrung gebrauchen könnten. Ich würde mich anbieten, zusammen mit einigen meiner Kollegen von der Miliz. Wenn Sie Interesse haben sollten.«
Den letzten Satz hatte der Mann schnell noch hinzugefügt und es schien fast so, als wäre er eine weitaus bessere Option als der ursprüngliche Vorschlag von Dawson, der ja darauf beruhte, andere Söldner mit ins Team zu holen.
Nur – Manley sollte kein neues Team aufbauen. Vielmehr sollte sie von Serca verschwinden und die Jäger hier einfach mitnehmen.
Sie überlegte kurz und warf dabei einen langen und intensiven Blick auf Ser Christian... dann fiel ihr etwas an ihm auf. Jeder andere hätte es wohl nie bemerkt, aber Manleys innere Warnanlage begann ziemlich heftig zu arbeiten. Dieser Mann hier – wer auch immer er sein mochte – war definitiv kein Pilot der CIS oder irgendeiner anderen Miliz. Nicht er, auf keinen Fall. Etwas fehlte hier. Sicher, er trug eine typische Pilotenjacke, die Stiefel und die Hose stimmten auch, ganz zu schweigen von der ID-Card, aber...
Manley reagierte schnell und zog ihren Blaster aus dem Holster, die Mündung richtete sie auf Ser Christian. Der war sichtlich überrascht, seine gesunde Gesichtsfarbe wechselte zu aschfahl.
»Sera Manley? Was soll das bedeuten?«
Okay, er spielte also den Ahnungslosen. Auch Dawson schien erschrocken zu sein. Sie trat einen Schritt zurück, so als hätte sie Angst davor, in die Schusslinie zu geraten.
»Ich weiß nicht was oder wer Sie sind, aber Sie sind definitiv kein Pilot der Miliz.«
»Bitte?«
Manley tippte an ihren Hals.
»Ihnen fehlt eine winzige Kleinigkeit, mein lieber Freund.«
Die Agentin deutete auf eine kleine Narbe an ihrem Hals, hinter der sich ein etwa zwei Zentimeter großer Chip verbarg. Jeder Pilot der CIS hatte dieses Implantat. Auch jeder Pilot der normalen Miliz trug dieses Gerät im Körper, es zeichnete die wichtigsten Lebenszeichen wie Puls, Blutdruck und Körpertemperatur auf und sendete dieses Datenpaket direkt an den Computer im Jäger. Auf diese Weise sorgte die Führung der Miliz dafür, dass niemand aus den eigenen Reihen ein Cockpit betrat, der etwa krank war oder gar unter Drogen oder Alkohol stand...
Dieser Typ dort hatte keine Narbe und es war recht unwahrscheinlich, dass diese Narbe im Verlaufe der Jahre völlig verschwand.
Ser Christian jedenfalls griff sich an den Hals, dann lächelte er überlegen in Richtung Manley.
»Sie sind gut, wirklich gut. Dawson hat also nicht übertrieben. Wir hätten nicht gedacht, dass jemandem eine solche Kleinigkeit auffallen würde. Nun ja, beim nächsten Mal sind wir vorsichtiger. Und natürlich auch umsichtiger.«
Manley wusste nicht so recht, was sie von den Ausführungen des Piloten halten sollte. Sie wollte vorerst ein paar Antworten haben. Viele Antworten, denn in ihrem Kopf standen jetzt auch viele Fragen bereit.
»Dawson? Rufen Sie die CIS.«
Dawson reagierte nicht. »Dawson? Hören Sie schwer?«
Statt einer Antwort blickte Manley ihrerseits jetzt in eine Blastermündung, nämlich in die von Dawsons Waffe.
»Tut mir leid, Dana. Ich habe keine andere Wahl. Wir brauchen diese Jäger.«
»Wir?«
Dawson schien aber keine weiteren Details auf Lager zu haben, sie schwieg und deutete Manley an, ihre Waffe auf den Boden zu legen. Eine Anweisung, der die Agentin auf keinen Fall Folge leisten konnte und wollte. Ihre Antwort war ein Kopfschütteln.
»So oder so, Sie verlieren, Sera Manley.«
Der Pilot mischte sich kurz ein, er versuchte Dawsons unausgesprochenen Argumenten wohl etwas Nachdruck zu verleihen. Manleys Verstand arbeitete fieberhaft.
Und sie fand eine neue Möglichkeit... die Jäger!
Eines der Cockpits stand offen, die Agentin wusste aus den technischen Ausführungen von Sera Drake noch genau, dass sich direkt hinter dem Pilotensitz eine Treibstoffleitung befand - ein sauberer Schuss dort hinein würde mit Sicherheit genügen, um die komplette Maschine in die Luft zu jagen. Und da die Schilde der anderen Jäger offline waren, würden auch sie in einer hübschen Explosion vom Erdboden verschwinden...
Manley senkte kurz ihre Waffe, drehte sich dann in Richtung der Bladejäger um und richtete die Waffe auf das offene Cockpit.
»Lassen Sie uns doch die Karten neu mischen, Dawson. Sie wollen diese Jäger? Nun... wie viel sind Ihnen diese Maschinen denn tatsächlich wert?«
Dawson nahm sofort ihre Waffe runter, sie hob die andere Hand in Richtung ihrer ehemaligen Teamkollegin und machte eine eindeutige Bewegung.
»Langsam Manley. Nichts überstürzen. Lassen Sie uns einfach darüber reden, okay?«
Nichts war hier okay, rein gar nichts. Manley wollte nicht reden, sie wusste nur eines: wer auch immer hinter der Sache steckte, er durfte auf keinen Fall in den Besitz dieser Jäger kommen. Die Agentin holte tief Luft und ihr Finger betätigte den Abzug...
 

Deacan

Commodore
part 81

*

»Und?«
»Wieder nichts. Ich bekomme noch nicht einmal eine Bestätigung, dass sie die Nachricht überhaupt empfangen hat.«
Es war mittlerweile der siebente Versuch, mit Sera Manley Kontakt aufzunehmen. Aber nichts tat sich. Und das Warten wurde mehr und mehr zur Qual...
Seit ihrer Begegnung mit dem Kiowan waren mehrere Stunden vergangen. Teanna und Ivy saßen in einem der vielen Büros der CIS auf Hephaestus und warteten. Zum einen auf Sera Manley, zum anderen auf Ser Gutenhal, der für die beiden einen kleinen Weg erledigte.
Wobei die Bezeichnung „klein“ auch nicht so ganz den Tatsachen entsprach...
Am liebsten hätten die beiden Damen den toten Kiowan einfach auf der Strasse liegen gelassen, wären zurück ins Cockpit geklettert und hätten Vollgas gegeben. Nur Ser Gutenhal hielt das für keine so gute Idee und konnte Teanna und Ivy schließlich davon überzeugen, dass man in der Obhut der CIS vorerst etwas besser aufgehoben war.
Während Ivy sich die Zeit mit Literatur vertrieb, die sie sich aus der offenen Datenbank der CIS herunter geladen hatte, dachte Teanna intensiv über die Ereignisse der vergangenen Tage nach. Ein Kiowan hatte mit ihr sprechen wollen... und ein Irrtum konnte sie ausschließen. Sera Tasker, das waren seine Worte, er hatte Teanna beim Namen genannt!
Nur – woher konnte er die Söldnerin überhaupt kennen und was zur Hölle wollte er von ihr? Hatte das etwas mit der Besetzung vom Planeten Petra zu tun? Oder vielleicht mit ihrem Vater? Ivy riss sie aus ihren Gedankengängen heraus.
»Hör mal, wenn Gutenhal wieder hier, wollen wir dann bleiben oder lieber gehen? Ich meine, ich weiß, dass du dich hier nicht wohl fühlst. Auf der anderen Seite haben wir hier Logis und Kost gratis.«
Der kleine, liebgemeinte Scherz ihrer Freundin verfehlte seine Wirkung nicht, ein kleines Lächeln legte sich auf Teannas Lippen.
»Kost? Du nennst das hier Essen?«
»Weißt du Kleines, schau mal mich an. Ich habe so was eine ziemlich lange Zeit gegessen... und es geht mir ausgesprochen gut.«
»Aber sicher doch, liebste Ivy. Allerdings erklärt das jetzt vieles an dir, angefangen von deinen breiten Hüften über...«
Ivy hob drohend ihre Hand.
»Beende diesen Satz besser nicht, wenn dir deine Gesundheit lieb ist.«
»Hey, ich esse dieses Zeug hier, also sprich nicht von Gesundheit, ja? Das hier kann nicht gesund sein.«
Teanna zeigte auf einen halbvollen Teller Suppe, den sie vor etwa einer Stunde bekommen hatte und den sie nur widerwillig zu sich genommen hatte.
»Süße? Wollen wir das wirklich tun? Ich meine die kleine Idee, die uns Gutenhal da in den Kopf gesetzt hat?«
Teanna sah auf.
»Wir haben wohl keine andere Wahl. Zumindest nicht dann, wenn wir nicht hier bleiben wollen. Die Frage ist nur: wohin? Wo könnte man noch sicher sein?«
Ivy legte die Stirn in Falten, dann sah sie Teanna an und beide schienen die gleiche Idee zu haben, nahezu zeitgleich sprachen sie den Namen des Planeten aus.
»Hades!«

*

»Würden Sie das hier bitte an meine lieben Kollegen schicken? Es eilt.«
»Ja sicher, Senator Santana.«
Die zierlich wirkende Frau erhob sich aus ihrem Bürostuhl und nahm das Blatt Papier aus den Händen ihres Arbeitgebers. Papier und Feder... es war schon sehr eigenwillig: kaum ein Mensch benutzte überhaupt noch derartig beschriebenes Papier, Angus Santana hingegen war regelrecht vernarrt in dieses Material.
Er hatte ihr einmal gesagt, dass Papier einer Idee eine gewisse Form von Würde verleihen würde... und das man anhand der Handschrift eines Menschen viel über dessen Charakter erfahren könnte. Sie hatte das damals mit einem Lächeln hingenommen und nichts auf Santanas Worte geantwortet. Nur ein leichtes Kopfnicken, mehr nicht. »Ser? Die Senatorin wartet bereits drinnen auf Sie.«
»Vielen lieben Dank. Schicken Sie das einfach raus und nehmen Sie sich dann den Rest des Tages frei, das hier wird etwas länger dauern und ich benötige Ihren Fleiß heute sicher nicht mehr.«
»Wenn Sie das so wünschen...«
Der Senator schenkte seiner Angestellten noch ein kurzes, aber intensives Lächeln und schritt dann gemächlich in Richtung seines Büros davon.
Die Tür schloss sich geräuschvoll hinter ihm und dieses Geräusch schien die wartende Senatorin aus ihren Gedanken zu reißen.
»Ah, Senator. Schön, dass Sie die Zeit für mich gefunden haben.«
»Mit Verlaub, für Sie nehme ich mir gerne jede Zeit der Welt. Haben Sie mein Anliegen schon überdacht?«
Die Senatorin legte ihre Hände in den Schoss, als wolle sie bereits auf diese Weise ihre Entscheidung zeigen.
»Wissen Sie, im Gegensatz zu meinen werten Kollegen habe ich mir immer beide Seiten einer Geschichte angehört. Was Sie da vorschlagen oder besser: was Sie da auflisten, bringt uns alle in extreme Schwierigkeiten. Sind Sie sich über die Konsequenzen völlig im Klaren?«
Santana setzte sich zu seinem Gast, er suchte den direkten Blickkontakt zu ihr.
»Sehen wir doch den Tatsachen ins Gesicht. Da draußen tobt ein Krieg. Das ist keine Jagd auf ein paar dumme Piraten mehr... das ist weitaus mehr. Einen Planeten haben wir schon verloren. Petra. Kennen sie eigentlich die Einwohnerzahl dieser Welt, Senatorin? Wer ist der nächste? Serca? Janus IV? Vielleicht spazieren demnächst Kiowan auf Hades herum, wer weiß?«
Santana legte eine Pause ein, er ließ die Worte auf seinen Gast wirken. Dann fuhr er im gleichen Tonfall fort. »Alles was wir brauchen, sind Leute, die handeln und nicht zaudern. Helfen Sie mir. Stellen Sie mit mir gemeinsam einen Misstrauensantrag gegen den Senator, der für Hades zuständig ist und setzen Sie mich dann dort ein. Wer auf Hades regiert, der kann direkt und ohne Umschweife Befehle an Ser Hassan geben. Dieser Planet ist der einzige Ort, von wo aus dies möglich ist, ohne erst die anderen Senatoren um Erlaubnis bitten zu müssen. Sie kennen unsere Verfassung und wissen daher genauso gut wie ich, dass Hades einen Sonderstatus genießt – ich brauche dort nur das Kriegsrecht zu verhängen. Glauben Sie mir: Ser Hassan bekommt sofort grünes Licht und braucht nicht mehr zu warten. Machen wir dieser Situation endlich ein Ende. Wachen Sie doch endlich auf!«
»Seit mehr als 200 Jahren hat niemand mehr gewagt, den Truppen vom Planeten Hades einen derartigen Befehl zu geben. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob dies überhaupt möglich ist.«
»Es ist möglich. Die Gesetze der alten Zeit sind noch immer in Kraft. Geben Sie mir doch diese Chance. Das Werkzeug ist da, Senatorin. Wann ergreifen wir es endlich? Oder sehen Sie anderen gerne beim sterben zu?«
Dieser Satz tat ungemein weh – man konnte es der Senatorin deutlich ansehen. Innerlich zögerte sie. Sollte sie diesem Plan wirklich zustimmen? Auf der anderen Seite kannte sie Santana seit Jahren, er hatte immer im Interesse des Tri-Systems gehandelt... mit einer Ausnahme, und dass nicht nur in ihren Augen.
Der Senator hatte dem irrwitzigen Plan zugestimmt, dass die Söldnergilde um Ser Ricards die Kiowan verschonen wollte. Nun kam wohl der Augenblick, den werten Herrn Kollegen nach dem eigentlichen Sinn dieser Aktion zu befragen. Damals hatte sie es nicht verstanden, vielleicht aber heute?
»Eine Frage hätte ich da noch. Warum haben Sie für die Pläne von diesem Gildenführer Ser Ricards gestimmt? Seine Idee ist absolut kontraproduktiv, da werden Sie mir doch wohl zustimmen, oder etwa nicht?«
Der scharfe Ton in der Stimme der Senatorin war etwas, das Santana nun wirklich nicht mochte. Er blieb aber freundlich.
»Ser Ricards sollte damals mit einem Teil der Kiowan Verbindung aufnehmen. Seine Aufgabe bestand im wesentlichen aus zwei Teilen. Zum einen hatten wir Gerüchte um eine neue Technologie der Kiowan vernommen, der wir natürlich nachgehen mussten. Leider haben sich unsere Befürchtungen in dieser Hinsicht mehr als bestätigt und das wissen Sie auch, Sie haben doch mein Material gelesen. Zum anderen sollte Ricards versuchen, so viele Kiowan wie möglich aus der Gruppe zu lösen, damit sie für uns arbeiten und uns auf diese Weise Zugang zum Rest dieser Bande ermöglichen sollten. Und Ricards hat bislang recht gute Arbeit abgeliefert. Innerhalb der nächsten Wochen oder Monate sollten wir endgültig Zugang zur Führungsebene dieses Clans haben, um ihn dann endgültig zu eliminieren.«
»Und da war es nicht möglich, uns davon in Kenntnis zu setzen?«
Schon wieder dieser verhasste Tonfall.
»Wer hätte dies zugelassen? Alle Kollegen hätten gegen meinen Vorschlag gestimmt, also bin ich den alternativen Weg gegangen. Die Gesetze der Söldnergilden boten mir diese einmalige Möglichkeit und ich habe halt davon Gebrauch gemacht. Ich habe eben gehandelt. Sie sehen es doch selbst, sogar jetzt herrscht eine allgemeine Hilflosigkeit bei den lieben Kollegen. Sie tun absolut nichts! Sie reden nur... Glauben Sie etwa ernsthaft, dass man meinem Vorschlag auch nur ansatzweise Gehör geschenkt hätte?
Nein, ich musste handeln. Und Ser Ricards war dazu ebenfalls bereit. Sicher, es gab ein Risiko. Und es hat vielen Leuten nicht gefallen. Aber sehen Sie doch mal die Gegenseite: Wir können die Waffen unserer Feinde endlich selbst nutzen. Dies wäre so nicht möglich gewesen, niemals. Sie wissen das, ich weiß das. Und wenn wir ehrlich sind, dann wissen das alle Senatoren dieses Systems ebenfalls. Manchmal habe ich den Verdacht, dass unsere Damen und Herren in ihren teuren Anzügen schon seit Jahren nicht mehr für das Volk arbeiten. Ich spreche es hiermit einmal offen aus: Ich vermute, dass einige unserer Kollegen bereits auf den Gehaltslisten der Kiowan, der Papago oder noch weitaus schlimmeren Leuten stehen.«
»Lassen Sie mir bitte etwas Zeit, Senator. Ich weiß, das ist genau das, was Sie nicht hören möchten, aber dies hier ist einfach zu viel auf einmal. Ich muss einiges überdenken.«
»Sicherlich. Nehmen Sie sich ruhig die Zeit. Sie wissen ja, wo Sie mich finden können...«
Santana beendete seinen letzten Satz nicht richtig, er ließ ihn gewissermaßen offen. Sein Gesicht zeugte von einer tiefen inneren Zufriedenheit. Er hatte genau das ausgesprochen, was sein Gast hören sollte. Der Rest war jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Und Zeit, das wusste er nur zu gut, Zeit würde sich seine Kollegin nicht mehr lassen, selbst wenn sie ihn genau darum gebeten hatte...
 
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